- haGalil - http://www.hagalil.com -

Ungarn auf dem Weg zur völkischen Gemeinschaft

Die drei Forderungen der französischen Revolution, Liberté, Egalité, Fraternité wurden zwar nicht verwirklicht, begeistern aber Generationen von Demokraten. Das Vichy-Regime ließ diese durch „Travail, Famille, Patrie“ (Arbeit, Familie, Heimat) ersetzen. Die in Ungarn regierende Fidesz Partei trat mit „Arbeit, Heim, Familie“ („Munka, Otthon, Család) zur Wahl an…

Von Karl Pfeifer

Die Ähnlichkeit mit den Parolen des Vichyregimes ist nicht zufällig, Nationalismus und Klerikalismus kennzeichnete Petains Herrschaft und die Fideszpartei ist nationalistisch und wurde von einer antiklerikalen zu einer klerikalen Partei.

Ausgerechnet am 11. 9. feierte Jobbik den „Tag der arabisch-ungarischen Freundschaft“.

Parteivorsitzender Gábor Vona erklärte dort, dass die Tage des Staates Israel gezählt sind und die Israelis vorhaben, Ungarn zu erobern. Er rechtfertigte auch den Terrorangriff am 11.9. 2001 auf die USA.

Auch die Hamas war auf dieser Veranstaltung vertreten. Sie schreibt sich ungarisch Hamasz, und genau das ist auch die Abkürzung für „Hazafias Magyarok Szövetsége“, Bund Patriotischer Ungarn. Vorsitzender ist der antisemitische reformierte Pastor Lóránt Hegedüs jun.. Seine ungarische HAMASZ wurde 2007 als „Rettungsmaßnahme für das von Israel bedrohte Ungarn“ gegründet, als Reaktion auf die Äußerung von Schimon Peres 2007 auf einer Tagung von Immobilienhändlern in Tel Aviv, „wir kaufen Manhattan auf, wir kaufen Polen auf, wir kaufen Rumänien auf und wir kaufen Ungarn auf“. Es gab keinen Aufschrei weder in Manhattan, noch in Rumänien oder in Polen – dafür aber in Ungarn. Die Aussage wurde ins Englische übersetzt, auf Youtube veröffentlicht und die Empörung über Israel reichte bis in die Mitte der ungarischen Gesellschaft.

Jobbik Politiker schlägt KZ für kriminelle Zigeuner und Sozialdemokraten vor

Am 17. September berichtete die der Fidesz nahe stehende Tageszeitung Magyar Hirlap über den Vorschlag von Gábor Staudt, Jobbik Kandidat für den Posten des Budapester Bürgermeisters, der meint, man müsse „Siedlungen für die Verteidigung der öffentlichen Ordnung“, d.h. Konzentrationslager schaffen und kriminelle Zigeuner und Mitglieder der sozialdemokratischen Partei MSZP einliefern. Die nationalsozialistische Jobbik Partei erhielt bei den letzten Parlamentswahlen im April 17 Prozent der Stimmen.

Umbenennen in Budapest

Am 16. September wurde die sich zur „Neuen Rechten“ bekennende „Nationale, konservative Geschichtsforschung Stiftung“ gegründet, die mit „Auch Dich brauchen wir!“ aufruft, ihr beizutreten.

Árpád Szakács, Generaldirektor dieser revisionistischen Stiftung hielt heute (19.9.2010) vor dem Gebäude der Zentrale der Budapester öffentlichen Bibliothek eine Pressekonferenz ab und meinte, seine Stiftung fände es unwürdig, dass eine der wichtigsten nationalen Institutionen wie die hauptstädtische Bücherei den Namen eines „extrem linken kommunistischen Ideologen“ trage.

Szakács erinnerte daran, dass Ervin Szabó Anfang der 1900er Jahre eine führende Rolle spielte bei der „Verbreitung linksextremer Ideologien in Ungarn“. Und er setzte noch hinzu: Ervin Szabó war derjenige, der „die Schriften von Marx und Engels popularisierte, damit die Propaganda der späteren kommunistischen Diktatur [er meint die kurzlebige Räterepublik 1919] betrieb, so schrieb er das Vorwort zur ersten ungarischen Übersetzung des Kommunistischen Manifests und begrüßte und unterstützte den von Lenin geführten bolschewistischen Putsch.“

Szakács schlug vor, die Bibliothek umzubenennen. Auch der Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten, Géza Szőcs, sprach sich mittlerweile dafür aus, dass die hauptstädtische Bibliothek nicht nach einem Marxisten benannt werden sollte.

Wer war der führende Sozialdemokrat, den die Revisionisten aufs Korn nehmen?

Ervin Szabó (1877-1918), nach dem die hauptstädtische Bücherei benannt ist, hat an der Budapester und Wiener Universität Rechtswissenschaft studiert und wurde schon damals mit seinen statistischen und bibliothekarischen Arbeiten bekannt. Er schloss sein Studium 1899 mit dem Doktorat ab und nach ein paar Jahren Praxis kam er zur hauptstädtischen Bibliothek, deren Direktor er 1911 wurde. Er initiierte den Ausbau der Bibliothek, so dass diese für alle Schichten zugänglich wurde. Seine Vorbilder waren die britischen public libraries. Unter seiner Führung entstand eine moderne gesellschaftswissenschaftliche Bibliothek. Er begann seine Tätigkeit als Wissenschaftler 1903 und publizierte nicht nur in der ersten ungarischen soziologischen Zeitschrift sondern auch in der deutschen Neue Zeit und der französischen Mouvement Socialiste. Während des Ersten Weltkrieges wurde er trotz seiner schweren Krankheit der geistige Führer der antimilitaristischen Bewegung. Sein großes Geschichtswerk „Gesellschaftliche und Parteikämpfe während der ungarischen Revolution 1848-49“ beendete er kurz vor seinem Tod 1918.

Mit solchen Aktionen wollen Rechte und Rechtsextremisten in Ungarn – die eine völkische Gemeinschaft anstreben – das Rad der Geschichte zurückdrehen. Anstatt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit greifen Verlogenheit, Gemeinheit und Dummheit um sich.