Zehn Ratschläge für Netanjahu

Es ist noch nicht zu spät, die Vertrauenskrise, die in der Beziehung zu Obama besteht, zu lösen…

Kommentar von Yoel Marcus, Haaretz, 06.07.2010
Übersetzung von Daniela Marcus

1. Bevor Sie heute im Weißen Haus zu einem warmen Empfang willkommen geheißen werden, hoffe ich, dass Sie nicht vergessen, die herausfordernde Überschrift „Ich habe gewonnen“, die vor einem Monat groß auf der Titelseite der Tageszeitung „Maariv“ erschien, zu verstecken. Betreten Sie das Amtszimmer des US-Präsidenten mit dem Ziel, eine neue Seite in Ihrer Beziehung zu US-Präsident Barack Obama aufzuschlagen. Benutzen Sie nicht die Worte „Ich habe gewonnen“ oder „Ich habe ihn bezwungen“. Begegnen Sie ihm mit dem Respekt, den der Präsident verdient. Immerhin hat der Mann den Friedensnobelpreis erhalten bevor er Frieden geschlossen hat. Und immerhin ist er der Mann, nach dem wir uns vermutlich noch die nächsten sieben Jahre lang richten müssen.

2. Obama ist eine kalte, rationale Person. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Nicolas Sarkozy und andere wichtige Staatschefs mussten lernen, dass er kein Freund des Schulterklopfens ist – wenn man einmal von der überschwänglichen Verbeugung vor dem König von Saudi-Arabien absieht. Er ist nicht der Präsident, der etwas umsonst gibt oder sich an müßigem Gerede beteiligt. In Vier-Augen-Gesprächen kommt er direkt zu den eigentlichen Themen. Bereiten Sie sich also auf eindeutige Antworten vor und sagen Sie zur Abwechslung mal die Wahrheit.

3. Lassen Sie sich nicht durch die bewegenden Bilder von Rahm Emanuels Besuch in Israel beeindrucken. Zu diesen Bildern gehört eines, das den Stabschef des Weißen Hauses zeigt, wie er eine Träne vergießt, während er an der Klagemauer lehnt. Man kann an der Mauer weinen und trotzdem einen Rückzug aus den Gebieten befürworten und dabei Obama Ratschläge geben, wie er Israel am besten „bei Fuß“ beibringen kann.

4. Es ist noch nicht zu spät, die Vertrauenskrise, die in der Beziehung zu Obama besteht, zu lösen. Bluffen Sie nicht, wenn Sie darüber reden, was Sie für ein Friedensabkommen tun wollen. Legen Sie all Ihre Karten auf den Tisch und zwar in einer Art und Weise, die Vertrauen fördert. Sagen Sie die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – wie vor Gericht. Eine andere Möglichkeit, mit Obama zu reden, gibt es nicht. Er scheint nicht der Typ zu sein, der vergibt und vergisst.

5. Versammeln Sie nicht die Macht der „jüdischen Lobby“ hinter Obamas Rücken. Niemand ist empfindlicher als er, wenn es um Versuche geht, ihn zu unterminieren. Wenn er bei den Zwischenwahlen im November einen Rückschlag erleidet, wird er Ihnen Ihren Umsturzversuch weder vergeben noch vergessen. Solange Obama seine Opposition gegen Israel nicht unverhohlen erklärt oder Israels Sicherheit Schaden zugefügt hat, besteht nicht die Notwendigkeit, die jüdische Kavallerie gegen ihn auszusenden.

6. Wenn er zu den harten Fragen kommt, antworten Sie nicht mit Floskeln und Schlagwörtern, sondern mit der Wahrheit, selbst, wenn diese unangenehm ist und selbst, wenn er diese Antwort nicht hören möchte. Machen Sie bezüglich Ihrem Beharren auf direkten Gesprächen mit den Palästinensern im Gegenzug für den Stopp des Siedlungsbaus keinen Rückzieher. Legen Sie unverblümt dar, was Sie tun wollen, um ein Zerwürfnis mit den Vereinigten Staaten zu verhindern.

7. Versuchen Sie Obama davon zu überzeugen, dass Sie der einzige Staatschef sind, der historische und schmerzliche Schritte für den Frieden gehen kann. Überzeugen Sie ihn davon, dass Sie eine alternative Koalition haben, die eine diplomatische Vereinbarung unterstützt. Und was noch wichtiger ist, sagen Sie ihm, dass die Mehrheit der israelischen Bevölkerung hinter solch einer Vereinbarung steht. So wie Shimon Peres und Jitzhak Rabin die Zustimmung für die Oslo-Vereinbarungen erhielten, wie Menachem Begin eine enorme Unterstützung für seinen Friedensvertrag mit Ägypten im Gegenzug zur Rückgabe der gesamten Sinai-Halbinsel bekam und wie Ariel Sharons Evakuierung des Gazastreifens befürwortet wurde, so wird sich die israelische Bevölkerung auch dieses Mal führen lassen, wenn sie einen glaubwürdigen Staatschef hat.

Auch wenn Ehud Barak vorgibt, eine Schlüsselfigur zu sein, so hat er in der Praxis doch keinen politischen Rückhalt außer der bequemen Rückenlehne seines Verteidigungsminister-Sessels, den er gewissenhaft bewacht. Sie müssen den Präsidenten davon überzeugen, dass Sie der Einzige sind, der eine Koalition für einen Friedensvertrag zusammenstellen kann.

8. Es ist wichtig, dass Sie mit dem Präsidenten offen über Themen reden, die vom Stopp des Siedlungsbaus bis zu unserer Erwartung reichen, dass Amerika unsere Politik der nuklearen Doppeldeutigkeit weiterhin unterstützt. Denn diese Politik ist lebensnotwendig für Israels Sicherheit. Während Obama an einer sozialen Veränderung in Amerika arbeitet, sucht er auch nach einer Veränderung der globalen Prioritäten. Es ist wichtig, dass er das Gespür dafür bekommt, dass wir in seinem Streben nach einem zurechnungsfähigen Nahen Osten an seiner Seite stehen. Nichtsdestotrotz müssen Sie ihm auch erläutern, dass unser Problem nicht die vergangene Schoah ist, sondern eher die Absicht islamischer Staaten, Israel zu liquidieren. Somit müssen Sie ihn wissen lassen, dass sein Bestreben, die Region zu befrieden, wichtig ist.

9. Erinnern Sie ihn demütig daran, dass es lebensnotwendig für Amerika ist, uns als strategischen Wert zu betrachten. Erinnern Sie ihn daran, dass wir bereit sind, dem Ruf nach einem Friedensabkommen nicht nur mit den Palästinensern sondern auch mit Syrien zu folgen, unter der Bedingung, dass wir direkte Verhandlungen aufnehmen können und dass eine Lösung für Gaza –ein Gebiet, von dem wir uns zurückgezogen haben und das dennoch weiterhin eine Sicherheitsbedrohung darstellt– gefunden wird. Am wichtigsten ist es, dass Sie einen Mechanismus des direkten Dialogs zwischen Jerusalem und Washington schaffen, der das Aufkeimen eines jeden Missverständnisses zwischen den beiden Ländern im Keim ersticken kann.

10. Wenn Sie am Ende Ihrer Gespräche mit Obama zum Treffen mit Journalisten und Fotografen gehen, flüstern Sie ins Ohr des Präsidenten: „Umarmen Sie mich!“

6 Kommentare zu “Zehn Ratschläge für Netanjahu

  1. „…sagen Sie zur Abwechslung mal die Wahrheit?“

    Hier bedient der notorische Joel Marcus das Klischee des verschlagenen Juden. Das ist Wasser auf den Mühlen der Antisemiten, die Israel auslöschen wollen. Es ist eine Schande, das so etwas hier publiziert wird. Als entschiedener Freund Israels kann ich nur sagen Pfui Hagalil! Ihr seid Dreck!

  2. Worin besteht denn der Konflikt. Obama will von Bushs Freund-Feind-Politik abkehren (weil erfolglos!) und stattdessen den anderen eine Position einräumen, selbst an der Ordnung mitzuwirken, Iran eine bedeutendere Rolle zubilligen etc. Damit wird Israel als Frontstaat weniger bedeutsam und fürchtet seine Interessen zurückschrauben zu müssen („Bei Fuß“).

  3. Nur den einen Rat würde ich Bibi mitgeben: Hör dir alles an was er sagt, und dann mach genau das Gegenteil, du hast solche Husseins nicht als Freund nötig. Immer wenn Israel sich auf Freunde verlassen hat, dann war Israel verlassen.
    Ein Hussein als Freund der Juden? Wird es nie geben, sie verfolgen ihre Ziel, und das ist die Auslöschung Israels.

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