haKinereth: Das Meer von Galiläa

In der aktuellen Folge des KKL-Magazins Neuland findet sich ein Bericht aus dem Galil. Insbesondere vom galiläischem Meer, dem Jam Kinereth, wie der größte Frischwas­sersee in Israel genannt wird…

Reisebegleiterin Keren Muhs

Wohl kaum ein anderer Ort auf der Erde trägt so viele Namen wie dieses Ge­wässer. Die biblische Bezeichnung Kinneret finden wir beispielsweise in Numeri 34,11 oder Joschua 13,27. Aus der Luft betrachtet hat er die Form einer Harfe oder einer Lyra, he­bräisch „Kinor“, was jedoch nicht zu seinem Namen führte. Kinneret war der Name eines Ortes am nord­westlichen Ufer des Sees während der Kanaanitischen und Israelitischen Periode.

Als See Genezareth und Galiläisches Meer erscheint er im Neuen Testa­ment (z.B. Lukas5,1 und Johannes 6,1), in der Römerzeit wurde „Meer von Tibenas“ daraus. Sicher ist der Kin­neret einer der bekanntesten, wenn nicht sogar der berühmteste See auf der Erde und auch erdgeschichtlich interessant genug, um sich einmal näher mit ihm zu befassen.

Mit 209 Metern unterhalb des Meeresspiegels liegt der Kinneret im Jordangraben eingebettet und ist damit nicht nur der am tiefsten gelegene Süßwassersee un­seres Planeten, sondern – nach dem Toten Meer – auch das zweit tiefste Gewässer überhaupt. Der Graben entstand durch die Trennung der Afrikanischen von der Arabi­schen Platte, weshalb die Gegend mehrfach von vulkanischen Aktivitäten und Erdbeben wie in 746 und 1837 heimgesucht wurde. Augenscheinliche Zeugen für Vulkane sind der reichlich vorhandene dunkle Basaltstein und das Lavagestein, die die Geologie die­ser Region in Galiläa definieren.

Der See hat einen Umfang von etwa 53 Ki­lometern, ist 21 Kilometer lang und 13 Ki­lometer breit. Er erreicht eine Tiefe von 49 Metern und misst mit einer Wasserfläche von 170 Quadratkilometern etwa ein Drittel des Bodensees. Er wird durch unterirdische salzige Quellen gespeist, das meiste Wasser jedoch erhält er durch den Jordan-Zufluß.
Der Kinneret liegt auf der antiken Straße Via Maris (Meeresstrasse), die einst Ägyp­ten mit den nördlichen Imperien wie Me­sopotamien verband. Ausgrabungen mit Funden von wertvollen Grabbeilagen oder einem großen Kornspeicher aus der Kanaanitischen Periode Ende des 4. Jahrtausends v.d.Z. (vor der Zeitrechnung) lassen darauf schließen, dass das Land damals in ähnlich landwirtschaftlicher Blüte stand wie heute wieder.

Viele der neutestamentarischen Erzählun­gen um Jesus von Nazareth spielen sich am See Genezareth ab. In dieser Zeit entstan­den rund um den See immer neue Ortschaf­ten, was dem Handel über den See enor­men Auftrieb gab. In der Byzantinischen Zeit (324 bis 636 n.d.Z.) bekam der Kinne­ret großen Zulauf von christlichen Pilgern. Dies wiederum führte zu einer wachsenden Tourismusindustrie und dem Bau mit kom­fortablen Unterkünften.
Der Kinneret verlor erst an Bedeutung, nachdem die Byzantiner ihre Vorherrschaft verloren hatten und die Ummajaden die Kontrolle über das Gebiet errangen. Die islamischen Herrscher zeigten, außer an Tiberias, wenig Interesse.

Die folgenden Kreuzfahrer wurden im Jahr 1187 durch den ägyptischen Sultan Saladin geschlagen, weil er ihnen den Zugang zum Süßwasser des Kinneret abgeschnitten hatte.
Eine Beschreibung aller Stätten rund um den Kinneret würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, zumal es – was insbe­sondere die Literatur über die christlichen Stätten betrifft- ausgezeichnete Bücher in Hülle und Fülle gibt. Deshalb möchte ich mich im Folgenden auf einige ausgesuchte Orte beschränken, die – so hoffe ich – ihr Interesse finden:

Degania und der frühe Zionismus

Im Jahr 1909 errichteten jüdische Pioniere mit Degania Aleph den ersten Kibutz des Landes, die „Mutter aller Kibutzim“, der frühe Zionismus begann. 1923 wurden zwi­schen England und Frankreich die Grenzen zwischen dem Britischen Mandatsgebiet von Palästina und dem Französischen Man­datsgebiet von Syrien vereinbart. Die Zio­nistische Bewegung drängte beide Länder während den Demarkationsverhandlungen, so viele Wasserquellen wie möglich Palästi­na zuzuteilen. Das Drängen führte am Ende dazu, dass nicht nur der Kinneret, sondern auch beide Ufer des Jordanflusses, der Hula-See, die Quelle Dan und Teile des Jarmukflusses in Palästina lagen. Die Statuten legten gleichzeitig fest, dass Syrien und der Libanon auch weiterhin Zugang zum Wasser des Jordans und des Sees haben. Die neue Grenze folgte nun einem 10 Meter breiten Streifen entlang der östlichen Küste.

Tiberias

Tiberias ist neben Jerusalem, Hebron und Zfat (Safed) eine der vier heiligen jüdischen Städte, aber nicht von Anbeginn an. Auf dem Gelände des Friedhofs von Hammat (heiße Quelle) errichtet, war die durch Herodes Antipas im Jahr 17 n.d.Z. errichtete Stadt für gläubige Juden unrein. Erst Ende des 2. Jahrhunderts, die Juden waren nach dem gescheiterten Aufstand gegen die Römer aus Jerusalem verbannt worden, er­klärte sie Rabbi Simon Bar Jochai zur reinen Stadt. Tiberias, nun Tveria (tabur = Nabel) genannt und auch die Region rund um den Kinneret entwickelte sich ab dem 3. Jahr­hundert zum religiösen und kulturellen Zentrum des Judentums. Hammat als Stätte des Stammes Naphtali (Joschua 19,35) spielte eine wichtige Rolle in der jüdischen Ge­schichte. Der große jüdische Gelehrte Maimonidis (RaMBaM) liegt hier begraben, so auch Rabbi Jochanan Ben Zakkai und Rabbi Akiva.

Ein Gev

Der einzig nennenswerte Ort am Ostufer des Kinneret ist der 1938 ursprünglich als „Mauer und Turm Siedlung“ gegründete Ki-butz Ein Gev (bedeutet in etwa Quelle aus einer Zisterne). Einer der Gründer war Ted­dy Kollek, der spätere Bürgermeister (1965 – 1993) von Jerusalem. Ein Gev, idyllisch am See gelegen, ist nicht nur für Touristen, sondern auch bei den Israelis ein beliebtes Urlaubsziel. Neben dem Tourismus gehört die Landwirtschaft zu den hauptsächlichen Einnahmequellen. Auch finden sich hier ei­nige interessante archäologische Stätten, wie die Ruinen der Griechisch-Römischen Siedlung Hippos. Aufgrund seiner Lage an der Grenze zu Syrien war Ein Gev immer wieder Angriffen ausgesetzt. Das änderte sich erst nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 , nachdem Israel die Golanhöhen annektier­te und damit die syrischen Streitkräfte aus dem Gebiet drängen konnte.

Gamla

Acht Kilometer östlich vom Kinneret, auf ei­nen Ausläufer der Golanhöhen, liegt Gam­la, eine bis zu ihrer Zerstörung während des großen Aufstandes gegen die Römer 67 n.d.Z. bedeutende jüdische Stadt. Ihren Na­men erhielt sie durch die Form des Hügels, einem Kamelhöcker (Kamel = gamal). An­hand der Ruinen kann man erkennen, dass sich Gamla auf einer langen Fläche des Hü­gelabhangs entlang zog, mit einer großen Synagoge am östlichen Stadttor. Erstmals im Talmud erwähnt, wurde die Siedlung wohl im 12. Jahrhundert v.d.Z. zerstört. Rück­kehrer aus dem Babylonischen Exil ließen sich hier bis zur Eroberung durch Alexander dem Großen etwa 332 v.d.Z. nieder. Nach der Wiedergründung durch die Hasmonäer 87 v.d.Z. war Gamla wahrscheinlich das wichtigste geistige Zentrum des orthodo­xen Judentums jenseits des Jordans. Um bei seiner endgültigen Zerstörung dem Gemetzel durch die Römer zu entgehen, wählten die letzten 5.000 Bewohner – wie später in Massada – den Freitod, indem sie sich in die tiefen Schluchten stürzten.

Der Fall Gamlas, so glaubt man, hatte den Römern den Weg nach Jerusalem frei ge­macht, was 70 n.d.Z. mit der Einnahme der Stadt und zur Zerstörung des Zweiten Tem­pels führte. Wie durch den Archäologen Dr. Chaim Ben David in den 1990er Jahren he­rausgefunden wurde, existierten während der Römischen Epoche aber noch etwa 25 weitere jüdische Ortschaften mit Synagogen (z.B. Azizo, heute Dir Aziz) in den südlichen Abhängen des Golan. Die meisten wurden während der Byzantinerzeit verlassen, eini­ge wie Dir Aziz waren aber noch während der Islamischen Epoche bewohnt. Lebens­grundlage für die ganze Region war haupt­sächlich die Produktion und der Export von Olivenöl, denn Ausgrabungen brachten auch große Olivenpressen zutage.

Heute ist der Tourismus die wichtigste Ein­nahmequelle der ganzen Region. Zahllose historische und spirituelle Stätten rund um den See werden jährlich von Millionen Men­schen, Israelis und ausländische Touristen, besucht. Auch die Fischindustrie blüht seit nun über 2.000 Jahren, um nur den Sankt Petersfisch (Tilapia zilli) zu nennen. Eine der Schlüsselattraktionen ist die Taufe von jähr­lich Tausenden von Pilgern am Südende des Sees, wo der Jordan den Kinneret wieder verlässt.