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Wie viel „Sarrazin“ verträgt Europas „Genpool“?

Namen können eine seltsame Wirkung auf ihre Träger ausüben. Wer an einen, durch Zuwanderung gefährdeten „europäischen Genpool“ glaubt und Sarrazin heißt, muss für seinen Familiennamen Abbitte leisten…

Ein Essay von Danny Leder

Ich wuchs im Österreich der Nachkriegszeit auf, und erlebte als 12 jähriger erstmals einen gefährlichen politischen Konflikt, der auch meine Eltern ungemein bewegte. Auslöser war ein Mann mit einem, für die deutsche Zunge quasi unaussprechbaren Namen: Taras Borodajkewycs. Seine Familie stammte obendrein aus Galizien, seine Mutter hieß Löwe, was zu allen Vermutungen berechtigt. Trotzdem war er auch noch 1966, als Professor für Verfassungsrecht an der Wiener Hochschule für Welthandel, ein bekennender Anhänger des Deutschnationalismus. Obwohl bereits im Visier antifaschistischer Kreise, trieb es ihn dazu, immer wieder und aufs Neue, in seinen Vorlesungen, Österreichs Bundesverfassung von 1920 als „verjudet“ zu bezeichnen. Diese Attacken galten dem hervorragenden Mitgestalter dieses liberalen Verfassungswerks, dem Rechtswissenschaftler Hans Kelsen.

Borodajkewycs ruhte nicht eher, bis er die erste große politische Nachkriegskrise Österreichs ausgelöst hatte: Zusammenstöße zwischen den damals noch dominanten rechtsradikalen Studentenvereinen (Parole: „Hoch Auschwitz“) und den vom österreichischen Gewerkschaftsbund unterstützen Demokraten, einem Toten und einer darauffolgenden landesweiten Trauerminute.

Einem weiteren einschlägigen Österreicher, dem einstigen UN-Generalsekretär (1972-1981) und späteren Staatschef Österreichs (1986-1992), Kurt Waldheim, blieb diese Namensproblematik insofern erspart, als bereits sein Vater, den ursprünglich tschechischen Familiennamen Vaclavek tilgen ließ. Im Wien der Jahrhundertwende und der Zwischenkriegszeit hetzten  die deutschnationalen Kräfte ohne Unterlass gegen die tschechischen Migranten, die die Stadt „slawisieren“ würden (eine Propaganda, die auch die Einstellung des zeitweiligen Wieners, Adolf Hitler, zu den Tschechen prägen sollte: „Ein fremder Rassesplitter ist in unser Volkstum eingedrungen, einer muss weichen, er oder wir“. Andernfalls drohe „die Niedersenkung des Niveaus der höheren Rasse“, zitiert aus „Monologe im Führerhauptquartier“, Hg. Werner Jochmann). In diesem Kontext war die Eindeutschung des Familiennamens durch Vater Waldheim eine vorausschauende Parteinahme.

Diese familiäre Tradition der Flexibilität erleichterte es vermutlich Kurt Waldheim nach dem Krieg seine vormalige Mitgliedschaft bei NS-Organisationen und seinen Einsatz als Nachrichtenoffizier im deutschen Generalstab auf dem Balkan in öffentlich zugänglichen Biographien zu „vergessen“ und zu schlechter letzt zu rechtfertigen: „Ich habe nur meine Pflicht getan“. Was in den 1980er Jahren aber auch in Österreich nicht mehr reichte, um das Thema vom Tisch zu wischen.

Namen können eine Rolle spielen, es muss dabei nicht gleich um die Nazivergangenheit gehen. Der erste Landeshauptmann und legendäre Wortführer der deutschsprachigen Südtiroler, der Italien die wohl am weitesten reichende Autonomie innerhalb eines europäischen Staats abtrotzte, hieß Silvius Magnago und war Sohn eines Italieners. Und wenn eines, vielleicht nicht mehr fernen  Tages Belgien zwischen dem Niederländisch sprechenden Flandern und dem frankophonen Wallonien aufgeteilt sein wird, wird man sich an einen der Wegbereiter dieser Staatsspaltung erinnern: den Premierminister und Parteigänger der flämischen Christdemokraten, Yves Leterme, der seinen französischen Namen einem frankophonen Vater verdankt. Als erster Regierungschef weigerte sich Leterme seinen Antrittseid vor dem König Belgiens zweisprachig abzulegen und beschränkte sich auf eine niederländische Version – im Gegensatz zu den frankophonen Angehörigen seines Regierungsteams, die ihren Schwur in beiden Sprachen formulierten. Übrigens bedeutet das französische Wort Leterme: „Das Ende“. Und was soll man zur Anti-Roma-Tirade von Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy sagen, dessen Name bei ungarischen Roma geläufig ist, und dessen vormalige Frau, Cecilia, mit Familiennamen ursprünglich Ciganer hieß.

Damit wären wir bei Thilo Sarrazin angelangt. Was treibt ihn an? Ich meine jetzt nicht die vielen Fragen, die auch schon vor Sarrazins Wortmeldungen erörtert wurden. Etwa: bilden muslimische Migranten und ihre Kinder in städtischen Vierteln eine Generationsübergreifende, reaktionäre Parallelgesellschaft, die imstande wäre die säkulare Republik auszuhöhlen oder ist das eine glatte Übertreibung lokaler und vorübergehender Phänomene? Überwiegt unter ihnen ein frauenfeindlicher, antijüdischer und antidemokratischer politischer Islamismus, also eine Art „grüner“ Faschismus, oder ist das bloß eine lautstarke Minderheit, der man nicht auf den Leim gehen sollte, indem man die Mehrheit der Freitagsmuslime unter Pauschalverdacht stellt? Hat sich der Wohlfahrtsstaat übernommen oder sind die Kinder und Kindeskinder der weniger qualifizierten Arbeiter der niedergehenden Schwerindustrie, die obendrein bei der Jobsuche nicht den richtigen Namen tragen, in eine existentielle Falle geraten? Ist die Justiz der Republik zu zahm, um die Bevölkerung vor ausufernder Jugendgewalt zu schützen oder wird sich eine Mixtur aus sozialer Prävention und rechstaatlich limitierter Repression auf Dauer als wirksam erweisen? All diese Fragen verdienen die ausführliche öffentliche Debatte, die ihnen gewidmet wird, an der ich mich an dieser Stelle aber nicht beteiligen möchte.

Hier aber geht es um folgende Fragestellungen: könnte es auch für Thilo Sarrazin einen namensgebundenen Antrieb geben? Ist es Zufall, dass ausgerechnet jemand, der Sarrazin heißt, ungefragt und fernab seiner beruflichen Laufbahn, mit einem frenetischen Engagement gegen Muslime hervortritt?  Wohl kaum. Hat doch Sarrazin selber verplaudert, wo bei ihm der Schuh, pardon das Gen drückt.

Der  nämliche Spruch, der zu Sarrazins vorläufiger Ächtung auf den politischen Führungsebenen der Republik führte, lautet: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“ („Welt am Sonntag“, 29.8.2010). Man kann es natürlich als peinlich empfinden, auf einer Aussage herumzuhacken, die Sarrazin selber bereut.

Es zahlt sich allerdings aus, sich mit Sarrazins diesbezüglicher Reue-Bekundung genauer zu beschäftigen. „Der Spiegel“ berichtete darüber: Seinen „größten Fehler“, wie er (Sarrazin) es nennt, habe er gemacht, weil er nicht im richtigen Moment nein gesagt hat: das Interview mit der „Welt am Sonntag“, in dem sich der Satz über das „Gen der Juden“ findet. „Jeder Mensch hat eine Leistungsgrenze“, sagt Sarrazin, „und an die war ich gelangt,  als ich das Interview dann auf  Stellen gegengelesen habe, die schwierig werden könnten. Ich habe die Brisanz dieses Satzes, der mir zum Verhängnis wurde, nicht erkannt“. Aber er hatte ihn gesagt“ („Der Spiegel“, 6.9.2010).

Obwohl durchaus kritisch gegenüber Sarrazin eingestellt, haben auch die Redakteure des „Spiegels“ nicht die Bedeutung dieser Erklärung für Sarrazins Wirken erkannt. Diese liegt nicht darin, dass er diesen Satz „gesagt hat“, sondern an seiner Beschreibung der Umstände, die dazu führten, dass er ihn formulierte, und weiters daran, was er inhaltlich bedauert.

Wenn jemand, wie es Sarrazin ausdrückt, „eine Leistungsgrenze“ überschritten hat, also schlicht müde ist, rückt er mit ureigensten Gedankengängen heraus. Schon deswegen ist diese Aussage von einer gewissen Signifikanz für die Persönlichkeit von Sarrazin.

Das bedeutet nicht, dass es zulässig wäre, Sarrazin nur auf diese Aussage festzunageln, also seine gesellschaftspolitische Gesamtsicht auf diesen Spruch zu reduzieren. Wir alle werden, in mehr oder weniger intensivem Ausmaß, von mehr oder weniger konträren Gedanken heimgesucht, die wir ständig untereinander abwägen. Ist man übermüdet, also nicht mehr imstande den Gedankenfluss zu ordnen und außerdem unter dem Zeitdruck eines schnellen Interview-Dialogs, kann jedermann in die Lage kommen, einen Einzelgedanken freizugeben, den man unter anderen, bekömmlicheren Umständen, nicht geäußert hätte. Insofern muss jedermann auch das Recht auf eine diesbezügliche Nachsicht und die Chance auf eine zweite Erläuterung  haben.

Sarrazin hatte diese Chance gleich zweimal: das erste Mal, als er den Text des Interviews vor Veröffentlichung gegenlesen konnte. Das zweite Mal im Gespräch mit den Redakteuren des „Spiegels“: aber auch da wollte und konnte er diese Chance nicht ergreifen. Sarrazin erklärt, dass er, weil übermüdet, „die Brisanz des Satzes nicht erkannt habe“, was ihm „zum Verhängnis“ wurde. Er bedauert also etwas gesagt zu haben, dass er lieber unterlassen hätte sollen, weil es, sinngemäß, einer tabubelasteten Öffentlichkeit nicht zuzutrauen sei („brisant“), und dass er deswegen auf verstärkten Widerstand gestoßen sei („Verhängnis“). Aber die Behauptung als solche (es gebe Gene, die den Juden und Basken eigen wären) kann Sarrazin schon deswegen kaum zurücknehmen, weil er „genetische“ Erklärungsmuster für Human-Kulturen im Gespräch mit den Redakteuren der „Welt am Sonntag“ als substantiellen und ausformulierten Teil seiner Weltanschauung mehrmals wiederholt und dadurch bekräftigt. So lautet eine Passage des Interviews: „Ich sage meine Dinge. Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte Einwanderung für den Genpool der europäischen Bevölkerung nur eine geringe Rolle und vollzog sich überdies sehr langsam. Drei Viertel der Ahnen der heutigen Iren und Briten waren bereits vor 7500 Jahren auf den britischen Inseln…“

An anderer Stelle erklärt Sarrazin: „Ein ganz großer Teil der deutschen Unterschicht und ein großer Teil der Migranten – Ausnahme Kinder aus Osteuropa und Fernost – machen in der Schule nicht ausreichend mit, und das Elternhaus fällt als Stütze weitgehend aus. Der einzige Weg, diese Probleme anzugehen, ist, für diese Kinder den negativen Einfluss des Elternhauses und des übrigen sozialen Umfeldes weitgehend zu kompensieren, um den umweltbedingten Anteil des Begabungspotentials möglichst zu optimieren“. Wer von einem „umweltbedingten Anteil des Begabungspotentials“ spricht, den es zu „optimieren“ gelte, meint folglich, dass es einen nicht-optimierbaren, vererbten Anteil an Befähigung zur Aufnahme von schulischer europäischer Bildung gibt. Und tatsächlich behauptet Sarrazin: „Die Wissenschaft ist sich einig darin, dass die gemessene Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist“.

Nun sind gerade im europäischen und US-amerikanischen Wissenschaftsbetrieb die Beweisführungen der Anhänger der Theorien über die biologische Prädisposition für kulturelle Neigungen und intellektuelle Leistungen in den letzten Jahren haufenweise in Verruf geraten. Und zwar eben weil die Autoren dieser Studien durchwegs aus einer, mehr oder weniger bewussten ideologischen Optik heraus, ihre Untersuchungen dermaßen anlegten, dass die sozialen Rahmenbedingungen die jeweiligen Lebensläufe quasi nicht zu korrelieren vermochten. Dabei wurde naturgemäß mit der Zauberformel „Genetik“ Schindluder betrieben. Die Erforschung genetischer Strukturen und der Funktionsweise des Hirns hat zwar seit zwei bis drei Jahrzehnten beeindruckende Fortschritte gemacht, aber angesichts der Komplexität der Materie steckt diese Wissenschaft in den Kinderschuhen. Wobei sich ständig neue Perspektiven ergeben, die die ersten Annahmen, die allsofort zu Welterklärungstheorien hochgeschraubt wurden, schnell lächerlich erscheinen lassen. In einem bemerkenswerten Artikel von Jörg Blech, der in derselben Ausgabe des „Spiegels“ wie die oben zitierte Coverstory über Sarrazin erschienen ist, heißt es: „Auch die moderne Genforschung hat inzwischen ergeben, dass es eine biologische Wurzel der Schlauheit, bestehend aus einem oder einigen wenigen „Intelligenz-Genen“ mitnichten gibt. Offenbar sind es Hunderte, wenn nicht gar Tausende Gene, die für die kognitiven Fähigkeiten eine Rolle spielen.“

Die jeweiligen Formen von „Intelligenz“ – einen Begriff der selber wiederum per se wenig aussageträchtig ist – hängen von den Entfaltungsmöglichkeiten zahlloser Nervenzellen ab, ihrer Verkabelung, ihrer ständigen Neubildung – alles Prozesse, die von Außeneinwirkungen abhängen. Bei der bisherigen Annäherung an die Problematik kognitiver Fähigkeiten schält sich allerdings eine prinzipielle Erkenntnis heraus: nämlich die der enormen Plastizität, also der ungemeinen Entwicklungsfähigkeit in Form von Anpassung oder, umgekehrt, Nichtnützung und daher teilweisen Rückentwicklung der Anlagen der jeweiligen Individuen. Die Erkenntnis dieser Plastizität und Flexibilität kennzeichnet im Übrigen auch die ständig neuen Entdeckungen im Bereich der Anpassungspotenziale nicht-menschlicher Lebewesen, die in verblüffender Weise an die Intuitionen und Grunderkenntnisse von Charles Darwin anknüpfen.

Aber gerade weil sich diese Forschung in einer Phase des primären Abtastens eines neuen Erkenntnishorizonts befindet, ruft sie Ideologen und Scharlatane auf den Plan, die sich im breiten Feld weitgehend ungesicherter, partieller Entdeckungen nach Belieben bedienen. Dazu gehören die dubiosen Abstammungszertifikate, mit denen vornehmlich US-Laboratorien namentlich Ahnensuchende Afro-Amerikaner und Juden versorgen.

Dieser Wirrwarr aus pseudo-medizinischen Anmaßungen, ethnisch und/oder religiöser Abstammungslehren, kommerziellem Betrugs und hanebüchenen Alltagseindrücken ist bei Sarrazins Konzeptschöpfung eines „europäischen Genpools“ wohl Pate gestanden. Damit hat sich Sarrazin eine Formel zurechtgezimmert, die für seine Selbstdefinition eine Schlüsselrolle spielt (wie wir weiter unten sehen werden).

Offensichtlich stellt sich Sarrazin seinen „europäischen Genpool“ in der Form eines naiven Schaubilds vor. In diesem „Pool“ würden sich verschieden stämmige Gene tummeln, wobei deren jeweiliger Anteil über die kulturelle Eigenarten und die Grenzen der intellektuellen Auffassungsgabe der betreffenden Personen zumindest mitentscheiden würde. Wobei aus Sarrazins Äußerungen ersichtlich wird, dass dieser phantasierte „europäische Genpool“ für ihn erstens eine vergleichsweise hohe Qualität aufweist, und dass zweitens diese Qualität nur durch „geringe“ und  „sehr langsame“ Zuwanderung anderer Gen-Träger bewahrt werden könnte.

Wer so etwas glaubt und Sarrazin heißt, muss sich unweigerlich mit der Frage herumschlagen, was es familiengeschichtlich mit diesem Namen auf sich hat. Im Gespräch mit der „Welt am Sonntag“ definiert sich Sarrazin erst einmal als „europäische Promenadenmischung“. Dabei verweist auf eine Abstammung von „Hugenotten aus Lyon“, eine „englische Großmutter“, eine „italienische Urgroßmutter“ und seine „slawischen Backenknochen“. Aus letzteren würde man ersehen, dass seine Mutter „aus Westpreußen stammt“.

Als die Journalisten der „Welt am Sonntag“ nachhacken und ihn fragen, ob es bei seinen Vorfahren „auch irgendwo einen muslimischen Einschlag“ gebe, antwortet Sarrazin: „Mein Name kommt in Südfrankreich häufiger vor. Er leitet sich von arabischen Seeräubern her, die man im Mittelalter Sarazenen nannte. Als junger Mann, mit schwarzem Schnurrbart und dichtem schwarzen Haaren, sah ich in Parka und Jeans türkischer aus als viele Türken.“

Der Verweis auf „arabische Seeräuber“ als Namensspender ist nicht völlig falsch aber doch eine Untertreibung. Ab dem achten Jahrhundert, mit dem Vordringen muslimischer Truppen und ihrer Familien, vornehmlich aus dem damals islamisch beherrschten Territorium des heutigen Spaniens, nach Norden, ins Reich der Franken, kommt der Begriff „Sarrasin“ auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs in Umlauf. Im islamischen Spanien wurde ursprünglich zwischen „Mauren“ (aus Nordafrika) und „Sarazenen“ (aus dem Orient) unterschieden. Unter den Karolingern werden im Reich der Franken die beiden Begriffe als Synonyme benützt für alle muslimischen Gegner aber auch für deren zeitweilige Verbündete – darunter Bevölkerungen, die noch nicht oder bereits unter christlicher Herrschaft standen, deren Fürsten sich aber den Karolingern gelegentlich widersetzten (wie etwa die baskischen Milizen, die ein Heer der Franken bezwangen, in der berühmten Rolandsage nachträglich aber als „Sarazenen“ dargestellt wurden). Die Karolinger stoppten zwar den Vormarsch der muslimischen Armeen und vertrieben sie zusehends. Die Muslime  hinterließen aber Nachfahren in etlichen Regionen des Südwestens und Südostens Frankreichs und verfügten noch im 10.Jahrhundert über Befestigungen in der Provence.

Die aus dieser historischen Konstellation ableitbare Eventualität einer „sarazenischen“ Abstammung muss Sarrazin gründlich beschäftigt haben. Sein Konstrukt bezüglich der jeweiligen Gewichtung der verschiedenen Abstammungen im angeblichen „europäischen Genpool“ erscheint als eine Antwort auf die für ihn wohl drängende Frage nach seinem „außer-europäischen“ Erbanteil (eine Formulierung, die hier nur benützt wird, weil sie aus seiner Logik ableitbar ist).

Die folgenden Behauptungen sind reine Spekulation, aber garantiert zutreffend: Bei jeder Schlagzeile über einen so genannten Ehrenmord in einer türkischen Migrantenfamilie, bei jedem Bericht über Zwangsehen unter anatolischen Einwanderern, bei jeder Meldung über einen Gewalttäter aus einer Kreuzberger Straßengang, bei jeder Story über Schulabbrecher aus arabischen Familien, bei jedem TV-Auftritt eines radebrechenden Rapstar mit Migrationshintergrund fühlt sich Sarrazin als eine Art Mitangeklagter, so als bestünde eine namensgebundene Sippenhaft. Obwohl niemand, mit dem er verkehrt, so etwas auch nur jemals angedeutet hat, muss er für seinen Familiennamen Abbitte leisten, muss er sich von den Sarazenen distanzieren, muss er seine Unschuld immer lauter hinausschreien, den Leuten draußen sagen, dass man mit einem eventuellen, klitzekleinen muslimischen Erbteilchen den „europäischen Genpool“ noch nicht ins Verderben stürzt. Das Problem: seine Leser und Anhänger haben diesen so innigen Wunsch Sarrazins gar nicht wahrgenommen. Er selber vielleicht auch nicht.