Passionsspiel in Oberammergau – immer noch antijüdisch

Die Autoren der neu aufgearbeiteten Passionsspiele in Oberammergau haben sich große Mühe gegeben, die lange Tradition anti-jüdischer Elemente in dem ältesten Passionsspiel der Welt zu unterbrechen. Gleichwohl enthält das Manuskript immer noch problematische Darstellungen. Zu diesem Schluss kommen Forscher und Experten des amerikanischen Rates der jüdisch-christlichen Beziehungen (CCJR). Deren Untersuchung wurde von der Anti-Diffamation-League verbreitet…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 17. Mai 2010

Zu den positiven Aspekten der Neubearbeitung des Passionsspiels heben die Autoren des Reports hervor, dass die jüdische Gesellschft in der Zeit Jesu als „vielfältig und vibrierend“ dargestellt wird. Jesus werde wird eindeutig als Jude beschrieben. Die Beziehungen zwischen dem Hohepriester Kaifas und Pontius Pilatus seien „nüanciert“.

Negativ angemerkt werden Verknüpfungen zwischen dem Alten und NeuenTestament, wobei die Erwähnung der biblischen Episode des Goldenen Kalbes in Exeodus 32 von den Experten als „besonders problematisch“ gesehen wird. Die Priester des Jerusalemer Tempels seien „nicht akkurat“ vor allem mit ihrer „Reinheitsdoktrin“ beschäftigt. Typische Debatten in der damaligen Zeit zu Fragen des Religionsgesetzes seien in „erhebliche Verstöße“ umgewandelt worden. Anachronistisch bezeichne das Stück in der Folge Jesus als „Häretiker“ und „Ketzer“. Der Hohe Priester Kaifas, im Stück der zentrale Antagonist, sowie Annas, würden „unnötig und grundlos“ als Fanatiker porträtiert, die Jesus am Kreuz sehen wollten. Die Autoren des Reports kommen zum Schluss, dass die jüdischen Widersacher Jesu in „ungerechter Weise“ mit „extremen Bezeichnungen“ versehen wurden, was beim Publikum einen „negativen Eindruck über die gesamte jüdische Gemeinschaft“ hinterlassen könnte.

In der Vergangenheit habe das Passionsspiel von Oberammergau die Juden freilich als sündig gegen Gott und gar als „Gottesmörder“ präsentiert. Das habe zu gewalttätiger Feindschaft gegen Juden geführt. Erst nach dem Holocaust kam Kritik dagegen auf und seitdem sei das Manuskript überarbeitet worden.

In dem Report wird den Verfassern des Manuskripts der Passionsspiele empfohlen, den Text weiter zu bearbeiten und die noch verbliebenen anti-jüdischen Elemente zu entfernen.

Bei einem Treffen der Direktoren des CCJR erhielten die Wissenschaftler das Mandat, das Manuskript des Passionsspiels zu überprüfen, ob es dem heutigen Standard entspreche, die Passion Jesu nicht als Anklageschrift gegen alle Juden damals oder heute zu betrachten. Juden sollten nicht als Verstoßene oder Verfluchte Gottes vorgeführt werden. Die Forscher erhielten den Auftrag, die heutige geschichtliche und biblische Forschung zu berücksichtigen und die relevanten Erklärungen der Kirchen.

Das Oberammergauer Passionsspiel geht auf einen Eid der Dorfbewohner aus dem Jahr 1633 zurück, nachdem eine Epidemie viele von ihnen dahingerafft hatte. Seit 1634 wird alle zehn Jahre die Passion Jesu aufgeführt. In diesem Jahr wird es 102 Aufführungen zwischen dem 15. Mai und dem 3. Oktober vor jeweils 4700 Zuschauern geben. Insgesamt rechnet man mit einer halben Million Zuschauer bei dem ältesten bis heute regelmäßig aufgeführten Theaterstück.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

60 Kommentare zu “Passionsspiel in Oberammergau – immer noch antijüdisch

  1. Zwei katholische Stimmen, Kommentar erübrigt sich:

    „Die Shoah war das Werk eines typischen modernen neuheidnischen Regimes. Sein Antisemitismus hatte seine Wurzeln außerhalb des Christentums…“

    Die Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden, „Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoah“
    März 1998 (= die offizielle Meinung des Vatikan)

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    „Der christliche Antijudaismus legte das Fundament für den rassischen, auf Völkermord zielenden Antisemitismus, indem er nicht nur das Judentum, sondern auch die Juden selbst stigmatisierte und der Schmähung und Verachtung aussetzte. Deshalb fielen die NS-Theorien tragischerweise auf fruchtbaren Boden, der das Grauen eines beispiellosen Völkermordversuchs ermöglichte.“

    United States Catholic Conference,
    Catholic Teaching on the Shoah: Implementing the Holy See’s We Remember (2001)(= die Meinung der US-amerikanischen Katholiken)

  2. Schädlichkeit des Christentums:

    Empirisch gesehen hat unsere westlich geprägte Welt, auch Israel, durch das Christentum zu ihrem heutigen Wertesystem gefunden. In der Technik, Wirtschaft und im Sozialwesen zeigt sich der Christlich geprägte Zivilisationskreis weit überlegen.

    Alle anderen Religionen, ja einschließlich des Judentums, schufen keine vergleichbar fruchtbaren Zivilisationen.

    Also bitte nicht ständig solch einen Unsinn plappern, Schlickewitz.

  3. über Ernst Haeckel:

    „Als einer der ersten deutschsprachigen Autoren, der die Tötung Schwerkranker – auf ihren Wunsch – und Schwerbehinderter – ohne ihre Zustimmung – forderte, wurde Haeckel auch zum Vordenker und Wegbereiter der freiwilligen und unfreiwilligen „Euthanasie“ in Deutschland. Schon drei Jahre vor der Programmschrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ von Alfred Hoche und Karl Binding (1920) hatte er in „Ewigkeit“ (1917) über „die unheilbar an Geisteskrankheit, an Krebs oder Aussatz Leidenden, die selbst ihre Erlösung wünschen“, „neugeborene Kinder mit Defekten“ und „Mißgeburten“ unmissverständlich geschrieben: „Eine kleine Dosis Morphium oder Cyankali würde nicht nur diese bedauernswerten Geschöpfe selbst, sondern auch ihre Angehörigen von der Last eines langjährigen, wertlosen und qualvollen Daseins befreien.““

  4. Ein interessanter und lange Zeit diskutierter Mann war der Philosoph und Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919).
    Aus seinem Werk „Das Welträtsel“ von 1899 stammen folgende Zitate, bei denen vor allem seinen Aussagen zur Schädlichkeit des Christentums Beachtung verdienen:

    „Der unermeßliche Schaden, welchen der unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger als in dem unaufhörlichen ‚Kampfe der Glaubensbekenntnisse‘. Unter allen Kriegen, welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander geführt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen: unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glück der Familie und der einzelnen Personen zerstört haben, sind die religiösen, dem Glaubensunterschiede entsprungenen noch heute die gehässigsten. Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den Christen-Bekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des Islam und der Reformation durch die Inquisition und die Hexen-Prozesse das Leben verloren haben…
    Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannen beweisen, interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekämpfung der wahren Wissenschaft…
    Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe gegen jedes selbständige wissenschaftliche Denken und Forschen war, beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschätze, welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum größten Teil vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder ‚Ketzer‘, d.h. jeder selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt.“

  5. Ich persönlich unterscheide auch zwischen Religion, wie sie in den Anfängen entstand, und den Kirchen. Die Aussagen durch Shaw und von Hartmann gehen mir persönlich zu weit bzw. ich kann sie aus meiner Lektüre der Bibel so nicht bestätigen. Jesus predigte die Liebe und verhielt sich wohltätig. Seine Reden waren intelligent und pointiert und in keinster Weise krankhaft. Solche Aussagen träfen sonst auch auf die Propheten des Pentateuch zu (was wahrscheinlich auch in deren atheistischer Intension liegt). Die Propheten verhielten sich teilweise auch sehr ungewöhnlich, so sind eben Propheten, das ist ihre Berufung. Sie wollen und sollen etwas aufzeigen und dies durch ihr Leben darstellen. Was die Arbeit betrifft, wird dies auch sonst im Pentateuch nicht großartig thematisiert, gerade in Bezug zu den Propheten, die ein ähnliches Wanderleben aufwiesen wie Jesus. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass die Menschen damals einem geregelten (Handwerker-/ Fischer-) Arbeitsleben nachgingen, dasselbe trifft auf Jesus zu. Er fischte, verteilte Nahrung an die Armen, kümmerte sich um die Kranken etc. Seine Hirtengleichnisse weisen auch auf Erfahrungen als Hirte hin.

    Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, das Kinde mit dem Bade auszuschütten, um aufzuzeigen, wie sich die Kirchen fehlentwickelten. Jesus ist genauso wenig schuld wie die anderen Juden zu der damaligen Zeit. Wäre Jesus schuld, dann wären es auch die vielen jüdischen Anhänger zu seiner Zeit, welche seine Lehren weitertrugen und sein Werk unterstützten. Wieder wären also die Juden schuld, auch wenn man es so wendet. Jesus irgendwie herabzusetzen, würde auch bedeuten, ihn als Juden zu erniedrigen. Deshalb sehe ich auch in solchen Aussagen die Gefahr eines latenten Antisemitismus. Dass Jesus Jude war, ist ja der eigentliche Auslöser und Eckstein des Anstoßes, wie er es schon voraussah.

    Lieben Gruß

  6. Schlickewitz,

    Goethe nicht nur zitieren, sondern auch zu verstehen wäre angesagt! Er unterscheidet im Gegensatz zu Ihnen zwischen der Religion und der Kirche.

    Ich erspare Ihnen und den Lesern eine Retourkutsche mit den wenigen Leute, die bis heute dem Judentum anhängen.

  7. @Eine Schweizerin

    Ich auch. Ich kannte auch einen lieben Benediktinermönch, der Mitte der 1920er Jahre Deutschland verließ (der erkannt hatte, dass Deutschland nicht mehr zu retten war) und sich in Brasilien dem Schicksal der Armen widmete, der im Laufe seines Lebens auch wirklich etwas Positives bewirkt hat, etwas was ihn selbst überlebt hat.
    Aber was hilft’s – zwei Anständige unter Hunderttausend Lumpen, die zuallererst an sich denken, die gut leben wollen auf Kosten der Allgemeinheit, die Wasser predigen und teuren Wein trinken (dazu Schweinebraten mit Rahmsauce genießen wollen wie unser kürzlich so schmählich gestürzter bayerischer Bischof Mixa) und die doch tatsächlich glauben, im „Himmel“ sei ’nachher‘ noch was für sie frei (!).

    Goethe hatte schon recht von der römischen Kirche als von der „babylonischen Hure“ zu sprechen.

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    Nach dem prominentesten der deutschen Heiden, Goethe, nun wieder ein Philosoph, ein Gegner Nietzsches, und doch in Sachen Christentum auf einer ähnlichen Linie mit diesem.

    Eduard von Hartmann (1842-1906), zitiert aus „Philosophie des Unbewussten“ von 1869:

    „Die Mißachtung der Arbeit, des Eigentums und der Familienpflichten sind drei Punkte, die gerade für das jüdische Bewußtsein abstoßender als für das irgendeiner anderen Nation sein mußten. Jesus hatte das Handwerk des Zimmermanns erlernt, aber nirgends hören wir, daß er dasselbe ausgeübt hätte, obwohl doch gerade dieses Handwerk ein überall gesuchtes und verwendbares ist. Auch für die Ehre der Arbeit hat er schlechterdings kein Verständnis…
    In Bezug auf die Sphäre des Eigentums sind ihm alle unsere sittlichen Begriffe fremd, denn ihm gilt jeder Besitz als Torheit und Verbrechen…
    Der Familiensinn und die Anhänglichkeit an die Familie, einer der schönsten Züge des jüdischen Volkscharakters, geht ihm vollständig ab, und er schreitet konsequent bis zur Zerreißung aller natürlichen Pflichten fort…
    Fassen wir das Gesamtbild der Persönlichkeit Jesu noch einmal kurz zusammen, so ergibt sich folgendes: kein Genie, sondern ein Talent, das aber bei völligem Mangel gediegener Kultur im Durchschnitt nur Mittelmäßiges produziert.“

    Zum Vergleich noch George Bernard Shaw, ebenfalls zu Jesus, zitiert aus „Androcles and the Lion“ von 1915:

    „Hätte Jesus vor einem modernen Gericht gestanden, dann wäre er von zwei Ärzten untersucht worden. Man hätte entdeckt, daß er an einer Zwangsvorstellung leidet. Er wäre für unzurechnungsfähig erklärt und in eine Anstalt gesteckt worden.“

  8. Ganz ehrlich: Spätestens nach den aktuellen Missbrauchsfällen in den Kirchen wäre ich ausgetreten. Früher, als ich Goethe las und vortrug, fand ich seine Haltung etwas übertrieben, spürte aber, dass er seine Gründe gehabt haben musste. Trotzdem kenne ich einen alten Mönchspater, der wirklich sehr nett ist und eine tiefe Liebe ausstrahlt. Solche Kirchenmänner gibt es zum Glück auch. Bei der Beerdigung meines Onkels sprach ein alter reformierter Pfarrer eine sehr ergreifende Predigt über die Liebe und Gottesnähe eines jeden Menschen, fand ich auch sehr schön. Ich denke, diese beiden Männer haben verstanden, was Jesus mit der Liebe als Kennzeichen wahrer Nachfolge meinte. Sind aber eben nicht viele, die es wirklich verstehen. Allein an der Liebe sind sie zu erkennen. Schon Jesus sprach davon, dass viele in seinem Namen sprechen werden, in Wirklichkeit jedoch Irrlehrer und Heuchler sein werden. Wer, außer den Kirchen, spricht im Namen Jesus, ist also eigentlich ziemlich klar, dass er hier die Kirchen und ihre Taten voraussah.

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