Jerusalem – Stadt mit Zukunft

Der 43. Jerusalem-Tag, der vor kurzem begangen wurde, hat breite Resonanz in den Nachrichtenrubriken gefunden. Eine Menge Zahlenangaben erschienen und mit ihnen Prophezeiungen des Zorns über das Schicksal Jerusalems, die sich hauptsächlich auf die ultraorthodoxe Machtübernahme in der Stadt und den Massenexodus der Säkularen beziehen. Die Schlussfolgerung aus den Worten all der Prophezeienden war düster: Jerusalem ist eine verlorene Stadt, am Ende, ohne Zukunft…

Von Shimi Elkabetz, Haaretz v. 06.07.10

An all dem ist nichts Wahres dran. Beginnen wir mit einigen Fakten. Wie viele Ultraorthodoxe gibt es wirklich in Jerusalem? Laut Angaben des Jerusalem-Zentrums für Israel-Studien stellen die Ultraorthodoxen etwa 20% der Gesamtbevölkerung der Stadt und 28% ihrer jüdischen Bevölkerung, welche sich auf eine halbe Million beläuft. Das heißt, mehr als 70% der in Jerusalem lebenden Juden bezeichnen sich selbst nicht als ultraorthodox. Der Anteil der Ultraorthodoxen an der Bevölkerung der Stadt ist im letzten Jahrzehnt stabil geblieben. Es stimmt, bestimmte Stadtteile Jerusalems wie Ramat Eshkol und bestimmte Gegenden in Ramot und Neve Yaakov werden ultraorthodox. Ein flüchtiger Blick auf die Liste der neuen Wohngegenden, die in den letzten zwanzig Jahren in der Stadt gebaut wurden, lehrt jedoch, dass sie mehrheitlich für eine nicht-ultraorthodoxe Bevölkerung bestimmt sind. Damit meine ich Malha, Givat Masua, Har Homa, Ramat Beit Hakerem und die baulichen Verdickungen in Pisgat Zeev.

Die relative Macht der Ultraorthodoxen in der Kommunalpolitik rührt nicht von ihrer Wahlmehrheit her, sondern – so scheint es – davon, dass sie eine gut organisierte und disziplinierte Minderheit sind, die mit einer gespaltenen und gleichgültigen Mehrheit konkurriert. In Jerusalem verhält sich die ultraorthodoxe Minderheit wie eine Mehrheit, während sich die nicht-ultraorthodoxe Mehrheit wie eine Minderheit gebärdet.

Die Propheten des Zorns stellen die Abwanderung als ein für die säkulare Bevölkerung der Stadt charakteristisches Phänomen dar. Aber auch das ist eine Falschdarstellung. Die Ultraorthodoxen verlassen Jerusalem in einem Maße, das ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht und sogar noch darüber hinausgeht. Laut dem Jerusalem-Zentrum für Israel-Studien wird die Zahl der ultraorthodoxen Jugendlichen im Jahr 2020 sogar auf 20% hinuntergehen. Der Abwanderungsstrom aus Jerusalem ist nicht homogen. Die Hälfte der Abwanderer entscheidet sich für Ortschaften im Großraum Jerusalem und bleibt so mit der Kultur, dem Erziehungswesen, dem Arbeitsmarkt und dem Handel der Stadt verbunden. Tel Aviv zieht bspw. nur 10% der Abwanderer aus Jerusalem an sich.

Eine weitere verbreitete Behauptung besagt, dass die Abwanderung aus Jerusalem weitgehend eine für junge Leute zwischen 22 und 33 charakteristische Erscheinung ist. Das stimmt in der Tat. Aber während die Söhne und Töchter Jerusalems es verlassen, kommen 40 000 Studenten zum Studium an seinen akademischen Einrichtungen, und sie sind der Hebel zum Wachstum der Stadt. In Jerusalem gibt es eine hohe Konzentration von Kunstschulen, hochkarätigen Colleges für Technik, Ingenieurwesen und Erziehung – und natürlich die beste Universität des Landes.

Abgesehen von den höheren Bildungseinrichtungen arbeiten in Jerusalem die meisten jungen Körperschaften und Organisationen Israels. Dazu gehören die Organisation „Neuer Geist“, die Protestgruppe „Nett in Jerusalem“, das „Forum der Organisationen für ein freies Jerusalem“ und natürlich die Bewegung „Erwachen“. Darüber hinaus sind an der Hebräischen Universität die meisten politischen Hochschulzellen des Landes aktiv, die öffentlich Kämpfe führen. „Ofek“, die studentische Zelle der Arbeitspartei (Avoda), hat jüngst ein großes Medienecho erzeugt wegen ihres Kampfes gegen das Phänomen der Beschäftigung von Leiharbeitern an der Universität.

Außer jungen Leuten, Erziehung und gesellschaftlichem Aktivismus gibt es in Jerusalem auch eine facettenreiche und aufregende Kultur, die die Stadt zu einem weltweit renommierten Reiseziel. Gegenüber 2008 ist die Zahl der Kulturveranstaltungen um das Zweieinhalbfache gestiegen, und sie stehen denen Tel Avivs an Qualität in nichts nach.

Es gibt keinen Grund auf der Welt, der Jerusalem, eine an Kultur, viel gepriesenen akademischen Einrichtungen, universalhistorischen Schätzen und natürlich frischer Bergluft reiche Stadt, davon abhalten könnte, zu ihrem alten Glanz zurückzukehren. Jerusalem ist keine leichte Stadt und steht vor vielen Herausforderungen, aber bei einem Blick unter die Oberfläche entsteht ein völlig anderes Bild als das, das ihm anhaftet. Sich an die gängigen Klischees zu halten, wird die Stadt und ihre Bürger nicht dazu führen, der Herausforderungen Herr zu werden, die ihrer harren.

Der Autor ist Aktivist bei der Studentenorganisation OFEK und lebt in Jerusalem.

3 Kommentare zu “Jerusalem – Stadt mit Zukunft

  1. Ja, Sebaldius, es gibt auch noch das „himmlische Jerusalem“ (bzw. „obere Jerusalem“ in der rabbinischen Literatur) – aber das ist wieder ein ganz anderes Thema – ein Thema für die „Ewigkeit“ – aber nicht für Atheisten!  😉

  2. Ach Gottchen, diese Stadt wurde im Verlauf der Geschichte schon (mindestens) dreissigmal vom jeweiligen „Feind“ erobert, und wurde schon (mindestens) siebzehnmal bis zur restlosen Unbewohnbarkeit zerstört, und schon (mindestens) elfmal musste der jeweils über Jerusalem herrschende Gott abdanken und seinem jeweiligen Nachfolger Platz machen auf dem hohen himmlischen Thron über der sogenannten „ewigen“ Stadt.
     
    Aber jetzt sind die Juden plötzlich wieder da, und behaupten auch prompt, die gesamte Stadt Jerusalem sei „ewige und unteilbare Hauptstadt“ ihres frisch aus dem Ei gepellten Judenstaates Israel. Mit der ganz besonderen Betonung auf „ewig“ und „unteilbar.“ Was sie allerdings mit den nicht-jüdischen seit Jahrhunderten dort ansässigen Palästinensern machen wollen, darüber schweigen sie natürlich wie ein Grab.
     
    Für solch einen gewaltig hohen Anspruch braucht es wohl schon den unbeirrbaren Glauben an einen enorm mächtigen Gott im Rücken.  
    Aber nun ja, „da schau`n mer mal,“ wie Franzens Kaiser schon zu sagen pflegte.  Denn die „Ewigkeit“ dauert bekanntlich noch seeeeehr lange.
     

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