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Sephardische Lieder und klassische türkische Kunstmusik

Während in Spanien im 15. Jahrhundert die Romansa genannten Lieder zunächst von Adeligen und Kriegshelden handelten, erzählten sie später auch Geschichten aus dem Volk. Diese Volkslieder brachten die sephardischen Juden ins Osmanenreich mit. In jüdischem Spanisch gesungen, wurden sie über Jahrhunderte von der herrschenden Musikkultur, allen voran von der türkischen Kunstmusik beeinflusst und erzählen von der Liebe und dem Leben…

Oksan Svastics “Jüdisches Istanbul

Bei den Liedern, die bis heute von Mutter zu Tochter überliefert werden, kommt es vor, dass dieselbe Komposition mit unterschiedlichem Text oder auch derselbe Text mit unterschiedlicher Komposition gesungen wird. Ein weiterer Bestandteil der türkischen sephardischen Musik ist die geistliche Musik.

Seit Jahrhunderten werden in den Synagogen in der Türkei die geistlichen Lieder unter Verwendung der Tonarten und Formen der türkischen Kunstmusik auf Hebräisch vorgetragen. Der Komponist des Liedes Lekha Dodi mit dem weltweit alle Juden den heiligen Freitagabend begrüßen, war Salomon ben Moses haLevi Alkabes (1505-1584), ein osmanischer Jude aus Edirne. In dem Artikel »Maftirim Olgusuna Tarihsel Genel Bir Bakis« (Allgemeinhistorische Betrachtung zum Thema Maftirim) lehrt uns allerdings Professor Lewin Seroussi von der Hebräischen Universität Jerusalem, dass Tausende von hebräischen Gedichten, die zum Zweck des Vortrags vom 16. Jahrhundert an bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Stil der klassischen türkischen Musik vertont wurden, bis zum 20. Jahrhundert nicht publiziert wurden und nur ein ganz geringer Feil durch mündliche Überlieferung erhalten geblieben ist.

Im selben Essay heißt es, dass man auf Grund fehlender Daten betreffend die Zeit bis Ende des 16. Jahrhunderts davon ausgeht, dass die Tradition der osmanisch-jüdischen Musik mit Israel Najara (1555-1625) begann. Der Rabbiner Israel Najara, der als beeindruckendster sephardischer Dichter des östlichen Mittelmeers gilt, wendete zur Vertonung hebräischer Gedichte das sich derzeit entwickelnde Makam-System an.

Einer der Avantgardisten in der klassischen türkischen Musik war der Rabbiner Salomon bin Mazal Tov (1509-1571), Kantor in den Istanbuler Synagogen. Gemeinsam mit den Derwischen des Mevlevi-Ordens arbeitete er im Galata Mevlevihanesi (Kloster der tanzenden Derwische) an sufistischen Liedern. Er verwendete die Formen, Tonarten und Melodien der klassischen türkischen und der sufistischen Musik sowohl in nichtgeistlichen Kompositionen als auch in den hebräischen Psalmen und Synagogengesängen. Die in den Jahren 1696-1703 in Edirne aufkommenden hebräischen Psalmen (Maftirim) wurden von ihm weiter entwickelt.

Der Tanbur-Spieler Isaak Fresco Romano (?-1814) war der Musiklehrer des späteren Selim III. Er lebte in einer Phase der Blüte des Istanbuler musischen Lebens und genoss große Hochachtung bei Hof. Romano komponierte mehr als 100 Stücke, die in das Repertoire der klassischen türkischen Musik aufgenommen wurden, und erteilte Staatsbediensteten im Enderun (der Palastschule) Musikunterricht.

Unter den jüdischen Künstlern gibt es Komponisten, Textschreiber und Interpreten der türkischen klassischen Musik, deren Ruhm bis in die Gegenwart reicht. Aron Hamon, der im 17. Jahrhundert diese Musikform aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel betrachten konnte und geistliche Lieder sowohl komponierte als auch textete, der Rabbiner Moshe Faro (?-1776) sowie die Rabbiner Semoil Mandil und Nesim Sevilya sind nur einige, die sich um die türkische Musik verdient machten.

Prof. Edwin Seroussi unterteilt die jüdischen Komponisten des späten 19. Jahrhunderts in der Türkei in zwei Gruppen: in diejenigen, die wie Abraham Levi Hayyat (1872-1933, laut einer anderen Quelle 1878-1948), auch bekannt als Udi Misirli Ibrahim, und Isak Varon (1884-1962) sowohl türkische Lieder und Instrumentalwerke als auch Stücke für die Synagoge komponierten, und jene, die wie der Istanbuler Moshe Cordova (1881-1967) oder der Izmirer Itshak Algazi (1889-1951) hebräische Stücke schrieben. Seroussi hält dies für ein Zeichen dafür, dass sich das Auseinanderdriften der laizistischen und der religiösen Juden auch im Bereich der Musik widerspiegelt.

Komponist: Udi Misirli Ibrahim

http://www.youtube.com/watch?v=JJkYqIlfwgM

Isak Varon (1 884-1962) ging 1909 nach  Thessaloniki und arbeitete für bedeutende Platten Firmen wie Sahibinin Sesi, Pathé und Polydor. Die erste sephardische Platte wurde 1905 von Hayim Yapaci Efendi aufgenommen.

Komp. / Beste.: Isak Varon

http://www.youtube.com/watch?v=jOKeDFctE5s

Etwa zwanzig Jahre später trat Ishak Algazi, dessen stimmliche Technik als »prachtvoll« bezeichnet wird, in den Maftirim-Chor der Neve-Salom-Synagoge in Sishane ein. Danach wurde er Kantor der für ihre Musikveranstaltungen bekannten italienischen Synagoge in Galata; man übertrug ihm auch die musikalische Leitung. In seinen zehn Istanbuler Jahren stieg er zu einem der Führer innerhalb der jüdischen Gemeinde auf und genoss auf Grund seiner intellektuellen Persönlichkeit großen Respekt. Er zog die Aufmerksamkeit von Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk auf sich, der ihn anlässlich seiner Darbietung im Dolmabahce-Palast mit den Worten lobte: »Senin gibi bir adam milletimizin yüzakidir – Ein Mann wie du ist der Stolz unserer Nation« und ihm zur Erinnerung einen in lateinischer Schrift verfassten Koran schenkte.

Ishak Algazi komponierte auch den Marsch der türkischen Luftwaffe; der Text stammt von Isak Ferrera. Allerdings gehörte Algazi auch zu den Opfern, die von der Ausgrenzung von Minderheiten aus der öffentlichen Verwaltung betroffen waren – seine Ernennung zum Vorstandsmitglied von Radio Ankara wurde nicht genehmigt. 1930 zog Algazi nach Paris und lebte danach bis zu seinem Tod in den USA.

In den 1950er Jahren waren Victoria Elazan und Jack Mayesh die großen Stars der sephardischen Musik; sie machten Plattenaufnahmen bei Plattenfirmen wie Metropolitan und Me-Re.

Die 1978 gegründete Gruppe Los Pasaros Sefaradis (Sephardische Vögel) hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe dieser Kultur zu schützen.

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Jüdisches Istanbul:
Abwanderung: Die Juden in der Türkei nach 1945

Siehe auch: G’ttesdienstzeiten in Istanbul | Liste der Synagogeen |Koscher in Istandbul