Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus

Sound / Installations – Exhibition by Esther Dischereit…

Before the High Holy Days the House was Full of Whisperings and Rustlings

Location: Goethe-Institute, 15 Sokolov Street, Jerusalem. Tel: 02-5610627
Opening hours: Monday-Thursday 10:00 -18:00; Friday 9:00-Midday

From 28 June until 2 October 2010

Entrance free

Text and Concept: Esther Dischereit
Typography: Veruschka Götz
Music: Dieter Kaufmann
Translation: Iain Galbraith
Other participants: Corinna Kirchhoff, Harvey Friedman, Beatrix Ackers, Lisa Shoemaker, James McFarland – Introduction by Barbara Hahn

Opening
Tuesday 28 June at 19:00

To contemplate in passing or to eat an icecream. This work categorically refuses to be a reconstruction of memory. The past remains the past, nothing more than an arbitrary flash into the every day-life, an intervention. She tells short stories that suddenly breaks off, cease. Stories that do not coalesce into History. Unusual words that quietly drift across. Who is someone, named Alfred, called „king of the marksmen“ and the woman who comes upon brand new garments lying in the street. Whoever wishes to, can hear. Veruschka Götz’s visualisation follows this reduction hermetically and radically.

See also the book: Esther Dischereit: Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus – Before the High Holy Days the House was full of Whisperings and Rustlings, published by AvivA, Berlin (incl. 2 CDs) German/English, www.eichengruen-platz.de

Esther Dischereit, born in Germany. She has published fiction, poetry and essays, as well as plays for radio and the stage. With the appearance of her novel „Joemis Tisch – Eine jüdische Geschichte“ Joemi`s Table – A Jewish Story, published by Suhrkamp in 1988, she rapidly become known as possibly the most important German-Jewish author of the post-Shoah generation. Esther Dischereit is the founder of the avantgarde project wordMusic and has worked as a curator for various projects in contemporary art/new media. She awarded Fellowships at the Moses-Mendelssohn-Zentrum, Potsdam, University of Wales, UK; Oberlin College, USA, 2010. She lectures in USA und Canada et al. Esther Dischereit received the Erich-Fried-Prize in 2009 in Vienna.

Veruschka Götz, is a designer and has written widely on typographic themes. She is the author of internationally acclaimed books, including „Fixierte Gedanken. Von A-Z: Kurzgeschichte der Schrift, 2010 Thoughts Held: From A-Z. A Short History of Script and Font. Veruschka Götz is Professor of Design at the University of Mannheim and teaches Digital Media Design at the Institute of Electronic Business IEB at the University of the Arts (UdK) in Berlin, where she is also founder of the studio veruschka götz /T616/.

Within the framework of the series: „Recall“: Female Artists in Conversation.
19:00, 28 June 2010, Goethe-Institut Jerusalem.

„Von der Familie, vom unbeschriebenen Marshmellow und über das Gutsein im Leben“

Rede von Esther Dischereit zum Erich Fried Preis 2009
gehalten am 29. November 2009
im Literaturhaus Wien

 
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
sehr geehrte Frau Bundeskunstministerin der Republik Österreich,
sehr geehrte Frau Dr. Claudia Schmied,
sehr geehrter Herr Präsident Dr. Lunzer,
liebe Dr. Anne Zauner,
lieber Mag. Robert Huez,
sehr geehrte Damen und Herren des Literaturhauses Wien,
liebe Britta Jürgs, lieber Hans-Ulrich Müller-Schwefe,
liebe Lektoren und Verleger, die sie meine Arbeit unterstützt haben,
liebe Stefanie Hoster von DeutschlandRadio Kultur,
liebe Lesende, Unterstützende und Begleitende meiner Arbeit,
liebe Freundinnen, liebe Freunde,
liebe Übersetzende,
lieber Josef Winkler, dessen Vorschlag ich ja diese Zuerkennung verdanke

und liebe Familie – ja liebe Familie.

Es ist so, dass wir in der Familie die Gelegenheit der Verleihung ergreifen, um uns zu treffen, nicht vollständig, das geht natürlich nicht; aber nicht, weil wir so viele wären. Meine Großeltern mütterlicherseits waren Vollwaisen, und – sie waren Juden, jüdische Deutsche. Sie lebten mit ihren beiden Töchtern in Berlin, in der Schönhauser Allee; eine Tochter – die später meine Mutter werden sollte – war schon verheiratet, sie hatte einen jüdischen Mann; die beiden hatten ein Kind zusammen, als die Nationalsozialisten in Deutschland an der Macht waren. Meiner Mutter gelang es, dafür zu sorgen, dass ihre Eltern, sie selbst und das Kind – auch ihr Mann – untertauchten, den Deportationsbescheiden nicht Folge leisteten, und schließlich überlebten sie. Die Schwester, die Senta hieß und sich später Jessie nannte, schloß sich ihrem damaligen Freund an und beide bestiegen ein Schiff nach Shanghai.
Wahrscheinlich betrieben die Großeltern eine kleine Schneiderstube in der eigenen Wohnung. Jedenfalls ist das der Auflistung ihres Hausstands u.a. einer Modellpuppe in den Arisierungsakten der Oberfinanzdirektion Berlin-Brandenburg zu entnehmen.

„Die Heiligkeit unseres Friedens wird kommen/den rauhe Gewalt uns fortgenommen / Das Gute, es bricht sich Bahn /und zerschellen muß teuflischer Wahn /Solange wie Menschen auf Erden /Wird uns Gerechtigkeit werden /Und so wissen wir um den Sieg Und rechtzeitiges Ende dem Teufelskrieg.“

Ich zitiere aus einem nachgelassenen Gedicht von Hella Zacharias, geborene Freundlich, meiner Mutter. Es dauerte lange bis zu jener Gerechtigkeit und die Gerechtigkeit begegnete den illegal Untergetauchten in einem Ort mit Namen Herleshausen in Deutschland. Die Gerechtigkeit kam über ein Feld, nachdem die Ketten der Panzerfahrzeuge zur Ruhe gekommen waren und amerikanische Soldaten abstiegen. Mutter und Tochter gingen der Gerechtigkeit entgegen und waren befreit, hinter ihnen im Bunker warteten andere Mütter und Töchter und manchmal auch Väter und Brüder, die waren jetzt besiegt.

Für die Familie hatten diese Jahre eine Beschädigung an Leib und Leben mit sich gebracht, das ist die Rubrik im Beantragungsbogen für die damals sog. Wiedergutmachungsleistung. Hinter den Worten Leib und Leben liegen die Worte Zwangsarbeit und IG Farben, Ausbildungsverbot, Cortisontropfen, Gallenversagen, Gelderpressung, sexuelle Erpressung, aufgescheuerte Kinderfüße, Schulbuch im Versteck, fehlende Lebensmittelmarken, Winterhilfswerk, bei Nacht durch den Tiergarten gerannt, Bett für zwei Tage und weiter – und – Rainer Maria Rilke. Hier als Synonym gebraucht für das Wort: Sehnsucht. Die Ehe ging nach 1945 auseinander, nachdem alle überlebt hatten. Das Überleben überhaupt war unwahrscheinlich und blieb wundersam.

Meine Mutter heiratete erneut, bekam zwei Kinder, meine Schwester und mich, wurde geschieden und hätte vielleicht in hohem Alter hier unter uns sitzen können, wenn sie nicht früh an einem Autounfall gestorben wäre. Dieses Kind, das sie mit ihrem ersten jüdischen Mann hatte, ist meine Schwester, der Mensch davor und sie sitzt jetzt hier und wir, meine andere Schwester und ich, wir sind die danach: die Kinder aus zweiter Ehe, mit dem nichtjüdischen Mann – wo hätten jüdische auch sein sollen? Bestimmt waren sie in den DP-Lagern. Aber die waren nicht für Deutsche. Der Mensch davor und der danach – es ist die Markierung einer Zeitrechnung. Später hörte ich einmal meine Schwester sagen, das Leben vor dem Krebs und das Leben danach. Das mag Ihnen jetzt unangemessen erscheinen – wir besaßen eine private Zeitrechnung. Die Zeit davor war als ein schwarzes Vakuum mitgekommen. Ich wußte nicht, was darin war. Meine Mutter, mit der wir später alleine lebten, war mit ihm beschäftigt, sie hatte Mühe, nicht hineinzustürzen. Immer wieder zeigte es sich, und schleuderte ungebetene Informationen wie Partikel heraus. So dass ich erst im vergangenen Jahr von einem unbekannten Großonkel erfuhr… und auch, und der ist auch…

Mein Vater war weder Widerstandskämpfer noch Jude, sondern aus Ostpreußen. Und studierte in Wien Medizin. Als Direktor einer psychiatrischen Anstalt war er dafür verantwortlich, dass die Akten über Täter und Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“ verschwanden. Das muß in den siebziger Jahren gewesen sein. Außerdem trat er nach der Scheidung seiner Ehe in die sozialdemokratische Partei ein und wurde Kommunalpolitiker, weswegen meine Mutter in dieser Partei eine kriminelle Vereinigung vermutete.

Der Krieg lehnte für mich in der Wohnung nebenan. Da hatte die Hauswartsfrau die Unterarme am offenen Fenstersims aufgestützt und sah nach der Seite und wieder nach der anderen Seite. Im Zimmer blieb ihr verkrüppelt heimgekehrter Mann. „Immerhin Mann“, flüsterten die Nachbarinnen. In den Nachrichten grüßte der Sprecher die Heimatvertriebenen. Ich ging Patronenhülsen aufsammeln und Gewitterblümchen. Auf dem Heimweg sank mein Fuß im geteerten Asphalt ein. Männer gossen heissen Bitumen auf die Krater in den Straßen.

Vom Küchentisch blätterte die weiße Farbe ab. Ich wusch im steinernen Becken die Teller und wollte nicht klappern. Sie hatte den Kopf wieder starr gehalten, sich im abgedunkelten Raum unter ein Federbett gelegt. Das Vakuum darf man nicht wecken.

Manchmal waren Fetzen an mein Ohr gedrungen: Übervolle Züge waren etwas Gutes, Flüchtlinge auch. Flüchtlinge haben oftmals nichts bei sich, keine Papiere und sonst nichts. So könnten auch eine jüdische Mutter und ein Kind die Papiere verloren haben und ihre Besitztümer auch. Der Tommy spricht mit der Zunge von Thomas Mann, sodaß die Buddenbrooks im Wohnzimmerschrank standen, neben Ina Seidel – dahinter Schallplatten von Mahler. Auf einem elfenbeinfarbenen Teewagen, auf dem unteren Holzbrett, Zeichnungen von Käthe Kollwitz. Das erinnert mich an Georg Elser, der im Roten Frontkämpferbund war, am 8. November 1939 ein Attentat auf Hitler verübte, das leider scheiterte und von dem heute mit besonderem Nachdruck gesagt wird, er habe nun wahrlich nicht mit den Engländern zusammengearbeitet. Diese fortdauernde Betonung irritiert mich. So würde er, der jetzt zum nationalen Ehrenträger werden soll, als „Vaterlandsverräter“ unwürdig gewesen sein? Ich denke an Willy Brandt, er – der Nicht-Katholische, der vor dem Ghettomahnmal in Polen kniete, – und dem der CSU Vorsitzende Franz Josef Strauß, jahrzehntelang eine beherrschende Figur der westdeutschen Politik – noch 1961 wegen seiner politischen Emigrationsjahre Vaterlandsverrat vorwarf. Gerne hätte ich auch die Ritchie-Boys geehrt, diese Truppe deutscher und anderer Emigranten, die dem amerikanischen Geheimdienst seit D-Day halfen. Guy Stern zum Beispiel kann ja auch noch leibhaftig gesprochen werden.

Historiker bemühen sich, vom Attentäter Elser den Kommunisten Elser fernzuhalten. Wir hören deshalb die Zither spielen, so wie er sie spielte, als ob noch nie ein Kommunist Zither gespielt hätte, aber darüber wissen Sie hier in Österreich vielleicht auch mehr als Leute im fernen Berlin. Es handelt sich hier mit der Ehrung des Tischlers Georg Elser leider nicht um Georg Elser, sondern es geht um die Rettung der Deutschen als Nation, was mit den spät gekommenen Stauffenbergs auch aus Standesgründen nicht recht hat glücken wollen. Es sind mit der Ikonisierung des Georg Elser nicht länger Deutsche, die ihre anderen Deutschen verrieten, und Mord und Totschlagen zur völkischen Ethik zählten. Es ist ein Maler aus Braunau am Inn, wie George Tabori sagen würde, der sein Volk verriet. So muß einem das Volk leid tun wegen des mangelnden Nationalgefühls seines Führers – und das wieder stammt nicht aus „Mein Kampf“ und von der Bühne des Berliner Ensembles, obwohl das Stück dauernd ausverkauft ist, sondern aus der Produktion der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Sie sehen, wie schwer es geworden ist, im Erinnerungsbusiness zwischen Inszenierung und Inszenierung zu unterscheiden. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin auch drin. Und vielleicht tut Ihnen Ihr Volk auch leid, weil es gleich mitverraten wurde, sodaß Herr Hitler mindestens zwei Völker verraten hat und die Menschen Herrn Hitlers Opfer sind, weswegen wir Deutschen und wir Österreicher auf jeden Fall diese Tragik teilen und etwas gemeinsam hätten. Was uns übrigens in der Person Hitlers auch schon gelungen ist, den teilen wir auch.

Ich komme noch einmal zurück zur Vaterlandsfrage und lese aus den hinterlassenen Briefen meiner Mutter. „Ich hatte einen Traum: Er war wie ein Tedeum! Ich sah den Hitler aufgehängt im Britischen Museum. Den Kopf voll Stroh, die Augen leer. Es war ja nur ein Traum…! Ach, wenn`s doch Wahrheit wär.“ Da sind sie wieder die Briten. Und Mama mangelte es offenbar an deutschem Nationalstolz.

Übrigens erzielten meine beiden Töchter Jahrzehnte später im Geschichtsunterricht, während dessen die Ära Nationalsozialismus geprüft wurde, die mit Abstand schlechteste Note. Sie hatten bei den Fragen, die zum Kriegsverlauf gestellt wurden, über die Judenvernichtung berichtet, wonach nicht gefragt worden war. Das Thema war verfehlt.

Zwischen der Tante aus Shanghai und Mama scheint es einen unausgetragenen Überlebenszwist gegeben zu haben. Während die eine der anderen die bessere Schulbildung nachtrug, schien jene damit beschäftigt, dass ihrem Schicksal während der Verfolgung keine oder nicht genügend Anteilnahme zuteil wurde. „Überlebende“ nannte sich keine der beiden Schwestern und auch nicht die Großeltern. Diese Bezeichnung hielten sie zurück ausschließlich für solche ihrer Leidensgenossinnen und -genossen, die in Konzentrationslagern gewesen waren. Mit dem Schiff nach Shanghai? Zusammen mit dem jungen Mann, in den sie sich verliebt hatte. Die hatte es gut gehabt!? Erst mit Ulrike Oettingers „Exil Shanghai“ begriff ich und es tat mir leid.

Meine Schwester und ich beneideten die anderen um ihre Tanten und Onkel, auch um die Querelen, die sie miteinander hatten, um ihre Samstagnachmittags-Kaffees und Kuchen-Veranstaltungen, weil schon wieder jemand Geburtstag hatte. Wir hatten das nicht. Wir hörten von jemandem aus Argentinien, mag sein, dass es auch einmal einen Brief von noch woanders gegeben haben mag. Die Schwester meiner Mutter hatte nach Kriegsende in die USA emigrieren können. Sie schmückte ihre Kartengrüße mit Abziehbildern unbekannter Puppenfiguren. Das Vorgedruckte half. Sie schrieb wenig, um Liebevolles bemüht. Immer stärker trat das Englische hervor, bis schließlich gar keine deutschen Satzfetzen mehr übrig blieben. Die Großeltern überstanden die Nazizeit als Untergetauchte und traten krank geworden schließlich die Emigration zu ihr an. Die Tante schrieb mir, der erwachsenen Nichte, noch immer diese Kinderkarten. Wir haben uns nicht gesehen. Die Großeltern sandten „kisses“.

Während ich in einer deutschen kleinen oder mittelgroßen Stadt einerseits im ideellen Welten-Wissen lebte, schrumpfte der Kosmos des täglich Realen auf wenige Quadratmeter mit Stockbetten – ich entwickelte ein Heimatgefühl von der Größe einer Briefmarke, für die mit Spannung erwarteten Briefe, deren Zustellung manchmal länger als eine Woche dauerte.

Meine Geschwister haben sich viele Jahre in Ausländern aufgehalten, die älteste hat ihre Kinder in Italien geboren – einen Mann geheiratet, der American, Choktaw und überdies hier der wundervolle Sänger ist – die andere hat es ihr nachgetan. In ihren Familien herrschen nicht nur babylonische Sprach-, sondern auch verwirrende Paßverhältnisse. Den Kindern werden in den ersten Lebensjahren Bücher in der unbekannten Sprache vorgelesen und sie werden mit fremd schmeckenden Speisen erschreckt. Die abwesenden Kultur- und Sprachfragmente werden vergessen und gelegentlich gesucht. Manchmal regelrecht beschworen. Sie haben hier eine viel längere Tradition in diesen Dingen, wenn ich nur an die österreichische Fusionsküche denke. Was wir und andere aber nicht meistern können, sind die juristischen Barrieren. Kinder, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, sollen sich für die ein oder andere Staatsbürgerschaft entscheiden und der eine in der Familie wird dem anderen ein Visumsproblem. Dieser Optionszwang gehört abgeschafft. Er ist nicht nur für Familien überholt, die aus Verfolgungsgründen mehrstaatlich sind, sondern auch für Menschen, die aus vielerlei anderen Gründen zwischen den Welten hin- und hergehen. Ganz anders stellt sich die Situation dar für jene 80 000 Menschen, die überhaupt nicht hin- und hergehen dürfen, die in der Bundesrepublik seit Jahren in Lagern und nicht in Freiheit leben, verdorbene Eßpakete empfangen und sich nicht ausbilden oder eine Arbeit annehmen dürfen. Dieser Lagerzwang gehört abgeschafft, damit die 19jährige Nissrin Ali und Felleke Bahiru Kum, um den Betroffenen wenigstens zwei Namen zu geben, menschenwürdig b l e i b e n können und nicht wie Stücke, die irgendwohin verbracht werden.

Ich übrigens durfte als Deutsche in einem Ihrer Verbände bleiben, was ich bemerkenswert finde. Ich bin Mitglied des Verbandes der Dramatischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller Österreichs, was ich Ihrem Helmut Peschina verdanke. Aus deutsch-deutschen Vereinigungsgründen wurde dieser mir der einzige Ort, dem ich zugehöre – ebenso wie Amnesty International, was wieder eine andere Sache ist und damit zu tun hat, dass ich dazu neigte, einer Minderheit anzugehören, die eine Mehrheit verläßt – wobei die Mehrheiten dazu neigen, zu bleiben. Amnesty International begreife ich als Anwältin von Minderheiten, von jener oder jenem, den einzelnen, die für Menschenrechte unterwegs sind. An dieser Hervorhebung der Bedeutung von amnesty international ist das Ausmaß der politischen Ohnmacht zu erkennen, die mich befallen hat. Vor unserer Haustür agieren Mordkommandos: Natalja Estemirova von Memorial war sieben Jahre jünger als ich und wurde vor wenigen Wochen in Grosny umgebracht. Mindestens 14 Journalisten wurden in kürzester Zeit getötet. Der Staat hebt die Hände und reibt sie mit Kreide. Regierungschefs treffen sich gelegentlich zum gesitteten Gespräch, in dem es wahrscheinlich um Wirtschaft geht. Ich weiß es nicht, vielleicht brauchen wir internationale Untersuchungskommissionen für diese Fälle – es muß doch irgendwer ans Licht bringen, was da geschieht.

Schreiben, wo andere Gewehre haben? Ich zeige meine leeren Hände. Ich habe ein Wort und ein anderes Wort und sonst nichts, und ich weiß, dass das nicht viel ist. Nicht viel angesichts des fortschreitenden Baus weiterer Siedlungen in von Israel besetzten Gebieten. Nicht viel angesichts der palästinensischen Katastrophe, die so genannt gehört. Aber da taugt mein Stift nicht mehr oder weniger als der eines jeden anderen Citoyen. Das Politische kann ja im Gegenteil auch eine Unfreiheit sein, die das Schreiben verschnürt oder umwidmet wie eine fortdauernde Grabsteininschrift. Niemand wußte das besser als Mahmud Darwisch, der große Dichter aus Ramallah, der die Stimme des Anderen hörte, der Paul Celan aufnahm und verstand, in der eigenen Arbeit auch diesem Anderen Atem gab, während er ihm selbst schwer wurde. Ich erinnere an Erich Fried, der bemerkte, dass ein Gedicht, das nur politisch sein will, Gefahr läuft, zu verarmen. (Alles Liebe und Schöne, Freiheit und Glück, Briefe von und an Erich Fried, Berlin, 2009, S. 84)

Mein Schreiben hat wenig von Kampf und Politik, auch wenn es gelegentlich deutliche politische Worte gibt; eher handelt es sich um Übungen zur Wahrnehmung von Stimmen und Gerüchen. Wie zum Beispiel und mit welchen Worten trete ich am kommenden Dienstag in die Gözleme-Bäckerei in Moabit in Berlin ein. Mein Gözleme kostet 1,90 Euro, dazu bestelle ich einen Tee für 1,20 Euro, den mir der Hausherr hin und wieder ganz und gar grundlos auf die Hälfte berechnet. Es wäre an diesem Vorgang nichts weiter mitteilenswert, wenn nicht die Frau des Gözleme-Bäckers, die eigentlich Zuständige für das Backen, immerfort ein Kopftuch trüge. In Deutschland hat umlängst ein ehemals politische Verantwortung tragender Sozialdemokrat, Herr Sarrazin, bevor auch er ins Finanzgeschäft überwechselte, sich abfällig gegen die Welt der – wie er sagte – Kopftuchmädchen – geäußert, die zu wenig mehr imstande seien als zu Gemüseständen und Döner-Bistros. Ich hingegen bzw. meine Figur ist eine aufgeklärte, nicht religiöse Person, trug niemals eine Kippa, auch nicht aus feministischen Gründen – meine Erzählfigur macht sich gemein mit jenen sozial Depravierten, die offensichtlich noch von Handarbeit leben. Sie sitzt mitten im Sprachfremden und ißt, – hinter dem Herd die Schriftzeichen eines anderen Propheten. Wahrscheinlich hat die essende Figur einen hochqualifizierten Bildungsabschluß. Falls diese Familie einen Sohn oder noch ein „Kopftuchmädchen“ hätte, müßte sie vermuten, dass diese weniger gut Deutsch sprächen als sie selbst. Alle diese Indizien sprechen dafür, dass hier eine Anfälligkeit gegenüber Kriminalität, politischem oder religiös motiviertem Terrorismus und eine eklatante Disposition zur Grundgesetzentwertung vermutet werden könnte. Ist es nicht so? Dieses Problem stellt sich bei einer Currywurst im Berliner Bezirk Schöneweide schon deshalb nicht, weil meine Hauptfigur lieber Döner ißt. Wenn ich nun das Grundgesetz und die Verfassung der EU betrachte, muß ich feststellen, hier herrscht ein Diskriminierungsverbot auf säkularer Basis, einschließlich des Gebots der Freiheit zur Religionsausübung, weswegen meine Hauptperson, nachdem sie die Frage, ob Gözleme mit Butter serviert werden soll, bejaht hat, zu dem Schluß kommt: Der Islam gehört nicht nur zum Grundgesetz sondern auch zu Europa. Jahrhunderte zurück war ein Aufruf an die Juden ergangen, das „Mauscheln“, gemeint war die eigene Sprache, einzustellen, sich in Kleidung, Haar- und Barttracht anzupassen und zu konvertieren. Wie aber kann aus Haltungen Literatur werden? „Gutmenschen“ und „MultiKulti-Gestrige“ stehen als Synonyme für blöd, alt und naiv bereits in der Arena der Wortkämpfer. Literaten und Journalisten sind dem Populisten sofort an die Seite gesprungen, wie überaus mutig der gewesen sei. Dabei unterscheidet den Akteur diesmal von Haider oder Berlusconi eben nur die sozialdemokratische Parteizugehörigkeit. Übrigens hat sich der Zentralrat der Juden in Deutschland sofort mit der Gemeinschaft der Muslime solidarisiert, was ich für einen bemerkenswerten und sehr richtigen Schritt halte.

Persönlich habe ich nichts gegen gute Menschen, ich habe sogar gelegentlich selbst versucht, gut zu sein. Eine Textilfirma stellt bereits „Mono-Kult“-Träger her, die man sich am Hosenbund befestigen kann – das beste, seitdem es das Schlüsselband „Kein Sex mit Nazis“ gegeben hat. Allerdings ist die Zielgruppe jetzt eine andere. Die Hauptfigur nimmt sich vor, einmal mit den Leuten zu sprechen, damit sie ihre Kinder ordentlich erziehen. Immer öfter geht sie Gözleme essen – es ist klar, die Figur bildet ein Helfersyndrom aus. „Postkolonial“ ist für die Poesie so verloren wie „diskriminierungssensibel“, wie „afro-deutsch“ oder „jüdische Herkunft“, „Identität“ – ist gar nicht auszudenken. Wie dieses Problem gelöst werden kann, bitte ich in dem Aufsatz „Ein Tag. Oder ein Tag“ nachzulesen, der eine längere Passage über jüdische Fragen, Eisbein und Hackepeter enthält. Im vorigen Frühjahr bin ich in einer österreichischen Gaststätte beim Lesen des Angebots von billigem Zigeuner-Mops oder Zigeuner-Rollis darüber ins Grübeln gekommen, ob hier auch Judenbrot angeboten und ob das dann würzig oder fad sein würde.

Jetzt ist es natürlich nicht so, dass mir vor lauter Nachdenken über das politisch korrekte Sprechen eben nur noch wenige Worte oder Texte einfallen, aber es ist doch eine Herausforderung, nachzuschauen, ob das, was ich für gewöhnlich rede, möglicherweise anstrengend weiß oder welten-ignorant ist, um nicht zu sagen, rassistisch. Es ist auch deshalb sehr bildend, an den Poesie-Festivals an anderen Enden der Welt teilnehmen zu dürfen – da, wo ich selbst als Weiße und Europäerin Minderheit bin. Sie sehen, ich gehöre zu den Leuten, die durchaus möchten, dass statt von Mohrenkopf von Schokokuss geredet wird und die nicht der Meinung sind, dass alles seine Richtigkeit habe, weil wir es im Herzen doch anders meinten.

Bevor ich im Überschwang mich aber jetzt noch weiter in dem Zusammenhang zwischen Essen und Literatur verliere, will ich doch berücksichtigen, dass das Büfett wartet. Lassen Sie mich einige Danksagungen richten an Else Lasker-Schüler, Gertrud Kolmar, Toni Morrison, Virginia Woolf, Itta Shedletzki, Jenny Warnecke, John Dos Passos, William C. Williams, Katharina Hall, Sara Lennox, Karen Remmler, Leslie Morris, Juliette Brungs, Sigrid Bauschinger, Sander L. Gilman – women in German – Eva Lezzi, Mona Körte, Max Diamant und viele andere; Günther Eich, Stefanie Hoster, die seit den 90er Jahren an meiner Seite stand – zunächst als Dramaturgin und jetzt als Leiterin der Hörspiel-und Feature-Produktion von DeutschlandRadio Kultur. Ohne ihre Ermutigung für die Stimmen in meinem Ohr wären die Stücke von „Ich ziehe mir die Farben aus der Haut“, 1991, bis „Nothing to know but coffee to go“, 2008, nicht geschrieben worden. Dank auch an die krisenfeste Begleitung durch Hans-Ulrich Müller-Schwefe vom Suhrkamp-Verlag – es ist ja etwas Besonderes, einen richtigen Lektor zu haben – und an meinen langjährigen Erstleser Roman Gleissner. Erwähnen möchte ich die Leistungen so wundervoller Übersetzerinnen und Übersetzer wie Iain Galbraith, Allison Brown, in spanischer Sprache Juana und Tobias Burghardt, Feliks Przybylak im Polnischen. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen können, aber ich halte hier eine Zeitschrift der Poesie von Frauen in der Hand, die der Schriftstellerverband in Nicaragua gerade herausgegeben hat – Isabel Hurtado läßt das Heft mit meinem Poem anfangen. Welch eine Ehrung durch ein Land, das vor derart anderen Problemen steht, dass mein Gedicht ausgewählt wurde unter den Besucherinnen aus aller Welt. Ein Dialog zwischen welchen, die nicht gleich sind, die einander fremd sind, und sich doch hören. Danke auch an meine Freunde aus der Musik: an u.a. Buschi Niebergall, Ray Kaczynski, Dämon Lee und Dieter Kaufmann, mit dem mich zuletzt das Installationsprojekt „Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus“ auf dem Eichengrün-Platz in Dülmen, einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen in Deutschland verbunden hat. Nicht zu vergessen, die Anregungen aus dem Bereich der Kunstschaffenden. Ohne sie hätte ich nicht in diese oder jene Richtung zu denken begonnen. Insbesondere der Gedanke der Intervention, der flüchtigen oder vorübergehenden Berührung im öffentlichen Raum, beschäftigt mich – oder stehen meine Texte im white cube? Dank auch an meine letzte Kooperationspartnerin, die Installationskünstlerin Karen Shasha in New York.

Meine Kinder ertrugen die Mehrfachbelastungen einer allein brotverdienenden Mutter, ihre abwesenden Zugewandtheiten. Wie Sie wissen, sind Stipendien für Frauen über 40 Jahre eher selten, was wieder ein anderes Thema ist. Liebe Familie – vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid. Danke schön Josef Winkler – es war eine wirklich gute Idee von Ihnen. Vorenthalten habe ich Ihnen jetzt eine längere Passage, in der ich das Verhältnis zwischen einer jüdischen Familie und einem sudetendeutschen Hauswirtsehepaar, und beider wiederum zu den Amerikanern mit Hilfe eines Kastens klebriger, schaumiger Stücke – einer weißziehenden, knatschig süßen Masse, also mit Marshmellows beschreibe. Das geht jetzt wirklich nicht mehr – vielleicht hat das Büfett ja derartiges. Lieber Kofi und liebe Elisabeth Asamoah von adikanfo, lieber Harold Bradley, lieber Norbert Mattes, der auch der Vater meiner Kinder ist, liebe Chana, meine Tochter – ihr werdet uns jetzt musikalisch hinausführen. Auch Euch tausend Dank für Euer Kommen.

Gedichte:
Ich hacke mir Stangen aus Eis
Ich blättere in einem gefrorenen Buch
In den Steinen der Synagoge
She came out of Terminal B

Zuletzt erschienen: Esther Dischereit, Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus, AvivA Verlag, Berlin, 2009 (inkl. 2 CDs)
Zitate aus: Joemis Tisch, Eine jüdische Geschichte, Suhrkamp – Mit Eichmann an der Börse, Ullstein, Zeitschrift Anide, Ano 8, Edicion No 20, Managua, Nicaragua, 2009

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