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Kinder des Holocaust – Unbehagen bei der Aufführung

Wie schwierig die Auseinandersetzung und das Erinnern an den Holocaust vor 65 Jahren in Deutschland heute ist, zeigten die Reaktionen der Zuschauer, aber auch der Schauspieler bei der Aufführung der „theatralischen Collage“ Kinder des Holocaust am Montagmorgen… 

Vom Heidelberger Stückemarkt 2010 berichtet Bettina Gassmann

Im Zuschauerraum befanden sich zumeist Jugendliche, die – es sei unterstellt – statt Mathe zu büffeln, einen kulturellen Ausflug in den Zwinger unternahmen und mit gemischtem Interesse aber auch unterschiedlicher Aufmerksamkeit den Schauspielern Anke Stoppa, Susanne Krämer, Sven Reese und Gösta Bornschein, und den 11 Gleichaltrigen vom Theater der Jungen Welt Leipzig folgten oder eben auch nicht.

Die Thematik ist anspruchsvoll und ambitioniert: Ausgehend von den Protokollen überlebender jüdischer Kinder im Alter von 6 bis 19 Jahren , interviewt zwischen 1944 bis 1948 wollten sich vier Schauspieler und 11 eigens zu diesem Stück gecastete Jugendliche im Alter von 14 bis 25 Jahren „auf eine szenische Auseinandersetzung zum Thema Holocaust begeben“. So entstand ein Stück auf drei unterschiedlichen Ebenen: während die vier Schauspieler aus den erschütternden Berichten der Überlebenden über ihre Erlebnisse im Ghetto, im Versteck und auf der Flucht, die Verluste, den Tod der engsten Angehörigen und die zerstörte Kindheit vorlasen, dokumentierten die Jugendlichen auf einer zweiten Ebene ihre Befindlichkeiten, Sorgen und Zukunftsängste. Eine dritte Ebene, die Einspielung eines Videos über die Entstehung und Entwicklung des Stückes mit den Jugendlichen, stellte quasi die Brücke zwischen den beiden Ebenen dar.

„Wir haben die einzelnen Szenen zum Teil selbst erarbeitet“, berichten Attila Trischan und Jonathan Schwarz beim anschließenden Publikumsgespräch. Herausgekommen ist eine Aneinanderreihung grotesker, brutaler und hilfloser Bilder, die die Lebenserfahrungen der jungen Menschen von heute beschreiben: ihre Einsamkeit, die Auseinandersetzungen mit den Eltern, Lehrern, Ausbildern, die Versagensängste in Schule und Berufe, die Suche nach der eigenen Identität, die Konfrontation mit Gewalt. Die Laiendarsteller übernehmen diesen Part mit viel Engagement und Motivation und Mut zur Darstellung. Und für sich betrachtet ist dieser Teil eine gelungene Bestandsaufnahme der Situation der Jugend von heute.

Im Kontext mit den Protokollen allerdings wirkt er banal und unpassend, nahezu lächerlich profan. Der theater-pädagogische Ansatz, der hinter der Inszenierung steckt, mag löblich sein: „weg von der sogenannten „Anne-Frank-Gedenk-Kultur“ – was immer sich hinter diesem Begriff verbergen mag – hin zu einer zeitgemäßen Auseinandersetzung der vierten Generation mit dem Holocaust“. Ob diese Form der Darstellung, die Gegenüberstellung bzw. der Wechsel zwischen zwei Lebenserfahrungen, der Unbegreiflichkeit und Ungeheuerlichkeit des Holocaust gerecht wird, darf bezweifelt werden. Die Diskussion um eine adäquate Vermittlung von Wissen über den Holocaust kann man führen angesichts einer veränderten Werte -und Lebenserfahrung der jungen Menschen. „Ich habe eine Szene, in der es um den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen geht, einem Computerspiel nachempfunden“, berichtet einer der jugendlichen Darsteller. Und hier besteht die Gefahr, dass das Grauen, die Unmenschlichkeit und die brutale Entwürdigung der Verfolgten und Ermordeten verglichen wird mit dem Erfahrungshorizont der Jugend von heute: es ist nur ein Spiel.

Genau das ist es für die 429 Kinder inmitten des Holocaust nicht gewesen: sondern die bittere, erschütternde Lebenswirklichkeit.

Es blieb Unbehagen nach der Vorstellung: bei den Zuschauern, die einerseits die Würdigung des Leids vermissten, und die andererseits mit wenig Aufmerksamkeit, Interesse und Empathie dem Stück folgten. Und nicht zuletzt bei den Schauspielern, die genau dieses Desinteresse offen ansprachen und rügten.

Kinder des Holocaust nach dem Buch „Kinder über den Holocaust“ mit Jugendlichen und Schauspielern von Theater der Jungen Welt, Leipzig.
Konzept: Martin Kreidt, Marion Firlus, Text: Marion Firlus.