Neue Rabbiner: Wissenschaftliche Reife und religiöse Kompetenz

„Meine Gemeinden sind sehr engagiert und brauchen rabbinische Unterstützung in Fragen zur Bildung, bei Rituellem und Halacha, Kultur und positiver religiöser Identifikation.“
Wenn Alina Treiger, die jetzt am 4. November in der Berliner Synagoge Pestalozzistraße zusammen mit ihren Kommilitonen Konstantin Pal und Boris Ronis ihre Smicha empfängt, von „ihren“ Gemeinden spricht, dann meint sie Oldenburg und Delmenhorst, wo die Absolventin des Abraham Geiger Kollegs gleich nach ihrer Ordination ihre Arbeit als Rabbinerin aufnehmen wird…

Unsere drei neuen Rabbiner wollen Brücken bauen
von Hartmut Bomhoff

Alina Treiger wurde 1979 in Poltawa in der Ukraine geboren und kam 2001 nach Deutschland, um sich am Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam für das Rabbinat ausbilden zu lassen. Fragt man Alina, die in der Ukraine bereits Musik studiert hatte, was sie denn mit ihrer Ordination verbindet, so kommt sie gleich auf praktische Fragen in der Gemeindearbeit zu sprechen. Keine Rede davon, wie schwierig der Wechsel von der Ukraine nach Berlin samt Spracherwerb, Vollzeitstudium an der Universität und rabbinischer Ausbildung gewesen sein muss. Und auch keine Rede davon, dass sie seit der damals noch privaten Ordination von Regina Jonas im Jahr 1935 die erste Frau ist, die in Deutschland zur Rabbinerin ausgebildet worden ist. Das Medieninteresse ist groß, ihr Ehemann, der ebenfalls am Abraham Geiger Kolleg studiert, eine große Hilfe. Unter den Hunderten Gästen aus dem In- und Ausland, die sich zur Ordinationsfeier angesagt haben, ist auch Anatolyi Muchnik, der Vorsitzende der progressiven jüdischen Gemeinde „Beit Am“ in Poltawa, die Alina mit begründet hat.

Mehrsprachig, flexibel und praxisorientiert sind auch Alinas Kollegen Boris und Kostja, die in Berlin aufgewachsen und Beweis dafür sind, dass die jüdische Zuwanderung aus der früheren Sowjetunion eine Erfolgsgeschichte ist. Boris Ronis, der auch eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten absolviert hat, wurde 1975 in Czernowitz geboren. Zu Jom Kippur leitete er neulich bereits Gottesdienste in den Synagogen in der Rykestraße und am Fränkelufer, und er wird auch nach seiner Ordination in Berlin bleiben. „Hier arbeiten zu dürfen ist eine enorme Herausforderung für einen jungen Rabbiner. Die Ansprüche sind sehr hoch und ich hoffe, ihnen gerecht werden zu dürfen.“ Die Entscheidung fürs Rabbinat verdankt er seinem Freund Konstantin Pal, der 1979 in Moskau geboren wurde, im Berliner Jüdischen Jugendzentrum ein und aus ging und 2000 zum ersten Jahrgang gehörte, der die Jüdische Oberschule abschloss.

Auch Ronis ging dort zu Schule. „Die Möglichkeit, am Abraham Geiger Kolleg Rabbiner zu werden, ist einmalig“, konstatiert Ronis. „Angefangen habe ich als Student der Jüdischen Studien in Potsdam, bis ich dort meinen Freund und nunmehr auch Kollegen Konstantin getroffen habe, der mir diesen Weg aufgezeigt hat.“ Über die Jahre hat die beiden, die in der Synagoge Pestalozzistraße quasi groß geworden sind, vieles verbunden: Das obligatorische Studienjahr in Israel, aber auch Gesangsunterricht und ein Praktikum bei der Militärseelsorge der Bundeswehr, von den vielen Einsätzen in jüdischen Gemeinden nicht zu reden. Aber auch „die unzähligen Rabbiner, Professoren und Dozenten, die ich von überall aus der Welt treffen und von denen ich mich inspirieren lassen konnte“, sind ihm wichtig. Voraussetzung für die Ordination ist der erfolgreiche Abschluss des Magisterstudienganges Jüdische Studien und von Nebenfächern wie Religionswissenschaften, Russistik oder Psychologie.

Diese universitäre Ausbildung ist in Europa einzigartig und unterscheidet das Abraham Geiger Kolleg von den traditionellen Bildungsangeboten. Dass die Regelstudienzeit angesichts all der Extraanforderungen an die angehenden Rabbiner schnell überschritten war, wundert nicht; ihre Abschlussarbeiten zeugen in ihrer systematischen Textanalyse und kluger Argumentation aber nicht nur von wissenschaftlicher Reife, sondern auch von der erworbenen akademischen Kompetenz für das Rabbineramt. Die drei haben sich dabei mit ganz unterschiedlichen Fragestellungen beschäftigt. Konstantin Pal hat sich mit der Entstehung und Entwicklung des Chanukkafestes befasst. „Chanukka ist ein Fest, das erst nach dem Abschluss der Kanonisierung entstand und bis heute überlebt hat. Mir war es wichtig herauszufinden, inwieweit das Fest, das in den Apokryphen dargestellt wird, sich von den Schilderungen im Talmud unterscheidet, aber auch, welche Gemeinsamkeiten es dabei gibt.“ Damit dürfte er bestens vorbereitet sein, wenn er im Dezember mit seiner neuen Gemeinde in Erfurt das Lichterfest feiert. „Ich betreue etwa 800 Mitglieder, von denen fast alle Zuwanderer sind. Es geht mir insbesondere darum, die Jugendlichen und die Kinder an das Judentum und an die Gemeinde zu binden.“

Die Aufgabe, die Konstantin Pal anspricht, hat seine Kommilitonin zum Inhalt ihrer Magisterarbeit gemacht. Alina Treigers Thema lautet „Erziehung zu Mizwot – oder der Status des Kindes in der Halacha“. „Ich habe die halachische Stufen der Entwicklung des Kindes mit modernen pädagogischen, Entwicklungs- und sozialpsychologischen Methoden verglichen. Rituelle Gebote sind von großer Bedeutung für Enkulturation und Sozialisation. Mein Ziel ist es, die erzieherische Wirkung der Teilnahme der Kinder am religiösen Leben zu zeigen und erzieherischen Methoden im Rahmen der Halacha zu erarbeiten.“ Der Praxisbezug dieser Arbeit liegt auf der Hand.

Der Verbindung von Tradition und Moderne in der Alltagspraxis war auch für Boris Ronis ein Thema. In seiner Arbeit zu „Elektrizität am Schabbat und Jom Tov“ hat er ein neues halachisches Thema beleuchtet, um anhand religionsgesetzlicher Diskussionen darzustellen, wie Rabbiner auf neue Herausforderungen reagieren.

Allen dreien ist gemein, dass sie um die große Bedeutung einer erfolgreichen Integration wissen. „Unsere Arbeit ist wichtig, weil wir die Mentalität kennen, wir sind selbst Einwanderer und kennen die Probleme.“ „Einwanderer sollten die Möglichkeit haben, das Judentum in ihrer Sprache erklärt zu bekommen. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie schwierig es für sie allein schon ist, wenn der Gottesdienst auf Hebräisch und Deutsch geführt wird, also in gleich zwei Sprachen, die sie noch nicht so gut kennen“, meint Alina Treiger. Um so bedeutender seien Erklärungen auf Russisch, „damit werden dann sprachliche Brücken vom Russischen ins Hebräische und ins Deutsche gebaut.“

Wenn Alina Treiger, Boris Ronis und Konstantin Pal jetzt ihre Smicha erhalten, dann ist das bereits die dritte Ordinationsfeier des Abraham Geiger Kollegs. Dieses Mal ist auch der Bundespräsident zugegen. Christian Wulff will damit auch würdigen, dass das liberale Judentum, das heute die weltweit stärkste religiöse Kraft im Judentum ist, vor genau 200 Jahren in Deutschland seinen Anfang nahm. Die Ordination beweist, dass dieses Judentum in Deutschland auch eine lebendige Zukunft hat.