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Das wundersame Toleranzverständnis in der fränkischen Gemeinde Ermreuth

Orthodoxe Juden, getaufte Osmanen, christliche Nachbarn und ein Neo-Nazi: Ein dringend notwendiger Hilferuf…

Von S. Michael Westerholz, Deggenau

Ermreuth, bis 1971 eigenständige Gemeinde im bayerischen Landkreis Forchheim, gehört heute zu Neunkirchen am Brand, zwölf Kilometer östlich von Erlangen gelegen. Inmitten des Dorfes gleich neben der sanierten Synagoge, steht das Haus der Familie Schwarzhaupt: Ein Wohnhaus zwar typisch fränkischen Stils, aber nach dem Einbruch der architektonischen Gleichmacherei auch in  Frankens Dörfern von ungewöhnlicher Seltenheit. Das mit Feldsteinen der Umgebung aufgemauerte Haus hat sich in 150 Jahren  fast unverändert erhalten.  Mit Toilette, die so an die rückwärtige Außenwand angebaut ist, dass Exkremente und Abfälle direkt in den angrenzenden Bach fielen und weggeschwemmt wurden. Mit Wohnung und Laden der geschäftlich vielseitigen, immer Spenden freudigen Familie.

Die Wissenschaftlerin Dr. Rajaa Nadler, die mit außerordentlicher Überzeugungskraft und ehrenamtlichem Engagement mit dazu beigetragen hat, dass die architektonisch einzigartige, sehr große Synagoge Ermreuth wieder zu einem G´tteshaus wurde, gleichzeitig zum Museum der jüdischen Geschichte des Ortes, und der auch die Gründung des Zweckverbandes Synagoge Ermreuth  zum Unterhalt des Bauwerkes zu verdanken ist, kämpft seit Jahren um den Erhalt des Schwarzhaupt-Hauses. „Es wäre als Museum die ideale Ergänzung zu einem Ensemble jüdischer Geschichte in Ermreuth und Franken. Und eine klare Absage an jene Neo-Nazis, die zu Zeiten der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausgerechnet im Schloss Ermreuth ihr Hauptquartier hatten.“

Ende September 2010 entscheidet sich, was aus dem Haus wird und was aus den Plänen der agilen, eloquenten Frau und Mutter von zwei Kindern: Im Dorf wächst die Mehrheit jener Bürger, die eine Kostenbeteiligung  der überlebenden jüdischen Ermreuther und deren Nachfahren verlangen. Nur dann wollen sie Ausgaben aus eigenen Spenden und Kassen der öffentlichen Hand zustimmen. Tatsächlich haben sich einige der vertriebenen Juden unter anderem in den USA erstklassig etabliert – unter schwersten Bedingungen und nach traumatischen Erlebnissen in ihrer einstigen, zuletzt mörderischen deutschen Heimat. Sie weigern sich aber, „die Wiederherstellung einstigen Eigentums zu finanzieren, dass uns Verbrecher genommen haben. Und in einem Ort zu investieren, aus dem jüdische Verwandte, Nachbarn, Freunde verschleppt und ermordet wurden. An das, was Deutsche verbrochen habe, müssen Deutsche erinnern, Nachfahren der Täter, nicht der Opfer!“

Dr. Nadler: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass das Schwarzhaupt-Anwesen gerettet, saniert und zum Museum bestimmt werden kann. Argumenten von Bürgern, das Haus solle abgerissen, der Standort als Parkplatz hergerichtet und so ein noch schönerer, zusätzlicher Blick auf die Synagoge ermöglicht werden, überzeugen mich nicht. Ich appelliere an die lokalen, regionalen und Landespolitiker, aber auch an wohlmeinende Menschen in aller Welt, den Abriss zu verhindern. Ermreuth hat eine besondere Aufmerksamkeit verdient, weil der Umgang vieler christlicher Nachbarn mit ihren jüdischen Freunden in den Terrorjahren ab 1933 vorbildlich war. In der teilweise symbiotischen Verbindung zwischen Christen und Juden in Emreuth spielte das Schwarzhaupt-Haus eine bedeutende Rolle. Wer immer dies liest – bitte helfen Sie mir und den Interessenten  für die Rettung des Schwarzhaupt-Hauses!“

So klein der Ortsteil Ermreuth mit seinen 921 Einwohnern (2006) im abseitigen, langgestreckten, von Ostbäumen dicht gesäumten oberen Schwabachtal auch ist – seine Geschichte schwankt doch zwischen „eindrucksvoll“  und  „einzigartig bis zum blanken Entsetzen!“ 

Eindrucksvoll war zum Beispiel  der christlich-jüdische Zusammenhalt. Er wurde ausgerechnet und zum Glück jüdischer Mitbürger in den Jahren der Gewaltherrschaft ab 1933 sichtbar und teils mutig demonstriert. Erkennbar wurden aber auch, fortdauernd bis in die Gegenwart, Sinn und  Wahnsinn des Begriffs „TOLERANZ“

 

1.Teil

Die Ermreuther Gemeinde- und Schlosshistorie

Ein Spross der Adelsfamilie Egloffstein dürfte Ermreuth im 11. Jahrhundert gegründet haben. 1128 wurde der Ort erstmals urkundlich genannt. Im Jahr 1400 kaufte die Nürnberger Patrizierfamilie  Muffel  erst eine Hälfte des Orts. Ab 1464 bis 1549 besaß sie ihn ganz. Der erstmals 1387 in Nürnberg genannte Familienname – den damals Nikolaus Muffel trug, genannt „Hängemaul“ – geht laut dem Namensforscher Hans Bahlow  „auf den oberdeutschen Begriff für einen mürrischen/muff(l)igen Menschen zurück“ – kein gutes Entrée des Ortes in die Weltgeschichte. 

Denn sicher ist, der um 1525 herrschende Stefan  Muffel  muss ein mürrisch-muff(l)iger Herr gewesen sein: Jedenfalls brannten seine erbosten Untertanen im seinerzeitigen Bauernaufstand sein Schloss in Ermreuth nieder. Nach der Niederlage der hernach grausam bestraften Bauern baute der Muffel das Schloss wieder auf. Im 18. Jahrhundert setzten die von Künsberg/Künßberg ein Geschoss obendrauf und einen mächtigen Treppenturm an die Fassade. Wann die Sage aufkam, ein „schwarzer Schlossgeist“ setze sich späten Gästen  der Taverne auf den Rücken und bedrücke sie bis zur Panik, ist unklar: Erfahrene Sagendeuter glauben eher an einen unwirrschen Schlossherrn Muffel, der seine Bauern lieber ausgeruht sah – schließlich sicherten sie ihm den Unterhalt – garantiert keinen armseligen! Der letzte der Ermreuther Künsberg/Künßberg übrigens, als fröhlicher Zecher bekannt, hatte es denn auch prompt nicht mit weißen Mäusen – wie bis heute üblich unter Alkoholikern! – sondern mit einem Möpschen zu tun: Einem „schwarzen Hündchen mit gelben Extremitäten“, das dem alten Schlossherrn kurz vor seinem Tod erschien!

Erster Exkurs in die Intoleranz

Im Jahre 1858 verkauften die Künsberg/Künßberg Schloss Ermreuth an den Hammerwerksbesitzer Schäff aus Erlangen. Und während von der Toleranz mindestens eines Künsberg/Künßberg auf dem von 1632 bis 1858 als Rittergut bezeichneten   Ort samt Schloss Ermreuth  noch zu reden sein wird, verbindet sich mit den Schäff kaum 65 Jahre später indirekt ein schlimmer Akt der Intoleranz, der Adolf Hitler gezielt in die Hände spielte.

Die Schäff, die das Rittergut Ermreuth bald zur Zertrümmerung an Juden und zwei Katholiken verkauften,  breiteten sich nämlich unter anderem nach Ingolstadt aus, wo sie bis vor wenigen Jahren eine Brauerei eigneten.  Ein  Nachfahre erbte den DONAUKURIER, die Ingolstädter Lokalzeitung. Seine Mutter war eine geborene Reißmüller, deren Mutter eine geborene Liebl – und da öffnete sich jener Kreis, der in der Gegenwart zu Karl-Heinz Hoffmann führt, dem bereits erwähnten „Wehrsport Hoffmann“, dem berüchtigten Neo-Nazi mit Wohnsitz Schloss Ermreuth. Der Schäff-Schwiegervater Dr. Liebl in Ingolstadt verdiente sich als außerordentlich engagierter, sozialer und erfolgreicher Arzt mit einer eigenen Klinik großen Respekt und hohes Ansehen: Er behandelte nämlich häufig Arme, vor allem Schwangere, kostenlos. Aber derselbe Wohltäter, der Hitler sieben Mal in seinem Haus zu Gast hatte,  war auch Mitgründer der deutschen NS-Ärzteschaft, die jüdische Ärzte oft mit Gewalt aus den Universitäten, Krankenhäusern, Kurkliniken und eigenen Praxen vertrieb. Und er verschaffte Adolf Hitler mit der von ihm gegründeten ersten NS-Tageszeitung Deutschlands eine ungemein wirkungs- und bedeutungsvolle Plattform für jene Machtergreifung, die das schiere Grauen über die Welt brachte.

Zweiter Exkurs in die Intoleranz

Schäffs Nachfolger  öffneten dem nationalen Radikalismus den Einzug ins Schloss Ermreuth: Angefangen nach dem Ersten Weltkrieg  mit dem „STAHLHELM“, der das Schloss als Versammlungszentrum nutzte: Als Gast erschien denn auch jener unselige General Erich Friedrich Wilhelm Ludendorff (1865 bis 1937), der die auch für die deutschen Juden so folgenreiche, verleumderische Legende vom „Dolchstoß der Heimatfront in den Rücksen der deutschen Soldaten“ (mit-) erfunden hatte.

Dritter Exkurs in die Intoleranz

In den Terrorjahren der Nazis und ihrer (1996 von  dem US-Soziologie- und Politikwissenschaftler Daniel Goldhagen, *1959, entlarvten) „willigen Vollstrecker“  der Verbrechens-Ideologie Hitlers und dessen  von einer klaren Mehrheit gebilligten mörderischen Staatsziele befand sich im Schloss Ermreuth eine NSDAP-Kreisführerschule. Deren Absolventen griffen die Juden des Ortes häufig an. Wahrscheinlich einige von ihnen schändeten schon 1936 den 1711 angelegten  jüdischen Friedhof: Nach dem Krieg wiesen Ermreuther gerne alle Mitschuld von sich – es seien durchweg auswärtige Nazis gewesen, die in dem Ort gewütet hätten! Jedenfalls erwies sich neben unleugbaren mutigen Toleranzbeispielen christlicher Nachbarn der jüdischen Mitbürger (worüber in einem weiteren Teil dieser Dokumentation noch zu sprechen sein wird) die unmittelbare faschistische Intoleranz als mächtiger: In Scharen verließen sogar uralt eingesessene, total integrierte jüdische Familien den Ort, einige zu ihrem lebensrettenden Glück auch Deutschland so schnell wie möglich.

Kriegsende – aber kein Platz für Toleranz

Den Nazilehrern und ihren Schülern folgten nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Vertriebene und Flüchtlinge aus den verlorenen deutschen Ostgebieten  ins Schloss. Deren Sprecher  in den blitzschnell  gegründeten, durchweg bis heute existierenden Verbänden, waren nicht selten Mitschuldige am totalen Zusammenbruch der Deutschen, Altnazis, radikal Völkische, Antisemiten, Opportunisten und Glücksritter. Als sie 1950 ihre „Charta der Vertriebenen“ beschlossen, gelobten sie das Selbstverständliche, zum Beispiel:

 Sie fanden aber kein Wort zu den Ursachen ihres seelischen Leides, ihrer körperlichen Leiden und ihrer existenziellen und materiellen Verluste: 

 „Sie leckten ihre Wunden. Aber sie weigerten sich, die selbstschuldnerischen Ursachen dafür anzuschauen und zu gestehen – leider bis heute“, klagten Einsichtige anlässlich von Feiern des „Bundes der Vertriebenen – BdV“ zum 60. Jahrestag  dieser Charta.  

Die Sudetendeutschen waren gar noch weitergegangen: Sie hatten die Bestrafung der Schuldigen verlangt – jedoch offen gelassen, ob sie dazu nur Tschechen, oder auch Deutsche rechneten, zum Beispiel jene, die 1938 mit psychischer Gewalt und unter furchtbaren Drohungen die tschechische Zustimmung zum Einmarsch der Deutschen in Böhmen erzwungen und ihren Sieg in dem verlogenen  „MÜNCHNER ABKOMMEN“  völkerrechtlich abgesichert hatten.

Nach einem versöhnlichen Zwischenspiel – die personifizierte Intoleranz bezieht das Schloss

Als die meist zwangsweise einquartierten Flüchtlinge und Vertriebenen nach und nach aus Ermreuth abzogen, das ihnen weder Arbeitsplätze noch passenden individuellen Wohnraum bieten konnte, wurde das Schloss zum Heimkehrerheim ausgebaut und schließlich zum BRK-Altersheim. Dieses Zwischenspiel endete gegen Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre: Da schlüpfte der bereits erwähnte Rechtsextremist Karl-Heinz  Hoffmann bei seiner Lebensgefährtin und späteren Frau Franziska im Schloss unter: Als seine Strohfrau hatte sie es erworben. Er sonnte sich in dem Schreckensimage, das er in vielen Jahren sorgsam aufgebaut hatte. Unter Seinesgleichen  feierte man ihn, verzieh man ihm  so manche Feigheit, so manchen Verrat an Spezln, die für ihn buchstäblich ins Feuer gegangen waren. Für die meisten  Ermreuther, die ihn nicht eingeladen hatten und nur selten sahen, war er die personifizierte Intoleranz.

Selbst gut informierte Ermreuther wissen nicht, wem das jüngst verkaufte,  heruntergekommene  Schloss heute gehört. Dr. Rajaa Nadler vom „Zweckverband Synagoge Ermreuth“ und ihr engagierter Ehemann hörten jedoch einen Namen des angeblichen Käufers. „Er lebt  in einem Nachbarort – wenn er´s ist, wäre das Schloss endlich in den guten Händen eines unzweifelhaft demokratisch agierenden Mitmenschen!“  Hoffmann, körperlich schon seit einigen Jahren ein selten sichtbares Schreckgespenst, soll jedoch noch ein Wohnrecht in dem für Franken so typischen Sandstein-Bauwerk haben.   

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