„Für die Tschechen ein schwieriger Autor“

Über den Schriftsteller Franz Kafka hat die internationale Literaturwissenschaft schon viel geschrieben – in Tschechien hingegen, Kafkas Heimat, tut man sich bis heute schwer mit diesem Autor…

Jetzt ist in Prag eine neue Kafka-Biographie erschienen, genaugenommen die erste Kafka-Biographie eines tschechischen Autors: Franz Kafka – Dokumente zu Leben und Werk. Ihr Autor heißt Josef Čermák, einer der renommiertesten Kafka-Kenner des Landes und Mitgestalter der Kafka-Dauerausstellung auf der Prager Kampa-Insel. Silja Schultheis hat mit Josef Čermák über sein neues Buch und über die bisherige Kafka-Rezeption in Tschechien gesprochen.

Silja Schultheis, 26.09.2010
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Herr Čermák, wir sitzen hier in Ihrem Wohnzimmer – mit einem Stapel Büchern über Franz Kafka vor uns, sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit diesem Autor. Was ist eigentlich Ihr persönlicher Bezug zu diesem Autor, wie sind Sie auf ihn gestoßen?

„Ja, das ist schon sehr lange her. In den 1950er Jahren hatte ich das Glück, als junger Redakteur des Odeon-Verlags mit dem berühmten Übersetzer aus dem Deutschen, Erik Adolf Saudek, zusammenarbeiten zu dürfen. Und dieser Mann war mit der Nichte Franz Kafkas verheiratet. So dass ich in dieser Familie, wo ich viele Wochen verbracht habe, vieles über Kafka erfahren konnte, die Manuskripte ansehen und so weiter. Und das war eigentlich der Beginn meines professionellen Interesses.“

Sie haben sich dann während des Kommunismus auch verboten mit Franz Kafka beschäftigt…

„Naja, das war etwas komplizierter. Die 1960er Jahre waren die Gnadenjahre für uns, da konnte man um die Konferenz von Liblice und später viel mit Kafka arbeiten. Aber dann war Schluss, denn Kafka wurde paradoxerweise zum Staatsfeind erklärt. Und in diesen 1970er und 1980er Jahren war Publikationsverbot, 15 Jahre lang wurde keine Zeile über Kafka hier publiziert. Aber wir haben halbgeheim mit Kollegen aus Westeuropa zusammengearbeitet, Hartmut Bender und anderen. Wir haben nicht gehofft, dass wir uns noch einmal frei mit Kafkas Werk befassen dürfen. Und nach 1989 wurde alles anders, Kafka ist sogar zu einem propagierten Autor hier geworden. Aber das hat auch viele Nachteile. Kafka wird hier bis jetzt mehr kommerzialisiert als fachlich beurteilt. Prag sollte wirklich stolz sein, dass solch ein Autor hier geboren wurde. Kafka ist bei uns viel mehr ein Plakatautor – die Souvenierhändler, Gastwirte und Cafetiers haben ihn auf ihrem Schild. Aber die wirklichen Kenntnisse und die Leseerfahrungen im breiten Publikum sind sehr bescheiden. Und da hab ich mir gesagt, ich schreibe eine Biographie, die eigentlich den tschechischen Lesern den Zugang zu Kafkas Werk erleichtern würde. Denn Kafka ist für die Tschechen ein sehr, sehr schwieriger Autor.“

Wie erklären Sie sich denn, dass sich ausgerechnet in Kafkas Geburtsland die Menschen wenig für diesen Autor interessieren?

„Das ist ziemlich kompliziert, wissen Sie. Es ist ein großer Schaden, dass die tschechische Germanistik in den 1920er und besonders 1930er Jahren, die ein großes Niveau hatte – Otakar Fischer und andere – Kafka irgendwie nicht ihr Interesse widmete. Und dabei sind die letzten zwei Bände von Kafkas Gesamtwerk in Prag erschienen. In Prag wurden in deutschen Zeitungen auch erste große Lobtexte über Kafka publiziert. Zum Beispiel hat Klaus Mann hier einen Aufsatz geschrieben, in dem er Kafka hochschätzt. Oder Max Brod hat 1938 einen Aufsatz geschrieben: Kafka und der Weltruhm, in dem er sagt: Tschechen, lest ihn, das ist ein Autor, der zu Weltruhm schreitet.

Und dann kamen 1948 die Kommunisten an die Macht und Kafka wurde zu einem Anhänger des Zionismus gemacht und der Weltverschwörung und als Waffe der westlichen Feinde gegen den Sozialismus. Und nach 1989, da war es schon zu spät. Die ganze Welt war schon mit Kafka befreundet, und wir mussten erstmal alles lesen, was inzwischen über ihn publiziert worden war. Und die Tschechen hatten eigentlich die Gelegenheit verloren, Kafka von den Archiven her als ihren Prager Autor zu präsentieren. Denn während des Kommunismus durften Ausländer frei mit den Archivalien arbeiten, man hat gesagt: Nehmt ihn, er gehört euch. Aber die Tschechen nicht. Ich habe die ganze Zeit meinen Freunden verschiedene Sachen, Zeitungskopien nach Westen geschickt, weil ich gedacht hab, ich werde nie Gelgenheit haben, es hier zu publizieren.“

Jetzt erscheint das Buch ja in Kürze auch auf Deutsch, was bringt es denn dem deutschen Leser Neues – es sind ja schon sehr viele Bücher über Kafka erschienen in Deutschland…

„Vor allem im Bild- und Dokumententeil findet man einiges, was noch nicht publiziert wurde. Zum Beispiel die Ansichtskarten, die Fotos, die Kafka an seine Familie geschickt hat. Dann habe ich mir auch die Erstausgaben seiner Texte in verschiedenen Ländern verschafft und man findet hier auch einiges zur tschechischen Kafka-Rezeption.“

Worin besteht für sie heute die Aktualität von Kafka?

Wissen Sie, Aktualität ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es gibt noch einen großen Nachholbedarf, Kafka wirklich zu den Lesern zu bringen.“

Josef Čermák: Franz Kafka – Dokumente zu Leben und Werk. (Das Buch erscheint Ende Oktober im Parthas-Verlag auch auf Deutsch. Aus dem Tschechischen übersetzt hat es Rolf Simmen.)

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