…und die Katzen arbeiten für den BND: Undercover Tel Aviv

„Ich denke 50 % der Tel Aviver benötigen eine psychologische Behandlung, es sind aber genau die anderen 50 %, die eine Therapie machen“. So lautet die Analyse von Dan Kastoriano, Kopf der vierköpfigen Agenten-Crew, die undercover in Tel Aviv nach verdächtigen Lebensgeschichten sucht…

Vom Heidelberger Stückemarkt 2010 berichtet Ramona Ambs

Grundidee für dieses dokufiktionale Stück stammt vom Autor und Regiseur Stephane Bittoun. Er war gemeinsam mit dem deutsch-israelischen Ensemble in Tel Aviv unterwegs, um dort vor Ort durch Interviews, Ton- und Videoaufnahmen Geschichten, Schicksale und Atmosphäre in Tel Aviv einzufangen. Und so sind die dargestellten Rollen auch allesamt fiktionales Abbild realer Geschichten.

Die Agentengeschichte als erste Ebene der Figuren bildet die reale und gefühlte Bedrohungslage der Israelis einerseits, als auch den realen Arbeitsauftrag des Ensembles andererseits ab.
Der Schauspieler Paul Grill wird im Stück zu Agent Paul Grill, Unteroffizier des BND, Außenstelle Heidelberg. Er schlüpft zur Tarnung in die Figur Boaz, ein junger Medienberater, der sich nachts als Callboy verdingt und davon träumt, der neue Messias zu werden. Boaz trifft auf Itzig (gespielt von Michal Shtamler), einen jungen Kung-Fu-Kämpfer, der mit 15 seine streng-religiöse Familie verließ, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen über Wasser hält.

Agentin Franziska Bayer eignet sich die Idendität von David an, einem jungen Mann, dessen Eltern die körperliche Unversehrtheit ihres Sohnes so wichtig war, dass sie ihn nicht beschneiden ließen, was ihm zahlreiche Probleme bereitet. Beyer spielt außerdem Abena, eine illegale Gastarbeiterin, die mit ihrem Sohn in Tel Aviv in ständiger Angst vor Ausweisung lebt.

Michal Shtamler spielt als Shabbak-Agentin Shtamler auch noch Polly, eine Dokumentarfilmerin, die dem Geheimnis der vier Kabbalisten auf der Spur ist und deshalb den Rabbi Milchmann (wiederum gespielt von Dan Kastoriano) verfolgt. Die kabbalistische Geschichte der vier Zaddikim, die je einen Brief mit einer schrecklichen Vorhersagung erhalten haben, bildet den Rahmen des Stückes. Drei der schrecklichen Vorhersagen haben sich bereits erfüllt. Nun lebt nur noch Rabbi Milchmann, der den geheimnisvollen Brief mit dem letzten, unheimlichen Geheimnis hütet wie einen traurigen Schatz.

Die Schauspieler springen teilweise akrobatisch von einer Idendität in die andere – sie switchen zwischen hebräisch, englisch und deutsch, wobei die englischen und hebräischen Passagen durch Übertitel ins Deutsche übersetzt werden. Videosequenzen von Tel Aviv wechseln mit real gespielten Szenen auf der Bühne, überschneiden und ergänzen sich. Beeindruckend dabei auch der Stimmentausch, bei dem sich die weibliche Figur durch Lippenbewegung mit ihrem männlichen Partner unterhält, jedoch die eingespielten Tonaufnahmen die Stimme des jeweils anderen hat.

Viele der dargestellten Szenen und Gechichten sind traurig,verstörend und skurril. Die Skurrilität jedoch ist auch Garant für die vielen lustigen Momente der Aufführung. So zum Beispiel wenn die Straßenkatzen in Tel Aviv als möglicherweise gechipte Agenten (ausgerechnet!) des BND verdächtigt werden und erst morgens um vier Uhr ihre wenige freie Zeit mit ausgiebigem Katzensex verbringen dürfen; oder wenn Agent Kastoriano darauf hinweist, dass man nicht sexuell abartig sein muss, um in Tel Aviv zu leben.

Der Künstler Roy Menahem Markovich, der in Tel Aviv und Berlin lebt, entwarf Raum und Kostüme für das unkonventionelle Projekt, in dem die Schauspieler während des Stückes immer mehr Klimaanlagen aufhängen, um in der immer stärker werdenden Hitze überhaupt leben zu können. Das Stück wurde am 30.4.2010 im Rahmen der Heidelberger Theaterkooperation Familienbande uraufgeführt und fand beim Publikum, in dem auch der israelische Botschafter saß, großen Anklang. Die nächste Vorstellung ist am 31. Mai 2010 um 20.00 Uhr im Zwinger 1 in Heidelberg.

Undercover Tel Aviv (UA)
von Stéphane Bittoun
Regie und Film: Stéphane Bittoun, Raum und Kostüme: Roy Menachem Markovich, Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer, Künstlerische Beratung und Ausstattung: Sebastian Hannak.
Mit: Franziska Beyer, Michal Shtamler, Paul Grill und Dan Kastoriano.


© Markus Kaesler