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Hitler-, Himmler- und Heydrich-Puppen: In Tschechien werden Nazifiguren verkauft

Auf den ersten Blick sehen die Puppen aus wie Ken, der männliche Gefährte von Barbie. Die Figuren aber, die man in einigen tschechischen Geschäften für Modellwaren kaufen kann, tragen die Züge von führenden Nazis, wie Adolf Hitler oder Joseph Goebbels. Sammlerstücke oder Propagandamaterial? Diese Frage wird derzeit in Tschechien diskutiert…

Patrick Gschwend
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Ein Modellwarengeschäft in einem großen Prager Einkaufszentrum. Adolf Hitler ist bereits ausverkauft. In der Auslage stehen deshalb nur noch die originalgetreuen Nachbildungen von Nazigrößen wie SS-Chef Heinrich Himmler oder dem stellvertretenden Reichsprotektor für Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich. Die Figuren, die die Größe von Barbiepuppen haben, tragen historische Uniformen, die bis in die Details wie SS-Rangabzeichen dem Original nachempfunden sind. Sie kosten umgerechnet etwas mehr als 80 Euro. Ihr Verkauf ist in Tschechien – im Gegensatz zu Deutschland – nicht verboten.

„Aus ethischer Sicht komme mir das zwar auch nicht in Ordnung vor. Die Lieferanten, an die wir vertraglich gebunden sind, stellen aber Nachbildungen sämtlicher Kriegspersönlichkeiten her“, verteidigt sich Matěj Pecka, der Mitinhaber des Modellwarengeschäfts. Im Sortiment seien zum Beispiel auch Winston Churchill und verschiedene japanische Weltkriegsgeneräle. Auf der Verpackung ist ein kurzer Lebenslauf der entsprechenden Person abgedruckt und welche Taten auf ihr Konto gehen. Für Propagandamaterial hält Pecka die Figuren daher nicht.

Diese Haltung vertritt auch der Politologe und Extremismusforscher Miroslav Mareš: „Der Krieg ist nun schon fast 70 Jahre her, und aus unserer Geschichte lässt er sich nun einmal nicht ausblenden. Und wenn das irgendwelche Figuren aus einer Kollektion über die Kriegsgeschichte sind, dann würde ich das nicht für einen so tragischen Verstoß gegen die Moral halten.“

Ähnlich gelassen sieht die Angelegenheit auch Tomáš Kraus, der Sekretär des Verbandes der jüdischen Gemeinden in Tschechien: „Wenn so etwas im historischen Kontext präsentiert wird und es dabei nicht zu einer Heroisierung dieser Figuren kommt, dann kann man dagegen nichts einwenden. Eine wichtige Rolle spielt hier die Bildung. Wenn junge Menschen ein entsprechendes Wissen über den Zweiten Weltkrieg haben und wissen wofür diese Personen standen, dann ist das Risiko zum Missbrauch geringer.“

Ein Verkaufsverbot würde nichts lösen, sagt Kraus. Wer solche Figuren unbedingt haben wolle, der könne sie auch in anderen europäischen Ländern kaufen.

Gegen ein Verbot ist auch Milouš Červencl, der Leiter der Gedenkstätte in Lidice. Das Dorf wenige Kilometer nordwestlich von Prag wurde im Juni 1942 von den Nazis ausgelöscht – als Vergeltungsaktion für das Attentat auf Reinhard Heydrich wenige Tage zuvor. „Ich persönlich halte die Figuren für absolut überflüssige Erzeugnisse“, sagt Červencl. Wenn jemand sich so eine Figur zur Komplettierung seiner Sammlung kaufe, dann könne er das aber eventuell noch verstehen.

Auch wenn sich die Aufregung über den Verkauf der Nazipuppen in Grenzen hält, ist Händler Pecka die mediale Aufmerksamkeit unangenehm. Die für die tschechische Geschichte heikelste Figur, Reinhard Heydrich, werde er wohl aus dem Sortiment nehmen. Die Resonanz sei „nicht unbedingt positiv“ gewesen.

Radio Praha