Die Sommerdebatte: Aufs Podium gehoben

Der Auslöser der momentanen Debatte liegt schon einige Monate zurück. In einem Kommentar hatte Iris Hefets, eine aus Israel kommende Autorin, kritisiert, das Andenken an den Holocaust werde manchmal missbraucht, um Kritik an der israelischen Politik abzuwehren. Die Veröffentlichung schlug erstaunlich hohe Wellen, die wütende Kritik zahlreicher und unterschiedlicher Unterstützer vor allem rechts-gerichteter Positionen innerhalb des zionistischen Spektrums, verlieh dem Artikel weitere Aufmerksamkeit…

David Gall

In der Jüdischen Gemeinde zu Berlin war man wohl der Ansicht, der Artikel verdiene unbedingt noch mehr Beachtung und veranstaltete eine Podiumsdiskussion, bei der Iris Hefets und ihre – für Israelis wenig originellen – Denkansätze noch einmal im Mittelpunkt stehen sollten. Um die Spannung zu erhöhen, durfte sich Iris Hefets aber nicht selbst vertreten. Wenig überraschend kam es während der Veranstaltung unter der – in diesem Zusammenhang – seltsamen Bezeichnung „Antisemitismus in deutschen Medien„, zum Eklat. Nachdem Anhänger der israelischen Friedensbewegung Rederecht auch für Frau Hefets gefordert und daraufhin in Polizeibegleitung, angeblich zum eigenen Schutz, unter Beifallsbekundungen einer eher rechtsdenkenden Fangemeinde entfernt worden waren, verliess auch taz-Chefredakteurin Ines Pohl das Podium.

Am 26. Juni versuchte die taz eine Folgeveranstaltung. In diesem weniger aufgeladenen Rahmen bot der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland an, mit Iris Hefets zu debattieren und so kam es zu einem überraschend konstruktiven und pragmatischen Gespräch, das zeigen kann, wie wir noch immer miteinander reden können, auch wenn wir unterschiedliche Ansichten vertreten. Ein grosszügiger und demokratischer Austausch von Gedanken und Ideen hat noch nie geschadet. Schon im Talmud, der selbst eine ewige Diskussion ist, sagt ein gewisser Rabbi Ben Bag Bag: „Wende es immer von neuem, denn alles ist darin enthalten“.

Erst wenn wir anfangen, uns gegenseitig zu beleidigen und jeden, der nicht genau unsere Meinungen vertritt, als Verräter und Nestbeschmutzer ausgrenzen, schwächen wir uns, und zwar mehr als wir es uns leisten können. Zweimal schon waren dies die Hauptgründe für die Zerstörung des jüdischen Staates. Gedalya Ben Achikam wurde ermordet, weil er als den Babyloniern gegenüber zu kompromissbereit galt. Jochanan Ben Sakai, der das Fortbestehen des Judentums nach dem Fall Jerusalems durch Verhandlungen mit den Römern einleitete, musste sich, als „Verräter und Beschwichtiger“ beschimpft, aus der belagerten Stadt, auf einem Müllkarren versteckt, schmuggeln lassen, um nicht in die Hände der aufgebrachten nationalistischen und fundamentalistischen Eiferer zu fallen, die sich der Stadt bemächtigt hatten und vor deren Fanatismus der Talmud an zahlreichen Stellen eindringlich warnt.

Doch auch heute bedeutet Demokratie nicht, die Diktatur der momentanen Mehrheit oder der stets mobilisierteren Fanatiker. Es geht nicht darum, die Meinung des Anderen niederzubrüllen, lächerlich zu machen oder gar ihre Veröffentlichung von vornherein zu unterbinden. Es genügt auch nicht, die Ansicht des anderen gnädig oder gleichgültig zu tolerieren. Die demokratische Gesinnung verlangt es, unliebsame Meinungen nicht nur zu respektieren, sondern sogar zu schätzen, als Beschreibung einer Ansicht, die jemand von seinem Standpunkt aus, vielleicht gar nicht haben kann, die sein Wissens- und Denkspektrum aber trotzdem bereichern und anregen können. Manche scheinen die eigentliche Binsenweisheit, „ich bin zwar absolut nicht ihrer Meinung, werde aber stets alles tun, damit sie ihre Meinung kundtun können“, vergessen zu haben.

Jede Gesellschaft, ob Mehrheit oder Minderheit, die einen grossen Teil ihrer Energie und Kreativität verschwendet, um alternative Ansätze in den eigenen Reihen verächtlich zu machen und ihre Vertreter zu verletzen und mundtot zu machen, lichtet ihre eigene Front, ohne Not, vielleicht aus purer Eitelkeit. Doch für einen solchen Luxus sind im Falle Israels und Israelsolidarität die Bedrohungen von aussen viel zu real. Sie müssen sachlich und realistisch angegangen werden. Dabei sind ständige Zwischenrufe im Sinne von „wir leben im Jahre 1938“, „es ist schon wieder soweit“, „Arafat ist Hitler“ und „Obama ist Usama“ und Achmadinedschad ist der Kommandant von Auschwitz II, ganz sicher nicht hilfreich.

Sicher, zum Meckern findet sich immer was und auch beim von der taz in die Wege geleiteten Streitgespräch von Iris Hefets und Stephan Kramer hätte manche Frage präziser und manche Antwort klüger ausfallen können. So what? In Zeiten des Gräbenaufreissens ist es ein erfreuliches Zeichen, wenn jemand Brücken baut. Und rein propagandistisch gesehen, war es ein kluger Zug, der sicher viele Menschen, endlich auch wieder einmal ausserhalb der vermeintlichen In-Group der sowieso schon 150%-Überzeugten, ansprechen könnte. Hier, in der Mehrheit, im Mainstream, liegt ein riesiges Potential das es anzusprechen gilt. Die eigenartigen Figuren aus dem Pro-Köln-, PI- und PBC-Umfeld, die heute die sogenannten Israel-Soliveranstaltungen bevölkern, wirken auf viele „Normalos“ skurril bis abschreckend. Vor allem kennen (oder anerkennen) sie nur die Positionen der rechten Ecke des politischen Spektrums in Israel. Die Mehrheit liegt aber hier wie dort in der Mitte und auch im linken Drittel. Die Frage ob nun der Linkszionismus (Ben-Gurion, Rabin, Beilin, Sarid, Aloni, Dayan u.a.) oder die revisionistische Rechte (Jabotinski, Begin, Netanyahu, Lieberman) die bedeutendere Richtung im zionistischen Spektrum ist, sei mal dahingestellt. Es wäre schön, wenn manche der angeblichen Israel-Fans die Existenz eines Zionismus links von Netanyahu immerhin zur Kenntnis nehmen würden. Auch worauf derartige Unkenntnis bei so lautstarken Besserwissern beruht, soll hier nicht weiter erörtert werden. Immerhin ist es aber ein deutliches Zeichen dafür, dass es vielen dieser „Israel-Freunde“ nicht um Israel geht, das sie eigentlich keines Blickes würdigen. Wer sich wirklich interessiert, der kann sich informieren. Es gibt nicht nur einseitige Blogs sondern auch pluralistische Plattformen. Meinungen unterdrücken kann man sowieso nicht und eine einseitige Information, sozusagen Propaganda, ist heute eher selbstgewählt oder der Faulheit anzulasten. Wobei natürlich auch einseitige Ernährung die Faulheit fördert ;-).

Das Gespräch stand unter dem Titel „Kann Israel jüdisch sein und demokratisch zugleich? Wer spricht für die Juden in Deutschland? Wie weit darf Israelkritik gehen?“

Iris Hefets, die Autorin des besagten von der taz zur Debatte gestellten Artikels zu bestimmten Aspekten der israelischen Erinnerungskultur. Sie ist im Vorstand der „Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden“ und arbeitet für das hebräische Internetportal www.kedma.co.il. Sie hat bis vor acht Jahren in Israel gelebt und lebt jetzt in Berlin.
Stephan Kramer, seit 2004 Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, war vorher persönlicher Referent des damaligen Vorsitzenden Ignatz Bubis. Er ist als einer der bekanntesten Fürsprecher israelischer Positionen in den deutschen Medien bekannt.

58 Kommentare zu “Die Sommerdebatte: Aufs Podium gehoben

  1. @jim

    Lieber Jim,
    ohne jeden Scheiß: Ich bin echt zu Tränen gerührt! So ein schönes, treffendes Gedicht von Jehuda Amichai. Danke!!!

    Aber, stiften wir weitere belebende Verwirrung: Unsere vordringlichste politische Forderung angesichts der Schlechtigkeit der Welt bleibt: „Die Mauer muss weg!“

    Welche Mauer? Ich fürchte, die Iris Hefets, die ja schöner Anlass dieser lustigen Diskussion war, denkt da an noch eine andere Mauer als die meisten der über 35-jährigen Leser hierzulande…

    Für Uri aber gilt vordringlichst:
    hagalil.com/archiv/2010/02/21/antiwand/
    hagalil.com/archiv/2010/02/21/antiwand-2/
    hagalil.com/archiv/2010/06/03/antiwand-3/
    hagalil.com/archiv/2010/06/08/antiwand-4/
     
    Shalom
    Uri

  2. @ A.mOr:

    „Schabbes Schollem“ ??? Was soll das für eine Sprache sein? Jiddish ist es jedenfalls nicht… Hier wird wohl wieder ein bischen auf jüdisch gemacht…

  3.  

    Lieber Uri Degania, hier, für Dich:

    Der Ort, an dem wir recht haben

    An dem Ort, an dem wir recht haben,
    werden niemals Blumen wachsen
    im Frühjahr.

    Der Ort, an dem wir recht haben,
    ist zertrampelt und hart
    wie ein Hof.

    Zweifel und Liebe aber
    lockern die Welt auf
    wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

    Und ein Flüstern wird hörbar
    an dem Ort, wo das Haus stand,
    das zerstört wurde.
     
    Jehuda Amichai

  4. zu jim @Degania
    (…) Schließe mich dem gerne an!
     
    Übrigens – Uri – danke!“

    Danke Jim! Brückenschlag, Kontinuitäten, Aussprachen, eigene Standpunkte aus anderen Perspektiven betrachten und analysieren – wunderbare menschliche, jüdische Eigenschaften, die uns gemeinsam weiterbringen werden. Abweichende politische Positionen zu verdammen, zu ächten etc. erscheint mir hingegen als bedenklich. Sie schwächen uns gemeinsam. David Gall hat dies in seinem Kommentar überzeugend dargelegt. Ich kenne Frau Hefets nicht – aber warum sollte ich ihre pointierte Position verdammen? Ihre Empörung hat doch nachvollziehbare Gründe und Motive, ist vermutlich u.a. aus dem Insistieren auf die Bedeutsamkeit jüdischer Werte für alle Menschen erwachsen – ob wir ihre politischen Schlussfolgerungen, angesichts der sehr realen Bedrohung Israels, in jedem Fall teilen ist eine andere Angelegenheit. Iris Hefets ist Israelin und hat eine streitbare Position angesichts gewisser Handlungen ihrer Regierung vertreten. Dies ist ihr gutes demokratisches Recht.
    Wenn nun „rüdi“ (mich einbeziehend?) hier schreibt: „…die hier kommentieren habe ich bisher als Freunde Israels betrachtet. Schade sie jetzt beim katzbuckeln vor Judenhasserin Hefets zu sehen!!!“ so ist dies nach meinem Empfinden eine etwas befremdliche, projektiv-doktrinäre Position.
    Übrigens Jim: Danke für Deine langjährige Diskussion hier auf haGalil! Eine wirkliche Bereicherung für uns alle. Kontinuitäten schaffen Freundschaften, gemeinsame Entwicklungen – gerade auch in Israel und Nahost. Mit Freude habe ich erst kürzlich Deine historisierende Erinnerung gelesen: http://test.hagalil.com/2010/04/25/budapest-3/comment-page-1/#comment-12304
    Mercy!
    Uri Degania
      

  5. … nach diesen vielen, ach so „freundlichen“ Kommentaren möchte ich auch gerne meinen „Senf“ dazu geben:
    Zitat Franz v. Sales: „Wenn ich schon gefehlt habe, dann möchte ich lieber durch zu große Milde als zu große Strenge gefehlt haben.“
    In diesem Sinne machen Sie so weiter wie bisher lieber Herr Gall!

  6. Zeev,
    Iris Chefetz sagt:
    Aber wir müssen auch anerkennen: Wir sind in ein Land gekommen, das nicht unseres ist. Das gilt auch für mich, obwohl die Familie meines Vaters schon seit sechs Generationen in Israel lebt. Aber meine Mutter ist eingewandert, wie die meisten Israelis. Wir haben das Land auf Kosten der Palästinenser aufgebaut.
    Nach Iris Chefetz leben wir in einem Land das nicht unser ist. Verstehst du wie schlimm diese Behauptung ist? Wenn das Land nicht uns gehört dann haben wir da auch nicht zu suchen! Mit anderen Wörtern Israel hat keinen Existentsrecht weil das Land nicht uns gehört!
    Awraham Burg ist eine sehr umstrittene Persönlichkeit. Ich habe seinen Buch gelesen und da waren sehr viele Schmonzes (so wie du es sagst) er ist bestimmt kein Maßstab.
    Du schreibst: Übrigens ist es kein “Privileg”, dass nur Juden aus Familien, die unmittelbar in der Shoah verfolgt wurden, etwas zum Umgang mit der Shoah sagen dürfen. Das stimmt einerseits und anderseits: wer versteht die Schoa besser der der sie erlebt hat oder der der sie nur in der  Theorie kennt und hat keine Emotionen?
    Wer Iris Chefez bisschen näher kennenlernen möchte und versteht Ivrit der soll in ihr Portal KEDMA rein schauen. So viel Hass gegen Aschkenasim und so viel Mühl auf einem Haufen habe ich selten gelesen. Zurzeit gibt es dort eine Debatte: Wer braucht einen jüdischen Staat? Die Antwort von vielen Blogger heißt: Die Aschkenasim! Auch Iris Chefetz erzählt dort viele Schmonzes und fühlt sich sehr wohl unter den Aschkenasimhasser. Ich glaube das ist ihr Problem sie hasst Aschkenasim.

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