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Vom ‚volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung‘

„Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist.“ lauteten Sprüche, die bei Bücherverbrennungen im nationalsozialistischen Deutschland skandiert wurden…

von Ramona Ambs

Schmierfinken, Gossenjournalisten und Lumpenjournalismus sind Begriffe, die bis heute in unheilvoller Tradition immer wieder genutzt werden, um die Publikation unliebsamer Meinungen zu diskreditieren. Dabei geht es vornehmlich nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit strittigen Themen, sondern vielmehr darum, den Journalisten als Person zu diskreditieren und seine Redlichkeit in Zweifel zu ziehen. „Dreck“ ist dabei eine höchst beliebte, immer wieder kehrende Bezeichnung für die Artikel und Kommentare der als „Schmierfinken“ oder „Gossenjournalien“ Bezeichneten.

Ein kleiner Blick auf die Geschichte dieser Begriffe offenbart so manche Skurilität. So gilt dem Germanisten Fritz J. Raddatz bezeichnenderweise ausgerechnet Heinrich Heine als „Erfinder“ des Gossenjournalismus:

„wenn die Kritik (an Heine) unter dem Rubrum kam: Der Fremde will sich hier mit unserer Sprache in den Saal tanzen, der Saal gehört aber uns – dann hat Heine mit einer Gereiztheit reagiert, die manchmal, wie im Fall des Grafen August von Platen, überzogen war. Wie er mit Platen umging, war die Erfindung des Gossenjournalismus.
Weil er sich von von Platen als Jude angegriffen fühlte, hat er ihn als Homosexuellen auf eine geradezu ekelhafte Weise gebrandmarkt. In Wahrheit interessierte ihn von Platens Homosexualität überhaupt nicht. Sie war für ihn nur Instrument, um den empfindlich zu verletzen und zu vernichten, der ihm das Laubhüttenfest und den Knoblauch unter die Nase rieb.“

Seltsamerweise wirft Raddatz von Platen, der – wohlgemerkt! – zuvor mit denselben Mitteln (aber ohne das sprachliche Talent Heines) versuchte, Heine als Jude zu diskreditieren, nicht vor, Erfinder des Gossenjournalismus zu sein. Gossenjournalismus wird hier nur im Zusammenhang mit einer sexuellen Komponente (hier von Platens Homosexualität) als solcher definiert. (Focus / Heine)

Bis 1918 gab es für Juden noch die beschränkte Berufswahl, die dazu führte, dass Juden in Deutschland und Österreich, gemessen an der Gesamtbevölkerung, überproportional häufig in journalistischen Berufen anzutreffen waren. Vielen Juden blieb aus wirtschaftlichen Gründen oft nichts anderes übrig, als auch für Zeitungen zu schreiben, deren Ansinnen sie nicht unbedingt teilten. So erklärte beispielsweise Joseph Roth, der bis 1922 noch für den Berliner Börsen -Courier geschrieben hatte: „Ich kann wahrhaftig nicht mehr die Rücksichten auf ein bürgerliches Publikum teilen und dessen Sonntagsplauderer bleiben, wenn ich nicht täglich meinen Sozialismus verleugnen will. Vielleicht wäre ich trotzdem schwach genug gewesen, für ein reicheres Gehalt meine Überzeugung zurückzudrängen, oder für eine häufigere Anerkennung meiner Arbeit“. Roth hatte das Glück, eine Stelle bei einer anderen Zeitung gefunden zu haben.

Die von Gustav Freytag in seinem Theaterstück „Die Journalisten“ entworfene Figur des „Journalisten Schmock“ galt und gilt vielen als antisemitisch. Dabei wird übersehen, dass „Schmock“ eigentlich ein Opfer ist. Dennoch lässt Freytag seine Figur Schmock beispielsweise sagen: „Ich habe […] gelernt, in allen Richtungen zu schreiben. Ich habe geschrieben links und wieder rechts. Ich kann schreiben nach jeder Richtung.“

So wurde der, vor allem von Tucholsky, zelebrierte Begriff „Journalisten-Schmock“ bald zum Synonym für „gesinnungslose Schreiberlinge“, die ohne moralischen Anspruch alles für jeden schreiben, der zahlt. Das führte mit dazu, dass journalistisches Schreiben insgesamt als „jüdisch“ diskreditiert wurde –  im Gegensatz zum „Dichten“, das als „deutsch“ galt. „Hinaus mit den Erzeugnissen jüdischer Schmierfinken“ war denn auch das Motto der „Säuberung“ von Schulbibliotheken in Nazi-Deutschland und spätestens 1936 war Kritik an Kunstwerken verboten – Kunstkritiker wurden zu „Kunstschriftleitern“. Kritiker gab es faktisch nicht mehr.

Ruth Klüger gehörte zu den Ersten, die den Begriff des „Schmierfinks“ als klassischen antisemitischen Begriff nach 1945 anprangerten. Auch sie selbst wurde nach streitbaren Artikeln immer wieder als Schmierfink bezeichnet.

Der Journalist Michel Friedman gilt ebenfalls vielen als Lumpenjournalist. Insbesondere Friedmans Kritik an Thilo Sarrazin inspirierte einige offenbar zur Neuauflage der alten antijüdischen Journalistenklischees. So schrieb beispielsweise Gudrun Eussner unter der Überschrift:

Thilo Sarrazin. Michel Friedman und der Lumpenjournalismus: „So unterschätzen sie alle gemeinsam den Michel Friedman und seine lumpige Art, sich über die anderen Menschen zu erheben, mit ihnen zu spielen, sie zu benutzen“ , denn sie seien seinen aufs „Glatteis führenden Fragen“(…) „weder intellektuell noch sprachlich gewachsen“.

Und der deutsche Philosoph Sloterdijk kreierte in diesem Zusammenhang sogar den neuen Begriff der „Meinungs-besitzer-Szene“, die gemeinsam mit den „Berufsempörten“(…) „keifen und hetzen“.

Auf der neurechten Internetseite PI wird derlei natürlich beklatscht und so fndet man auch dort in den Kommentaren dazu Sätze wie: „Das Ganze nennt sich Schweinejournalismus“ oder „Man sollte einen jährlichen Preis mit dem Titel: “Das goldene Friedmänchen” verteilen! Empfänger wären die jahresbesten Berufs-Heuchler und “Entrüstungs-Industriellen” der Medien- und Politbranche.“

Auch Richard Chajm Schneider, Nahostkorrespondent der ARD, sieht sich heftigen Angriffen auf seine Person ausgesetzt. Ein nach Israel ausgewanderter Rostocker namens Ulrich J. Becker wirft ihm in seinem Blog regelmäßig „unserioesen, einseitigen Journalismus gegen Israel“ vor: „Aber wer Israel unkorrekt mit Dreck beschmeisst sollte sich nicht wundern, dass es ein paar Israelis gibt, denen das nicht egal ist und ihre tendenzioese Vorgehensweise offen kritisieren.“

Auch in Leserbriefen und Kommentaren hier bei haGalil findet man diese Ressentiments. Wir lesen „Demokratietrottel“, „Gossenjournalisten“ „Dreck“ oder „Lumpenjournalien“. Das sieht dann zum Beispiel so aus, wie unter dem jüngsten Artikel zur Sommerdebatte:

„Interessieren tut mich die Frage ob Ihr eure Dreck selber glaubt, oder die der Politiker evtl. gleich mit? Und für wie dumm haltet ihr die Menschen, denkt ihr ernsthaft die wären alle noch dämlicher als ihr,ihr völlig verblendeten Realitätsverweigerer, ihr Demokratiefanatiker? Jeder bekommt was er verdient! Wenn es das nächste mal kracht, waren Gas und Erschießungskommandos ne helle Freude. xxx xxx xxx“.

Allzu verwunderlich ist es allerdings nicht, dass man sich gerade in Deutschland, ähnlich auch in Österreich, so wenig für Meinungsvielfalt begeistern kann, hat man sich in beiden Ländern doch nicht gerade enthusiastisch an demokratische Spielregeln gewöhnt. Sich inhaltlich mit Positionen auseinandersetzen und eine Meinung durch Sach-Argumente zu begründen, ist ja auch zugegebenermaßen viel anstengender, als den Urheber eines Textes zu diffamieren. Letzteres klappt immer irgendwie und bringt auch viel Applaus in den eigenen Kreisen. Dummerweise kommt man aber dabei inhaltlich nicht weiter, und das eigene kritische Denken verkümmert, wenn man nicht bereit ist, sich zumindest einmal theoretisch auf sein Gegenüber einzulassen.

Daher plädiere ich heute:

Für Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung!
Für Frechheit und Anmaßung im Denken!
Für lebendige und sachliche Auseinandersetzung !
Gegen persönliche Diffamierung von Journalisten!
In diesem Sinne: eine anregende Diskussion!