Abkoppelung – trotz allem

Etwa ein halbes Jahr vor der Abkoppelung wurden einige israelische Meinungsführer gefragt, welche Auswirkungen der einseitige Rückzug aus dem Gaza-Streifen mit sich bringen werde. Binyamin Netanyahu konstatierte, ein einseitiger Rückzug ohne Gegenleistung stelle eine existentielle Gefahr dar; Uzi Arad schätzte, die Abkoppelung würde zu einem außen- und sicherheitspolitischen Einsturz führen…

Von Ari Shavit

Moshe Yaalon behauptete, der Rückzug werde dem Terror zu einem Aufschwung verhelfen; Moshe Arens mutmaßte, als Folge der Abkoppelung werde eine neue strategische Lage geschaffen, in der der Süden Israels konstanter palästinensischer Bedrohung ausgesetzt sein werde; Yaakov Amidror prophezeite, Gaza würde zu einem Hamastan werden und die palästinensischen Raketen würden bis nach Ashdod und Kiryat Gat gelangen; Natan Sharansky erwartete eine Stärkung des palästinensischen Extremismus und die Entstehung von Prozessen, die zu einem Krieg führen würden.

Der damalige Bürgermeister von Sderot, Eli Moyal, entwarf ein wildes Zukunftsszenario: „30 Kassam-Raketen fallen auf Sderot, sechs Tote, Dutzende Verletzte. Was macht Israel? Israel marschiert in Gaza ein. Aber diesmal ist der Einmarsch nach Gaza nicht leicht. Minen, IEDs, Südlibanon. Getötete Soldaten. Wegen des Todes der Soldaten intensiviert ZAHAL das Feuer. Tote palästinensische Zivilisten. Internationale Verwicklungen.“

Man kann die Wahrheit nicht verstecken: Die Rechte hatte Recht. In jedem Punkt hatte die Rechte Recht. Während sich Israel der Euphorie über die Abkoppelung hingab, schätzte die Rechte die Wirklichkeit richtig ein. Während sich die gesamten Medien in Lobpreisungen der Abkoppelung ergingen, verstand die zum Schweigen gebrachte Rechte, was sich in der Zukunft ereignen würde. Die Zornprophezeiungen der Orangenen, die vor fünf Jahren als lächerlich und historisch überholt galten, erwiesen sich als völlig korrekt. Der Sieg der Hamas in den palästinensischen Wahlen 2006 und die Machtübernahme der Hamas in Gaza 2007 bewiesen, wie weit die Nationalisten in die Zukunft voraussahen.

Die Rechte hatte Recht, aber die Rechte irrte sich auch. Sie verstand die Gefahren gut, die ein Rückzug mit sich brachte, allerdings überhaupt nicht seine Notwendigkeit. Sie war gut darin, die unmittelbare Zukunft vorauszusagen, aber nicht die fernere. Sie sah das militärische Problem bis ins kleinste Detail, aber blieb blind gegenüber der strategischen Bedrohung. Die Rechte hat vor fünf Jahren nicht begriffen, was sie sich auch heute weigert zu begreifen: Die Bakterie der Besatzung ist zu einer tödlichen Bakterie geworden.

Der Abkoppelungsplan war ein Plan mit vielen Mängeln. Er schuf im Gaza-Streifen keine eindeutige Situation, die das von der UNO anerkannte Ende der Besatzung markierte. Er war nicht von einem internationalen Marshallplan begleitet, der Gaza wiederaufbaute und seine Gemäßigten stärkte. Sie wurde nicht von einer harten Abschreckungspolitik ergänzt, die die Entwicklung Gazas zu einem feindlichen, Tel Aviv bedrohenden Raketenstützpunkt verhindert hätte. Sie schuf kein akzeptables Kräftegleichgewicht im Westjordanland und gab Israel keine langanhaltenden diplomatischen Vorteile an die Hand. Die Stärke des Abkoppelungsplans lag aber darin, dass er der erste mutige Versuch seiner Art war, mit der gefährlichen Bakterie fertig zu werden. Die Grundlogik, die dahinter stand, war und bleibt gültig.

Die Logik der Abkoppelung besagte: Israel hat die existentielle und moralische Verpflichtung, die Besatzung zu beenden. Israel hat keinen palästinensischen Partner zur Beendigung der Besatzung. Daher muss Israel begrenzte und überlegte Maßnahmen einleiten, die es schrittweise zu einem Ende der Besatzung führen. Nein, es besteht keine Aussicht auf vollen Frieden in absehbarer Zukunft. Doch ist auch der gegenwärtige Zustand aussichtslos. Daher muss Israel sein Schicksal in die eigene Hand nehmen und besonnen auf eine Grenzziehung zwischen sich und Palästina hinarbeiten. Nur so wird seine Identität gewahrt bleiben können und seine Legitimität als demokratischer jüdischer Staat. Nur so kann der israelisch-arabische Konflikt zu einem erträglichen Konflikt werden, der letztlich im Frieden enden wird.

Fünf Jahre nach dem Abzug aus Gaza ist das Bild klar: Die Abkoppelung von 2005 war problematisch, aber die Strategie der Abkoppelung war und bleibt essentiell wichtig. Die Lehre aus dem Scheitern der Abkoppelung 1 besteht darin, dass die Abkoppelung 2 anders gemacht werden muss. Verbieten wird sich ein Rückzug auf die Grenzen von 1967, ein Rückzug ohne internationale Unterstützung, ein Rückzug ohne stilles Einverständnis der gemäßigten Palästinenser. Verbieten wird sich ein Rückzug ohne die Garantie einer vernünftigen Antwort auf die Raketenbedrohung. Aber am Ende gibt es keine andere Wahl. Die Abkoppelung ist gefährlich, aber sie ist weniger gefährlich als jede andere Option.

Haaretz, 29.07.10