Ausmaß der NS-Zwangsarbeit wird unterschätzt

Eine repräsentative Umfrage von infratest dimap über Wissen und Einstellungen zum Thema „Zwangsarbeit im Nationalsozialismus“…

  • Drei Viertel der Jugendlichen haben das Thema NS-Zwangsarbeit in der Schule behandelt – Wissen über NS-Zwangsarbeit ist dennoch lückenhaft
  • 80 % der Jugendlichen äußern Interesse für das Thema
  • Zwei Drittel (69 %) aller Deutschen finden das Thema auch heute noch wichtig
  • 70 % aller Befragten finden, dass die geleisteten Entschädigungszahlungen für das Ansehen Deutschlands im Ausland wichtig sind

Das Ausmaß der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus wird von den meisten Deutschen unterschätzt. Nur ein Fünftel (19 %) ist sich bewusst, dass im Deutschen Reich zwischen 1939 und 1945 über 13 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten mussten. Das ergab eine repräsentative Umfrage von infratest dimap im Auftrag der Stiftung EVZ (s. die vollständige Studie unter www.stiftung-evz.de/ns-zwangsarbeit/umfrage).

Anlass der Befragung von insgesamt 1.200 Menschen ist die bislang größte Ausstellung zum Thema NS-Zwangsarbeit, die am 27. September im Jüdischen Museum Berlin von Bundespräsident Christian Wulff eröffnet wird. Die Ausstellung wurde von der Stiftung EVZ initiiert und gefördert und von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald erarbeitet. Sie macht deutlich, dass insgesamt etwa 20 Millionen Menschen, insbesondere aus Mittel- und Osteuropa, aber auch aus westeuropäischen Ländern, zur Arbeit gezwungen wurden. Bislang war kaum bekannt, dass allein in den von Deutschland besetzten Gebieten mindestens sieben Millionen Zwangsarbeiter eingesetzt wurden (www.ausstellung-zwangsarbeit.org).

Vor allem ältere Menschen (über 65 Jahre) erinnern nicht den Umfang der Zwangsarbeit – nur 13 % schätzen das Ausmaß der Zwangsarbeit realistisch ein. Bei den Jüngeren (19- 49 Jahre) ist es immerhin ein Viertel (23 %) der Befragten. Unerwartet hoch ist allerdings das Interesse für das Thema bei den Jugendlichen: Zwar ist für etwa zwei Drittel (59 %) der 14-18-Jährigen die NS-Zwangsarbeit kein Thema im persönlichen Umfeld. Dennoch gaben 80 % der Jugendlichen an, dass sie die Problematik interessant oder sehr interessant finden. Nur ein Viertel (28 %) aber hat das Thema ausführlich im Unterricht behandelt. Befragt wurden 200 Jugendliche in dieser Altersgruppe, um das Wissen und Interesse zu beleuchten.

„Dass gerade junge Menschen mehr über die NS-Zwangsarbeit erfahren wollen, bestärkt uns in unserem Auftrag, über das Thema zu informieren und so lange es geht, Begegnungen zwischen Jugendlichen und den Opfern zu ermöglichen. Dieses Ergebnis ist für uns eine Ermutigung. Es wird aber auch deutlich, dass es erhebliche Wissenslücken gibt, die wir unter anderem mit der Ausstellung zum Thema NS-Zwangsarbeit schließen wollen.“, so der Vorstand der Stiftung EVZ, Günter Saathoff.

Insbesondere junge Menschen finden, dass über das Thema zu wenig informiert wird (69 % der 14-18-Jährigen). Nur 1 % in dieser Altersgruppe meint, dass über das Thema zu viel informiert wird. Bei den Älteren (65-74 Jahre) geben das immerhin 13 % an. Von den über 75-Jährigen erinnern sich 77 % an Zwangsarbeit in ihrem persönlichen Umfeld, 22 % gaben an, keine Erinnerung an Zwangsarbeiter zu haben.

Sehr hoch ist die Zustimmung zu den geleisteten Entschädigungszahlungen durch die Stiftung EVZ. Neun von zehn Befragten (88 %) empfinden die Zahlungen der Stiftung EVZ, die im Jahr 2007 abgeschlossen wurden, als richtig, wobei 52 % der Befragten die bisherigen Entschädigungen nicht ausreichend finden. 15 % derer, die meinen, die Entschädigungszahlungen seien nicht oder weniger wichtig (insgesamt waren das 10 % aller Befragten), gaben an, man solle unter das Thema „einen Schlussstrich“ ziehen, vor allem Befragte mit geringer Schulbildung (Hauptschule) waren in dieser Gruppe mit 18 % überdurchschnittlich vertreten.

Die Hälfte (50 %) der Befragten meint, dass die Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter zur Versöhnung (hier beispielhaft für das Nachbarland Polen gefragt) beigetragen haben. 39 % hingegen stimmen dem nicht zu. Vor allem in Ostdeutschland ist hier die Skepsis höher als im Westen (51 % West / 43 % Ost).

ZWANGSARBEIT – Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg

Eine Ausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
im Jüdischen Museum Berlin, initiiert und gefördert von der
Stiftung „Erinnerung Verantwortung und Zukunft“
28. Sept. 2010 – 30. Jan. 2011

Die Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ erzählt erstmals die gesamte Geschichte des Verbrechens und sie zeigt, wie die Zwangsarbeit von Beginn an Teil der rassistischen Gesellschaftsordnung des NS-Staates war: Die propagierte „Volksgemeinschaft“ und die Zwangsarbeit der Ausgeschlossenen – beides gehörte zusammen.

Durch umfangreiche internationale Recherchen kann die Ausstellung historische Exponate und Fotografien präsentieren, die den Einzelnen und seinen Handlungsspielraum in den Blick nehmen aber auch die europäische Dimension.

Weitere Informationen unter www.ausstellung-zwangsarbeit.org

Ein Kommentar zu “Ausmaß der NS-Zwangsarbeit wird unterschätzt

  1. Das ist doch einmal konsequent.
    Erst wird festgestellt: Die deutsche Jugend ist an dem Thema interessiert.
    Dann wird eine Ausstellung zum Thema kreiert.
    Soweit – so gut.

    Leider wird, wie ich bisher verstanden habe, diese Ausstellung zwar späer in verschiedenen ausländischen Hauptstädten gezeigt, in Deutschland jedoch nur an einem Ort im äusseren Osten (Berlin). Da Deutschland ja nun mal kein ganz kleines Land ist, erhält der Großteil der interessierten deutschen Jugend damit KEINE Gelegenheit, sich die Ausstellung anzuschauen.
    Schade eigentlich. Einige Renomierausstellungen im Ausland weniger und dafür ein paar Stationen in Deutschland mehr (z.B. in den "Häusern der Geschichte“) wären besser.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.