Von vergessener Musik

Regisseur Bernhard Pfletschinger begleitete den Musikwissenschaftler, Pianisten und Violinisten Kolja Lessing auf seiner Spurensuche nach den „Fernen Klängen“ verschollener Musik und präsentiert ein sensibles Porträt vergessener Komponisten und Musiker…

Abel Ehrlich, Wladimir Vogel, Haim Alexander, Josef Tal, Paul Ben-Haim, Tzvi Avni, Berthold Goldschmidt – Namen, die heute weitgehend vergessen sind. Sie alle sind oder waren bedeutende Komponisten, die das gleiche Schicksal teilen. Sie alle waren begabte Talente, die als Juden Nazi-Deutschland verlassen mussten. Ihre Ausbildung und Karrieren setzten sie fort, in Palästina, in England und den USA, doch in Deutschland werden ihre Werke erst jetzt langsam wieder entdeckt.

Das ist das Verdienst einiger weniger Engagierten, wie etwa Kolja Lessing, den der Film begleitet. Was man bis heute von der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts vermittelt bekommen habe, sei lediglich ein Skelett, so der Musiker. Die dazwischen liegenden Wege und Adern aufzuspüren, sieht Lessing als eine seiner wichtigsten Lebensaufgabe. Von seinem Engagement zeugen auch zahlreiche Uraufführungen von Violinwerken, die Komponisten wie Haim Alexander, Abel Ehrlich, Jacqueline Fontyn, Berthold Goldschmidt und Hans Vogt eigens für Kolja Lessing schrieben.

Foto: Kolja Lessing, Berlin 2009 © Schnittstelle Pfletschinger GbR

Im Film sind zahlreiche Interpretationen Lessings zu hören, die dem Zuschauer einen Einblick in Vielfalt und Bandbreite der verschollenen Musik jüdischer Komponisten ermöglicht. So auch Abel Ehrlichs „Bashrav“ für Solo Violine aus dem Jahr 1953. Ehrlich wurde 1915 im ostpreußischen Crantz geboren. Seine Familie floh 1934 nach Jugoslawien und von dort aus 1939 nach Palästina. Er komponierte über 3000 Stücken der unterschiedlichsten Richtungen für alle erdenklichen Instrumente und wurde einer der wichtigsten Lehrer für Komposition in Israel. Abel Ehrlich suchte stets den kulturellen Dialog, so auch mit seinem bekanntestes Werk „Bashrav“, das mit einer Verbindung von Elementen arabischer und westlicher Musik arbeitet. Auch wenn Abel Ehrlich in Israel zahlreiche Preise erhielt, werden seine Werke dort so gut wie nicht aufgeführt, eine Tatsache, die Abel in seinen letzten Lebensjahren traurig zur Kenntnis nahm. Durch das Engagement von Kolja Lessing ist Abel Ehrlichs Werk zumindest in Deutschland wieder zu hören.


Abel Ehrlich, Unterricht am Oranim Academic College, 1963

Im Film wird auch Tzvi Avni ausführlich porträtiert, der 1927 in Saarbrücken geboren wurde und im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern nach Palästina floh. Avni ist häufig zu Gast in Deutschland. Für Kolja Lessing ist er der wichtigste Ansprechpartner für die Exilmusik in Israel, er kannte alle deutschen Komponisten dort, lernte bei Paul Ben-Haim und Abel Ehrlich. Er erinnert sich, wie er sich in der neuen und anderen musikalischen Welt mit ihren orientalischen Klängen zurechtfand. Zionistische Musik zu schreiben bedeutete danach, eine musikalische Sprache für Umgebung und Kultur, aber auch und die Ideale dieser Zeit zu finden.

Vom Einfluss der „Jekken“, also der deutschsprachigen Juden, auf die israelische Musiklandschaft berichtet Michal Zmoira-Cohn, Musikwissenschaftlerin und spätere Rundfunkredakteurin. Es habe keine Möglichkeit gegeben, in Israel Musik zu studieren, ohne Deutsch zu sprechen.

Bernhard Pfletschingers Film wird nicht nur Musik-Interessierte begeistern. Und er hilft dabei, die Bemühungen Kolja Lessings, das verschüttete Erbe dieser Musik greifbar zu machen, weiterem Publikum bekannt zu machen. Denn es gehe auch darum, so Kolja Lessing, eine Selbstverständlichkeit der Aufführung zu etablieren, die vielleicht irgendwann dazu führen, dass die Werke nicht mehr unter dem besonderen Ausrufezeichen eines verfolgten Kompositors angekündigt werden.

Ferne Klänge – Auf den Spuren verschollener Musik des 20. Jahrhunderts
von Bernhard Pfletschinger
75 Min., DVD-Edition
Oktober 2009
45 Min. für WDR,
Erstausstrahlung 2. März 2010, 23.15 Uhr

Schnittstelle Köln ist bemüht, Sponsoren für eine englische Untertitelung zu finden. Weitere Informationen dazu, sowie zum Erwerb der DVD unter: info@schnittstelle-koeln.de, www.schnittstelle-koeln.de