Lustlose direkte Gespräche

Anderthalb Jahre blockten die Palästinenser direkte Gespräche mit Israel ab und stellten Bedingungen. Die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu musste erst mal öffentlich ihre Bereitschaft zur Zwei-Staatenlösung kundtun und akzeptierte lustlos einen befristeten Baustopp in Siedlungen außerhalb Jerusalems. Jetzt will Israel nur einer amerikanischen Einladung zur Erneuerung von Friedensgesprächen zustimmen, während die Palästinenser nur Beamte der zweiten Riege schicken wollen…

„Direkten Gespräche“ wollen offenbar nur die Amerikaner und die EU, nicht aber die Kontrahenten aus Nahost. Denn die wissen, dass nichts Neues dabei herauskommen kann.

Die palästinensische Spaltung ist nicht überwunden. Präsident Mahmoud Abbas kann keinen Vertrag unterzeichnen, der auch für den Gazastreifen bindend ist. Israels Regierung ist zu territorialen Konzessionen, wie die Palästinenser sie erwarten, innenpolitisch weder fähig noch bereit.

Für große Paukenschläge ist im Augenblick keine Seite zu haben. Die zu erwartenden Krisen bei offiziellen Verhandlungen, ob inszeniert oder echt, um bei der arabischen Liga, den Amerikanern oder vor der Presse zu punkten, können nur die derzeitige relative Ruhe empfindlich stören. Extremisten aller Lager müssten sich zu Wort melden, um demonstrativ die ungewollten Verhandlungen zum Scheitern zu bringen.

Im Westjordanland sind die Palästinenser stillschweigend dabei, eine blühende Wirtschaft aufzubauen, ihre Polizei zu trainieren und „Recht und Ordnung“ durchzusetzen, wie es das noch nie gegeben hat. Die Kooperation der israelischen und palästinensischen Sicherheitskräfte funktioniert im Westjordanland besser als jemals seit der Einrichtung der Autonomiebehörde unter Arafat 1993. Die meisten Straßensperren sind verschwunden und die Mauer verhindert ein Eindringen von Terroristen nach Israel. Auch im Gazasteifen hat sich die Versorgungslage seit der Lockerung der israelischen Blockade spürbar verbessert.

Premierminister Siam Fayad und andere palästinensische Politiker halten Vorträge in Israel, treffen sich in Jerusalemer Hotels mit israelischen Ministern und Politikern. Offensichtlich reden sie dann auch miteinander und trinken nicht nur schweigend Kaffee. Die Lage hat sich so sehr beruhigt, dass neuerdings israelische Reiseleiter ihre Gruppen nach Bethlehem und Jericho wieder begleiten dürfen, was ihnen zehn Jahre lang wegen Lebensgefahr verboten war. Im Jerusalemer Stadtviertel Gilo wird dieser Tage eine Schutzmauer abgebaut, die zu Beginn der El Aksa Intifada errichtet worden ist, um israelische Bürger vor Beschuss aus dem benachbarten Beth Dschala zu schützen. Das ist fast ein historischer Akt. Denn wann haben die Israelis jemals auch nur eine einzige ihrer Sicherheitsmaßnahmen gegen Terror aufgehoben oder abgeschafft? Auf Flughäfen werden die Maßnahmen immer noch angehäuft, bis zu den Wässerchen in der Plastiktüte, Schuhe ausziehen und Nacktscanner.

Wenn also vor Ort die direkten Kontakte auf fast allen Ebenen so friedlich und freundschaftlich funktionieren, muss man sich fragen, was „direkte“ Gespräche im öffentlichen Rampenlicht bringen können.
Da Jammern im Nahen Osten zum politischen Geschäft gehört, können die Palästinenser freilich nicht eingestehen, dass es ihnen eigentlich ganz gut geht und die Israelis können nicht verkünden, dass der Terror leidlich besiegt und verschwunden ist.

Während die Menschen in Bagdad auf der Straße sterben, Pakistan von Wasser und Attacken der Taliban geplagt wird, während in der Türkei die Kurden sterben, müssen wohl Präsident Obama und EU Politiker politischen Aktivismus in Nahost demonstrieren, weil sonst der Weltfriede gefährdet wäre. Weder Israelis noch Palästinenser dürfen abwinken, weil sie sich sonst als Friedensverweigerer, Hardliner oder gar als Extremisten outen.

So kann man nur hoffen, dass die bevorstehenden „Friedensgespräche“ nicht wieder ein Ansporn für neue Gewalt werden.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

4 Kommentare zu “Lustlose direkte Gespräche

  1. Es ist natürlich begrüssenswert, das in Israel die Israelis langsam ein Leben führen können ohne Terror, und die Gesprächskultur auch auf Palästinensischer Seite sich durchsetzt. Es ist auch nicht zu verübeln das man die Sticheleien von Erdogan und Co. nicht vergessen hat. Ich möcht Sie aber auch daran erinnern das unter den Türken immernoch eine grosse Mehrheit existiert die nicht die Linie dieses Arabischen Emirs teilt, und obwohl die Demonstrationen in der Türkei ein ziemliches Mehrheitsbild abgab dem dennoch nicht so ist. Die Türkei leidet unter Mitmenschen die alles daran tun um das Land Türkei schlecht zu machen, unter ihrem Deckmäntelchen Türke sein zu sollen, um nachher als Unschuldiger da zu stehen. Als Strategischer wichtiger Verbündeter war Israel natürlich denen ein Dorn im Auge und versuchen alles daran zu setzen dieses wichtige Band zu durchtrennen. Ich würde behaupten das die Türkei Israel nicht weniger braucht als umgekehrt. Und deswegen möcht ich Ihnen der Grund meines schreiben mitteilen. In der Türkei sterben auch Türken, ob eines natürlichen Todes, oder schlimmer eines gewaltbereiten Todes oder noch tragischer eines Anschlages. Deswegen nimm ich Ihren kleinen Seitenhieb nicht übel, und hoffe langsam aber sicher wieder auf beidseitiges Vertrauen die auch mit sticheleien nicht getrübt werden, wie sie unter Freunden halt gang und gäbe sind.

  2. Sehr geehrter Herr Sahm,
    Ihr letzter Abschnitt gibt mir besonders zu denken:
     
    „Während die Menschen in Bagdad auf der Straße sterben, … Weder Israelis noch Palästinenser dürfen abwinken, weil sie sich sonst als Friedensverweigerer, Hardliner oder gar als Extremisten outen.“
     
    Drückt sich hier Ihre geistige Haltung aus? Geht Ihnen jegliche Annäherung, jede Möglichkeit für Lösung gegen den Strich? Blicken Sie etwa neidvoll auf das Chaos in Bagdad und in Pakistan? Wünschen Sie sich etwa etwas mehr Chaos?
     
    Eine bessere Situation als heute wäre wahrscheinlich zu langweilig für Sie. Dann müssen Sie aus noch mehr Mücken Elefanten machen. Sollten es Ihnen eines Tages in Ihrer Jerusalemer Diaspora wirklich zu langweilig werden, es gibt noch Alternativen. Wie wärs als EU-Korrespondent in Brüssel für Radio Maria? Da stimmt das gemeinsame Feindbild besser überein. Auch vermissen wir noch ein TV-Streitgespräch zwischen Jane und Ihnen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.