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Kein Platz in Zion

Anlässlich seines 150. Geburtstags wurde Theodor Herzl gewürdigt. Kein Wort fiel über das Schicksal seiner Familie…

Von Melissa Müller

Das Vermächtnis, das politische wie das persönliche, das der Begründer des Zionismus hinterlassen hat, besteht in einem Dilemma. Nirgendwo wird es trefflicher symbolisiert als am Herzlberg in Jerusalem. Oben das Grabmal von Theodor Herzl, ein mächtiger schwarzer Granitstein, staatstragend in seiner Nacktheit. Kein Ort zum Verweilen, sondern ein großer Paradeplatz, auf dem man das Klirren der Tschinellen auch zu hören meint, wenn keine Militärparade stattfindet. Das offizielle Israel gedenkt seines Gründungsvaters seit je gerne gemeinsam mit der Armee. Hügelabwärts ein Hain, der über die Jahrzehnte seit der Staatsgründung zum Nationalfriedhof gewachsen ist. Wegweiser führen zu den Gräbern der politischen Führer, zu der Begräbnisstätte von Herzls engstem Vertrauten und Nachfolger David Wolffsohn, von Premierministerin Golda Meïr oder von Jitzchak Rabin, der einem Attentäter zum Opfer fiel.

Wer dort nach den letzten Ruhestätten von Herzls Nachkommen sucht, muss allerdings Ausdauer mitbringen. »Das ist schließlich ein Friedhof«, sagt Ariel Feldestein, »und kein Denkmal.« Aus dem Mund des Historikers klingt das einleuchtend. Allein seiner Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass Herzls Kinder überhaupt in Israel begraben wurden – mehr als ein Jahrhundert nachdem der geistige Stammvater des Staates Israel in seinem Testament verfügt hatte, dass nicht nur er und seine Eltern, sondern unbedingt auch seine Kinder in dem damals noch utopischen Judenstaat beerdigt werden sollten. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass die Gräber gut versteckt sind, als ob man sich dem Schicksal der Kinder immer noch nicht recht stellen möchte, als ob man immer noch fürchte, damit »die Würde des Propheten des Staates zu verletzen«.

Schon im Jahr nach der Staatsgründung wurde der Leichnam Theodor Herzls von Wien nach Jerusalem überführt. Gegen eine Beisetzung seiner Kinder und seines einzigen Enkelkindes auf israelischem Boden, die zu diesem Zeitpunkt allesamt bereits tot waren, sträubte man sich hingegen. »Ihr Lebensschicksal passte so gar nicht in das starke, schöne und idealisierte Bild des neuen Juden, das die Zionistische Organisation von Herzl gezeichnet hatte«, sagt Andrea Livnat, die über das Nachleben Theodor Herzls im kollektiven Gedächtnis Israels promovierte. Die tragische Geschichte der Familie Herzl war, schlicht gesagt, Israel stets peinlich – und ist es zum Teil noch immer. Jahrzehntelang sollte sie vor allem vertuscht werden.


Herzl mit seinen Kindern um 1900

Die älteste Tochter, »mein teuerstes Paulinerl« (Herzl), wuchs nach dem Tod der Eltern bei Verwandten auf; Herzls Ehefrau Julie starb schon 1907, drei Jahre nach ihrem Mann, in einer psychiatrischen Klinik in Wien. Seit 1915 war auch Pauline in psychiatrischer Behandlung, immer wieder wurde sie in Kliniken eingewiesen. Als sie im Spätsommer 1930 – vermutlich an einer Überdosis Morphium – in Bordeaux starb, war sie schwer krank, obdachlos und kurze Zeit vorher als Landstreicherin verhaftet worden.

Theodor Herzl hatte die Not, jedenfalls die Geldnot seiner Kinder vorausgesehen. »Sie sind durch meine Thätigkeit für das jüdische Volk zu kurz gekommen«, beklagte er und spielte damit wohl allein auf die finanziellen Umstände der Familie an. Obwohl er der Ehefrau in Erziehungsfragen misstraute, dürfte ihn seine physische Abwesenheit – er war schließlich häufig auf Reisen – meist davon abgehalten haben, seine Vaterrolle wahrzunehmen.

Dem Sohn bläute der Patriarch ein, »zu Höherem« geboren zu sein

Tatsächlich hatte Herzl seine Idee von einem Staat für die Juden fast ausschließlich auf eigene Kosten verfolgt und sich dabei nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell verausgabt. Er setzte deshalb auf seine Wegbegleiter. Sie sollten ein »Nationalgeschenk für die Kinder des Dr. Herzl« aufbringen. Paulines an die Zionistische Organisation gerichtete Briefe mit der verzweifelten Bitte um finanzielle Unterstützung blieben jedoch unerhört.

Als ihr jüngerer Bruder Hans vom Tod der geliebten Schwester erfuhr, bat er darum, in einem Sarg mit ihr beerdigt zu werden. Noch vor der Beisetzung nahm er sich das Leben. Auch seine Psyche war schwer belastet. Von klein auf lebte er nicht nur unter dem Druck, dem Vater genügen zu müssen: »Denn Du und ich, wir müssen immer alles mit Vorzug machen«, forderte der strenge Patriarch. Mehr noch, auf ihm lastete die Erwartung, er sei »zu Höherem« geboren. »Als ich dachte, dass ich vielleicht Hans einmal zum Dogen krönen werde und ihn vor den Großen des Reichs im Tempel anreden werde: ›Eure Hoheit, mein lieber Sohn!‹, da hatte ich Tränen in den Augen«, spintisierte Herzl in seinem Tagebuch. Aber er meinte diese Anwandlung durchaus ernst. Laut Testament durfte Hans, den Herzl auch Johannes nannte, nicht im Einflussbereich der Mutter verbleiben. Sie hätte ihn ohnehin nicht geliebt. Der Bub wurde in England erzogen, in Cambridge ausgebildet. Nach einem Zusammenbruch trat er zum Christentum über und sympathisierte vorübergehend mit wechselnden christlichen Strömungen.

Wie belastend das Erbe des Vaters gewesen sein muss, lässt sich auch aus der Krankengeschichte der jüngsten Tochter ablesen. Margarete, genannt Trude, litt seit früher Kindheit an manischer Depression. 1917 wurde sie mit dem deutlich älteren Richard Neumann verheiratet, der Geburt ihres Sohnes Stefan Theodor, Herzls einzigen Enkels, folgte ein Nervenzusammenbruch und einer von in der Folge zahlreichen Aufenthalten in »geschlossener Anstaltspflege«. 1941 wurde sie aus dem inzwischen arisierten Sanatorium Purkersdorf in die Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof zwangsüberstellt. »Es bestehen Größenideen namentlich im Sinne einer von ihr zu erfüllenden Mission, … im Sinne ihres Vaters zu leben und ein Wesen zu tragen, das eines der edelsten der kommenden Geschlechter sein soll«, heißt es in der Krankenakte. Ende August 1942 wurde Trude als »nicht mehr anstaltsbedürftig« entlassen – mit dem Zweck, sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, der zuletzt im jüdischen Altersheim gelebt hatte, nach Theresienstadt zu deportieren. Die beiden gelten seither als verschollen. Sie haben keine Gräber.

Die Familie zahlte den Preis für die Ambitionen des zionistischen Pioniers

Ihren Sohn Stefan Theodor hatten die Eltern 1937, rechtzeitig vor der Machtergreifung der Nazis in Österreich, nach England geschickt. Er studierte in Oxford und kämpfte auf Seite der britischen Armee im Zweiten Weltkrieg. Bei einem Besuch in Palästina im Jahr 1946 zeigte er sich als begeisterter Zionist, trotzdem entschied er sich vorerst für ein Leben in den USA. Auch er kämpfte mit schweren Depressionen. Als ihn die Nachricht vom Tod seiner Eltern erreichte, nahm der letzte direkte Nachfahre Theodor Herzls sich in Washington das Leben.

»Es ist im Grunde unerheblich, ob Trude in Theresienstadt umkam oder in Auschwitz«, beklagt der Historiker Ariel Feldestein die Sensationsgier der Menschen. Feldestein ist akademischer Leiter des Sapir College und zugleich ehrenamtlicher Vorsitzender eines 2004 von der Regierung etablierten Komitees, das die Erinnerung an Theodor Herzl in der breiten Bevölkerung wachhalten oder vielmehr wiederbeleben soll. Feldesteins aktuelles Forschungsprojekt trägt den Titel Unser Herzl. Es beschäftigt sich mit den verschiedenen Aspekten im Wirken des zionistischen Pioniers und mit seiner Vereinnahmung und Verklärung zu unterschiedlichsten politischen und weltanschaulichen Zwecken. Feldestein hält nichts von der Idealisierung Herzls zu einem visionären Überwesen. »Er war eine außergewöhnliche Führerpersönlichkeit. Er dachte wie ein Diplomat«, sagt er, »aber er war auch ein Mensch mit einer einzigartigen, ausgesprochen schwierigen Familiensituation. Seine Familie hat den Preis für seine Ambitionen bezahlt.« Das müsse man respektieren, ohne darüber zu urteilen. Und ohne es zu tabuisieren.

Gerade deshalb veröffentlichte Feldestein Herzls Testament und kämpfte fünf Jahre dafür, dass Herzls Herzenswunsch erfüllt wurde. Erst 2006 wurden die Gebeine von Pauline und Hans auf dem Herzlberg beigesetzt. Um dies offiziell zu rechtfertigen, musste das Oberrabbinat Hans Herzls späte Rückbesinnung auf das Judentum bescheinigen und zudem anerkennen, dass Hans seinen Selbstmord im letzten Augenblick vor Eintreten seines Todes bereut habe. Ein Jahr später wurde auch der Sarg von Enkel Stefan Theodor überführt.

Für hitzige Diskussionen sorgt die Familiengeschichte der Herzls auch weiterhin. Für die einen sind die psychischen Störungen der Kinder allein Herzls Ehefrau Julie Naschauer zuzuschreiben. Ihr hysterisches Wesen soll nicht nur für die verheerend schlechte Ehe verantwortlich gewesen sein, ihre Erbanlage habe die Krankheiten der Kinder verschuldet. »Wir wissen so wenig über Julie und rein gar nichts über ihre Gedankenwelt«, bremst Ariel Feldestein derartige Küchenpsychologie.

Andere Spekulationen meinen hingegen neuerdings, geisteskranke Züge am Wesen des Muttersöhnchens Theodor Herzl entdeckt zu haben. Feldestein nimmt auch diese Fernanalyse gelassen: »Die Menschen lieben eben Klatsch.«

Die Autorin ist Verfasserin historischer Sachbücher. Ihre Biografie von Anne Frank wurde in den USA verfilmt. Zuletzt gestaltete sie gemeinsam mit Monika Czernin (Regie) die TV-Dokumentation »Der Traum vom Gelobten Land«. Der Artikel erschien am 20.05.2010 in der Zeit.