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Scharon macht Urlaub

Der Wochenendurlaub des seit Januar 2006 infolge eines Hirnschlags im Koma liegenden ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon wurde von Geheimdienst und Krankenpersonal generalstabsmäßig vorbereitet. Freitag früh um 6:25 Uhr, dem geheim gehaltenen Abfahrtstermin, standen Krankenwagen und Polizeifahrzeuge bereit, um Scharon mitsamt Beatmungsgeräten zu verladen und zu seiner „geliebten“ Farm bei Netivot im Süden des Landes, in Reichweite von Kassamraketen aus dem Gazastreifen, zu transportieren. Sichtschutz war aufgestellt, um die „Privatsphäre“ des seit fast vier Jahre bewusstlosen Premiers zu garantieren…

Von Ulrich W. Sahm

Tatsächlich, das letzte Foto von Scharon war 2006 durch das Milchglas einer Ambulanz gemacht worden, als Scharon nach dem Hirnschlag in das Jerusalemer Hadassa Hospital eingeliefert worden war. Seitdem achteten Geheimdienstleute darauf, dass weder das behandelnde Personal noch Familienangehörige und persönliche Freunde, bei Besuchen an Scharons Krankenbett Handy oder Fotoapparat bei sich tragen. Es existiert kein neueres Foto von ihm. Gleichwohl hat ein Künstler in Tel Aviv vor einem Monat eine Installation geschaffen, die den übergewichtigen Scharon im hellblauen Pyjama im Bett liegend zeigt. Ob der inzwischen wegen künstlicher Ernährung stark abgenommen hat, und mutmaßlich kaum mehr zu erkennen ist, wissen nur Eingeweihte.

Schon vor Monaten kam die Idee auf, Scharon vom Scheba Medical Center in Tel Haschomer bei Tel Aviv, wo er nach der ersten Behandlung in Jerusalem in der gut abgeschirmten Abteilung für künstliche Beatmung lag, „nach Hause“ zu seiner Farm zu verlegen. Scharons Söhne Omri und Gilad hatten diesen Wunsch geäußert, vielleicht in der Hoffnung, dass ihr 82 Jahre alter Vater in der vertrauten Umgebung doch nach vier Jahren sein Bewusstsein zurückerlangen könnte. Unklar ist, ob er überhaupt noch etwas wahrnimmt. Scharons langjähriger Weggefährte Raanan Gissin erzählte, dass Scharon selbstständig atme und nur gelegentlich an die Beatmungsmaschine angeschlossen werden müsse. Gemäß israelischen Medienberichten hätten die Scharonsöhne auf eigene Kosten das notwendige Krankenpersonal angeheuert, um Scharon auf seiner Farm rund um die Uhr beobachten und behandeln zu können.

Im Sheba Zentrum wurde Scharon auf Staatskosten behandelt. Eine Sprecherin erklärte, dass Scharons „Urlaub“ auf seiner Farm an diesem Wochenende nur eine „Übung“ sei, um zu prüfen, ob er längere Zeit verlegt werden könnte. Regelmäßig müsse er für ein „check up“ ins Hospital.

Schon in der Nacht des Hirnschlags wurden seinem Stellvertreter Ehud Olmert alle Amtsgeschäfte übertragen. So sehen es die Gesetze vor im Falle einer vorübergehenden oder endgültigen Amtsunfähigkeit des Ministerpräsidenten vor. Inzwischen hat Israel zwei Kriege durchgemacht, im Libanon und im Gazastreifen. Es fanden zweimal Neuwahlen statt. Selbst wenn Scharon morgen aufwacht und kerngesund sein Krankenbett verläßt, gäbe es für ihn kein politisches Comeback. Seine Amtszeit ist abgelaufen.

Scharon, ein israelischer Militär und Politiker mit vielseitigen Facetten einer langen Karriere, ist bis heute der umstrittenste Politiker seines Landes. Einen Namen hatte er sich vor 1967 gemacht an der Spitze der Militäreinheit 101 mit Überfällen auf Dörfer im damals jordanisch besetzten Westjordanland, von wo arabische (heute würde man sagen: Palästinenser) Freischärler Attacken auf Israel starteten. Die Palästinenser reden von „Massakern“, die Scharons Soldaten an der Zivilbevölkerung verübt hätten.

1970 befriedete Scharon auf seine Art die dicht bewohnten Flüchtlingslager im Gazastreifen, auch „Brutstätten des Terrors“ bezeichnet. Mit Bulldozern ließ Scharon breite Schneisen durch die baufälligen Nissenhütten schlagen. Diese Schneisen ermöglichten eine bessere Kontrolle der Lager durch das Militär. Ruhe kehrte ein.

1973, inzwischen Zivilist geworden, wurde Scharon während des Jom Kippur Krieges zum Reservedienst eingezogen. Als General befahl Scharon, gegen den Willen von Verteidigungsminister Mosche Dayan, den Suezkanal zu überqueren, nach „Afrika“ einzumarschieren, die zweite und dritte ägyptische Armee zu umzingeln. Diese Aktion wendete Israels Kriegsglück, hätte aber fast einen atomaren Weltkrieg ausgelöst. Die Sowjets hatten nicht mit einem israelischen Militärsieg gerechnet. Nur 101 Kilometer von Kairo konnte Scharon gestoppt werden.

Scharon ging in die Politik und wurde unter Menachem Begin Verteidigungsminister. So spielte Scharon, zuvor als „Vater die Siedler“ bei Israels Rechten populär, eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Friedens mit Ägypten, dem Rückzug aus der Sinai-Halbinsel und schließlich der Zerstörung aller israelischen Siedlungen im Norden des Sinai. Einen Monat nach dem Rückzug aus Sinai verübten palästinensische Terroristen des Extremisten Abu Nidal einen Anschlag auf den israelischen Botschafter in London, Schlomo Argov. Das war für Premierminister Begin und seinen Verteidigungsminister Scharon der Anlass, die Vorherrschaft der PLO Jassir Arafats im Libanon zu brechen und ständige Raketenangriffe auf Israel zu beenden.

Um den Weg für künftige Verhandlungen mit der damals als Erzfeind und Terrororganisation betrachteten PLO offen zu halten, forderte Scharon nach der Besetzung Beiruts, dass Arafat nicht nur mit seinen Gehilfen ins Exil gehen müsse, sondern mit allen seinen Kämpfern. So schrieb es Scharon in seinen Memoiren „Der Krieger“, lange vor den Osloer Verträgen und der gegenseitigen Anerkennung von Israel und der PLO.

Nach dem Abzug Arafats kam es in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schattilah bei Beirut zu einem Massaker, ausgeführt von christlichen Falangisten aus Rache für die Ermordung des pro-israelischen libanesischen Präsidenten Baschir Gemayel. Je nach Quelle ist die Rede von 700 bis 3000 Toten. Israels Verteidigungsminister Scharon, dessen Soldaten die Lager umzingelt und die Falangisten hineingelassen hatten, hielt sich in seiner Farm auf. Scharon wurde von einer israelischen Untersuchungskommission später vorgeworfen, die Möglichkeit eines Massakers nicht vorhergesehen und verhindert zu haben. Scharon musste wegen „Mitverantwortung“ zurücktreten, mit der Auflage, „nie mehr militärische Verantwortung“ zu tragen. Einige Jahre lang handelte er mit Autos und kehrte dann doch in die Politik zurück. An der Spitze der Likudpartei war er Oppositionschef in der Regierungszeit des Ehud Barak, dem heutigen Verteidigungsminister. Um gegen Baraks Vorschläge an PLO Chef Arafat in Camp David im Juli 2000 zu protestieren, weil nämlich Barak sogar Teile von Jerusalem unter palästinensische Souveränität stellen wollte, beschloss Scharon, demonstrativ den Tempelberg in Jerusalem zu besuchen. Fromme Palästinenser betrachteten das als Entweihung ihres Heiligtums El Aksa. Doch die offiziellen Palästinenser versprachen, dass es keine Ruhestörungen geben werde. So hatten Barak und die Polizei keine rechtliche Handhabe, Scharons Vorhaben zu unterbinden.

Am Tag darauf brach die von Arafat von langer Hand geplante und vorbereitete zweite Intifada aus, jener blutige Aufstand, der über 1000 Israelis und über 6000 Palästinensern das Leben kosten sollte. Barak fand trotz seiner langen Militärerfahrungen keinen Weg, diesen Aufstand unter Kontrolle zu halten. Im Januar 2001 wählten die Israel mit einer überwältigenden Mehrheit Ariel Scharon zu ihrem Ministerpräsidenten. Obgleich der im Ruf stand, ein „Hardliner“ zu sein, verkündete er erst einmal einen einseitigen israelischen Waffenstillstand. Die Zahl der palästinensischen Toten sank drastisch. Dafür stieg aber ebenso drastisch die Zahl der israelischen Toten wegen der neuen Taktik der Selbstmordattentate. Im März 2002 beschloss Scharon zunächst den Einmarsch in die palästinensisch-autonomen Gebiete und eine Belagerung Arafats in seinem Hauptquartier in Ramallah. Gäste konnten Arafat besuchen, aber israelische Soldaten prüften vor Arafats Haustür die Taschen der Besucher.

2003 gab Scharon dem Druck der Bevölkerung nach und ließ einen Sperrwall, 95 Prozent davon ein Zaun und der Rest Mauern, errichten. Vor allem wegen seines Verlaufs sind die Palästinenser empört. Aber das Bollwerk erfüllt seinen Zweck: Seit fast drei Jahren endete für die Israelis der mörderische Spuk der Selbstmordanschläge und des Bombenterrors. Und weil Israel für die Palästinenser kaum mehr zugänglich war, beschloss der palästinensische Premierminister Salam Fayad, statt Krieg gegen Israel zu führen, in voller Kooperation mit Israel den künftigen palästinensischen Staat „von unten“ aufzubauen. Heute herrschen Ruhe und Zusammenarbeit, wie es das seit Arafats Einzug 1993 nicht gegeben hat. Zweifellos ist auch das eine Folge der Politik Scharons.

Im Sommer 2005 setzte Scharon seine eigene Partei vor die Tür und gründete mit Politikern von rechts bis links die Kadima-Partei, um den von ihm angekündigten Rückzug aus dem Gazastreifen durchsetzen zu können. 76 Prozent der Israelis befürworteten Scharons Politik. Der „Vater der Siedler“ beschloss eine Zwangsumsiedlung von 8000 Siedlern vom Gazastreifen zurück ins Kernland Israels und ließ dann auf Bitten der Palästinenser alle Siedlerhäuser dem Erdboden gleich machen. Gleiches geschah mit vier Siedlungen im Norden des Westjordanlandes. Im Prinzip hatte Scharon seiner Kadima-Partei das Vermächtnis hinterlassen, einen fast kompletten Rückzug aus dem Westjordanland folgen zu lassen.

Knapp 6 Monate später versank jedoch Scharon ins Koma. Sein Nachfolger Olmert konnte Scharons politisches Testament nicht mehr vollziehen, zumal der Rückzug aus Gaza keinen Frieden gebracht hat nach dem Prinzip „Land für Frieden“, sondern verstärkten Raketenbeschuss. Der Wahlsieg der Hamas 2006, ihr Putsch 2007 und andere Entwicklungen führten dazu, dass Scharon selber und seine Politik inzwischen in Israel schon fast in Vergessenheit geraten sind.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com