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Im Inneren der Waffe

In dem israelischen Antikriegsfilm »Lebanon« verfährt sich ein israelischer Panzer im Feindesland und wird zur Falle für seine Besatzung. Die Kamera verlässt das Innere des Panzers nur, um durch das Zielfernrohr auf Kriegsgreuel zu blicken…

Von Andreas Hartmann
Jungle World v. 14. Oktober 2010

In Claude Lanzmanns Dokumentation »Tsahal« über die israelische Armee und deren Bedeutung für den Staat Israel gibt es Szenen von jungen Soldaten, die bei Schießübungen auf ihren Panzern hocken und mit strahlenden Gesichtern über ihr fast schon libidinöses Verhältnis zu ihren Kampfkisten plaudern. An anderer Stelle preist ein Befehlshaber die Vorzüge des israelischen Panzers vom Typ Merkava, der im ersten Libanon-Krieg zum Einsatz kam. Ganz stolz ist er darauf, dass Panzer dieses Typs so besonders seien. Der Motor ist unüblicherweise vorne eingebaut, was einen zusätzlichen Schutz für die Panzerbesatzung bedeutet, der bei der Kons­truktion des Kriegsgeräts oberste Priorität gehabt habe.

»Lebanon«, der preisgekrönte Antikriegsfilm von Samuel Maoz, liefert nun sozusagen die Antithese zu den Schwärmereien über Panzer, die in »Tsahal« gezeigt werden und dort zum Symbol für Israels Stärke im Kampf gegen seine Feinde werden. In »Lebanon« befindet man sich 90 Minuten lang mit der Crew im Inneren eines solchen Panzers, Kontakt mit der Außenwelt findet einzig über das Zielfernrohr des Tanks statt. Und so toll ist es im Inneren eines Panzers im Kriegseinsatz nicht. Man rattert durch die Gegend, ist ölverschmiert, und da man nie genau weiß, was um einen herum passiert, macht man sich als junger Soldat beinahe in die Hose vor Angst.

Samuel Maoz hat mit »Lebanon« einen Experimentalfilm gedreht. Außer zu Beginn und am Ende verlässt der Blick der Kamera das Innere des Panzers nicht. Durch dieses konsequente stilistische Mittel schafft der Film eine klaustrophobische Stimmung, die zu Recht mit der von Wolfgang Petersens »Das Boot« verglichen wurde. Wobei Herbert Grönemeyer und die anderen Landser in ihrem U-Boot über eine komfortable Bewegungsfreiheit verfügen im Vergleich zu dem Kerker auf Kettenrädern, in dem die vier iraelischen Soldaten auf ein Himmelfahrtskommando geschickt werden, um die PLO irgendwo im Libanon zu bekämpfen.

Der Regisseur hat mit seinem ungewöhnlichen Film versucht, seine eigenen Erfahrungen als junger Soldat in diesem ersten Libanon-Krieg eindrücklich zu machen. Damit unternimmt er ähnliches wie jüngst Ari Folman mit »Waltz with Bashir«, und auch bei der Art und Weise, wie das Trauma eines sehr seltsamen Kriegs aufgearbeitet wird, gibt es Ähnlichkeiten. Zuvorderst der Eindruck: Alles war Chaos. Der Libanon-Krieg war ein weiterer Feldzug Israels, der alles andere als glorreich verlief, so wie eigentlich alle Kriege Israels nach dem Sechstagekrieg. Am Ende stand der Vorwurf an die isra­elische Armee, das Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila durch die christliche Falangistenmiliz zumindest geduldet zu haben. Als Ergebnis der Untersuchung der Massaker musste Ariel Sharon als militärischer Oberbefehlshaber des Einsatzes im Libanon zurücktreten. Doch während »Waltz with Bashir« trotz seiner surrealen Erzählweise elliptisch um diese indirekte Beteiligung Israels an einem Kriegsverbrechen kreist und versucht, sich behutsam einem Tabuthema zu nähern, kommt »Lebanon« erzählerisch zu keinem konkreten Ergebnis. Der Horrortrip eines Panzers, der im Niemandsland umherfährt, auf der Suche nach irgendeinem »Hotel St. Tropez«, das als Ziel angegeben wurde, droht gar zur generellen Metapher auf jegliches Kriegselend zu werden. Trotz der mutigen Erzähltechnik wird »Lebanon« streckenweise zu einem dann doch wieder zu normalen Antikriegsfilm, der sich im drastischen Zeigen von Kriegsgreueln ergeht.

Israels Ziel war es damals, die sich immer stärker militarisierende PLO zu bekämpfen, die immer wieder Übergriffe auf israelische Zivilisten organisierte. Wie bei fast jedem Kriegsein­satz Israels lässt sich über Sinn und Unsinn sowie die Verhältnismäßigkeit auch dieser Unternehmung diskutieren, die von Beginn an nicht unumstritten war. Der Schriftsteller David Grossman etwa erklärt in »Tsahal«, dass er gegen diesen Krieg war, an dem er dann doch teilgenommen hatte.

Fakt bleibt aber auch, dass die PLO im Libanon keine Friedenstauben züchtete, sondern für die nächsten Angriffe auf Israel rüstete. Wie üblich war also alles schrecklich kompliziert damals im Nahen Osten, wogegen die Metapher des sich verfahrenden Panzers (Israel), dessen Besatzung (die Israelis) sich mit heillosen Kriegswirren (die ewigen Streiterein Israels mit seinen Nachbarn) konfrontiert sieht, in denen es schwer fällt, Freund von Feind zu unterscheiden, recht schlicht, zugegebenermaßen aber immerhin pointiert ist. Klar wird also: Krieg ist doof, Krieg tötet unschuldige Zivilisten, ist unglaublich grausam, und ganz schnell passiert es, dass man gar nicht mehr weiß, wogegen man eigentlich kämpft. Für einen Antikriegsfilm, der im hochkomplexen Nahen Osten spielt, sind diese Erkenntnisse aber etwas dünn.

Andererseits hat Samuel Maoz natürlich alles Recht der Welt, die Art und Weise der israelischen Kriegsführung zu kritisieren, die bis zu den heutigen Einsätzen immer wieder auf dem Grundprinzip beruht: erst losschlagen, dann fragen. Auch der fragwürdige Einsatz von nach internationalem Recht verbotenen Waffen, der Israel immer wieder vorgehalten wird, wird angesprochen. Phosphorbomben, dieser Disput entfaltet sich irgendwann bei der Panzerbesatzung, muss man einfach nur anders nennen, dann kann man sie auch einsetzen. Auch im Gaza-Krieg hat Israel Phosphorbomben eingesetzt, die zu tödlichen Verbrennungen führen, und dies erst nach dem Krieg zugegeben. Und dann gibt es eine eindrucksvolle Szene, wo die Crew auf Order eines Einsatzleiters über Funk mit vierschrötigen Falangisten fraternisieren soll. Einer der Falangisten bedroht daraufhin einen inzwischen gefangengenommenen Palästinenser im Inneren des Panzers mit dem Tode, womit eine Kritik an den späteren Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern angedeutet wird.

Am Ende steht der israelische Panzer still in einem Sonnenblumenfeld.

Samuel Maoz: Lebanon (Israel 2009). Start: 14. Oktober