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Sefardische Lieder

Musikalisch gesehen sind sefardische Lieder oft weitaus weniger spanisch als ihre Verse. Die Melodien haben nicht in dem Maße ihren hispanischen Ursprung konserviert wie die Texte. Vor allem die orientalischen Sefarden haben sich arabisch-türkischer Musik angepasst, während ihre Glaubensbrüder in Nordafrika mehr den europäischen Regeln der Musik folgen…

Hören wir zwei Versionen ein und desselben Liedes, die eine aus Marokko, aus Bulgarien die andere. Die „Zejel“-Form des folgenden Liedes „Die Nacht zum Sonntag“ stammt noch aus mozarabischen Zeiten, d.h. es ist eine von der arabisch-spanischen Mischbevölkerung unter der Maurenherrschaft kreierte Liedform. Am Ende der Feiern zum Schabath bittet man mit diesem Lied um einen reichen Segen an Gütern und Glück für ganz Israel und die Abwendung des Bösen und der Furcht.

LA NOCHE DE ALHAD (I) 1:22

Von Sultan Bajasid II. mit offenen Armen empfangen, ließ sich der größere Teil der spanischen Juden nach der Vertreibung im osmanischen Reich nieder. „Wie kann ich einen König intelligent nennen, der einem anderen Königreich soviele kluge Menschen zukommen läßt“, soll sich der Sultan gewundert haben, als die Sefarden an den Grenzen seines riesigen Imperiums um Asyl anfragten.

So sollte es auch nicht lange dauern, bis spanische Juden wie schon an den maurischen Höfen in Granada, Sevilla oder Córdoba die Elite der osmanischen Gesellschaft stellten.

Es war dann auch dieser Kulturkreis, der einen starken Einfluß auf die Traditionen der spanischen Einwanderer ausübte. So auch auf die Melodien der spanischen Verse. Variierender Rhythmus innerhalb einer Meldodie, eine höhere Anzahl an Tönen, vor allem im mikrotonischen Bereich, ein reiches Repertoire an stimmlichen Verzierungen und Melismierungen sind typische Eigenschaften des türkisch-aribisch-perisischen Gesangs. Und statt dem von uns gewohnten modalen folgt unser nächstes Beispiel dem Makam-System, ein musikalischer Ausdruck, der theoretisch schwer zu erklären ist, von den orientalischen Musikern in der interpretativen Praxis eher erspürt werden muß.

LA NOCHE DE ALHAD (II). 2:17 (Die im Text erwähnten Musikbeispiele liegen nicht vor)
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Besonders reich ist das Repertoire an Hochzeitsliedern.

Eine Hochzeit findet immer an einem Mittwoch statt, das komplizierte, langwierige Ritual beginnt aber bereits in der Woche vorher. Nachdem der Vater des Bräutigams um die Hand der Braut angehalten hat, die zu erwartende Mitgift und Aussteuer offengelegt ist, wird der Hochzeitstermin vereinbart. Am Tag darauf bekommt die Braut von ihren Freundinnen die jungfräulichen Zöpfe entflochten und in ihrem Hause ist die Aussteuer zu besichtigen. Am Sonntag danach wird das Ganze im Haus des Bräutigams zur Schau gestellt und die Hochzeit nochmals besiegelt. In der Nacht des darauffolgenden Tages unterzieht sich die Braut einem feierlichen Reinigungsbad, das von ihrer Mutter oder der Schwägerin vorgenommen wird. Dienstags wird die Braut zum haus des Bräutigams begleitet, wo sie die Nacht zusammen mit ihrer Mutter verbringt.

Das Hochzeitsfest am Mittwoch dauert dann solange bis sich das Brautpaar in sein Hochzeitsgemach zurückzieht. In den darauffolgenden zehn Tagen, in denen sich die Brautleute nicht treffen dürfen bis die Braut nicht ihr zweites Reinheitsbad vollzogen hat, dauern die Festlichkeiten an. Und jede Station dieses Rituals wird von einem entsprechenden Lied begleitet.

So spricht die künftige Braut, heißt es in dem folgenden Lied, das eine Sängerin aus Marokko singt.

Wie nennt man das Haupt
man nennt es nicht Haupt
sondern eine friedliche Wiese
Es spricht die künftige Braut

wie nennt man das Haar
man nennt es nicht Haar
sondern Seide zum Sticken
Ay meine friedliche Wiese
Ay meine Seide zum Sticken.

Bei diesem akkumulierenden Strophen werden die Körperteile der Braut aufgezählt und in schöne Metaphern übersetzt – eine Tradition, die heute noch in Spanien selbst sehr populär ist. Auf diese Weise wird die Stirn zu einem glitzernden Schwert, die Augen zu leuchtenden Aussichtspunkten, die Nase zu einer Dattel, das Gesicht zu einer Rose usw.

DICE LA NUESTRA NOVIA 3:08

Aus Istanbul stammt das nächste Hochzeitslied. Der Sänger begleitet sich hierbei – was eher die Ausnahme ist – mit der úd, der arabischen Laute.

Eine kleine Leiter aus Gold und Elfenbein
auf daß der Bräutigam komme und den Segen gebe
Kleine Tauben – sie fliegen durch die Luft
sie mögen die Braut bringen, damit sie den Segen gebe

Ich flog von Ast zu Ast
um eine schöne Braut zu finden
und du, hübsche Braut, woher kommst du geflogen
den schönsten Bräutigam hast du gefunden.

SCALERICO DE ORO 1:57

Mit deinen Blicken
verbrennst du mich
mit deinen Worten
fesselst du mich.

Wenn du es bist
sag mir, daß du es bist
ich will dir erzählen
vom Mond und von den Sternen

komm auf den Balkon
ich möchte dich sehen
ich hab soviel Liebe
in meinem Herzen

Ach ich will nicht leben
mit diesem Schmerz

So heißt es in dem folgenden Liebeslied, das ebenfalls von einem Sänger aus Istanbul gesungen wird, begleitet von einer Art Laute mit langem Hals.

ME ESTAS MIRANDO 3:00

http://www.youtube.com/watch?v=LX_zCOemu_4

Wir schließen unsere Sendung mit einem Lied aus Saloniki: „Am Tag des Sabat“. Es ist etwa um die Jahrhundertwende entstanden und erzählt – als ob es die kommende Katastrophe vorausahnen würde – von einem schrecklichen Brand im jüdischen Viertel von Saloniki, einer der größten sefardischen Gemeinden der Diaspora.

Der antisemitische Terror der Nazis während des 2. Weltkriegs erfaßte auch die Balkanländer. Aus Bulgarien, Jugoslawien und Griechenland verschleppten die Deutschen ganze Gemeinden in die Vernichtungslager. Die wenigen, die den Holocaust überlebt haben, sind nach Israel, in die USA oder nach Südamerika ausgewandert.

Nur noch in der Türkei, wo einst das spanische Judentum seine Hochblüte erlebte, gibt es noch sefardische Gemeinden von Bedeutung. In den Basaren von Istambul oder Izmir ist heute noch vereinzelt das Judeo-español zu hören.

DIA DE SABAT. 2:00

Werner Steinbeiß

Kategorie: Spanien