Dilemmata in der Erziehung zum Frieden

Seit 43 Jahren begegnen sich Mitglieder der israelischen Bildungsgewerkschaft Histadrut Hamorim und der Gewerkschaft Erziehung & Wissenschaft im Rahmen regelmäßiger Lehrerseminare. Langjähriger pädagogischer Leiter der israelischen Delegation ist der Erziehungswissenschaftler Dr. Avraham Rocheli. 1996, kurz nach der Ermordung Yitzak Rabins, hielt Rocheli im Seminar das Referat  „Dilemmata in der Erziehung zum Frieden“…

Von Avraham Rocheli 

Israel befindet sich inmitten eines Prozesses, dessen Ziel der Übergang in eine Epoche des Friedens im Nahen Osten ist. Wir sprechen bewusst von einem Prozess und nicht von einem einmaligen Akt. Dieser Prozess ist begleitet von Befürchtungen, Hindernissen, Schmerzen und sogar Widerstand aus unterschiedlichen Richtungen – innere sowie äußere, darunter auch Akte des Terrors. Es ist ein schwerer Weg. Es gibt keine einfachen Möglichkeiten, alle Wege sind schwer. Die Wirklichkeit ist nicht dichotom – sie hat viele Gesichter, komplex und voller Minen. Von ihrem Wesen her ist dies eine lange Übergangsperiode, die sich nicht still und ruhig vor sich her entwickelt, und man kann heute noch nicht einmal einschätzen, wie lange sie dauern wird. Der Friedensprozess erweckt Dilemmata im erzieherischen Denken und im Erziehungssystem und stellt uns vor neue Herausforderungen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir von Erziehung zu einer Epoche des Friedens hin sprechen, wobei wir uns noch immer in einer gewissen Phase des Konfliktes befinden. Dies ist auf jeden Fall eine außergewöhnliche Situation. Ich habe versucht zu untersuchen  wo, wenn überhaupt, es eine spezifische Beschäftigung mit dem Frieden gibt. Ich fand in einigen Ländern Worte zur Erziehung zum Frieden: Schweden, Schweiz, Australien, Japan, Deutschland, den Philippinen. Sie beschäftigen sich mit Themen wie: Pazifismus, Widerstand gegen den Militarismus, die Gefahren des Krieges, Atomwaffen. Doch die Beschäftigung mit der Erziehung zum Frieden während eines Konfliktes, wenn die ersten Knospen des Friedens gerade zu blühen beginnen, sie geschieht nur bei uns. Schon seit zwei Jahren schreiben und denken Menschen, bereiten Lehrpläne vor, führen Workshops durch und noch vieles mehr.

Doch es stellt sich heraus, dass nur eine der Parteien im Konflikt auch über Erziehung zum Frieden spricht und nicht nur über die politischen Regelungen. Es tut mir leid, dass es so ist, doch ich bin auch stolz darauf. Unsere Lebensprinzipien werden wir nach unseren eigenen Maßstäben festlegen.

Es scheint mir, dass es zwei Dinge sind, die bei uns im Brennpunkt der Erziehung zum Frieden stehen: das eine – und dies ist meines Erachtens die zentrale Bedeutung der Erziehung zum Frieden – ist die Legitimation des Mitmenschen. Ist es doch so, dass Konflikte, besonders lang andauernde Konflikte und besonders dieser Konflikt, in dem wir uns befinden, in dem zwei Parteien um dasselbe Territorium kämpfen, auf dem sie die Erfüllung ihrer nationalen Bestrebungen sehen, ein sehr komplexer Konflikt ist. Im allgemeinen dauern ethnische Konflikte sehr lange an, einige bestehen bereits seit Jahrhunderten. Daher ist es kein Wunder, dass in Osteuropa der Geist sofort aus der Flasche kam, nachdem der Korken gezogen wurde – in Jugoslawien, in der Tschechoslowakei und in der ehemaligen UdSSR. Es erweist sich, dass nationale Konflikte sehr stark sind und sehr lange bestehen können.

Und doch reden wir von Erziehung zum Frieden. Erziehung zum Frieden erfordert das Zugeständnis der Legitimität des Anderen, des Mitmenschen, und Legitimierung wiederum hängt zusammen mit der Loslösung von Stereotypen. Auf diese beiden Begriffe möchte ich tiefer eingehen: Legimitation des Mitmenschen und Stereotypen.

Das bedeutet: Die andere Seite als Mensch zu betrachten. Verwischen doch Stereotype das menschliche Sein des Mitmenschen. Er ist ein Mörder, er ist schlecht. Der Feind wird entmenschlicht (er ist “kein Mensch”, “schlimmer als ein Tier”, “zweibeinige Bestien” usw.).

Die Loslösung von Stereotypen mit gleichzeitiger Legitimierung stellt den Mitmenschen als jemanden dar, der Rechte besitzt, der Ehre besitzt, der auch Gefühle hat, der auch Leid kennt, der ebenfalls eine Geschichte und Symbole besitzt und Trauer kennt. Menschen haben Bedürfnisse, haben Rechte. Die Art und Weise der Umsetzung der Rechte hängt von den Umständen und Zwängen ab, und auch darüber können Meinungsverschiedenheiten auftauchen. Doch es gibt die Rechte. Selbst Menachem Begin sprach in “Camp David” von den “legitimen Rechten des palästinensischen Volkes”. Dieser Punkt der Anerkennung der Legitimation des Mitmenschen steht meiner Meinung nach im Mittelpunkt der Erziehung zum Frieden.

Doch das Schaffen von Frieden, in dem auch die andere Seite den Frieden mit uns will, bedeutet die Erteilung von Legitimität für unsere Existenz hier, im Osten.  Das ist ein Sich-Abfinden mit unserer Existenz – keine Liebe, und nichts, was über das Sich-Abfinden mit unserer Existenz hinausgeht: in Ägypten, in Jordanien, für die Palästinenser.

Dies ist der große Sieg des Zionismus. Denn was war denn die zentrale Behauptung der Araber seit jeher (und noch vor der Staatsgründung)? Dass wir Fremde seien, Eindringlinge, Vertreter des Imperialismus, Vertreter der westlichen Kultur. Daher besäßen wir kein Recht auf nationale Existenz in dieser Region. Sie hätten doch bereits im Jahre 1948 einen Staat haben können, wenn sie den Teilungsplan der Vereinten Nationen akzeptiert hätten. Sie zogen einen anderen Weg vor, und seit 1948 befinden wir uns in einem andauernden Konflikt.

Um die Wahrheit zu sagen, war der größte Teil der israelischen Öffentlichkeit noch vor der Staatsgründung und unter der Führung von Ben-Gurion bereit, auf Teile des biblisch überlieferten Patriarchenerbes zu verzichten. Es war dies die Bereitschaft zu einem politischen Kompromiss, aus der Erkenntnis der Existenz eines anderen Volkes heraus geboren, wie Ben-Gurion 1947 sagte: “Wir haben nicht die Möglichkeit, unsere vollen Rechte auf Eretz Israel zu verwirklichen”. Und nun, nach so vielen Kriegen, findet sich ein Großteil der arabischen Welt mit unserer Existenz ab. Deshalb sage ich, dass der Friedensschluss mit uns einen Sieg des Zionismus darstellt.

Die andere Sache bezüglich der Erziehung zu einem Zeitalter des Friedens ist unser Selbstbild, und ich betone damit unsere Identität und unsere Einzigartigkeit. Wir sind nicht das erste und sicherlich nicht das letzte Volk, das seine nationale Identität definieren muss der Als Volk sind wir seit der Emanzipation mit der Frage der Identität konfrontiert. Für Juden in der Diaspora stellt sich diese Frage tagtäglich. Sie kam auf, als der Zionismus seinen Anfang nahm, und wir begehen nun 100 Jahre Zionismus. Identität bedeutet vor allem das Bild, das ein Mensch oder Volk von sich selbst hat. Es ist eine Tatsache, dass sich im Laufe unseres Lebens hier in diesem Land durch den Aufbau und den Kampf das Ethos gebildet hat, nach dem der Konflikt ein untrennbarer Bestandteil davon ist, wenn nicht gar der Mittelpunkt. Denn eine solch kleine Ansiedlung, die sich in einem Konflikt mit ihren Nachbarn befindet unter Bedingungen von Belagerung, abgeschnitten von ihren sie umgebenden Nachbarn, mit dem Meer als einzige Öffnung, konfrontiert mit einem wirtschaftlichen Boykott und mit dem Gesicht zu einer “eisernen Wand” – unter solchen Bedingungen sind die Bewohner der Besiedlung und des Staates gezwungen, sich auf Fragen der Sicherheit und der nackten Existenz zu konzentrieren. Es entsteht ein Ethos, das den Zwang zur Gewaltanwendung hervorhebt, ein Ethos, das den Militärdienst und das Militär zu einem Wert erhebt, wie auch militärische Kodewörter wie “Wenige gegen viele”, “Die Guten zur Luftwaffe”, “Es ist gut, für unser Land zu sterben”, zusammen mit den Werten des Palmach (Yitzhak Rabin) wie “Die Freundschaft trug dich ohne Worte”, und das “Mir nach”. Nicht zufällig leisten Soldaten auf der Massada ihren Diensteid.

Ich kann mit Sicherheit und sogar mit Stolz behaupten, dass sich die israelische Gesellschaft nicht in ein Sparta verwandelte, und die Erziehung vor und während des Militärdienstes keine militaristische ist. Trotzdem muss bedacht werden, dass sich das Gefühl eines belagerten Landes, abgeschnitten von den Nachbarn und zusammengeschlossen im Kampf, mit unserer kollektiven Geschichte verbindet, die ein klares Schema besitzt. Es hat sich in unserem Bewusstsein in dem Vers “In jeder Generation erheben sie sich, um uns zu vernichten” (die Pessach-Haggadah) niedergeschlagen. Bereits in der Bibel findet sich der Vers “ein Volk, das allein wohnen wird”. Und so wird die Geschichte erzählt, angefangen mit Pharao und Nebukadnezar über Titus, der im Jahre 70 u.Z. die Unabhängigkeit zerstörte (der Zweite Tempel) und bis hin zur Shoah, dem Holocaust.

Wir betrachten uns als Opfer. Selbstverständlich entwickelt sich daraufhin der Instinkt der Selbstverteidigung. Wir dürfen die Tatsachen nicht verändern. Die Geschichte, die Lehre der Shoah und die Erinnerung an sie sind ein zentraler Bestandteil unseres Bewusstseins. Trotzdem meine ich, dass wir uns von einigen Dingen freimachen müssen. Zum Beispiel von der Neigung, unser Leid als Erklärung und Rechtfertigung für alles vorzubringen. Der Getriebene ist in der Regel blind für die Not des Mitmenschen, und wir werden nicht mehr getrieben, auch wenn es an vielen Orten auf der Welt noch Anzeichen von Antisemitismus gibt. Wir müssen uns von einigen der historischen Stereotypen und von der Neigung, uns in der uns eigenen Phantasiewelt zu verschließen, lösen. Der Begriff Shoah, zum Beispiel, sollte allein die tragischen Ereignisse, den von systematischen Motiven und einer durchgehenden Politik geleiteten Versuch, die Mitglieder des jüdischen Volkes allein aufgrund ihrer jüdischen Identität zu vernichten, bezeichnen. Doch der Begriff der Shoah darf nicht grundlos benutzt werden.

Eine der psychologischen Analysen des israelisch-palästinensischen Konfliktes lokalisiert die Quelle der Irrationalität des Konfliktes in der Tatsache, dass die Juden in Israel eine Mehrheit mit der Mentalität einer Minderheit darstellen, während die Palästinenser eine Minderheit mit der Mentalität einer Mehrheit sind. Wenn dem so ist, so steht noch viel Arbeit bevor, und es wird noch viel Zeit vergehen, in der sich das Pendel zwischen Euphorie und Vision und der oft grausamen und problematischen Realität hin- und herbewegt. Das Ethos des Konfliktes wird sein Angesicht mit den Jahren wandeln. Wie wird die neue Geschichte aussehen? Meiner Ansicht nach werden sich der jüdische Israeli und wir als nationale Gruppe in einer Identitätskrise befinden, ja, wir befinden wir uns bereits darin. Der Ursprung dieser Identitätskrise liegt nicht nur im “Ende aller Kriege”, von dem wir noch sehr weit entfernt sind, sondern auch in der Notwendigkeit, Entscheidungen bezüglich Eretz Israel zu treffen.

Die Frage um Eretz Israel steht seit 1967 im Mittelpunkt der inneren Diskussion in Israel. Diese Angelegenheit beeinflusst alle anderen, sie bestimmt die Definition der politischen Lager und deren Polarisierung. Wenn von Erziehung zum Frieden die Rede ist, von der Anerkennung der Legitimität des Gegners und von der Loslösung von Stereotypen, so muss man sich auch mit den intern-gesellschaftlichen Aspekten dieser Themen beschäftigen, besonders vor dem Hintergrund des Mordes an Yitzhak Rabin. Für mich symbolisiert der Mord an Rabin unter anderem die dramatische Steigerung der inneren Konflikte in der israelischen Gesellschaft, fast wie bei einem Vulkanausbruch, noch bevor der äußere Prozess der Friedensbildung abgeschlossen ist. Alles geschieht gleichzeitig, und man muss mehrere Dinge tun – auch klären, inmitten dieser Glut – wer man ist – säkular oder religiös, nationalistisch oder universal.

Wir werden die Geschichte unseres Lebens als Geschichte der Tage des Friedens erzählen müssen. Ich wollte, dass die wahre Geschichte des Zionismus im Mittelpunkt unserer Werte-Erziehung stünde. Nicht nur, weil auch in einem Staat Israel, der unter den Bedingungen des Friedens lebt, das heißt innerhalb von Grenzen, die von unseren Nachbarn anerkannt werden, das zionistische Werk nicht abgeschlossen ist. Es ist noch immer eine Gesellschaft im Entstehen. Die wahre Geschichte des Zionismus – die Vision, die Einwanderungen und der Aufbau, der Kampf und die Sammlung der Diaspora, die Schaffung der hebräischen Kultur und die Wiederbelebung der Sprache und der schwere Preis, den wir gezahlt haben – diese Geschichte muss auch in Zeiten des Friedens und nach dem Sturz der Mauern der Feindschaft gut hörbar erzählt werden. Und sie muss mit Stolz und Ehrlichkeit erzählt werden, nicht als Entschuldigung und ohne Apologetik, doch auch ohne Überheblichkeit, und ohne den hier und dort sichtbaren Ansatz, in unserem Handeln nur Mängel und Fehler zu suchen. Der besondere Charakter unser Kultur muss gestärkt werden. Auch zu Zeiten des Konfliktes war dies eine wichtige Herausforderung, doch für das Zeitalter des Friedens fürchte ich Oberflächlichkeit, kulturelle Loslösung und Amerikanisierung.

Auf der anderen Seite, während ich noch über das Bedürfnis zur Stärkung unserer Identität spreche, kann ich mich nicht der Tatsache verschließen, dass wir uns in einer Epoche befinden, in der Ideologien immer mehr zerfallen, und an ihrer Stelle das zu festigen ist, was einige Erziehungspioniere als Ideologie des Menschen bezeichnen. Das heißt, Ausweitung und Vertiefung der Erziehung zu allgemeinmenschlichen Werten, Werte des Menschen an sich. Die Ideologie des Menschen wird zur zentralen Ideologie.

Natürlich muss man außerdem daran denken, dass uns noch schwere politische Entscheidungen bevorstehen. Die Endregelung ist noch nicht erreicht, zu der solch schicksalhafte Punkte zählen wie Jerusalem und der Golan. Der Mord an Rabin zeigte der gesamten Bevölkerung und insbesondere der jüdischen Bevölkerung die Wichtigkeit des Begriffes der “Spielregeln”, die Tatsache, dass die Achtung dieser Regeln in einer Demokratie wichtiger ist, als der zahlenmäßige Wert der Mehrheit. In dem Moment, in dem es eine Gruppe gibt, welche die Regeln nicht achtet, geschieht ein Mord. Daher wurden viele der Wahrheiten, die wir kennen und wollen, wie Frieden und Demokratie, in Folge des Mordes in hervorstechender und konkreter Form umgesetzt, auf der Straße, auf dem Platz der Könige Israels, der sich in den Rabin-Platz wandelte. Die Demokratie hat gut funktioniert. Die Demokratie wurde gestärkt. Doch wir werden uns sehr lange mit der Pflege der Toleranz und mit der Pflege der Diskussionskultur als Lebensweise beschäftigen müssen.

Auch das ist Erziehung zu einem Zeitalter des Friedens.

Ich sehe einen langwierigen Prozess voraus. Die Erfüllung der paradiesischen Vision “und es wohne der Wolf mit dem Lamm” ist noch weit entfernt. Doch wir befinden uns auf dem richtigen Weg. Den Erziehern steht ein phantastisches Erziehungsabenteuer bevor. Glauben Sie mir, ein Teilfrieden ist dem Krieg vorzuziehen, und die Chance, dass die Epoche des Krieges in unserer Region gänzlich zu Ende geht, ist mehr wert als alles andere. Lassen Sie uns hoffen, dass nur die erzieherischen Dilemmata verbleiben und nicht die Trauer des Krieges und des Terrors.

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Zwei Jahre später setzte Avraham Rocheli seinen  Reflexionsprozess mit „Warum gerade jetzt“ fort. Dieser Beitrag wurde in dem von Roland Kaufhold und Till Lieberz-Groß (Hg. 2001) herausgegebenen psychosozial-Band: Deutsch-israelische Begegnungen, psychosozial Heft 1/2001, S. 15-22 publiziert.

Literatur:
Gewerkschaft Erziehung & Wissenschaft (Hg.) (2009): „Die Verantwortung aber bleibt“ (Reader)
http://www.hagalil.com/2009/05/27/gew/
(Mindestbestellmenge 5 Exemplare) über
gew-shop@callagift.de, Fax: 06103-30332-20, Einzelexemplare über: broschueren@gew.de, Fax: 069/78973-70161