Katholiken geben zu – Passionsspiele waren bis 1990 antisemitisch

Eine in Deutschland erscheinende katholische Zeitschrift veröffentlichte kürzlich einen Beitrag, in dem die beiden Autoren M. H. Jung und H. Kaiser erfreulich offen eingestehen, dass die Aufführungen der Spiele in der Vergangenheit teilweise sogar „extrem“ antisemitischen Charakter trugen. Interessant ist ihr Artikel besonders deshalb, weil  er zeigt, dass eine bisher als erstarrt oder gar als rückschrittlich geltende Welt, die römisch-katholische Welt, anscheinend in Bewegung geraten ist…

Von Robert Schlickewitz 

„Welt und Umwelt der Bibel“, abgekürzt WUB, ist gemäß eigener Charakterisierung die deutsche Ausgabe der französischen Zeitschrift „Le Monde de la Bible“ und wird vom Verlag Katholisches Bibelwerk e.V. in Stuttgart herausgegeben. Wie aus dem Impressum weiter hervorgeht, setzt sich die deutsche Redaktion aus zwei Diplomtheologen zusammen, die von einem Professor für Archäologie beraten werden.

Ihrer Aufmachung, ihrem Inhalt und ihrem Preis (9, 80 Euro) nach, richtet sich WUB an eine gut situierte, bürgerlich-aufgeklärte, romtreue, katholische Klientel, die dem Dialog mit anderen Religionen bis zu einem gewissen Grad aufgeschlossen gegenüber steht.

Der hier rezensierte Beitrag „Oberammergau: Das weltberühmte Passionsspiel befreit sich von Judenfeindschaft“ aus Heft WUB 2/2010, Nr. 56, 14. Jg., 2. Quartal, S. 63 kommt gleich in seiner Einleitung auf den sonst so gern in katholischen Publikationen unterschlagenen Besuch Hitlers anlässlich der Jubiläumsspiele von 1934 zu sprechen. Allerdings baut der darauf folgende Wortlaut noch sehr stark auf dem traditionellen, christlich-katholischen Weltbild von den ach so ‚braven‘ Christen auf, denen der Judenhass mindestens ebenso ein Gräuel ist, und vor allem war (!), wie den Juden selbst und er stützt sich auf die so energisch von Rom gehegte und genährte Legende von den ‚bösen‘ Nazis, deren Judenhass alleine auf deren „neuheidnische“ Ideologie zurückzuführen sei, und ‚um Himmels willen‘ nicht auf eine zweitausendjährige Tradition christlichen Antijudaismus‘.

Dem entsprechend liest man in dem Artikel leider noch: „… wie stark die populären Spiele für antisemitische Propaganda missbraucht werden konnten, zeigt Hitlers Kommentar … nach dem Besuch der Oberammergauer Passionsspiele 1934…“.

Die beiden Autoren gehen an ihr Thema in Chronikform heran, wobei den Anfang jene Alles auslösende Pestepidemie des Jahres 1633 macht und am Ende ihrer Auflistung der Beginn der 41. Spiele im Mai 2010 steht. 

Juden bzw. Antisemitismus tauchen erstmals unter der Jahreszahl 1860 auf, als der Pfarrer Joseph Alois Daisenberger „dem Text wieder eine neue Gestalt, eher volkspädagogisch geprägt und mit eklatanten Antisemitismen“ gibt. Weiter unten, zwischen den Jahreszahlen 1900 und 1950, heißt es dann weiter:

Die Oberammergauer Passionsspiele waren von ihren Anfängen bis in die zweite Hälfte des 20. Jh. extrem judenfeindlich – und entsprachen damit der bis dahin selbstverständlichen Ideologie:

Die Juden sahen orientalisch aus und wurden als böse Menschen dargestellt.

Die Pharisäer waren machtgierig, heuchlerisch und gottlos.

– Jesus und seine Jünger, mit Ausnahme von Judas Iskariot, dem Verräter Jesu, wurden nicht als Juden dargestellt.

– Das Spiel gab den Juden die Schuld am Tod Jesu: ‚Israel hat den Messias gekreuzigt‘ und dadurch ‚seine Erwählung und Bestimmung verworfen‘.

– Dramatisch inszeniert wurde der Jerusalemer Blutruf: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‘

Was können die Autoren hier nur mit „bis dahin selbstverständlichen Ideologie“ meinen? Gar das damals von der Kirche, von Rom, vom Papst vertretene und verbreitete Weltbild? Ist die katholische Lehre demnach ebenfalls eine Ideologie, ähnlich wie die anderen Ideologien, wie etwa der Kommunismus, der Nationalsozialismus, der Kapitalismus etc.? Das Schlagwort „Ideologie“ erscheint in diesem Zusammenhang jedenfalls als mehr als nur erklärungsbedürftig.

Aber weiter im Text der WUB: Für 1950 geben die Autoren zu, sei erstmals „Kritik am Antisemitismus des Passionsspiels laut“ geworden. 1960 habe man „Experten mit einer Prüfung beauftragt“. 1970 habe es immer noch Kritik gegeben, weil „die grundlegend veränderte Israeltheologie des Zweiten Vatikanischen Konzils“ ignoriert worden sei. Auch sei es „In Amerika… zu einem Boykott jüdischer Organisationen gegen das Spiel“ gekommen.

Unerwähnt bleibt, dass der Papst, der auf den Papst des erwähnten Konzils folgte, Paul VI. (1963-1978) auf Johannes XXIII. (1958-1963), mit aller Macht das Ruder der Kirchenpolitik wieder rückwärts zu drehen begann, etwa indem er die Konzilsbeschlüsse, nur wenn es nicht mehr zu umgehen war, auch anwandte bzw. befolgte. Paul VI. war schließlich, wie wir nicht vergessen wollen, einige Jahre früher die ‚rechte Hand‘ Pius XII., des „Schweigepapstes“ (1939-1958), gewesen. Er war jener hohe Vatikanier gewesen, der im Auftrag seines Pontifex Maximus die berüchtigten „Ratlines“ aufbaute und organisierte. Niemand anderem als Paul VI. ist es zu verdanken, dass sich Adolf Eichmann und Genossen ungehindert, mit Pässen des Vatikan versehen, über Österreich und Italien nach Südamerika absetzen, dass sie sich ihrer Verantwortung, Eichmann immerhin für ein Jahrzehnt, entziehen konnten.

Als die Passionsspiele von 1970 vorbereitet wurden, hatten also wieder die Hardliner in Rom das Heft in der Hand und denen lag viel an der Aufrechterhaltung des traditionellen Bildes vom unmenschlichen Juden, am Bild vom Juden als Christusmörder, am Bild vom Juden als Judas Iskariot. Ganz entsprechend – die katholischen Würdenträger und ihre Getreuen in unserem, 150 Prozent romtreuen, erzkonservativen Oberbayern. Der WUB-Verweis auf „die grundlegend veränderte Israeltheologie“ des Konzils besitzt also nicht viel mehr als Alibicharakter; er soll ablenken und das scheinbar fortschrittliche, erwünscht positive Eigenbild bestätigen helfen.

Für 1990, berichtet der WUB-Artikel, dass im Vorfeld der Aufführungen „eine Textkommission unter Prof. Rudolf Pesch nach Lösungen für weitergehende Anfragen der US-amerikanischen Anti-Defamation League zur Vermeidung von Antijudaismen“ suchte. Eine Aussage, unter der man sich Vieles vorstellen kann und die daher kaum Informationsgehalt aufweist. Man suchte nach Lösungen – aber fand man auch welche? Die Autoren wollten offensichtlich hier nicht nichts vorweisen können.

Denn für sie stellen sich die darauffolgenden Passionsspiele des Jahres 2000 als diejenigen dar, von denen sie vollmundig behaupten „völlige Neubearbeitung des Spiels und Reinigung von allen Antijudaismen.

Als Begründung führen sie an:

– „Abschied von den Pharisäern als uniformer Gruppe

Keine Selbstverfluchung des jüdischen Volkes mehr

Keine Verstoßung der Synagoge

Jesus wird als Jude gezeigt

Differenzierungen der Meinungen: Zu- und Widerspruch in den Reihen der Juden und der Anhänger/Familie Jesu

Bedauerlicherweise können sie keinen jüdischen Fachmann, und nur so etwas wäre glaubhaft gewesen, vorweisen, der diese Behauptung gestützt hätte; es muss genügen, dass sie, Katholiken, zu diesem entlastenden Schluss kommen.

Um am Ende doch noch als modern, als aufgeschlossen, als tolerant und offen für Dialoge zu erscheinen, Schein ist schließlich in einer Welt wie der katholischen das sprichwörtliche A und O,  zitieren die WUB-Autoren die Oberammergau-Spielleiter von 2010, Christian Stückl und Otto Huber, mit den an dieser Stelle unerwarteten Worten: „das Problem der Antijudaismen, die sich unheilvoll durch die gesamte Geschichte Europas und des Christentums ziehen und an deren Verbreitung auch die Passionsspiele ihren Anteil hatten. Diese galt und gilt es, aus dem Spiel zu verbannen.

Anscheinend fällt es leichter derart bedeutungsschwere Worte von halbwegs neutraler, von weltlicher Seite sagen zu lassen, als sie als Mitarbeiter eines kirchennahen (oder -eigenen?) Vereins wie des Katholischen Bibelwerks e.V. selbst zu formulieren.

Wie auch immer, dieser Schritt der Offenheit verdient Lob. Weiter so, möchte man den Machern des katholischen Edelperiodikums zuraunen.

Allerdings ganz ohne Einschränkung kann das Lob hier denn doch nicht bleiben. Die WUB hätte die Veröffentlichung ihres Oberammergau-Beitrags besser auf eine spätere Ausgabe verschieben sollen. Denn dann hätte sie etwa der Jüdischen Allgemeinen (Nr. 19 vom 12. Mai 2010, S.1) oder dem Beitrag von Ulrich W. Sahm auf haGalil.com http://www.hagalil.com/2010/05/17/oberammergau/ entnehmen können, dass ausgerechnet die Personen und Organisationen, die sie als Quasi-Referenz ganz zum Schluss ihres Artikels aufzählt („An den weiteren Textverbesserungen für 2010 wirkten als Berater…“) auch zu den lautesten Kritikern der Spiele des Jahres 2010 gehören.

Ja, sie bewegt sich tatsächlich doch (eppur si muove?), wenngleich im Schneckentempo.

Anmerkung:

Fettdruck in den Zitaten, die kursiv wiedergegeben wurden, entspricht der Fettdruck-Markierung im Original.

Literatur:

Gerhard Czermak, Christen gegen Juden, Frankfurt am Main, 1991

Edward H. Flannery, The Anguish oft he Jews, New York und Mahwah, N.J. 1985 und 1999

Horst Fuhrmann, Die Päpste, München, 3. Aufl., 2005

Daniel Jonah Goldhagen, Die katholische Kirche und der Holocaust, Berlin 2002

Helmut Hiller, Die Geschäftsführer Gottes, Hamburg 1983 und München 1986

Hans Küng, Das Judentum, München 1991

Weblinks:

Katholisches Bibelwerk und seine Publikation WUB:

http://www.kathpedia.com/index.php/Katholisches_Bibelwerk

http://www.bibelwerk.de/

http://de.wikipedia.org/wiki/Katholisches_Bibelwerk

http://www.weltundumweltderbibel.de/wub_links38.htm

http://www.weltundumweltderbibel.de/wub_links40.htm

Ideologie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ideologie

Johannes XXIII.:

http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_XXIII.

http://www.youtube.com/watch?v=7j9Gt1mkJF4

Oberammergauer Passionsspiele, unkritisch:

http://de.wikipedia.org/wiki/Oberammergauer_Passionsspiele

http://www.youtube.com/watch?v=XaQATzXEUe4

Oberammergauer Passionsspiele, besser:

http://en.wikipedia.org/wiki/Oberammergau_Passion_Play

http://www.ajc.org/atf/cf/{42d75369-d582-4380-8395-d25925b85eaf}/NOAM-MARANS-OBERAMMERGAU-INTERVIEW.PDF

http://www.ajcarchives.org/AJC_DATA/Files/714.PDF

Paul VI.:

http://en.wikipedia.org/wiki/Pope_Paul_VI

http://www.youtube.com/watch?v=mcZ_12MckL8

„Rattenlinien“:

http://de.wikipedia.org/wiki/Rattenlinien

http://www.youtube.com/watch?v=_gLJFRQUy2o&feature=PlayList&p=C00482AD49417C5E&playnext_from=PL&index=0&playnext=1