Saloniki – Auschwitz – Tel Aviv: Die Erinnerungen des Shmuel Naar

Vor nicht allzu langer Zeit strahlte der Jerusalemer Sender infolive.tv ein Interview mit dem aus Saloniki stammenden Shmuel Naar aus, das am 28. 4. 2008 aufgezeichnet worden war. Darin berichtet der Shoah-Überlebende dem TV-Reporter Olivier Rafowicz von seinen Erlebnissen sowie von seinen Überzeugungen, die ihm halfen, sein Leben im Lager und das danach zu meistern…

Übersetzung von David Gall und Robert Schlickewitz

Seit nun schon einem halben Jahrhundert wäscht bzw. reinigt der zum Zeitpunkt des Interviews 84Jährige die Wäsche seiner Landsleute im Zentrum Tel Avivs und lebt er mit Erinnerungen an eine furchtbare Zeit.

Es war der 15. April 1943 gewesen, als Naar mitsamt seinen Angehörigen in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde, welches er als einziger seiner Familie lebend wieder verlassen sollte.

Einmal habe ich dich gefragt, ob du Jiddisch sprichst. Du hast geantwortet – ein wenig.

Ich hab‘ ein wenig (Jiddisch) gelernt, ja, zu meinem Kummer muss ich allerdings sagen – im Konzentrationslager Auschwitz. Es gab da viele polnische Juden, die Jiddisch sprachen. Ich wollte diese Sprache erlernen – wenn schon nicht Polnisch – dann wenigstens Jiddisch, um mich mit den Leuten unterhalten zu können, die mit uns dort waren.

Ich habe dich deshalb gefragt, ob du Jiddisch kannst, weil ich die Nummer sah, die du an deinem Arm hast.

Die Deutschen gaben mir als politischem Gefangenen, oder präziser gesagt, als einem jüdischen Gefangenen diese Nummer. Und die blieb. Die ganze Zeit über. Was soll ich machen?

Shmuel, wie ist das, mit einer Nummer am Arm zu leben?

Es ist ein wenig…, es ruft Emotionen hervor. Aber man sagt ja, dass man sich im Leben an Alles gewöhnt. Damals habe ich mich auch daran gewöhnt. Ich hab’s aber nicht verlangt. – Sie machten es mir hin, weil ich Jude war. Ich war kein Krimineller, kein Zuchthäusler und auch kein Räuber. Ich war nur Jude, deshalb verhafteten sie mich und schickten sie mich in die Konzentrationslager. Dort sagten sie mir, anstelle eines Namens gibt’s diese Nummer.

Gewöhnlich hört man die Geschichte von Juden aus Rumänien, aus Polen, aus Russland, die in die Vernichtungslager eingeliefert wurden. Nur selten sieht man einen Menschen, der aus Griechenland dorthin gebracht wurde, aus Saloniki. Berichte uns mal darüber. 

Ja, bedauerlicherweise. Die Katastrophe der Juden von Saloniki ist wie die Tragödie aller Juden Europas, nur noch ein wenig schlimmer. Zunächst brachten sie uns nach Polen. Wir waren das kalte Klima nicht gewohnt, bekleidet mit nicht mehr als einem Pyjama. Es gab Opfer. Außerdem verstanden wir die Sprache nicht. Wir sprachen kein Jiddisch, kein Polnisch, kein Deutsch. Aus diesem Grund endete für uns all das, was wir nicht verstanden mit Prügeln oder Tod. Und das war eine der größten Tragödien für die Juden aus Griechenland, dass im Vergleich zu den europäischen Juden nicht einmal zehn Prozent von denen, die sie aus Saloniki verschleppten, wieder heimkehrte. Unter großen Schwierigkeiten kamen gerade mal 600 bis 650 von uns zurück.

Wie war denn das Leben der Juden von Saloniki vor dem Krieg? Berichtest Du uns ein wenig?

Also, wenn es nach den Büchern, die über die Juden…,  über Saloniki geschrieben wurden, geht,  kann man sagen, dass die Stadt Saloniki eine Stadt der Juden war. Das ging soweit, dass sämtliche (öffentliche) Einrichtungen, einschließlich des Hafens von Saloniki, der berühmt war und wo Waren für den ganzen Balkanraum, umgeschlagen wurden, am Sabbat geschlossen hatten. Die Juden von Saloniki sind relativ wohlhabend gewesen und sie waren kultiviert. Man kann sagen, dass die Juden von Saloniki die Stadt erbaut hatten; der ganze Handel lag in ihren Händen. Bis zu dieser Tragödie, als die Deutschen Griechenland besetzten und alle umbrachten. 

Wie verhielten sich die Griechen, die Nichtjuden? Es gab ja doch Länder wie die Ukraine, Lettland, auch Frankreich, wo die einheimische Bevölkerung mit den Nazis gegen die  Juden kollaborierten. Wie benahmen sich die Griechen? 

Soweit ich in Bezug auf Saloniki weiß, waren sie nicht gegen die Juden. Jedoch halfen sie den Juden auch nicht zu entkommen. Und Tatsache ist, ich erinnere ich mich gut, pass auf, als wir in Reih und Glied von zu Hause abfuhren, von den Deutschen überwacht, drehte ich mich noch einmal um und sah, dass sie aus meinem Haus, das wir kaum verlassen hatten, anfingen, alle Sachen und Kleider, die es da gab, herauszutragen. Als ich nach zwei Jahren Konzentrationslagern wieder heimkehrte, um zu sehen, ob noch etwas im Haus war, fand ich nichts mehr vor, nicht mal den Parkettfußboden. Alles hatten sie geraubt. So gesehen empfinde ich für die Griechen keine besondere Sympathie. 

Du wurdest 1924 geboren. Wann wurdest du von den Nazis, von den Deutschen, verhaftet? 

Ende April ‘43. Genau dann brachten sie uns in ein Ghetto. 

Kannst du uns erzählen, was genau an jenem Tag geschah? 

An diesem Tag… Nein, zuvor hatten sie uns schon vorbereitet. Sie ließen uns diese gelben Sterne tragen. Diesen gelben Stern mit „Jude“, „Jude“ auf deutsch. Damit war es uns verboten bestimmte Straßen zu überqueren. Wir befanden uns zwischen zwei Ghettos, in denen wir leben mussten. Sie verhafteten die Juden an allen möglichen Orten und lieferten sie in dieses Ghetto ein, das „Baron Hirsch“ hieß und das sich nahe dem Bahnhof befand. Als dann der Transport abging, brachten sie eine neue große Anzahl Juden hin. Und natürlich – falls es jemandem einfiel, einen Fluchtversuch zu wagen, ergriffen sie ihn und hängten ihn an einem Baum im Ghetto auf, so dass alle anderen Juden sehen konnten, dass fliehen zwecklos war. 

Wusstest du was geschehen würde? 

Nein. Nichts wussten wir. Wir wussten nur, dass wir arbeiten können. Sie sagten uns, dass wir zur Arbeit gebracht werden würden. Sie sagten uns, dass sie uns nach Polen brächten, dass sie uns Arbeit geben würden, dass sie dort spezielle Unterkünfte für uns bauten. Lauter derartige Lügen, aber mit solchen psychologischen Tricks schafften sie es, uns zu überzeugen.

Außerdem hatten wir noch eine weitere Tragödie (zu beklagen), die sich in Saloniki abspielte. Es gab damals einen Oberrabbiner mit Namen Dr. Tzvi Hermann Koretz. Er kam zu uns als oberster Rabbiner aus Berlin, noch vor dem Krieg, und er arbeitete mit den Nazis zusammen. Und all das, was ich jetzt sage, entspricht den Tatsachen – zu 100 Prozent. Er kollaborierte mit den Nazis. Mit viel Aufwand stellte er eine Liste zusammen, die alle Juden mit ihren Namen, Wohnsitzen und allem enthielt. Auf diese Art ließ er den Deutschen alle diese Namen zukommen. Er half den Deutschen uns, ohne dass wir Widerstand leisteten, an einem Ort zusammen zu bringen, damit wir vollkommen passiv den Zug bestiegen.

Und dann kamt ihr in Auschwitz-Birkenau an? 

Wir kamen in Birkenau an, direkt vor dem Krematorium. Dort wurde die Selektion vorgenommen. Ich hab‘ gesehen, dass sie die jungen Männer von den Alten und den Kindern trennten. Ganz plötzlich ergriffen sie meine Mutter und meine Schwestern und schafften sie woanders hin, in eine andere Reihe. 

Wer nahm die Selektion vor? 

Die Deutschen, mit jeweils einem Hund an ihrer Seite. Sie hatten dich psychologisch einfach derart in der Hand, dass du nicht einmal daran dachtest Widerstand zu leisten. 

Wie erklärst du dir das? Wie kann man sich so etwas erklären? 

Das ist etwas, dass man nicht erklären kann, weil was die Deutschen in den Lagern gemacht haben, ist etwas, was es niemals zuvor gegeben hat und ich glaube auch, was es nie wieder geben wird; weil das menschliche Gehirn sich so etwas nicht vorstellen kann. Es war etwas bis ins kleinste Detail Geplantes. Die Selektionen, die schwere Arbeit, all das Leid…

Ich habe also gesehen, wie die Deutschen mit ihren Hunden weitere Menschen voneinander trennten und nutzte einen Augenblick, um wieder zu meiner Mutter zu gehen. Plötzlich verspürte ich von hinten einen Fußtritt und sah einen Deutschen, der mich anschrie, mir weitere Schläge versetzte und sagte, geh zurück. Obwohl es zum Guten war, denn deswegen lebe ich. Ich würde nicht leben, weil ich mit ihnen ins Krematorium gegangen wäre.

Nach der Selektion trennten sie alle voneinander und brachten sie in die Krematorien. Ja, und uns, uns andere brachten sie in den Lagerbereich Auschwitz. Dort begannen die Torturen.

Gleich nachdem wir eintrafen, brachten sie uns zu den Duschen, machten sie uns alle Haare ab. Und es gab dort einen „Kapo“ mit einer großen Lederpeitsche, der ohne Grund auspeitschte, einfach nur um die Menschen zu schockieren. Am nächsten Tag begannen wir uns daran zu gewöhnen.

Und in der Nacht sahen wir plötzlich Rauch aufsteigen, mit einem Geruch nach verbranntem Fleisch. Wir fragten diejenigen, die dort waren: „Was machen die da? Was ist das?“ – Sie antworteten uns: „Das sind eure Eltern, sie verbrennen.“

Von meiner ganzen Familie, ich hatte fünf Schwestern und meine Eltern, und von allen meinen Verwandten, blieb außer mir keiner übrig.

Alle gewöhnten sich daran auf alle nur denkbare Arten und Weisen zu überleben.

Etwa, indem sie in der Küche etwas mitgehen ließen – falls man dich dabei erwischte, starbst du dafür ohne, dass sie eine Ausnahme gemacht hätten.

Ich habe zufällig ein „Patent“ gefunden… Es gab da nämlich Menschen, die ihre Brotration gegen eine Zigarette eintauschten. Also – ich habe irgendwie einige Zigaretten organisiert und später tranken wir Tee und das, was vom Tee übrig blieb, legte ich in die Sonne, damit es trocknete, nahm die Zigaretten auseinander und hatte aus zwei oder dreien zehn Zigaretten. Die hab‘ ich dann gegen Brot oder Suppe verkauft. So kam ich irgendwie zurecht. Es gab alle Arten von Möglichkeiten, um am Leben zu bleiben, aber sie waren alle unmenschlich.

Ich kam nach der Befreiung extra nach Griechenland zurück, in der Hoffnung, Verwandten zu finden.

Unter anderem gab es da eine kleine Begebenheit: Als ich aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit wurde, sagte man mir, dass es in der Nähe der Barracken eine Hütte für Frauen gebe. Ich sagte mir – vielleicht ist eine meiner Schwestern dort. Es gingen jedenfalls Gerüchte um, dass meine älteste Schwester, Rachel Venezia, die die italienische Staatsbürgerschaft besaß…

Damals, als die Italiener sich zurückzogen und die Deutschen in Athen das Kommando übernahmen, haben sie sie aufgegriffen… und umgebracht.

Ich wusste das nur da noch nicht.

Also ging ich dann in das Frauenlager in Bergen-Belsen und fragte: „Gibt es hier vielleicht jemanden mit dem Namen Rachel Venezia?“ – Man sagte mir: „Ja. Es ist die da, die sich auf den Fussboden abstützt.“

Ich ging hin und sah ein Mädchen, das ein ‚lebendes Skelett‘ war. Ich hab‘ zu ihr gesagt. „Rachel.“ – Sie antwortete mir. „Ja.“ – „Erkennst du mich?“ Da sagte sie zu mir: „Nein. Ich kenne dich nicht. Wer bist du?“. Darauf ich zu ihr: „Ich bin Shmuel, dein Bruder.“ – Sie fragte mich: „Hattest du eine Schwester mit Namen Rachel Venezia?“ – „Ja.“ Antwortete ich. – „Dann bin ich es nicht.“ Sagte sie zu mir und weiter:  „Sie wurde…, die Deutschen töteten sie in Athen. Ich kannte sie.“

Natürlich war ich deprimiert.

Ich sagte mir dann aber, wie auch immer, ich gehe nach Saloniki, vielleicht treffe ich ja doch jemand. Also bin ich zurückgekehrt – und habe niemanden angetroffen.

Ich hatte viele Angebote an beliebige Orte zu gehen, eingeschlossen die Vereinigten Staaten oder die Schweiz. Aber ich sagte mir: „Nein, wenn ich nochmal Saloniki verlasse, dann will ich nach Israel.“

Damals gab es eine Organisation, die Flüchtlinge nach Israel brachte, „sherit ha-plita“ nannte man das. Klar war das damals verboten.

Ich nehme das Ende schon vorweg. Und dann brachten sie uns auf illegale Weise ins Land. Wir kamen also in Israel an. Klar, dass die Engländer uns verboten herzukommen, nach dem Krieg.

Wie alt warst du damals?

Ich war damals achtzehn Jahre alt, achtzehn. Und als wir in der Nähe der israelischen Küste ankamen, sahen wir britische Kriegsschiffe sich nähern. Wir saßen in einem kleinen Boot aus Holz. Da gab es einen Jungen von der Hagana im Boot, der sagte: „Schaut, wir sind nicht weit vom Strand entfernt. Die, die schwimmen können, springen ins Wasser, versuchen zu fliehen, schwimmen an den Strand. Dort werden wir erwartet. Ein Kriegsschiff kann nicht an den Strand gelangen.“

Das war im Dezember um 12 Uhr nachts. Ich sprang ins Meer und erreichte schwimmend den Strand; dort empfingen mich die Israelis, klar, und versteckten mich.

Wann bist du aus den Konzentrationslagern rausgekommen? Wie alt warst Du?

Ich war 19, 18 oder 19 Jahre alt.

Möchtest du dich rächen?

Nein. Nein, ich will mich nicht rächen. Aber ebenso wenig will ich sie sehen. Ich habe keinerlei Grund mich zu rächen, schon deshalb, weil ich mich schwach fühle…

Aber weißt Du was? Ich vergesse es nicht. Ich vergesse nicht, dass sie meine ganze Familie umgebracht haben.

Aber seit ich all das hinter mir gelassen habe und in Israel angekommen bin, und es mir hier gut geht, will ich auch keine Rache.

Was kannst du heute zu jemandem sagen, der dich zum ersten Mal sieht, der dich nicht kennt und der deine Schilderung gehört hat? Was würdest du der Welt, den Juden, der Menschheit sagen wollen nach einer Geschichte wie dieser?

Schau mal, obwohl fünfzig Jahre vergangen sind und ich immer noch lebe, ist es eine Tatsache, dass es noch Leute gibt, die den Holocaust leugnen, oder etwa nicht? – Das bedeutet, dass es sich wiederholen kann. Es wird gesagt: „Es ist ein Mythos, den sich die Juden ausgedacht haben, wie sie sich so viele andere Sachen schon ausgedacht haben.“ Das ist eine Diffamierung, aber es gibt Leute, die das glauben. Und sie sagen: „Es ist nicht wahr, das hat nicht existiert.“

Wenn so etwas von vielen geglaubt wird, wird es sich auch wiederholen können. Warum auch nicht?

Wenn das ein – scheinbar -kultiviertes Volk wie die Deutschen machen konnte…

Wenn sie dazu in der Lage waren, solche Sachen zu machen, die sie gemacht haben, dann kann man auch annehmen, dass auch andere Völker…

Sieh‘ dir mal die Araber an; untereinander hauen sie sich zu Dutzenden, zu Hunderten gegenseitig tot.

Oje! Wenn wir in die Hände der Araber fallen würden, bin ich sicher wird es noch viel schlimmer als die Shoah, die wir den Deutschen verdanken.

Shmuel, um zum Schluss zu kommen: Unterwegs hierher sagte jemand, dass du ihr viel Kraft gibst, dass du den Menschen in diesem Viertel viel Kraft gibst. Das scheint richtig zu sein. Wie erklärst Du das?

Das kann schon sein.

Wie kannst du dir das erklären?

Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es „gracia“, wie sagt man in hebräisch? Vielleicht ist es ein Segen Gottes.

Ich geb‘ mir Mühe mit Allen gut auszukommen, weil ich die Menschen liebe, weil ich das jüdische Volk liebe.

Kann man sagen, dass ich ein Zionist bin? Ich bin Zionist und schäme mich nicht, es zuzugeben. Seit ich nach Israel gekommen bin, komme ich gut zurecht, ohne Hilfe von irgendjemanden. Gott sei Dank geht es mir gut heute. Ich kann nicht klagen. Ich bin stolz, Jude zu sein. Ich bin stolz, dass ich dieser Hölle entkommen bin und den Leuten erzählen kann, was passieren kann.  

Kamera : Miri Ahron
Redaktion : Rostik Stephanov
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