Gegossenes Blei: Und was ist mit all den anderen Toten?

Warum wurde Stabsfeldwebel S. von allen IDF-Soldaten und Offizieren ausgewählt, um vor Gericht zu stehen, weil er am 1. Tag der Bodenoffensive am 4. Januar 2009 zwei Frauen getötet hat ? Die IDF tötete am selben Tag 34 bewaffnete Männer. Wurde S. ausgewählt, weil er der einzige war, der Zivilisten tötete…

von Amira Hass

Sollte sein Anwalt behaupten, dass er zum Sündenbock gemacht wird. Er kann sich auf folgende Statistik beziehen: die IDF tötete auch 80 andere Zivilisten an diesem Tag – aus nächster Nähe, mit Artillerie, aus der Luft und vom Meer her. Unter ihnen waren sechs Frauen und 29 Kinder unter 16 Jahren . Man gehe nur zu B’tselems Website und lese die Liste: ein 7Jähriger Junge, zwei Mädchen ( 1Jahr) ein drei-jähriger Junge und ein 13jähriges Mädchen.

B’tselem ist sorgfältig und unterscheidet zwischen Palästinensern, die an den Feindseligkeiten teil nahmen und die nicht daran teilnahmen. Ihre Liste der Todesfälle: Farah Amar Fuad al-Hilu, (1.Jahr) aus Gazastadt, getötet am 4.1.09 durch scharfe Munition; nahm nicht an Feindseligkeiten teil; zusätzliche Information: sie wurde getötet, als sie mit ihrer Familie aus dem Haus floh, nachdem der Großvater (62) von Soldaten, die ins Haus drangen, getötet wurde.“ Der Großvater nahm auch nicht an Feindseligkeiten teil.

Oder vielleicht wurde er ausgewählt, weil Riyeh Abu Hajaj, 64, und Majda Abu Hajaj, 37, eine Mutter und Tochter, die einzigen Getöteten waren, die am 4. Januar eine weiße Fahne trugen. Nein, Matar,17, und Mohammed, 16, wurden auch getötet. Sie wurden von einer IDF-Stellung in einem nahen Haus beschossen, als sie eine Karre schoben, auf der Verletzte und Tote der Familie Halima lagen, die von einer weißen Phosphorbombe getroffen wurden, die das Haus im nördlichen Beit Lahiya durchdrang. Fünf Mitglieder der Familie wurden auf der Stelle getötet, einschließlich eines einjährigen Mädchens. Eine junge Frau starb Wochen später an ihren Verletzungen.

Die Nachricht, dass Stabsfeldwebel S. vor Gericht stehen würde, verursachte einen Tag lang Aufsehen. Der militärische Generalanwalt wurde gelobt. Auch B’tselem – und das zurecht – da sie der Armee Zeugenaussagen über das Töten von Abu Hajaj gegeben hat. Örtliche Ermittler Bewohner des Gazastreifen hatten sie gesammelt. Palästinensische Organisationen sammelten ähnliches Material, während Amnesty International und Human Rights Watch detaillierte Berichte über zu Tode getroffene Zivilisten veröffentlichte. Alles ist auf ihren Websites zu lesen. Aber wir in Israel glauben den Einheimischen ja nicht – also konzentrieren wir uns nur auf B’tselem.

B’tselem gab der Armee auch Dutzende von Berichten über das Töten anderer Zivilisten, die nicht an Feindseligkeiten teilnahmen. Warum wurde also Stabsfeldwebel S. ausgewählt und nicht irgend ein anderer? Hat einer aus seiner Einheit den Kode der Solidarität unter Soldaten verletzt, um eines höheren Kode willen? Dies ist wahrscheinlich bei den Bodentruppen geschehen: Alle Zeugen, die bei „Breaking the Silence“ sprachen – d.h. jene die erschüttert waren durch das, was geschehen war – kamen aus den Bodentruppen; sie waren es, die die Zerstörungen und die Menschen mit eigenen Augen sahen.

„Das Maß an Zerstörung war unfassbar“, sagte einer der Soldaten. „ Man geht durch Stadtteile dort und kann sie nicht wieder erkennen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Man sieht Felder, Gewächshäuser, Obstgärten – alles in Ruinen. Alles ist völlig zerstört. Man sieht ein rosa Zimmer mit einem Poster von Barbie und eine Granate, die darunter durch 1,5m Mauer ging.

Aber die Aufschlüsselung der Todesfälle zeigt, dass jene, die durch direktes Schießen getötet wurden – der Soldat sieht mit eigenen Augen den, auf den er schießt – eine winzige Minderheit sind. Auf Anfrage von Haaretz analysierte das Al Mezan-Zentrum für Menschenrechte in Gaza die Aufschlüsselung der Todesfälle nach der Art der Waffe. Es fand heraus, dass 80 durch Gewehrschüsse getötet wurden, 13 durch Maschinengewehre und 134 durch Artillerie. Unklar ist, ob die 11, die durch Flechettes-Granaten ( Granaten mit Metallpfeilen) umkamen, in der letzten Zahl mit eingeschlossen sind.

Zweifellos haben diese Schätzungen einen Fehlerspielraum. Ca. 1400 Palästinenser wurden bei der Operation Cast Lead getötet; mindestens 1000 – die meisten Zivilisten – wurden durch aus Flugzeugen abgeworfene Bomben getötet …Für diese für den Abschuss verantwortlichen Soldaten sahen sie aus wie Gestalten, die auf einem PC-Schirm herumspazieren.

B’tselem und Haaretz als auch die Organisationen der Einheimischen, die man nicht berücksichtigen muss, dokumentierten alle die Vorfälle , bei denen aus der Luft getötet wurde. Die IDF gab zwei Irrtümer zu (das Töten von 22 Mitgliedern der a-Diya-Familie in Zeitun mit einer einzigen Bombe und das Töten von sieben Personen, die Sauerstoffbehälter aus einer Werkstatt beförderten, die auf einem PC-Schirm wie Grad-Raketen aussahen.)

Ein Charakteristikum des letzten IDF-Angriffes auf den Gazastreifen ist die große Anzahl von Familien, die viele Mitglieder mit einem Schlag verloren, die meisten in ihren Häusern während der israelischen Bombenangriffe: Ba’alousha, Bannar, Sultan, Abu Halima, Azzam, Jebara, el-Astel, Haddad, Quran, Nasser, Al-Alul, Dib, Samouni,“ schrieb Haaretz im Februar 2009. Sind da keine Feldwebel in diese Fälle verwickelt, die untersucht werden müssten? Oder müsste bei diesen Fällen eine höherrangige Peson als nur ein Stabsfeldwebel das Objekt einer Untersuchung sein?

Die Bekanntgabe, dass Stabsfeldwebel S. vor Gericht stehen muss, hat Aufsehen erregt. Der militärische Generalanwalt wurde gelobt. Aber S.’s Anwalt wird zurecht fragen: Nach all den Zeugenaussagen und Berichten ist dies wirklich der einzige, den man gefunden hat?

Und wie ist es mit der Haltung der Kommandeure, wie sie von denen beschrieben wurden, die von Breaking the Silence interviewt wurden: „Wenn der Kompaniekommandeur und der Bataillonskommandeur dir sagen: ‚Na los, schieß schon!’ werden sich die Soldaten nicht zurückhalten. Sie warten ja auf diesen Tag – um beim Schießen Spaß und das Gefühl der Macht in den Händen zu haben. Was ist mit der Rede des Kommandeurs „ in der Nacht vor der Bodenoffensive“: „ sagte er, dass es nicht leicht werden wird. Er definierte das Ziel der Operation: 2000 tote Terroristen.“

Und wenn dies das Ziel der Operation war, dann sollte man vielleicht den obersten Kommandeur vor Gericht stellen – den Verteidigungsminister Ehud Barak – über den Unterschied zwischen dem Ziel und dem Ergebnis?

Amira Hass ist die einzige israelische Journalistin, die einzige Journalistin weltweit, die den Alltag der Palästinenser lebt, über den sie schreibt. Sie arbeitet für die linksliberale israelische Tageszeitung haArez. Übersetzt von: Ellen Rohlfs. Ersch. 21.06.2010, haArez.