Der Weg zum Rassenwahn führt über die Ethnisierung

„Von Kranzniederlegungen, Beflaggungen und nationalen Ritualen generell kriege ich Ausschlag,“ sagt die Wissenschaftlerin und Publizistin Magdolna Marsovszky, deren Forschungsschwerpunkt der Antisemitismus und Antiziganismus in Ungarn ist…

Ein Interview von Judit Láng mit Magdolna Marsovszky – übersetzt von pusztaranger, SPME, 10.07.2010

Wenn ethnisch definiertes Nationalbewußtsein kulturell oder politisch gefördert wird, führt es früher oder später zu offener Gewalt. Magdolna Marsovszky studierte in Deutschland Kunstgeschichte, Germanistik und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt auf Kulturtheorie und Kulturpolitik. Derzeit ist sie Mitglied der Forschungsgruppe Demokratie und Extremismus der ungarischen Akademie der Wissenschaften. Sie publiziert auf deutsch, englisch und ungarisch. Die wichtigste Fragestellung für sie ist, mit welchen politischen Maßnahmen präventiv gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und Kulturkämpfe vorgegangen und gleichzeitig die Zivilgesellschaft und die Demokratie gestärkt werden kann. Sie ist eine der Unterzeichnerinnen der Initiative Menschenwürde für Roma.

Wie sind Sie zur Antisemitismusforschung gekommen?

Über mein Interesse an der Kultur, aber dabei bin ich ständig auf dieses Phänomen gestoßen. Mit der Antisemitismusforscherin Shulamit Volkov gesprochen: Der Antisemitismus ist heute in Ungarn zum kulturellen Code geworden, darum ist er im Alltag überall ständig präsent.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten keine nationale Identität. Wie ist das zu verstehen?

Ich halte es für gefährlich, die Suche und Stärkung eines nationalen Identitätsbewustseins zu beschwören. Hinter diesem Prozeß verbirgt sich jede Menge kollektive Paranoia, die letztendlich von der Angst vor dem Neuen, vor Reformen ausgelöst wird. Wer in diesem Prozeß etwas Neues möchte oder Reformvorschläge hat, wird zunehmend als Zerstörer der nationalen Einheit wahrgenommen. Und indem wir andere zum Zerstörer der „nationalen Einheit“, als Verräter der Nation und als Vaterlandsverräter abstempeln, haben wir „den Juden“ erschaffen. Der Antisemitismus ist die einzige Ideologie der Ausgrenzung, deren Vertreter so lange keine Ruhe geben, bis sie ihren „Juden“ nicht endlich umgebracht, vernichtet, am nächsten Laternenpfahl aufgehängt haben. Dieser mörderischen Ideologie geht es nicht darum, wer Jude ist und wer nicht, sondern darum, wen die Mehrheitsgesellschaft zum Feind der Nation oder als Vaterlandsverräter erklärt.

Diese Ideologie verspricht eine satanische Erlösung: Wenn wir in unserer Gesellschaft diejenigen, die wir für Juden halten, bestrafen, mit ihnen abrechnen, sie aus der Gesellschaft liquidieren, dann werden wir uns besser fühlen. Dieser Prozess dynamisiert sich im Prinzip selbst, beispielsweise indem bei der Beschwörung der nationalen Einheit und der nationalen Wiedergeburt unsere kollektive Reinheit und Makellosigkeit beschworen wird. Natürlich gibt es das nicht, niemand ist vollkommen, niemand frei von Lüge, und eine Nation als Kollektiv schon gar nicht. So wie es keine Kollektivschuld gibt, gibt es auch keine kollektive Makellosigkeit, deshalb wird es doch immer Leute geben, die mit diesem Phänomen nicht einverstanden sind, es kritisieren und den anderen den Spiegel vorhalten, die sich das Gefühl wünschen, ihre Nation sei über jeden Tadel erhaben. Kurz gesagt: Kritische Stimmen ziehen das Nationalgefühl in den Dreck, indem sie die dahinter stehende Idee als gesellschaftliche Konstruktion entlarven. So wird das wahrgenommen.

Und diese Idee kann zu Gewalt und in letzter Konsequenz zu ethnischen Säuberungen führen?

Wenn die Mehrheit der Gesellschaft die perfekte nationale Einheit sucht, müssen diejenigen gnadenlos ausgemerzt werden, die ihr im Weg stehen. Die Tage schrieb Wilhelm Heitmeyer, ein bekannter Gewaltforscher der Universität Bielefeld in der Süddeutschen Zeitung, Zitat: „Die These vom toleranten Patriotismus“ sei „gefährlicher Unsinn“, der nur der Volksverdummung diene. Dieser Satz hat eher für unsere Region Gültigkeit, wo ein ethnisch definiertes Nationalbewußtsein viel tiefer in der Tradition verankert ist als in den Ländern westlich von Deutschland, in Frankreich, Großbritannien oder den USA. Es wird oft argumentiert, daß auch in den USA auf jedem Haus die amerikanische Flagge hängt, aber das ist nicht vergleichbar, weil die kulturellen Traditionen dort anders sind. Die nationalistische Rhetorik im heutigen Ungarn erinnert gespenstisch an die im Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg, weil sich dahinter sehr ähnliche völkisch-nationalistische Gefühle verbergen.

Dort wird behauptet, es gibt ein Deutschtum, und es gibt ein Magyarentum, sprich, das Nationalbewußtsein wird völkisch definiert. Wenn diese nationale Selbstethnisierung kulturell und politisch verstärkt wird, führt sie früher oder später zu offener Gewalt. Der Weg zum Rassenwahn führt über die Ethnisierung, das ist eine Grundthese der Antisemitismus- und Gewaltforschung. Durch die Stärkung eines völkisch definierten Nationalbewußtseins entsteht nämlich ein so hoher Grad der Identifizierung mit der Nation, daß es aufgrund dieser Logik sinnvoll und wünschenswert erscheint, Opfer für sie zu bringen, sich für sie aufzuopfern. Dieses zu erbringende Opfer taucht oft in der antisemitischen Rhetorik auf, jedoch muß man sich darüber im Klaren sein, daß dies, frei nach dem Münchner Soziologen Ulrich Beck, nicht selten schon der Terrorismus selbst ist.

Welches Identitätsbewußtsein halten Sie für wünschenswert, oder halten sie es generell nicht für vertretbar? Haben Sie selbst etwa keine Identität?

Und ob ich eine habe! Meine Identität ist veränderlich und passt sich den Umständen an, derzeit bin ich Jüdin, Zigeunerin und homosexuell. Aber im Ernst, die Identität ist keine unveränderliche Entität, sie verändert sich. Gesetzgebende Politiker machen einen Fehler, wenn sie sogenannte nationale Gefühle staatlich verordnen wollen, beispielsweise durch kulturelle Konzeptionen, weil es unendlich viel Energie und Mittel verschleißt, einen Prozeß in Gange zu halten, der unmöglich aufrecht erhalten werden kann, so dass das Versagen praktisch vorprogrammiert ist. Wie dieses Versagen aussehen wird, kann man im Voraus nicht wissen, es bleibt nur zu hoffen, daß deswegen nicht noch mehr Menschen sterben müssen.

Sie denken an die ermordeten Roma der letzten Jahre?

Man darf nicht vergessen, daß auch die Romamorde zur „Rettung der Nation“ begangen wurden, um die „Reinheit der nationalen Identität“ zu wahren. Die Mörder wollten die Nation erlösen, sie vom „Schmutz“ reinigen, den die dunkle Haut symbolisiert. Auch hinter dem Antiziganismus verbergen sich paranoide Ängste, einerseits kulturelle, andererseits soziale Ängste. Hinter der Sorge um unsere als makellos wahrgenommene Nation verbirgt sich auch die Angst vor der Armut und dem sozialen Abstieg. Darum wollen wir auch die Obdachlosen in den Unterführungen nicht sehen. Auch sie stellen die Reinheit unserer als homogen-einheitlich empfundenen Nation infrage. Die Armut der Roma und der Obdachlosen kommuniziert: Schaut uns an, mit eurer Güte und Moral ist es nicht weit her, wenn ihr uns in diesem Elend leben laßt. Und natürlich mögen wir es nicht, kritisiert zu werden.

Anstatt unser Geld und unsere Energie zu investieren, den Armen und Benachteiligten zu helfen, halten wir lieber riesig dimensionierte „Nationale Gebetsrituale“ ab, wo wir uns mit Fahnen und Kranzniederlegungen beweisen wollen, wie tolerant wir doch gegen die Minderheiten sind. Diese Rituale ähneln wirklichen Gottesdiensten, nur daß die Erlösung nicht in Gott, sondern in der „nationalen Einheit“ gesucht wird. Auch das ist eine Art Religion, in der wir statt zu Gott zu unserem Vaterland beten, die Nation wird zum sakralen Raum. Weil mir diese Zusammenhänge bewusst sind, bekomme ich von diesen nationalen Ritualen schon aus Prinzip Ausschlag. Natürlich werden sie auch in Ungarn von vielen durchschaut, viele spüren instinktive Abneigung dagegen, auch ohne die soziologischen und psychologischen Hintergründe zu kennen. Auch in Deutschland beschäftigt sich nicht jeder mit der Erforschung dieses Themas, aber dort wird seit den 1970ern ein großer Schwerpunkt auf die sogenannte reflexive Kulturpolitik gelegt, was bedeutet, daß mit kulturpolitischen Maßnahmen die Selbstreflektion der Gesellschaft gefördert wird. Es gibt sehr wohl Kulturprojekte, die gesellschaftliches Umdenken anregen können, mit derer Hilfe sich ein „Selbstschutz der Demokratie“ entwickeln könnte. So könnten viele und immer mehr Menschen rechtzeitig und am richtigen Ort aufkreischen, wenn jemand beginnt, etwas von „nationaler Wiedergeburt“ zu schwafeln.

Original: „A fajelmélethez az etnikai elméleten keresztül vezet az út“

Übersetzung: http://pusztaranger.wordpress.com/2010/07/30/%e2%80%9eein-ausbund-an-menschlicher-verruchtheit%e2%80%9c-zsolt-bayer-im-magyar-hirlap/
(Siehe dort auch zur Hetze gegen Magdolna Marsovszky.)

2 Kommentare zu “Der Weg zum Rassenwahn führt über die Ethnisierung

  1. Frau Marsovszky wurde in Ungarn Zielpunkt einer hemmungslosen antisemitischen Hetze wiewohl sie keine Jüdin ist. So im fidesznahen ECHO TV und in der fidesznahen Tageszeitung „Magyar Hirlap“, beide im Eigentum des fidesznahen Millionärs Gábor Széles. Die Angriffe führte dessen Lohnschreiber Zsolt Bayer ein Freund des Regierungschef Viktor Orbán. Bayer ist ein Spezialist des kruden Antisemitismus. Im Echo TV kommen mitunter auch „Talmudspezialisten“ zu Wort.
    http://test.hagalil.com/2010/07/17/echo-tv/
    Und auch Bayer ließ einen solchen in seiner Sendung am 16. Juli über den Talmud schwadronieren.
     

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