Geschichte im Schatten der Mauer

Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat ein israelischer Touristenführer eine Besuchergruppe durch die palästinensisch autonome Stadt Bethlehem geführt. Rafael Ben Hur, Generaldirektor des israelischen Tourismusministeriums, war zum Grenzübergang zwischen Jerusalem und Bethlehem beim Rachelsgrab gekommen, um die „historische“ Visite mitzuerleben…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 24. Juni 2010

„Tourismus und Wirtschaft sind die besten Mittel, einen Frieden aufzubauen“, sagte er den neun deutschen Bürgermeistern, die Mosche Gabay des Jerusalemer Reisebüros „Keshet – Zentrum für Bildungstourismus“ durch Bethlehem führen sollte. „Tourismus kann Terrorismus besiegen“, sagte Ben Hur, ehe er den Bus mit einem „Möge Gott Euch segnen und berichtet nach Deutschland, was Ihr hier heute erlebt habt“ durch das Tor in der 10 Meter hohen Betonmauer des israelischen Sperrwalls in das palästinensische Territorium entließ.


Gabay (l.) und Ben Hur vor der Mauer

Der junge, in der Schweiz geborene Gabay hatte „gemischte Gefühle“, als er im Bus das Mikrofon ergriff und den Bürgermeistern erklärte: „Für mich ist das ein kleiner Schritt, aber für den Frieden und die Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern ist es ein großer Schritt, dass jetzt wieder israelische Touristenführer Gruppen nach Bethlehem führen können, und palästinensische Touristenführer wieder nach Israel dürfen.“ Bislang haben nur 50 ausgewählte israelische Reiseleiter die Erlaubnis erhalten, nach entsprechender Anmeldung bei den Militärbehörden palästinensisches Autonomiegebiet zu betreten.

Seit zehn Jahren sind die Autonomiegebiete für alle jüdischen Israelis gesperrt. Nach Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 sind mehrere Israelis in den palästinensischen Gebieten ermordet oder entführt worden.

„Wirtschaft schafft gemeinsame Interessen“, sagte Gabay auf dem Krippenplatz vor der Geburtskirche, in der sich jene Höhle befindet, in der Jesus geboren wurde. „Ich hoffe, dass die Palästinenser ebenso an dieser Entwicklung interessiert sind, wie wir.“

Gabay erzählte, dass es bei seinen Gruppen immer einen unguten Eindruck hinterlassen habe, wenn er ihnen erklären musste, sie nach Bethlehem nicht begleiten zu können, weil es für ihn zu gefährlich sei. Das habe in der Vergangenheit die Kooperation nicht gefördert. „Jetzt bin ich stolz, der erste Israeli zu sein, der diesen Schritt tun konnte.“

An der Geburtskirche stehen immer palästinensische Polizisten und prüfen, ob jede Gruppe von einem lizenzierten Guide geführt wird. Die Zahl der Gruppenteilnehmer wird für die Statistik registriert. Diesmal zückte Gabay seinen israelischen Reiseleiter-Ausweis und zeigte ihn den lächelnden Polizisten. Die waren offenbar informiert und hießen ihn willkommen.


Palästinensische Polizisten prüfen Gabay

Gabay erklärte kanadischen Journalisten sein „eigentümliches Gefühl“, durch Bethlehem zu fahren. „Einerseits sehe ich hier noch Plakate von Selbstmordattentätern, sogenannten Märtyrern, und ich weiß, dass die Bevölkerung sie unterstützt. Auf der anderen Straßenseite sehe ich dann einen Blumenladen. Die palästinensische Gemeinschaft ist gespalten. Ich hoffe, dass jene, die an einer Kooperation mit Israel interessiert sind, die Macht behalten und jene kontrollieren könnten, die das nicht wollen.“ Auf die Frage, ob er nicht Angst um seine eigene Sicherheit habe, sagte Gabay: „Ich fühle mich nicht ganz sicher, aber ich finde, dass es wert ist, den ersten Schritt zu tun.“

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com