Information, Kommunikation und Repression: Auf drei Dingen…

Als haGalil onLine seine Arbeit aufnahm, war Jizhak Rabin bereits ermordet, der Friedensprozess aber noch nicht zusammengebrochen. Die Hamas sammelte schon Gelder in Europa, von Al-Kaida hatte aber noch niemand gehört. Horst Mahler schrieb schon alles, was wir heute auch in der saudischen Presse lesen können. In Brandenburg gab es schon national-befreite Zonen und in Rostock brannte das Sonnenblumenhaus. Vom WTC konnte man die halbe Welt sehen und die war damals noch bunter, von Nuancen zu reden war noch selbstverständlicher…

Klar, für Antisemiten war die Welt schon immer schwarz und weiß und alle Probleme der Welt haben seit eh und je nur eine einzige Ursache – die Juden. Die Weltwirtschaft wird vom jüdischen Kapital geknechtet, der Weltfrieden vom Judenstaat bedroht.

Vielen erscheint es hoffnungslos, gegen all diese uralten und abgrundtief dummen Hassparolen vorzugehen – wir meinen aber, dass man die Hetzer weder gewähren lassen kann noch darf.

Im übrigen ist es auch hier so, dass sich selbst aus beunruhigenden Tatsachen ein „positiver Aspekt“ folgern lässt: Je zentraler die Bedeutung der antisemitisch-antizionistischen Konstrukte im ideologischen Fundament einer Bewegung, um so nachhaltiger ist sie in ihren Grundfesten zu erschüttern, wenn es gelingt, diese Propaganda als Wahngebilde zu entlarven.

Wir behaupten nicht, dass dies das wichtigste aller Probleme sei und auch nicht, dass wir die einzig mögliche Lösung gefunden haben. Wir betonen lediglich, dass dieses Problem ein ernstzunehmendes ist und dass man etwas tun muss und etwas tun kann.

Dass der Antisemitismus eine Gefahr für die gesamte Gesellschaft darstellt betonen Politiker aller Couleur. Viele schildern bei Gedenkveranstaltungen oder nach Wahlsiegen nazistischer Parteien die Lage zehnmal bedrohlicher als wir es je getan haben. Betroffenheit heucheln ist aber etwas anderes als betroffen sein. Das eine führt zum Reden, Konferieren, Konzipieren, perspektivisch andenken, das andere zum Tun.

Wenn Sie der Meinung sind, dass Antisemitismus ein Problem ist, dass Antisemitismus ein Problem der Gesellschaft und nicht nur Privatangelegenheit einiger weniger ist, dann sollten Sie sich nicht nur überlegen was vielleicht wünschenswert wäre, als vielmehr, was überhaupt machbar ist – und jene unterstützen, die dies schon lange tun.

Gegen hetzerische Inhalte im Internet ist uns die Schaffung eines massiven Gegengewichts durch aufklärende Inhalte am wichtigsten Das heißt Wahrheit gegen Lüge und Hass. Der NPD-Anwalt Horst Mahler, um nur ein Beispiel zu nennen, sieht den Hauptfeind des Deutschtums inzwischen nicht mehr in der „jüdischen Rasse“, sondern in der jüdischen Religion. Dementsprechend finden wir auf den einschlägigen Seiten eine unglaubliche Menge an Artikeln die sich mit dem „Judentum“ befassen – beziehungsweise dem, was Mahler und seine Kollegen (im weitesten Sinne) dafür halten.
Wenn wir nun einhundert unserer Seiten gegen eine dieser Seiten setzen – zum Beispiel zum harmlos erscheinenden Thema „jüdische Feiertage“, dann liegen die Chancen eines Schülers, auf der Suche nach Informationen zu seinem Referat bei haGalil onLine anstatt auf den Nazi-Seiten zu landen bei 100:1.
Information und Aufklärung darf aber nicht Gegenpropaganda sein. Sie muss das Denken anregen, nicht vorschreiben. Widersprüche und Diskussionen, Facetten und Pluralismus sind nicht Mittel zum Zweck, sondern Weg und Ziel.
Bestechend an diesem absolut einfachen Ansatz ist, dass der „inhaltliche Schutzwall“ unabhängig von allen Schwachpunkten der bisher von offizieller Seite angedachten Strategien funktioniert, denn das Verhältnis 100:1 bleibt effektiv auch ohne den in der „Berliner Erklärung“ des Justizministeriums erhofften weltweiten Wertekonsens. Es wird auch noch bestehen, nachdem sich die vielleicht irgendwann einmal installierten Filterprogramme als wirkungslos – da umgehbar – erwiesen haben. Selbst im Falle, dass antisemitische Hetze einmal straffrei sein sollte, wird unsere „Blockade“ weiter funktionieren.

ZWEITENS:

Unser zweiter Ansatz nutzt die kommunikativen Möglichkeiten eines lebendigen Onlinedienstes, denn die beste Vorraussetzung für Verständigung sind Begegnung und authentische Information.
Wir wissen längst, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gerade dort am meisten verbreitet sind, wo die wenigsten Juden leben. Für einen Jugendlichen in Brandenburg ist haGalil onLine oft die erste und einzige Möglichkeit, mit Juden in einen Dialog zu treten.
Aus einer Menge von 220.000 Besuchern, jeden Monat, erhalten wir täglich Dutzende von e-Mails mit Anfragen von Schülern und Lehrern und unsere Foren und Chats bieten Möglichkeiten zur Kommunikation der Leser untereinander.
So lernte beispielsweise eine Nazi-Aussteigerin die Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde in Bayern kennen. Aus diesem Kontakt entstanden gemeinsame Vorträge an Schulen und Jugendzentren.
Von vielen werden wir als Anlaufstelle für den Kampf gegen Rechts wahrgenommen und unsere Ausdauer, gerade auch nach verheerenden Angriffen auf unsere offenen Foren, nach Hackerangriffen oder Verleumdungskampagnen ist für viele ein ermutigendes Zeichen in dieser Auseinandersetzung.
Die bei haGalil erhaltene Information und das Wissen sich hier auch weiterhin austauschen zu können, stärkt die argumentative Sicherheit.

DRITTENS:

Unser dritter Ansatz resultiert aus massiven Angriffen rechtsextremer Hetzer: Die juristische Komponente unserer Arbeit konnte immer weiter ausgebaut und verbessert werden. 1997 haben wir das weltweit erste Meldeformular für NS-Seiten ins Netz gestellt. Im Jahr gehen hier ca. 1.000 Anzeigen ein, und inzwischen ist fast jede dritte Strafanzeige in Deutschland in diesem Bereich auf eine Meldung über unsere Anlaufstelle zurückzuführen.
Es geht hier aber nicht nur um Quantität, sondern vor allem um Qualität: Wir leiten die hier gemachten Beobachtungen unserer Leser nicht einfach an die Staatsanwaltschaften weiter, sondern führen eigene – oft auch anlassunabhängige – Ermittlungen zur Täterfeststellung durch und geben den Staatsanwaltschaften sowohl juristische als auch technische „Nachhilfe“, so dass der größte Teil der über uns erstatteten Anzeigen auch tatsächlich zu einer Verurteilung führt. Es sind keine neuen Gesetze notwendig, die Anwendung der bestehenden würde bereits ausreichen.

Fazit:

Grundsätzlich lässt sich zusammenfassen, dass Antisemitismus, Antizionismus, Hass und Demokratiefeindlichkeit im Internet, im Internet und mit den Möglichkeiten des Internets bekämpft werden müssen. Wenn wir uns heute anschauen, welche Effektivität haGalil onLine mit welch geringen Mitteln, finanziell und personell, erreicht hat, dann besteht durchaus Hoffnung, dass die Verbreitung fundamentalistisch-nationalistischer Hetze – mit den Mitteln des Internets – ganz entscheidend behindert werden kann.

Auch nach zahlreichen Konferenzen zum Thema, die immer wieder die Bedeutung des Themas betonen (zB mehrere Konferenzen der OSZE), müssen wir darauf hinweisen, dass es höchste Zeit ist, dass die vielen Zuständigen in diesem Land endlich die unspektakuläre alltägliche Arbeit nachweislich effektiver Initiativen unterstützen.

HaGalil onLine kommt nicht als Hochglanzbroschüre daher und nicht als pädagogisches Projekt zur theoretischen Konzeption politischer Bildungsarbeit. Wir sind einfach „al haMapah“, d.h. wir sind präsent, als lebendiger, alltäglicher und selbstverständlicher Teil einer offenen und vielfarbigen Gesellschaft.