Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse

Der vorliegende umfangreiche Materialienband, mit sehr viel Mühe und Liebe zum Gegenstand zusammengestellt, ist aus Anlass von Siegfried Bernfelds 100. Geburtstag im Jahre 1992 erschienen. Die Herausgeber, Karl Fallend und Johannes Reichmayr, beide seit vielen Jahren in Österreich maßgeblich an einer systematisch-kritischen Durchdringung und Verlebendigung der Ge­schichte der Psychoanalyse forschend tätig, sowie die übrigen neun, größtenteils aus Österreich stammenden Autorinnen, lassen in Einzelfallstudien, die in sich geschlossenen sind, ein beein­druckendes, außergewöhnlich anregendes Gesamtbild zur Person, zum Werk und zur theore­tischen Substanz Bernfelds entstehen…

Von Roland Kaufhold

Durch die großzügige graphische Gestaltung sowie zahl­reiche ganzseitige Photos gewinnt der Band zusätzlich an Lebendigkeit. Der Versuch einer mono­graphieartigen Lebensbeschreibung wurde nicht intendiert – diese wäre, wie die Herausgeber im Vorwort (S. 7) bemerken, dem schillernden und facettenreichen wissenschaftlichen Werk Bern­felds nicht gerecht geworden. Das Buch möchte zu vertiefenden biographischen bzw. historisch-kritischen Forschungen über Bernfeld – den Freud in einem Brief einmal als „den vielleicht stärk­sten Kopf unter meinen Schülern und Anhängern“ bezeichne! hat – einladen. Dementsprechend betonen die Herausgeber: „Es ging uns darum, ein erstes umfassendes Bild dieses Intellektuellen zu gewinnen, der durch seine Erfahrungen als Organisator und Führer der Wiener Jugendkulturbewegung, als Pionier der Jugendforschung, als Aktivist in der zionistischen Bewegung und dar­aus resultierend als Initiator des Erziehungsexperiments `Kinderheim Baumgarten‘ geprägt war“ (S. 8).

Der einführende, sehr lebendige und informative Beitrag „Sisyphos und sein Autor“ von Peter Paret vermittelt dem Leser ein tieferes Verständnis für Bernfelds Persönlichkeit. Der enge Bezug zu seinem breitgefächerten wissenschaftlichen Werk sowie zu seiner pädagogisch- sozialreformerischen Produktivität wird deutlich.

In weiteren Einzelfallstudien werden einzelne biographische bzw. theoretische Aspekte aus Bern­felds Gesamtwerk aufgearbeitet. Bernfeld, der insbesondere in den 1920er Jahren zahlreiche Studien zur Jugendforschung veröffentlichte, hat darin, häufig verschlüsselt, eigene biographische Erfah­rungen verarbeitet. Im Aufsatz „Die Geschichte meines Gymnasialstudiums“ stellt Reichmayr ein solches autobiographisches Fragment des damals Neunzehnjährigen vor. Die Bedeutung Bern­felds für die Reformpädagogik analysiert Erik Adam in einer historisch-kritisch angelegten Stu­die: Obwohl insbesondere von Bernfelds entschieden ideologiekritischer, ironisierender Streitschrift „Sisyphos“ sowie von seinem psychoanalytisch orientierten „Kinderheim Baumgarten“ (1919/1920) vielfältige, auch heute noch höchst aktuelle Impulse ausgingen, nahm er in der aka­demischen (reform-)pädagogischen Diskussion bis Anfang der 1980er Jahre bestenfalls die Position eines Außenseiters ein.

Ausführlich wird Bernfelds Weg „Von der Jugendbewegung zur Psychoanalyse“ von Fallend skizziert. Bernfeld hatte bereits als Student zahlreiche Studien und Streit­schriften zur Jugendbewegung veröffentlicht. Er trat als Gründer und Herausgeber von Zeit­schriften hervor und gründete 1913 das „Akademische Comite für Schulreform“ (A. C. S.) sowie den „Sprechsaal Wiener Mittelschüler“ – ein „autonomes“, selbstverwaltetes Diskussionsforum für Schüler und Studenten. Fallend bemerkt: „Bernfeld beendete sein aktives Engagement in der Wiener Jugendbewegung, nachdem er sich im Juni 1914 einschlossen hatte, sein Tun und Denken in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen“ (S. 62). Die Beziehung Bernfelds zum Zionismus untersucht John Bunzl: Dessen „Zuwendung zum jüdischen Nationalismus“ (S. 73) versteht er im historischen Kontext der durch den Ersten Weltkrieg ausgelösten jüdischen Fluchtbewegung aus Galizien nach Wien, dem Antisemitismus sowie dem Einfluss Theodor Herzls für die Herausbil­dung des Zionismus. So waren Martin Buber und Bernfeld die Leitfiguren des Österreichischen Jugendlagers vom 18. bis 20. Mai 1918, der mit der Gründung eines Verbandes der jüdischen Jugend Österreichs endete; Bernfeld wurde dessen Präsident. Weiterhin war er Herausgeber der Zeitschrill „Jerubbaal“ (1917/18) sowie Gründer des „Kinderheims Baumgarten“ (1919/20) – ein Versuch, pädagogische Ideen an 240 Kriegswaisen zu erproben, der von Anna Freud als „erstes Experiment, psychoanalytische Prinzipien auf die Erziehung anzuwenden“ (S. 81), bezeichnet wurde.

In einer lesenswerten biographischen Studie von Reichmayr wird anhand des bisher unveröffent­lichten umfangreichen Briefwechsels von Bernfeld mit seiner späteren Frau Elisabeth Neumann „Siegfried Bernfeld als Psychoanalytiker in Wien“ (1922 – 1925) vorgestellt. Bernfeld, der 1915 als 23-jähriger erstmals als Gast an den Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Ver­einigung teilnahm, hatte 1922 „auf Anregung und durch persönliche Unterstützung Sigmund Freuds“ (S. 107) seine psychoanalytische Praxis in Wien begonnen.

In zwei Beiträgen wird Bernfelds Projekt eines psychoanalytischen Filmes (1925) rekonstruiert sowie durch den Abdruck eines von Bernfeld verfassten Filmmanuskriptes ergänzt.

1925 zog Bernfeld nach Berlin, wo er bis 1932 blieb. Diese Berliner Periode, die durch eine außergewöhnlich intensive Lehr- und Forschungstätigkeit gekennzeichnet war, wird von Theresia Erich aus­führlich geschildert (siehe auch Erich in psychosozial Nr. 53, 1/1993). Insbesondere Bernfelds Inter­esse für die Psychoanalytische Pädagogik wird herausgearbeitet. Beispielhaft hierfür sei Bernfelds Beitrag zum Thema „Spielzeug“ (S. 174) erwähnt, der durch die Erstellung einer umfangreichen Spielzeugsammlung „komplettiert“ wurde. Aus beruflichen wie auch aus persönlichen Gründen kehrte Bernfeld 1932 nach Wien zurück, bis er 1934 vor den Nazis nach Frankreich fliehen muss­te. Trotz der zunehmend schwieriger werdenden politischen Situation setzt er seine Lehr- und Schreibtätigkeit sowie seine therapeutisch Arbeit fort. So beteiligt er sich an dem 1933/34 vom Lehrausschuss der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung eingerichteten Lehrgang für Pädago­gen. Ende 1933 wird er in den Vorstand der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung gewählt. Auf der Basis der Briefkorrespondenz von Bernfeld mit Elisabeth Neumann (s.o.) rekonstruiert Reichmayr diese „zweite“ Wiener Lebensphase.

Aus einigen Briefen Bernfelds sei zitiert: „15.9,1932: Bei Freuds war es berauschend; nämlich er! Ich habe den boshaften Gorilla doch sehr gern. — So viel steht fest: als Wissenschaftler und Psychoanalytiker werde ich nichts verlie­ren, wenn ich dauernd in Wien bliebe. – 16.10,1932: Hübsch ist’s in Wien, dass die Leute alle meine uralten Witze und Geschichten noch nicht – oder nicht mehr – kennen, braucht man keine neuen erfinden. Arbeiten tue ich noch immer nicht ordentlich, aber es wird doch täglich besser. Tatsächlich tun mir die vielen Diskussionen für meine Gedanken sehr wohl, und ich denke, es wird sich bald auch an meiner Produktion zeigen. – 23.1.1932: Die Leutchen sind durch meine Vorträge hier sehr entmutigt und kompensieren ihr Minderwertigkeitsgefühl durch Hochachtung vor mir. Die Assistentin von Bühler schreibt meinen Vortragskursus auf so dass er vielleicht druckfertig zu machen sein wird und als Buch erscheinen kann. Das heißt aber: wenn ich lange hier bin, habe ich bald schrecklich viele sehr böse Feinde bei den Bonzen- – 28.1.1933: Sehr be­sorgt wegen der Wirkung der Hitlerei auf Dich; vor allem auf Karl. … Ich warte auf Freud. –7.2.1933: Ich hin sehr besorgt, wie es Dir im jetzigen Deutschland geht. Hier gibt es immer ganz wilde Gerüchte. – 9.2.1933: Spürt ihr den Hitler? Und wie? – 6.3.1933: Auf reiche Patienten und Schüler ist nicht zu rechnen. Vorträge in Deutschland fallen aus, aber ich denke dass ich von April an eine billigere Praxis beginne und es so, eventuell mit Borgen ausgehen wird“ (S. 206-216).

Anfang 1937 flieht Bernfeld nach London, im August desselben Jahres emigriert er in die USA. Nach einigen Zwischenstationen lässt er sich in San Francisco nieder, wo er am 2.4.1953 stirbt. Sehr informativ und neu sind die Studien von Reichmayr/Fallend, Hermanns und Daniel Benveniste über diesen letzten Lebensabschnitt von Bernfeld. Rudolf Ekstein ebenfalls von Wien nach Amerika emigrierter Analytiker und Schüler Bernfelds (siehe psychosozial Nr. 53/1993), der Bernfeld in Kalifornien wieder traf, hat 1966 in einem Beitrag dessen pessimistische Weltsicht im amerikanischen Exil hervorgehoben: „Das Freudsche Werk sei nun abgeschlossen, und er habe dazu keine Beiträge mehr zu liefern. Deshalb habe er sich der Erforschung von Freuds Leben und Werk verschrieben“ (S. 290).[01] Dass damit Bernfelds Wirkungsmacht nicht erschöpft war, wird in der Analyse seines Wirkens in San Francisco deutlich. Sehr informativ hierfür ist die Wiedergabe eines Briefes an Anna Freud vom 23.11.1937 (S. 290-298), ein Gespräch mit dem Zeitzeugen Nathan Adler, einem engen Freund Bernfeld in San Francisco (S. 300-315) sowie die Dokumen­tation der Konzeption des „Freien“ Institutes“ (S. 317-326), welche Bernfeld 1949 als Reaktion auf die „Medizinalisierung“ der Analyse in seiner neuen Heimat schuf. Die Grundidee eines „Freien“ Institutes – dessen Dokumentation, neben der gründlichen Bibliographie sowie einer Zeittafel den Abschluss dieses Werkes bildet – verstehen die Herausgeber als das „Erbe“ Bemfelds. Es wird erkennbar, dass Bernfeld selbst in dieser neuen Periode, im amerikanischen Exil, „unter nochmals veränderten politischen, sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen seine Identität als kreati­ver, nonkonformistischer und kämpferischer Pionier der Psychoanalyse bewahren konnte“ (S. 13).

Welches theoretische und lebensgeschichtliche Erkenntnispotential dem Leben und Werk Siegfried Bernfeld immer noch inne wohnt wird bei der Lektüre dieses gelungenen Bandes mehr als deutlich. Der Titel – wohl als dialektische „Antwort“ auf Helmut Dahmers „Psychoanalyse ohne Grenzen“ (1992) (siehe psychosozial Nr. 53/1993) gedacht, überlässt es dem Leser, wo er nun, Siegfried Bernfelds Leben und Werk betrachtend, die „Grenzen der Psychoanalyse“ zu erkennen glaubt. 

Karl Fallend und Johannes Reichmayr (Hrsg,): Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse. Materialien zu Leben und Werk. Stroemfeld/Nexus: Frankfurt a. M. 1992, 368 S. (–> www.zvab.com)

Diese Rezension ist zuvor erschienen im Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik, Bd. 10, 1999, S. 206-208, Gießen (Psychosozial Verlag). Wir danken dem Psychosozial Verlag und seinem Verleger, Prof. Hans-Jürgen Wirth für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.
Fotos: © Psychosozial-Verlag

Literaturhinweis:

Roland Kaufhold (1993): Zur Geschichte und Aktualität der Psychoanalytischen Pädagogik: Fragen an Rudolf Ekstein und Ernst Federn. In: Kaufhold, R. (Hg.) (1993): Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik: Bruno Bettelheim, Rudolf Ekstein, Ernst Federn und Siegfried Bernfeld, psychosozial Nr. 53 (1/93), http://www.hagalil.com/2010/04/10/interview-federn-ekstein/
Siegfried Bernfeld: Psychoanalyse, Pädagogik und Zionismus
haGalil-Themenschwerpunkt Bruno Bettelheim
haGalil-Themenschwerpunkt Ernst Federn

  1. Vgl. den Beitrag: Roland Kaufhold (1993): Zur Geschichte und Aktualität der Psychoanalytischen Pädagogik – Fragen an Rudolf Ekstein und Ernst Federn“, in psychosozial Nr. 53 (1/1993), in welchem sich Rudolf Ekstein an den prägenden Einfluss Bernfelds auf seine eigene Entwicklung erinnert. http://www.hagalil.com/2010/04/10/interview-federn-ekstein/ []

Ein Kommentar zu “Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse

  1. Ich möchte an dieser Stelle Herrn Kaufhold sehr herzlich danken, der hier auf haGalil in großzügiger und liebenswerter Weise, und unermüdlich an die existentielle Bedeutung der Lehren Freud’s und damit der, allen Anfeindungen zum Trotz, zeitlos hohen Aktualität der Psychoanalyse erinnert. Angesichts insbesondere der gegenwärtigen, ausgesprochen  bedrohlichen Tendenzen, will nun auch ich gerne an eine Äußerung Sig­mund Freud’s erinnern, die Rudolf Ekstein in vielen seiner Texte immer wieder aufgegriffen hat: “Die Stimme des Intellekts ist leise, aber unauf­hörlich, bis sie sich ein Gehör verschafft hat”.

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