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„Es war nicht nur ein Traum“

Zum 1.Todestag des Historikers und Pädagogen Chaim Seeligmann…

Von Sieghard Bußenius

Am 25.09.2009 starb der israelische Historiker und Pädagoge Chaim Seeligmann in seinem Kibbuz Givat Brenner. Mehr als drei Jahrzehnte hatte er wegweisende Impulse für den deutsch-israelischen Fachaustausch und den christlich-jüdischen Dialog gegeben. Noch im hohen Alter war er ein gefragter Interviewpartner für Reportagen aus Israel[01]; sein Tod wurde jedoch von der deutschen Presse nicht wahrgenommen. Zu seinem ersten Todestag soll nun endlich ein gebührender Nachruf erscheinen.


Chaim Seeligmann am 06. Juli 1987 in Hamburg

Als Bankiersohn in den Kibbuz – Privater und beruflicher Werdegang 

Chaim Seeligmann wurde am 16. November 1912 in Karlsuhe geboren, er war das zweite von fünf Kindern der Eheleute Oskar und Thea Seeligmann. Unter seinem deutschen Namen Heinz Alfred wuchs er in einem jüdischen, weitgehend assimilierten und großbürgerlichen Elternhaus auf. Der Vater war, ebenso wie beide Großväter, im Bankgewerbe zu Wohlstand und Ansehen gekommen. Heinz Alfred Seeligmann besuchte ein humanistisches Gymnasium und absolvierte nach dem Abitur auf Wunsch der Eltern eine zweijährige Banklehre. Im Gegensatz zu ihren Vorstellungen wandte er sich allerdings schon als Schüler zionistisch-sozialistischen Gruppierungen zu. Was zunächst als jugendlicher Protest gegen die bürgerliche Assimilation der Eltern begann, sollte den späteren Lebensweg des jungen Mannes entscheidend prägen.

Nach seiner Banklehre ging er nach Berlin und arbeitete drei Jahre in der zionistischen Jugendorganisation ‚Hechaluz’ (hebr. der Pionier), die junge Menschen auf ein Arbeiterleben in Palästina vorbereitete und anschließend ihre Auswanderung organisierte. Diese Vorbereitung geschah oft auf abgelegenen Bauernhöfen und wurde im Sprachgebrauch der jungen Pioniere ‚Hachschara’ (hebr. Ausbildung, Ertüchtigung) genannt. Nachdem Heinz Alfred Seeligmann selbst eine ‚Hachschara’ in der Schweiz absolviert hatte, verließ er am 1. März 1936 Europa und fuhr mit dem italienischen Schiff ‚Galiläa’ nach Haifa. Seine Eltern wurden am 22. Oktober 1940 von Karlsruhe in das südfranzösische Konzentrationslager Gurs deportiert und starben an den Folgen ihrer Strapazen; zwei Brüder kamen in den Vernichtungslagern des Ostens um[02].

Als Sohn begüterter Eltern konnte Heinz Alfred Seeligmann mit einem sogenannten ‚Kapitalisten-Zertifikat’ in das britische Mandatsgebiet Palästina einreisen. Diese Zertifikate erhielten Menschen, die nachweislich über ein Vermögen von mindestens 1000 britischen Pfund verfügten. Nach seiner Ankunft schloss er sich dem südlich von Tel Aviv gelegenen Kibbuz Givat Brenner an und begann – jetzt unter dem hebräischen Vornamen Chaim – mit seiner ‚Proletarisierung’. Er zahlte sein Geld in die Kibbuz-Kasse ein, gab sein gesamtes privates Eigentum ab und arbeitete unter den einfachsten Bedingungen als Gemüsegärtner, Fuhrmann und Lastenträger im Hafen von Tel Aviv. Die Arbeiter-Kwuza (hebr. Gruppe, Kollektiv) wählte ihn bald zu ihrem Sekretär und so trat Chaim Seeligmann sein erstes Amt als Funktionär an. Später erhielt er von der Kibbuzleitung den Auftrag, junge Neueinwanderer aus Deutschland im Hafen zu empfangen und zu betreuen. 1939 heiratete er Schifra Gurwitz, die aus Litauen nach Palästina gekommen war und ebenfalls im Givat Brenner lebte.

Die Liste seiner weiteren Tätigkeiten ist lang und beeindruckend: Er war Fabrikarbeiter, Soldat und Offizier in der vorstaatlichen Militärorganisation Palmach, Jugendleiter und Sendbote der Kibbuzbewegung in Frankreich. Von 1951 bis 1965 arbeitete er an der Kibbuzschule, zunächst als einfacher Lehrer und später als ihr Direktor; während dieser Zeit studierte er zusätzlich an den Universitäten von Tel Aviv und Jerusalem. 1965 wählte ihn die Gemeinschaft des Kibbuz für zwei Jahre zu ihrem Sekretär (Bürgermeister); dieses Amt übte er auch während des Sechs-Tage-Krieges im Juni 1967 aus.

Nach seiner Pensionierung als Schuldirektor war Chaim Seeligmann noch mehr als drei Jahrzehnte in der Erwachsenenbildung tätig. Er lehrte als Dozent am Studienzentrum der Vereinigten Kibbuzbewegung in Ramat Efal, wo Kibbuzmitglieder in verschiedenen Kursen unterrichtet werden. Besondere Schwerpunkte seiner Lehrtätigkeit waren die Weimarer Republik und der Nationalsozialismus. Weiterhin arbeitete er am Dokumentations- und Forschungsinstitut Yad Tabenkin, das sich ebenfalls in Ramat Efal befindet und nach dem 1971 verstorbenen Gewerkschaftsführer Jitzchak Tabenkin benannt wurde[03].

Rastlos im Ruhestand – Zeitgeschichtliche Forschungen in Deutschland und Israel

In den 1970er Jahren wandte sich Chaim Seeligmann zeitgeschichtlichen Forschungsarbeiten zu. Ihn beschäftigte die Frage, welche Erziehungsmuster die Schoah in Deutschland vorbereitet und ermöglicht hatten. An der Universität von Tel Aviv begann er ein Dissertationsprojekt, in dem er die Lage und das Bewusstsein deutscher Lehrer und Erzieher in der Weimarer Republik untersuchte. Mit großer Akribie studierte er Grundsatzwerke, Lehrbücher, Fachzeitschriften, Schulaufsätze und vieles mehr. Er kam zu der Schlussfolgerung, dass die Philologen zum überwiegenden Teil aus ihrer republikfeindlichen Grundhaltung heraus mit dem Gedankengut der jungen NSDAP sympathisierten, wenngleich sie deren plebejische Straßenkämpfe entschieden ablehnten. Leider konnte er seine Dissertation aus familiären Gründen nicht zu Ende bringen, aber er hat eine Vielzahl von wegweisenden Einzelstudien und Aufsätzen hinterlassen.

Weiterhin betätigte sich Chaim Seeligmann als Historiker der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung in der Weimarer Republik, wobei es sein besonderes Anliegen war, deren Einfluss auf die israelischen Kibbuzim herauszuarbeiten. Die pädagogischen Grundprinzipien jener Bewegung waren nach seiner Darstellung ‚Verwirklichung’ und ‚Freiwilligkeit’. Ihre Jugendbünde kamen bereits in den 1920er Jahren zu der Ansicht, dass Deutschland ihnen keine Lebensperspektive mehr geben würde. So strebten sie danach, in ‚Erez Israel’ eine solidarische Lebensform auf sozialistischer Basis aufzubauen, das heißt gemeinsam zu verwirklichen. Allerdings unterschied sich ihre Vorstellung vom Sozialismus grundlegend von den autoritären Modellen der kommunistischen Bewegung, deshalb galt die ‚Freiwilligkeit’ als zweites Kennzeichen ihrer Aufbauarbeit. In zahlreichen Aufsätzen beschrieb Chaim Seeligmann die Wirkungsweise seiner Bewegung, die unter der NS-Herrschaft viele tausend Jugendliche befähigen sollte, sich rechtzeitig vor den Deportationen in Sicherheit zu bringen.

In den 1980er Jahren erreichte Chaim Seeligmann eine Anfrage von der Universität Bielefeld, wo sich Wolfgang Melzer und Werner Fölling an der Pädagogischen Fakultät für die Geschichte einer Hachschara bei Hameln interessierten. Diese Anfrage weckte sein Interesse; denn es stellte sich bald heraus, dass die Teilnehmer jener Hachschara zu den Mitbegründern von Givat Brenner gehört hatten. Im Jahre 1926 gründeten junge Zionisten im Weserbergland ein landwirtschaftliches Ausbildungszentrum, das sie selbstbewusst ‚Kibbuz Cherut’ (Freiheit) nannten. Schon zwei Jahre später verließ eine erste Gruppe dieses Zentrum, wanderte kollektiv nach Palästina aus und ließ sich dort erfolgreich nieder. Als Chaim Seeligmann die Anfrage aus Bielefeld erhielt, nahm er sofort Kontakt zu den beiden Wissenschaftlern auf. Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine enge Kooperation zwischen ihm, dem Institut Yad Tabenkin und der Universität Bielefeld. Sie gipfelte nicht nur in einer aufschlussreichen Publikation[04], sondern führte auch dazu, dass Chaim Seeligmann beinahe jährlich nach Deutschland flog und ein gefragter Gastdozent an den Universitäten Bielefeld und Kassel wurde. Er hielt zahlreiche Vorlesungen, organisierte deutsch-israelische Begegnungen und begleitete weitere Forschungsprojekte. 1990 erhielt Chaim Seeligmann für seine wissenschaftlichen Leistungen von der Pädagogischen Fakultät der Universität Bielefeld die Ehrendoktorwürde zuerkannt.

Chaim Seeligmann untersuchte jedoch auch die Zeitgeschichte in Israel. Im Forschungs- und Dokumentationszentrum Yad Tabenkin beschrieb er kritisch die aktuellen Entwicklungen der Kibbuzim und stellte sie den Idealen der frühen Pionierzeit gegenüber. Besonders beschäftigte ihn die Frage, wie diese genossenschaftlichen Siedlungen in einer kommerzialisierten, globalisierten und gleichzeitig individualisierten Welt weiterentwickelt werden könnten. Mit der Wehmut eines Kibbuz-Veteranen verfolgte er, dass auch in Givat Brenner traditionelle Errungenschaften wie Basisdemokratie, Ämterrotation und Einkommensgleichheit allmählich abgeschafft wurden. In historischen Studien wies Chaim Seeligmann darauf hin, dass die Gründergeneration durchaus praktikable Ansätze zu einem herrschaftsfreien Zusammenleben im Sinne des gewaltlosen Anarchismus entwickelt hatte. Bis in das hohe Alter war Chaim Seeligmann bestrebt, diese Ansätze neu zu erforschen und für künftige Generationen festzuhalten. Gemeinsam mit Yaakov Goren übersetzte er Schriften von Erich Mühsam, Gustav Landauer und Bernard Lazare in das Hebräische und ließ sie am Institut Yad Tabenkin veröffentlichen[05]. In deutscher Sprache  verfasste er mehrere Artikel für das ‚Lexikon der Anarchie’, das zunächst als gedrucktes Handbuch und später als Online-Ausgabe im Internet erschien[06]. Ebenso wandte er sich als Forscher und Botschafter der Kibbuzbewegung von Yad Tabenkin an das deutschsprachige Publikum. So gab er gemeinsam mit Gabi Madar die Zeitschrift: „Kibbuz Studien“ heraus; sie erschien von 1988-99 in unregelmäßigen Abständen bis ihre Veröffentlichung aus finanziellen Gründen eingestellt werden musste.

Ein Aspekt aus dem Leben von Chaim Seeligmann soll abschließend noch erwähnt werden. Im Jahre 1985 kam er in Kontakt mit einer Gruppe engagierter Christen, die sich ‚Katholische Integrierte Gemeinde’ nannten und eine gemeinsame Lebensform entwickelt hatten. Gegründet wurde diese Gemeinschaft in der Aufbruchzeit von 1968, wobei ihre Wurzeln bis in die ersten Jahre nach dem Kriegsende zurückreichten. Ihre Mitglieder verband die Suche nach einem neuen Glaubensverständnis, der Schock über die Schoah und das Streben nach einem neuen Dialog mit dem jüdischen Volk[07]. Nachdem Chaim Seeligmann als bekennender Agnostiker auf die ersten Kontaktversuche der strenggläubigen Katholiken noch recht reserviert reagiert hatte, spürte er bei nachfolgenden Begegnungen, dass hier die Basis für einen tief greifenden Dialog gegeben war. Im Laufe von zwei Jahrzehnten entwickelte sich eine respektvolle Freundschaft zwischen Chaim Seeligmann und der ‚Katholischen Integrierten Gemeinde’, die ihm zum 90. Geburtstag ein besonderes Geschenk bereitete. Sie gab seine Erinnerungen unter dem bezeichnenden Titel: „Es war nicht nur ein Traum!“ heraus.

Chaim Seeligmann starb am Vorabend von Jom Kippur 5770 / 2009 in Givat Brenner und wurde neben seiner Frau Schifra auf dem Kibbuzfriedhof begraben.

Veröffentlichungen von Chaim Seeligmann in deutscher Sprache (kleine Auswahl)

  1. Siehe z.B.: Alexander Visser: „Mit Knickerbockern ins Gelobte Land“; in: Der Tagesspiegel,  Berlin,  29.01 2005 []
  2. Zum Schicksal der Familie siehe das Gedenkbuch für die Karlsruhe Juden;  Stichwort: Oskar Seeligmann;  http://my.informedia.de/gedenkbuch.php?PID=12&name=3898&seite=3&suche=S []
  3. Eine Beschreibung beider Institute findet sich auf der Homepage der International Communal Studies Association ICSA:  http://www.ic.org/icsa/efal.html []
  4. Werner Fölling  und Wolfgang Melzer: „Gelebte Jugendträume – Jugendbewegung und Kibbuz“; Witzenhausen 1989. []
  5. Anarchistim Jedhudim; Ramat Efal 1997. []
  6. Siehe:  http://www.dadaweb.de/wiki/Lexikon_der_Anarchie []
  7. Siehe:  http://www.kig-online.de/web/kig []