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Hungerstreik gegenüber der israelischen Botschaft: Recht auf Jerusalem

Seit dem 26. Juli 2010, also seit fünfzehn Tagen sitzt ein junger Vater in einer idyllischen Seitenstraße des Hohenzollerndamms auf einem Campingstuhl in Berlin und kämpft für seine sieben Monate alte Tochter Zaynab. Der Name kommt aus dem Arabischen und bedeutet „wohlriechende Wüstenpflanze“. Wo die kleine Zaynab eines Tages Wurzeln schlagen wird, hängt vom Wohlwollen und der Menschlichkeit der israelischen Behörden ab…

Von Bettina Gassmann

Der 38- Jährige Firas Maraghy befindet sich im Hungerstreik, den er „wenn ich gesund bleibe“ bis Anfang September 2010 durchhalten will. „Ich bin Palästinenser aus Ostjerusalem, das nach dem Krieg von 1967 durch Israel annektiert wurde. Diese Annektion hat die internationale Gemeinschaft zwar bis zum heutigen Tag nicht anerkannt, Israel entscheidet aber seither auch über das Schicksal der palästinensischen Bewohner der Stadt.“

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“

Ein Vater kämpft für das Recht seiner Tochter auf ihre Heimat

„Ich bin seit September 2007 in Deutschland, da meine Frau hier bis 2009 Studentin war und sich momentan auf eine Promotion an einer deutschen Universität vorbereitet. Nachdem ich meinen ersten Deutschkurs abgeschlossen hatte und im Mai 2009 nach Jerusalem fuhr um meine Papiere zu erneuern und meine Ehe eintragen zu lassen, teilte mir das dortige Innenministerium mit, ich habe jegliche Rechte als Einwohner verloren. Darum dürfe ich meine Ehe nicht eintragen lassen und in Zukunft werde auch mein Personalausweis nicht verlängert. Begründet wurde dies damit, dass ich jetzt ausserhalb des Landes lebe. Noch nicht einmal das rassistische israelische Gesetz, das besagt, Palästinenser aus Ostjerusalem sollten ihr Rückkehrrecht verlieren, wenn sie sieben Jahre im Ausland gelebt haben, sieht ein solches Verhalten nach so kurzer Zeit (ich war erst etwa eineinhalb Jahre in Deutschland) vor. Zugleich wurde mir aber ein Reisedokument ausgestellt – wohl in der Hoffnung, dass ich nicht zurückkommen werde.
Nachdem im Dezember 2009 unsere Tochter geboren wurde, gingen meine Frau und ich gemeinsam Anfang April mit unserer Tochter in die israelische Botschaft in Berlin, um sie dort eintragen und ihr ebenfalls ein israelisches Reisedokument ausstellen zu lassen. Denn wir beide sind davon überzeugt, dass unsere Tochter genau wie ich das Recht hat, in Jerusalem zu leben. Bekommt sie dieses Reisedokument nicht, kann es jederzeit passieren, dass israelische Grenzbeamte ihr am Flughafen die Einreise verwehren bzw. sie von dort ausgewiesen wird. Davor könnte sie auch ein deutscher Pass keinesfalls schützen.
In der Botschaft ließ man uns Formulare ausfüllen – nur um uns am 17. April schriftlich mitzuteilen, dass unserer Tochter kein Reisedokument ausgestellt werden könne, da ihre Mutter Deutsche sei. Daraufhin wendeten wir uns in einem Brief an den Botschafter Israels, der ebenfalls negativ beantwortet wurde.“

Firas Maraghy bekommt in diesen Tagen viel Besuch seit er zwischen den rot-weißen Absperrgittern, die vor der israelischen Botschaft in der Auguste-Viktoria-Straße in Wilmersdorf stehen, „wohnt“.
Die Polizisten, die vor der Botschaft patrouillieren haben Maraghy bereits „adoptiert“: sie kommen auf ein paar Worten vorbei, erkundigen sich nach seinem Befinden, helfen. „Offiziell dürfen wir keine Meinung haben“, sagen sie und man sieht ihnen an, wie unwohl sie sich fühlen. „Der Mann ist keine 50 m von Israel entfernt!“, sagt ein Polizist und doch trennen Israel oder Palästina und Maraghy Welten.

Acht Kilo hat Maraghy bereits abgenommen, aber er betont, dass es ihm gut geht. Vorgestern war ein Arzt in der Auguste-Viktoria-Strasse und hat den Blutdruck und den Puls gemessen. 10 Tage lang hat Maraghy seine Notdurft in Flaschen verrichtet, seit einigen Tagen wird an der Villa gegenüber gebaut und dort steht eine Dixie-Tiolette. „Die benutze ich jetzt, es hat sich noch niemand beschwert.“ Er lächelt und meint, dass Frauen bei einem Hungerstreik größere Probleme als er hätten.

Eine Dame kommt vorbei und begrüßt den ruhigen, freundlichen Maraghy herzlich. Sie hat von ihrer Frauengruppe den Auftrag bekommen, etwas nahrhaftes, vitaminreiches vorbeizubringen. Deshalb hat sie Karotten gekocht und entsaftet und packt den Saft „mit ganz wenig Salz“ in einer Milchflasche aus. Maraghy bedankt sich gerührt, aber er lehnt ab: “Ich werde nichts außer Wasser zu mir nehmen“, sagt er. „Ich wechsele zwischen Wasser mit und ohne Kohlensäure, um ein wenig den Geschmack zu verändern.“ Das mitgebrachte Dextropur lehnt er ebenfalls ab.

Vor ein paar Tagen haben Unterstützer eine Postkarte vorbeigebracht: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“. Maraghy hat die Karte auf das Plakat mit dem Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geklebt: mittendrauf über die Sätze „Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen. Jeder hat das Recht, jedes Land, einschliesslich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“

„Bert Brecht hatte Recht“, sagt er. „Ich muss es versuchen. Es ist besser als zuhause zu sitzen. Eines Tages fragt mich Zaynab vielleicht, was ich unternommen habe, und dann kann ich sagen, ich habe für deine Rechte gehungert.“ Er sagt das sehr ruhig, fast gelassen. „Natürlich weiss ich nicht, ob es ihr wichtig sein wird, aber ich muss ihr die Möglichkeit geben!“ An der Stelle reduziert sich die Politik, das rechtliche und gesetzliche Regelwerk von Staaten mit-, zu- und untereinader auf eine einfache Formel: „Meine Tochter soll die Möglichkeit haben, nach Palästina zu fahren, in Jerusalem ihre Großeltern zu besuchen, für die die Enkelin ein Jungbrunnen ist und auch wieder zurück nach Deutschland zu reisen.“

Eli kommt vorbei, sie ist Israeli und lebt seit Jahren in Berlin. „Wir haben keine Schuld, aber Verantwortung“ sagt sie zu der israelischen Vorgehensweise. „Wir haben mit unserer Auswanderung aus Israel schon gezeigt, was wir denken!“ Eli lernt gerade arabisch, die beiden entziffern gemeinsam den Titel des Buches, das Maraghy während seines Hungerstreikes liest. Sie sind Nachbarn. „Wir wohnen 40 km voneinander entfernt. Ich in Tel Aviv und Firas in Jerusalem. Ich fliege in ein paar Tagen und komme wieder nach Deutschland zurück. Er kann das nicht! Ich möchte, dass er die gleichen Rechte hat wie ich!“
Eli muss gehen, sie muss noch packen. Sie geben sich die Hand: der Palästinenser Firas sagt auf Hebräisch „Todah“. Die Israelin Eli antwortet auf Arabisch: „Schukran!“ – Danke. Manchmal ist alles ganz einfach.

Die israelische Botschaft in Berlin hat sich zur Frage, ob es denn im Sinne einer „humanitären Geste“ nicht möglich sei, den „Fall Maraghy“ zu beenden, wie folgt geäußert (Stellungnahme vom 10.8.2010):

„Herr Firas Maraghy hat sich im April 2010 an die Konsularabteilung der Botschaft mit der Bitte gewandt, seine Tochter als Einwohnerin des Staates Israel zu registrieren. Er erhielt daraufhin die Antwort, dass nach israelischer Rechtslage nur das Innenministerium in Jerusalem seine Tochter als Einwohnerin Israels registrieren könne, und zwar wiederum nur dann, wenn er nach Israel zurückkehren würde.
Es wurde Herrn Maraghy erklärt, dass seiner Tochter von der Konsularabteilung der Botschaft kein israelisches Reisedokument ausgestellt werden kann, da ein solches nur an Personen ohne eine andere oder weitere Staatsangehörigkeit ausgegeben werden kann. Da die Mutter seiner Tochter die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, kann auch seine Tochter einen deutschen Pass erhalten.
Herr Maraghy wurde zudem zu einem Gespräch mit dem Konsul und dem Gesandten in die Botschaft eingeladen, bei dem sie ihm die Sachlage erklärten. Auch der Botschafter persönlich sprach mit ihm, um ihn von dem Hungerstreik abzubringen. Wir bedauern, dass Herr Maraghy sich dennoch dazu entschieden hat, seinen Streik nahe dem Botschaftsgelände fortzusetzen“.

Das sei alles was die Botschaft im Moment sagen könne, sagte eine Sprecherin der Botschaft am Donnerstagnachmittag. Immerhin bleibt die Hoffnung, dass die Formulierung „im Moment“ eine Chance auf eine veränderte Haltung birgt.