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Was bedeutet Halacha?

Das religionsgesetzliche Rechtssystem im Judentum beruht auf den Grundlagen der Thora, die als Niederschlag der göttlichen Offenbarung gilt. Grundsätzlich wird unterschieden zwischen schriftlicher und mündlicher Thora…

„Mit neuer Kraft erwacht der alte prophetische Gedanke, dass Gott Liebe verlangt und keine Opfer, dass Gott nicht Opfer geboten, sondern Gerechtigkeit und Recht“
Leo Baeck

Von Theodor Much

Unter der schriftlichen Thora versteht man die fünf Bücher Moses (Pentateuch), die gesamte hebräische Bibel wird als Tenach bezeichnet und inkludiert neben der Thora die Bücher der Propheten (Newiim) und die Hagiographen (Ketuwim = Schriften), insgesamt 24 heilige Bücher (genaugenommen sind es 39 individuelle Bücher, durch Zusammenfassung mehrerer von ihnen kommt die Zahl 24 zustande).

Seit rund 3500 Jahren gab es im Judentum zum geschriebenen Wort (5 Bücher Moses) eine erläuternde Auslegung, ein großer Teil dieser mündlichen Überlieferung wurde zwischen 2. und 5. Jahrhundert n. d. Z. im Talmud („der Lehre“) zusammengefasst. Der Talmud enthält Verhandlungen und Diskussionen der jüdischen Gelehrtenakademien in Palästina und Babylon und besteht aus zwei Elementen: der Mischna („Wiederholung“) und der Gemara („Vervollständigung“; ev. auch abgeleitet vom aramäischen Wort gemar = lernen). Die am Beginn des 3. Jahrhunderts n. d .Z. redigierte Mischna – sie wurde von Rabbiner Judah ha-Nassi in Palästina herausgegeben – ist eine Sammlung von in sechs Ordnungen unterteilten religiösen und zivilrechtlichen Gesetzen; sie enthält meist keine weiteren Erläuterungen. Die in späteren Jahrhunderten entstandene Gemara umfasst Diskussionen über die Mischna und Festlegungen von Gesetzen. Aus ebendiesen beiden Elementen entstand zu Beginn des 6. Jahrhunderts n. d .Z. der Talmud, zuerst der Jerusalemer Talmud, später der ausführlichere und bedeutendere babylonische Talmud.

Im Talmud wird unterschieden zwischen der Halacha, dem gesetzlichen Teil („der einzuschlagende Weg“), und der Aggada, dem nichtgesetzlichen Teil, bestehend u. a. aus Geschichten, Fabeln, philosophischen Auseinandersetzungen und Bibelauslegungen. An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass der Talmud eine unglaublich reiche Anzahl von Lehrmeinungen und Zitaten enthält, Worte von bekannten und weniger bedeutenden Gelehrten aus vielen Jahrhunderten, Ansichten, die sich manchmal widersprechen und daher „private Meinungen“ zu einem bestimmten Thema widerspiegeln. Diese Zitatensammlung diente daher als Diskussionsgrundlage für Generationen von Gelehrten in aller Welt. Es ist daher absolut unzulässig – wie es immer wieder versucht wurde –, eine  interpretierende Religion, wie es das Judentum ist, mit aus dem Zusammenhang gerissenen Einzelzitaten aus dem Talmud verstehen zu wollen oder gar zu kritisieren; denn im Talmud ist praktisch jede Meinung und Gegenmeinung zu sämtlichen religiösen und sozialen Aspekten vertreten.

Es ist auch wichtig zu verstehen, dass mit der Niederschrift des Talmud die Weiterentwicklung der jüdisch-religiösen Literatur nicht zum Stillstand gekommen ist. So entstanden seit dem 6. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein unzählige Bibelkommentare, Kommentare der rabbinischen Literatur und Responsa (dokumentierte Antworten von rabbinischen Autoritäten auf individuelle oder Gemeindefragen zu bestimmten religiösen Gesetzen und den damit verbundenen zeitbedingten Problemen).

Von großer Bedeutung waren weiters die Kodifizierungen der überlieferten und bis dahin wenig geordneten religionsgesetzlichen Literatur, also eine systemische Präsentation (Einteilung nach Themen und Unterabteilungen) und Filterung der Gebote und Verbote der mündlichen Thora, von denen die „Mischne Torah (Maimonides), „Arbaah Turim“ (Ben Ascher), „Schulchan Aruch“ (Karos „gedeckter Tisch“) und die „Mappah“ (Isserles „Tischtuch“, eine aschkenasische Version des Schulchen Aruch) die höchste Bedeutung erlangten.

Der Schulchan Aruch, der im Jahr 1564 entstand, gilt auch heute noch für orthodoxe Juden, als die endgültige und verpflichtende religiöse Gesetzessammlung der mündlich überlieferten Torah und bestimmt das Leben (ultra)orthodoxer Juden bis ins kleinste Detail. Mit der Niederschrift des Schulchan Aruch kam auch der Prozess der notwendigen Erneuerung im traditionellen Judentum weitgehend zum Stillstand, mit dem Ergebnis, dass zwischen Gesetz und Alltagsleben die Kluft immer größer wurde.

Die Halacha (abgeleitet vom Verbum „Le Halech“ = laufen), „die zu gehende Wegrichtung“ entspricht somit dem Gesamtcorpus des religiösen Gesetzes und repräsentiert (lt. traditionellem Verständnis) die „endgültige“ Entscheidung der alten Rabbiner zu sämtlichen
religionsgesetzlichen Vorschriften, Anweisungen und Normen, vereinfacht ausgedrückt beantwortet sie die Fragen „Wie soll ein Jude leben?“ bzw. „Was erwartet Gott vom Menschen?“.

Für (ultra)orthodoxe Juden ist die gesamte Thora mit all ihren Geboten (entsprechend dem Dogma von der „Thora, die vom Himmel kommt“ ) heilig, „weil von Gott wortwörtlich dem Moses am Berg Sinai mitgeteilt“. Religiöse Gesetze sind daher nach ihrem  Verständnis strikt einzuhalten und in alle Ewigkeit unabänderlich. Hier existiert auch – anders als bei nichtorthodoxen religiösen Juden – kaum eine Graduierung zwischen verständlichen und unverständlichen, ethischen Geboten und einfachen Ritualgesetzen.

Im nichtorthodoxen Judentum ist die Welt nicht ganz so einfach strukturiert: Konservative Juden halten die gesetzliche Überlieferung zwar für bindend, glauben aber, dass zeitnotwendige Änderungen – durchaus im Rahmen der Halacha – möglich und unumgänglich sind. Für progressive Juden ist die gesetzliche Überlieferung zwar wegweisend, aber nicht in allen Aspekten – für alle Zeiten – unveränderlich bindend, die Gesetze der Ethik rangieren stets vor den Geboten des Rituals.

Tatsache ist aber, dass heute selbst die gläubigtsen aller Juden einen Großteil der biblisch fixierten Gesetze nicht mehr einhalten können. Denn im Laufe der Jahrtausende haben jüdische Autoritäten viele biblische Gesetze und sonstige ehrwürdige Traditionen (vor allem aus gesellschaftlichen und sozialen Notwendigkeiten) ausser Kraft gesetzt. Dazu zählen u. a.: Die Schwagerehe, der Schuldenerlass im 7. Jahr, Polygamie, Sklaverei, Opfervorschriften, Kapitalstrafen für bestimmte Vergehen und vieles mehr.

Wie sehr das jüdische Gesetz – die Halacha – sich im Laufe der Zeit verändert und weiterentwickelt, veranschaulicht eine talmudische Legende (nachzulesen im Tal b Men 29b). In dieser Legende wird der Besuch des Moses im Lehrhaus des Rabbi Hillel geschildert. Dort nimmt Moses (rund 1000 Jahre nach seinem Tod) unerkannt und bescheiden Platz in der letzten Reihe und hört zu. Seine Laune wird dabei immer schlechter, denn er versteht nichts von dem was Rabbi Akiba unterrichtet. Erst als ein Schüler den Meister nach dem Ursprung seines Wissens fragt und dieser antwortet: „Dies ist eine Halacha des Moses vom Sinai“, kann Moses aufatmen und zufrieden ins Paradies zurückkehren.

Nach Meinung progressiver Rabbiner illustriert diese talmudische Legende wunderbar wie sehr die Halacha seit jeher und im steten Wandel (auf dem richtigen Weg) fortschritt und immer noch fortschreitet. Diese Auffassung steht allerdings im Gegensatz zur rigiden traditionellen Überzeugung, dass die Halacha als Ganzes unantastbar sei.

Theodor Much wurde 1942 in Tel Aviv geboren. Seit 1946 mit den Eltern (sie wanderten 1937 von der Schweiz nach Israel aus) in Wien. Medizin Studium in Wien (Dermatologe. Ehem. Leiter der Hautambulanz im Hanusch Krankenhaus Wien). Seit 20 Jahren Präsident der jüdisch liberalen Gemeinde Or Chadasch Wien. Gelegentlich Buchautor: „Judentum wie es wirklich ist“ (1997); „Bruderzwist im Hause Israel„(1999); „Der veräppelte Patient“ (2003); „Noah und Co“  (satirische Essay zum Thema Fundamentalismus und Dummheit) 2006; „Aberglaube und Astrologie“ (2007); „Zwischen Mythos und Realität: Judentum wie es wirklich ist“ 2008; „Wer killte Rabbi Jesus? Religiöse Wurzeln der Judenfeindschaft“ (2010).