Bestgehütetes biblisches Geheimnis gelüftet

Israelische Forscher der Abteilung für Land Israel Studien und Archäologie der Bar Ilan Universität in Ramat Gan, Professor Zohar Amar und Dr. David Iluz, haben nach dreijähriger Forschungsarbeit auf alten Terrassen im botanischen Garten von Ein Geddi am Toten Meer das bestgehütete Geheimnis aus biblischer Zeit gelüftet. Sie züchteten jene Pflanze, aus der das biblische Parfum „Afarsemon“ hergestellt wurde. Das Ergebnis ihrer Forschungen präsentierten sie am Mittwoch Abend bei einem Archäologenkongress in Jerusalem…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 2. September 2010

Laut Bibel brachte die Königin von Saba die Pflanze dem König Salomon mit. Das sündhaft teure Parfum betörte die ägyptische Pharaonin Kleopatra und wurde in winzigen Mengen nur nahe dem Toten Meer in Jericho und in Ein Geddi produziert. Die Zucht wurde vom Königshaus in Jerusalem kontrolliert, also von König Herodes, einem der größten Bauherrn des Heiligen Landes, das damals noch Judäa hieß und erst über hundert Jahre später vom römischen Kaiser Hadrian in „Palästina“ umbenannt wurde.


Professor Zohar Amar vor Afarsemon Pflanzen

Nur wenige kannten das Geheimnis, die Wildplanze Commiphora gileadensis künstlich anzubauen und aus ihren Zweigen winzige Mengen eines duftenden Harzes zu gewinnen. Deshalb wurde es zu märchenhaften Preisen in der ganzen römischen Welt verkauft und galt als größte Einnahmequelle des Königs Herodes. Der finanzierte damit den Neubau des Tempels in Jerusalem, die Errichtung vieler Paläste in Massada und anderswo, sowie den Bau des größten Hafens im römischen Reich in Caesarea.

Professor Amar erzählte auf Anfrage, dass Afarsemon nicht nur dutzende Male in der Bibel, im Talmud sowie in griechischen wie römischen Schriften erwähnt und beschrieben wurde, darunter bei Plinius dem Älteren und Josefus Flavius. Amar gelang es, in arabischen und anderen Schriften Beschreibungen der Pflanze bis ins 18. Jahrhundert zu verfolgen. So konnte er sie als wildes Kraut identifizieren, das bis heute im „Land der Königin von Saba“ wächst, also in Ostafrika, Jemen und Saudi Arabien. Weil Israelis dort keinen Zugang haben, hätten deutsche und andere Freunde ein paar Samen und Zweige aus jenen Ländern mitgebracht und nach Israel geschmuggelt. „Wir waren erstaunt, dass die Pflanze in Ein Geddi sofort wucherte, als wäre sie heimgekommen.“ Amar ist sich sicher, in Commiphora gileadensis, auch Opobalsemon und Kataf genannt, dem biblischen Afarsemon auf die Spur gekommen zu sein. Die Afarsemon-Industrie hatte im Altertum derart große wirtschaftliche Bedeutung, dass in Rom, beim Siegeszug nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels nicht nur – wie auf dem Titusbogen dargestellt – die Tempelgeräte, darunter der siebenarmige Leuchter, durch die Straßen getragen wurden, sondern auch einige Zweige der Afarsemon-Pflanze. Die Römer demonstrierten so, die Juden auch wirtschaftlich besiegt zu haben. Doch ihre Freude währte nicht lange. Damit die Römer nicht profitieren könnten, rissen jüdische Kämpfer während des Bar-Kochba-Aufstandes um das Jahr 130 alle Afarsemon-Pflanzen aus und rückten das Geheimnis der Parfumherstellung nicht heraus.

„Wir stießen auf erhebliche technische Probleme, aus den Zweigen das Harz zu gewinnen. Es verflüchtigt sich sofort. Das macht es sehr schwer, das Harz in ausreichenden Mengen zu sammeln und mit Öl zu vermischen, um es als Parfum benutzen zu können.“ Am Ende ist den Forschern das Kunststück doch gelungen. Ob es wirklich so herrlich riecht, wie in der Bibel berichtet? „Geruch ist eine Frage des Geschmacks und der Kultur“, erwiderte Amar und rümpfte ein wenig die Nase. „Es kann nicht mit Chanel und den heutigen chemisch hergestellten Billig- Parfums konkurrieren. Aber auch die bekannten biblischen Gerüche von Mor und Levona entsprechen nicht mehr unseren heutigen Vorstellungen von Wohlgeruch.“ Amar hofft auf moderne Parfumhersteller und auf die pharmazeutische Industrie, sich jetzt der biblischen Parfumpflanze anzunehmen. Denn das Harz wurde nicht nur hergestellt, um Kleopatra zu erfreuen. Es wurde dem Weihrauch im Tempel beigemischt und als Wundermedizin zur Bekämpfung aggressiver Bakterien verwendet. „Afarsemon hat nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch eine Zukunft“, schwärmt Amar.

Weiter verriet er, dass ein Palmwedeln gehülltes in Qumran vor einigen Jahren entdecktes 2000 Jahre altes Gefäß mit einer Flüssigkeit doch wohl nichts mit dem mysteriösen Afarsemon zu tun habe. Das ergaben seine chemischen Untersuchungen. Noch ließ sich nicht ermitteln, woraus die erhaltene Flüssigkeit aus der Zeit Jesu zusammengesetzt sei. Weiter sagte er, dass Untersuchungen zur medizinischen Wirkung von Afarsemon noch in Arbeit seien und nicht veröffentlicht wurden.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com