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Belehrungen aus der Fleischskanzlei an den Vizekanzler

Auf die Orgien und Ausschweifungen spätrömischer Dekadenz folgte bekanntlich der Untergang des großen Vorbild-Imperiums aller nachfolgenden abendländischen Imperien. Verdächtigt also der gute Guido all die Hartz-IV-Empfänger, die es sich zu gut gehen lassen und denen er deswegen spätrömische Dekadenz vorwarf, sie gäben der eh schon wankenden Weltwirtschaftsmacht Deutschland den Rest?…

Das vielleicht nicht, aber die provokative Äußerung des liberalgeschniegelten Vizekanzlers hinsichtlich des Gebarens so mancher Wirtschafts- und Sozialhilfe-Empfänger provoziert. Mich zum Beispiel: zu einigen signifikanten Abstechern in die Weltgeschichte, wie sie sich vom antiken Rom bis ins deutsche Reichtstags-Berlin hinzog.

Josef Reich,  Herausgeber von fairplanet.

Es waren bekanntlich unsere germanischen Urahnen, die wesentlich dazu beitrugen, das Römische Reich zu zertrümmen, und ein paar turbulente Jahrhunderte später waren es – neben dem irgendwie zu östlich gelegenen byzantinisch-kleinasiatischen Nachfolgemodell – unsere christianisierten Vorfahren, die mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation die eigentliche, wirklich gültige Zweit-Version auf die Beine stellten.

Fast tausend Jahre dunkles Mittelalter brauchte es, bis sich mit der Renaissance das Lichtlein am Ende des Tunnels zeigte und Europa geboren wurde. An der Schwelle zur Neuzeit war es wieder einer von uns, Martin Luther, der mit gutem Recht den Einfluß Roms beschnitt, diesmal den der Römischen Kirche und ihrer, den Herrgott auf Erden präsentierenden Päpste. Dem asexuellen, kinderfeindlichen Priester- und Nonnenwesen setzte Luther das weitaus gesündere und individualistischere, germanisch-kapitalistisch angelegte Protestantismus-Modell entgegen.

Die von Martin Luther zutiefst empfundene Notwendigkeit, den Starrsinn und die Rigidität des Katholizismus, der die Seele des Volkes bedrückte, zu entschärfen, hatte ihren Preis. Auch wenn er den Dreißigjährigen Krieg nicht mehr erleben sollte, war er nicht allzu wenig betrübt von der Vorahnung, daß die, so von ihm gar nicht gewollte Kirchenspaltung mit katastrophalen Nebenwirkungen einhergehen würde.

In seiner Frustration über die grausame Unvollkommenheit seines Lebenswerkes wandte er sich vor allem gegen die Juden, das auserwählte Volk, welches Gottes Wort doch dereinst unter die Menschen gebracht hatten. Daß ausgerechnet wieder die, nachdem er doch alles so schön reformiert hatte, die Chuzpe besaßen, jetzt nicht endgültig geschlossen überzutreten, sondern immer noch an ihrem alten Irrglauben festhielten, war fast noch unverzeihlicher als die Tötung des Gottessohns. Mit seinen schriftlichen Hass-Ergüssen, quasi dem Alterswerk des Enttäuschten, fixierte er den Judenhaß beziehungsweise den ideologischen Unterbau dessen, woraus sich in der Moderne der Antisemitismus entwickelte.

Das Reich zerfiel in zu viele Kleinstaaten, und das Volk mußte hunderte, tyrannischer Kleinfürsten erdulden, die Hörigkeit und stupides Untertanentum kultivierten. Das Werden der Nation erlahmte und regredierte. Wir fielen weit zurück, so z.B. hinter Franzosen und Engländer, die sich der Staatsidee, ja gar dem vom Hellenentum vorgegebenen Demokratie-Ideal, viel schneller annäherten und aus diesem – ich weiß, das nachfolgend Formulierte klingt schrecklich, aber ich kann es mir nicht verkneifen – völkischen Zusammenhalt heraus die Kraft schöpften, sich zu kolonial-imperialer, erdball-umspannender Größe aufzuschwingen. Preußentum und Habsburger-Monarchie waren nie in der Lage, jenen Global Player herzugeben, zu dem sich ja dann die Briten letztendlich im Viktorianischen Zeitalter aufschwangen, u.a. auch angetrieben von politischen Genies wie z.B. einem Premierminister mit dem schwer verdaulichen Namen Benjamin Disraeli. Währenddessen hatten wir uns das Image einer Kulturnation introvertierter Dichter und Denker angeeignet – waren wir nicht eh von jeher vor allem dazu veranlagt? – , die das Zeitalter der Klassik und das der Romantik prägte

Erst unser Blut-und-Eisen-Kanzler Bismarck einte uns unter dem Joch Preußens. Mit der Demütigung der Franzosen im Krieg von 1870 drehte er den Spieß radikal um. In den noch anstehenden kriegerischen Auseinandersetzungen der Moderne mußten nicht mehr – wie in den beiden Jahrhunderten zuvor unter dem Sonnenkönig Ludwig dem XIV oder später unter Napoleon Bonaparte – wir am französischen kontinentalen Hegemonialstreben leiden, sondern die Franzosen an unserem. Davor hatte Otto v. Bismarck in einem siegreichen Feldzug gegen die Habsburger uns ein für alle Mal vom Widerstand des Balkan-Beherrschers Österreich gegen ein geeintes preußischers Großdeutschland befreit. Endlich konnten auch wir uns als aufstrebende Großmacht und – Nation fühlen.

Was uns im Sauseschritt in die jüngste deutsche Katastrophen-Historie, die Nazi-Ära, hinabführt und wieder zum Thema der Dekadenz. Der uns oberlehrerhaft von seinem Rednerpult anherrschende, chaplineske Hitler-Adolph verleitete uns mit den Mitteln modernster Wahlpropaganda zur industriellen Völkermord-Schandtat, jene Kollektivschande oder – wenn man so will – Kollektivscham, die ungezählte Dokumentar-Filme und Unterrichtseinheiten in unser Gedächtnis gemeißelt haben.

Orgien und Ausschweifungen waren in der Weimarer Republik das Merkmal der goldenen Zwanziger, als das kulturelle Leben erblühte, bereichert vor allem von jüdischen Künstlern, deren Einfluß ja dann mit Stock und Stil ausgerottet wurde und uns Deutsche in eine kulturell-seelische Armut stürzte, die wir bis heute noch nicht so richtig weggesteckt haben. Könnte man nun mit Westerwelle behaupten, die Dekadenz dieser Zeit sei ein Vorbote des Untergangs gewesen? Oder wären wir ganz im Gegenteil – frage ich nun ganz platt – nach der, vom 1929er Börsencrash ausgelösten Weltwirtschaftskrise, gefeiter gewesen gegen das Abrutschen in die Nazi-Katastrophe? Hätten wir weniger Lust verspürt, das Dritte, von Hitlers italienischem Diktator-Kollegen Benito Mussolini inspirierte, römer-artige Fascho-Reich zu gründen? Wenn – ja, wenn – das deutsche Kleinbürgertum sich lieber an frechem, schamlosem Kabaret berauscht hätte und nicht so sehr an einer arisch-nordischen Jugend, die am übermächtig-schnauzbärtigen Führer in Reih und Glied vorbeimarschierte? Oder könnte man auch vermuten – wieder ein Versuch Westerwelles Linie zu folgen – ob nicht übertriebene Dekadenz vielen Opinion-Leadern und Entscheidungsträgern großbürgerlicher Herrschaftsschichten die Kraft raubte sich dem Totalitarismus entgegenzustemmen?

Im Anschluß an diesen Beitrag findet sich ein Link*, der uns zu einem Videoclip auf der Website meiner sogenannten Fleischskanzlei führt. Nackt, bis auf ein rotes Hundehalsband und einen, lediglich das Geschlechtsteil bedeckenden, goldfarbenen G-String, erhebt sich mein Alter Ego Joe Fleisch, aus der randvoll gefüllten Wanne des Badezimmers einer Luxus-Suite in der Edelherberge „Frankfurter Hof“ und stellt sich als gelangweilter Milliardär vor. Er vertreibe sich seine Zeit gerne mit Orgien, zusammen mit seinem Pianisten, seinem Regisseur, seinem Dienstmädchen und zwei Assistentinnen, und möchte zu diesem Anlaß die zwei, textlich recht unterschiedlichen Versionen des deutschen Durchhalte-Schlagers aus dem Zweiten Weltkrieg „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“ vortragen. Der über die Volksempfänger verbreitete Original-Song sollte den Leuten suggerieren, daß all das Desaströse gar nicht so wild sei und ein gutes Ende haben würde – gesungen im Übrigen von keiner Geringeren als Lale Andersen, deren Welkriegs-Mega-Hit „Lili Marleen“ bei den Soldaten beider Seiten gleichermaßen beliebt war. Bei der zweiten Version handelt es sich um das, von der BBC ins Reich gesendete Kontra der im Londoner Exil lebenden, jüdischen Sängerin Lucy Mannheim, in der sie mit der Nazi-Bande ins Gericht geht.

Mit unserem fünfeinhalbminütigen Musik-Video konntem wir auf keinem Kurzfilmfestival einen Blumentopf gewinnen. Zwar bekamen wir nicht selten die Rückmeldung, das Video sei schräg, abgefahren und lustig, aber „so etwas“ könne einfach unmöglich in die engere Auswahl gelangen, gar zum Gewinner gekürt werden. Auch auf YouTube führt es mit einigen wenigen tausenden Viewern eher ein Schattendasein. Ein verfemtes Werk, das später mal zu Ehren gelangen wird, vielleicht sogar erst posthum, vielleicht auch nie, eventuell auch, weil es das künstlerisch gar nicht verdient hat?

Der Frankfurter Jazz-Musiker und Komponist Tobias Rueger und ich versuchten damit, Kulturhistorie aus der Nazizeit auf eine Art näherzubringen, wie sich das deutsche Künstler und Musiker ansonsten wenig trauen. Als spätgeborener Sohn jüdisch-polnischer Shoa-Überlebender, die ausgerechnet im Nachkriegsdeutschland eine neues Zuhause fanden, glaube ich über einen klareren, unverklemmteren Blickwinkel auf die Problematik zu verfügen; einen gesünderen und objektiveren Hass auf jenen fatalen Mix aus Bosheit, Stumpfsinn und Dummheit, der in den Nationalsozialismus führte. Obgleich Guido Westerwelle als Homosexueller und freidenkerischer Mensch im Dritten Reich eventuell auch so seine Probleme gehabt hätte. Am Ende fehlt jemandem wie ihm sozusagen meine jüdische Schamlosigkeit, der unverschleierte Blick darauf, wie sehr wir Deutschen immer noch in der Verantwortung stehen – der nötige Abstand, das ganze Maß an noch nicht verarbeiteter Bewältigung überblicken zu können. Mir gehen Scham und Schande im Endeffekt ab, ich fühle mich nicht paralysiert den Nachkommen der Tätergeneration zugehörig, sondern denen der Opferseite. Nicht nur durch meine psychologisch-freudianische Grundausbildung kann ich die tieferen Gründe der Tat, die das Volk, unter dem ich aufgewachsen bin, meinem Volk zufügte, besser begreifen, sondern auch weil in mir zwei Mentalitäten nebeneinander wohnen, die deutsche und – war es doch die zweite Sprache in meinem Elternhaus – die jiddische.

„Okayyy?!“ kommt es nun langgezogen und stirnrunzelnd von meinen Lesern, „der Junge will uns weismachen, Experte für Nazi-Angelegenheiten zu sein. Mag ja sein, aber was hat all das bitte damit zu tun, daß Guido Westerwelle arbeitslosen, gar arbeitsscheuen Elementen in unserer Gesellschaft spätrömische Dekadenz vorhält?“

Ungeheuer viel. Sein sowieso etwas schief geratener Vorwurf spricht Bände. Repräsentabler Stellvertreter des deutschen Mainstreams, der er nun mal ist, zeigt er, wie stark falsche Schwerpunkte gesetzt werden, wenn einer der ranghöchsten Politiker sich dazu hinreißen läßt, sich an Menschen auszulassen, die in den bedauernswerten Zustand der Beschäftigungslosigkeit abgerutscht sind. Mal ganz abgesehen davon, daß hier tiefenpsychologisch, wie so oft, die Projizierung eines bei sich selbst vermuteten bzw. gefürchteten Symptoms auf andere vorliegen könnte, ist es ja nicht auszuschließen, daß ein intelligenter, kunstkundiger, lebenshungriger Mensch wie Guido Westerwelle angesichts des ansonsten eher neokonservativen, angepassten und korrekten Typs, den er verkörpert, darauf achtgeben muß, gelegentlich auswuchernde Phantasien bei sich selbst nur in Maßen zuzulassen.

Ich jedenfalls, ein orgienerprobter, eher unpolitischer und dekadenter Mensch, noch dazu genau sein Jahrgang, fühle mich auserkoren, ihn zu belehren. Ich glaube, daß sich Westerwelle und so viele andere auf dem Holzweg befinden, wenn sie Wohl und Wehe der Nation allzu sehr abhängig machen von Wirtschaftsliberalismus, Effizienz und Arbeitsmoral. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein deutscher Außenminister, denn das ist der Vizekanzler ja primär, sollte sich nicht im Arbeitslosen-Bashing gefallen, sondern darin, Deutschlands Macht und Größe mit aller Macht in die Waagschale zu werfen, um Frieden auf Erden zu stiften und Armut zu bekämpften. Er sollte sich ganz und gar der Mission widmen, Deutschland in der Völkerfamilie zum Vorreiter dieser Mission zu machen. Oder etwa nicht?

Ich wiederhole: Wäre Guido wie ich beflügelt von jenem Haß, der bei mir aufgrund meiner Herkunft so viel gesünder und roher zu Tage tritt, dann, so behaupte ich, wäre er nicht ganz so fixiert auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Deutschland, wäre – um das jetzt mal bildlich-symbolisch mit Fetisch-Gleichnissen zuzuspitzen – weniger vernarrt in gelbe Krawatten und seinen weltgeschichtlich belanglosen 18-Prozent-FDP-Traum. Gleich mir, sähe er stattdessen das Gesamtbild, die wahre, unerbittliche Gestalt der Historie, das eigentliche deutsche Problem, die – angesichts des Nazi-Verbrechens unserer Großeltern-Generation – in die dritte und vierte Generation hinein währende Schande. Er würde begreifen, wie sehr es unserer deutschen Seele in der Gegenwart nach Selbstheilung dürstet, nachdem wir in der Vergangenheit mit gefährlicher Verspätung und einem wahnsinns Nachholbedarf die Weltbühne mit unseren Großmachtbestrebungen beschwerten, Umwälzungen und Umstürze entsetzlichen Ausmaßes lostraten, auf Erden Gewaltbereitschaft säten und Völker- und Massenmord ernteten. Der Holocaust stellt dabei ja fast „nur“ die grauenhafte Spitze des Eisbergs dar. Der Zweite Weltkrieg schwächte die Kolonialmächte elementar, leitete das oft viel zu gewaltsam-grausame, weil viel zu abrupte Ende kolonialer Strukturen ein und ebnete den Weg für totalitäre, reaktionär-repressive Herrschaftsformen, die als Nationalismus, Kommunismus oder Sozialismus daherkamen.

Nicht, daß ich – Gott behüte! – behaupte, uns Deutsche träfe nicht nur die Schuld am Holocaust, sondern auch an all dem anderen Grauen, das sich so in den letzten Jahrzehnten zutrug. Vielmehr geht es hier um Annahme oder Ablehnung von globaler Verantwortung für absichtslos verursachte Desaster. Denn wie bereits ausgeführt, schwebt seit alters her das Verhängnis über uns, welthistorische Veränderungen zu katalysieren, die sich in Katastrophen manifestierten – ein Fluch, sage ich. Diesem Verhängnis müssen wir uns stellen und dürfen es nicht verdrängen. Drei der großen Zusammenbrüche seit Beginn der christlichen Zeitrechnung begannen mit Umbrüchen, die aus dem germanischen Zentraleuropa hervorgingen. Hermann der Cherusker steht für den Niedergang Roms, Luthers Reformen für den Dreißigjährigen Krieg und Hitlers Weltkrieg nicht nur für Ausschwitz und Treblinka, sondern auch für die post-kolonial bedingten Exzesse. So betrachtet, kommt es da nicht auch von ungefähr, daß Karl Marx und Friedrich Engels, die Vordenker des Kommunismus und geistigen Väter der Massenmörder Stalin, Mao, Pol-Pot sowie der beiden nordkoreanischen Kim de Yongs, aus unserer Mitte stammen? Auch wenn das, was später unter dem Label Marxismus lief, Marx mit Sicherheit nicht gewollt hätte?

Das deutsche Kainsmal ist längst nicht so simpel, wie beispielsweise das der Türken wegen ihres Genozids an den Armeniern. In seinen weiterreichenden Konsequenzen ist es vielleicht eher vegleichbar mit dem der Belgier, deren widerwärtiger König Leopold II zum Ende des 19. Jahrhunderts hin sich nicht nur am Kautschuk des Kongo bereicherte, sondern nebenher die Hälfte seiner Landesbevölkerung ausrottete. Die von den Belgiern geschaffenen Strukturen setzten sich in der Tyrannei des von den Kalten-Kriegs-Amerikanern begünstigten Mobutu fort, bis hin zu den Warlords im heutigen Kongo, die mit dem Handel von Edelmetallen, wie z.B. dem für Handys unverzichtbaren Coltan, den wohl grausamsten Krieg der Gegenwart finanzieren, der an die fünf Millionen Menschenleben forderte. An der Cote d’Azur stehen sich in unmittelbarer Nähe zwei Prachtvillen gegenüber, die eine befand sich im Besitz König Leopolds II, die andere gehörte Mobuto.

Ist der Zorn Gottes hinsichtlich unserer Todsünden eine wissenschaftliche Tatsache? Die Antwort des Psychoanalytikers ist ein klares Ja. Auch als überwiegend nicht-religiöse und atheistisch Ausgerichtete sollten wir uns vergegenwärtigen, daß wir Gefahr laufen, Opfer eines Bumerang-Effektes der Selbstbestrafung zu werden. Fast zwei Jahrtausende lang internalisierten wir das monotheistische Gottesschema des Alten und Neuen Testaments, es waltet in unserem kollektiven Unbewußten, ist als Freud’sches Über-Ich-Konstrukt sozusagen in unsere Gene übergegangen und durchaus in der Lage, uns in Situationen hineinzukatapultieren, wo ES (wie Freud bekanntlich ja unser Triebleben benannte) plötzlich an uns, den Nachkommen, Rache ausüben könnte für die Taten der Väter der Väter unserer Väter, die Urheber solch apokalyptischer Zustände, wie wir sie beispielsweise im Kongo wiederfinden.

Klar, sind wir Deutschen heutzutage ein Segen für die Menschheit, führend bei der Entwicklung und Zusammenarbeit mit der sogenannten Dritten Welt, gerade im vollen Zuge, zusammen mit Chinesen, Amerikanern und vielen anderen das solare Zeitalter zu installieren, die Gefahren der Klimaveränderung zu meistern, die Zerstörung der Regenwälder und die Überfischung der Ozeane zu stoppen, die toxische Herstellung unserer Gebrauchsgegenstände in die totale, bio-abbaubare und recycelnde Idylle zu überführen, wie es z.B. ein Michael Braungart mit seinem „cradle to cradle“-Ansatz predigt, und die Entwicklungsländer aus der Armut zu holen, wie das zur Zeit Jeffrey Sachs im Rahmen seines „Millenium“-Projekts mit Kapitalhilfen an exemplarisch ausgesuchten Ortschaften in Subsahara-Afrika vormacht. Das Projekt zur Korrektur der Menschheit, zur Rettung des Planeten ist eine gigantische Herausforderung, die Selbszerstörungsmechanismen jedoch, die auf dem Weg dahin lauern, sind nicht ohne.

Bei den untrennbar miteinander verquickten, globalen Unternehmungen – a) Abwendung von Umweltzerstörung und b) Wahrung der Menschenrechte -, muss Deutschland zum Turbolader werden, und zuererst – apropos Weltfrieden – Einkehr halten bei der deutsch-jüdischen Symbiose. Wir mögen uns noch so sehr winden und biegen und versuchen, Schlußstriche unter unsere Vergangenheit zu ziehen, das an und in uns zehrende Geschwulst an Schuld, Schande und Scham werden wir erst dann los, wenn wir noch einmal, und noch viel mehr und kolossaler Wiedergutmachung leisten. Und alle, die automatisch aufschreien, das hätten wir doch schon längst, die irren. Die Zahlung von Wiedergutmachungsgeldern an den Staat Israel und die von der Nazi-Maschinerie Gepeinigten war damals, in den traumatisierten Minuten nach der Stunde Null, das Mindeste, was wir tun konnten und, bis heute, bei den allerletzten noch lebenden Shoa-Überlebenden tun können. Für uns, die Nachgeborenen, die Kindeskinder der Trümmerfrauen und den aus der Kriegsgefangenschaft Zurückgekehrten, ist der Abstand zum Trauma, das Volk der Täter zu sein, längst groß genug, um uns aufzuraffen und mehr zu tun.

Wollen wir wirkliche Heilung bewirken, unsere eigene Selbstheilung durch die Heilung anderer? Dann zieht es uns magnetisch zu den verstörten Gemütern Israels, Palästinas und deren Anrainern. Nichts könnte uns wirksamer von unseren mentalen Lähmungen und Blockaden befreien, als daß wir Deutschen genau hier Historisches vollbrächten. Die, von unserer kriegerischen Umtriebigkeit gegen Mitte des 20. Jahrhunderts in Gang gesetzte Völkerwanderung war vor allem auch eine jüdische. In einem, letztens in der israelischen Tageszeitung Haaretz erschienenen Artikel, stellte Desmond Tutu die These auf, daß die Palästinenser das letzte Opfer des Holocaust sind.

Ob und wie der Staat Israel ohne Hitler entstanden wäre, es auch dann zum Unabhängigkeitskrieg von 1948 gekommen wäre, so viele Palästinenser aus ihrer uralten Heimat, und in den 50er und 60er Jahren fast noch mehr arabische Juden aus ihren arabischen Heimatländern vertrieben worden wären; ebenso Judenhass, Fundamentalismus, Korruption, Despotie und Lotterwirtschaft die Entwicklung in der arabische Welt beeinträchtigt hätten – all das sind müßige Fragen. Das Nazi-Phänomen steht nun mal da, als abschreckendes Mahnmal und Modell, das gleichzeitig zur Nachahmung reizt. Die Sympathien, die uns Deutschen in der arabischen Welt entgegengebracht werden, bestehen leider auch mit der von uns praktizierten Endlösung der Judenfrage. Von nicht zu wenigen werden Saddam Hussein, Osama bin Laden und Adolf Hitler als Helden verehrt. Noch bis vor wenigen Jahren orientierte sich der palästinensische Freiheitskampf auch an solchen menschenfeindlichen Schemata, und erst in diesen Tagen öffnen sich seine politischen Führer den großen Vorbildern zivilen Ungehorsams und friedlichen Widerstands wie Mahatma Ghandi oder Martin Luther King.

Den Israelis wiederum oktruiert das Trauma der Shoa das Ghetto ihrer Vorfahren auf, nur daß sie sich diesmal von ihrer Armee, eine der stärksten auf Erden, geschützt wissen, und eine Wirtschaft haben, die mehr Venture Capital anzieht als Deutschland und Frankreich zusammen. Berechtigte Stimmen der Kritik aus dem Ausland am allmählichen Hinübergleiten in die Apartheid-Falle werden allzu pauschal als Antisemitismus kategorisiert, und viel zu viele verschließen die Augen vor dem religiös-rassistisch motivierten Siedler-Projekt, das in den vier Jahrzehnten seit dem 6-Tage-Krieg zum Staat im Staate ausgewuchert ist und die Vertreibung und Unterdrückung der Palästinenser kontinuiert. Besonders freut das die Antisemiten dieser Welt, die sich nichts sehnlicher wünschen, als einen unbeliebten Judenstaat.

Hier nun der konkrete Handlungstip aus der Fleischskanzlei an den von historischer Bedeutungslosigkeit bedrohten Vizekanzler im Außenministerium:

Ob die nüchtern-pragmatisch voranschreitende Obama-Administration die rechtslastig-bornierte Netanyahu-Regierung in die politisch richtige Richtung schubsen oder zumindest deren vorzeitige Auflösung verursachen kann, steht in den Sternen. Deutsche Beteiligung an dem sich aufbauenden Druck auf Israel ist nicht wünschenswert. Auch hat Westerwelle nicht das Zeug dazu, sich wie einst ein Joschka Fischer gekonnt in die diffizile Nah-Ost-Diplomatie einzuschalten.

Doch nicht nur Politik bestimmt Zukunft, die entsteht vor allem in den Schulen. Und da könnte sich Guido mit der folgenden, atemberaubenden Initiative profilieren.

Er schließe deutsche, palästinensische und israelische Schulklassen zwischen dem 13. und 19. Lebensjahr für die nächsten zwei Jahrzehnte zu einem heiligen Dreieck zusammen. Lasse die besten pädagogischen und sozialtherapeutischen Köpfe ein Konzept ausarbeiten. Lasse im Rahmen einer ersten Projektphase die dafür bestqualifizierten Schulen Deutschlands auswählen. Und das Pflichtfach „Vergangenheitsbewältigung“ einrichten. Dieses wird drei mal die Woche in drei Doppelstunden gelehrt, in der Regel mit der jeweiligen palästinensischen und israelischen Partner-Schulklasse über ein webbasiertes Video-Conferencing.

Schwerpunktthemen seien:

– Die Verfolgung und Diskriminierung der Juden als Fundament abendländischer Geschichtsschreibung, jüdische Angst vor Neuauflagen jener Völkervernichtung, in die der Judenhass sich ausgerechnet im aufgeklärten und modernen Deutschland hineinsteigerte – dazu ein harmlos erscheinender Bürokrat namens Eichmann, der zu einem Symbol deutscher Willfährigkeit und der Exekution von Millionen Menschen wurde

– Die Logik der Judenstaat-Idee des Utopisten Theodor Herzl, der in seinem verträumt-modernistisch-sozialistischen Buch „Altneuland“ im übrigen nicht von Eroberung des Landes, sondern von einem friedlichen Zusammenleben, einem Staat ohne Armee phantasierte

– Fakten, welche das Verständnis palästinensischer Schüler dafür schärfen würde, daß ihre eigene nationale Katastrophe der Vertreibung durch die Zionisten, die sogenannte Nakba vielleicht nicht ohne weiteres mit dem Holocaust verglichen werden sollte.

Ihre israelischen Altersgenossen würden wiederum einsehen, daß die Nakba mitnichten ein Kinderspiel war, und ihren jubelnden Festtag in Gedenken an ihre Unabhängigkeitserklärung im Mai 1948 vielleicht etwas moderater begehen, ist dieser doch gleichzeitig der Trauertag der Palästinenser, an dem sie sich des Unheils erinnern, welches die arabischen Bewohner des Gelobten Landes heimsuchte.

Israelische Schüler sähen sich mit der palästinensischen Sehnsucht nach Rückkehr in die Heimat der Großeltern konfrontiert und begriffen sie als Gegenstück zur eigenen zionistischen Mythologie.

Natürlich entständen hartnäckige Auseinandersetzungen, inwiefern die Machthaber der arabischen Nachbarstaaten das palästinensische Flüchtlingsproblem z.B. zu Propagandazwecken aufrecht erhielten, während der Judenstaat alle Anstrengungen unternahm, den zahlenmäßig mindestens genauso großen Flüchlingsstrom arabischer Juden zu integrieren. Vor dem Hintergrund der offensichtlichen Absurdität und Kompliziertheit, mit der die israelische Besatzung den palästinensischen Alltag deformiert, würde von israelischer Seite wie gehabt das Argument der Sicherheit ihrer Landsleute in die Waagschale geworfen, auch die derjenigen, die sich völkerrechtswidrig auf palästinensischem Hoheitsgebiet niederließen. Insbesondere – so meine Prognose – würde ein solch intensiver, allwöchentlich stattfindender Lernprozeß und Meinungsaustausch mit ihren palästinensischen Altersgenossen mehr und mehr israelische Jugendliche zu denken geben, wie sehr sie, wenn sie im Rahmen ihres Militärdienst irgendwann an Straßensperren Palästinenser kontrollieren, damit nicht nur die Sicherheit der eigenen Bevölkerung gewährleisten, sondern auch ihr Nachbarvolk in seiner Bewegungsfreiheit einschränken und den bisherigen Status Quo der weiteren Besiedlung palästinensischer Erde beibehalten.

Für die palästinensischen, israelischen und deutschen Schüler wäre dieser fünf Jahre lange, gemeinschaftliche Unterricht in Vergangenheitsbewältigung eine, tief in ihre intellektuelle und kognitive Entwicklung einschneidende Erfahrung, die sie größer und stärker für ihr restliches Leben machen würde. Das Bestreben sich als faire Vermittler in den Diskussionen und Zwiespältigkeiten ihrer levantinischen Altersgenossen zu bewähren, würde bei den deutschen Schülern Geschichts- und Verantwortungsbewußtsein nähren, und vor allen Dingen Stolz – bei dem Versuch mitgewirkt zu haben, Verständnis und Frieden zu schaffen.

Im Rahmen eines österlichen Frühlingsaufbruchs und vielleicht auch zu Weihnachten für die, die auf´s Schifahren verzichteten, kämen das arabisch-jüdisch-deutsche Schulklassen-Dreieck zu vier bis sechswöchigen Workshops vor Ort im Heiligen Land zusammen, wo man zivildienstmäßigen Tätigkeiten nachginge, so z.B. in den Entwicklungsstädten der Landesperipherien, wo die vom Wirtschaftsboom ausgeschlossenen Israelis leben, und natürlich in den Städten und Ortschaften des arabischen Israels und der palästinensischen Autonomiegebieten, die ja dann hoffentlich bald zum international anerkannten Staate Palästina werden. Auf dem Programm stünden Kranken- und Altenpflege, Hilfe für Mütter und gestresste Familien, sozialtherapeutische Jobs in Reha-Anstalten für Drogenabhängige, Jugendzentren und sonstigen sozialen Brennpunkten.

Sogenannte Video-Scouts würden nicht nur die Geschehnisse während der deutschen Exkursionen zu ihren israelischen und palästinensischen Projektpartnern festhalten, auch in den Unterrichsstunden davor würde man anfangen, anhand von Video-Dokumentationen aus dem jeweiligen Alltag der anderen Seite miteinander Bekanntschaft zu schließen. Wer sich ein entferntes, aber eindrucksvolles Beispiel solchen Vorgehens vor Augen halten möchte, der bestelle sich auf www.promisesproject.org (http://www.promisesproject.org) den zu Herzen gehenden Film „Promises“, der 1999 für den Dokumentarfilm-Oskar nominiert war. Der amerikanisch-jüdische Regisseur B.Z. Goldberg, des Hebräischen und Arabischen kundig, interviewt darin in Jerusalem und seiner Umgebung arabische und israelische Kinder im präpubertären Alter, worin sie die zu Hause erlernte Vorurteile zum Besten geben. Er spielt ihnen jeweils Videoaufnahmen vom Alltag der „Anderen“ vor, wodurch sie einander kennen und schätzen lernen.

Voller Bewunderung würde die ganze Welt auf das deutsch-israelisch-palästinensische Schulprojekt starren, auf das zum Pflichtprogramm erhobene Schulfach „Vergangenheitsbewältigung“, das unser Vizekanzler Guido vor dem Hintergrund der besonderen deutschen Vergangenheit installierte.

Zwecks Finanzierung dieses ehrgeizigen Projekts würde zuerst mal dem deutschen Steuerzahler in seine tiefen Taschen gegriffen. Nach und nach, mit wachsender Berühmtheit und zunehmendem Prestige, die das deutsch-israelisch-palästinensische Fach „Vergangenheitsbewältigung“ für sich gewänne, würden sich große und namhafte Firmen darum reißen, hier als Sponsoren zu fungieren, und, wenn es Westerwelle und Konsorten nur richtig anstellten, für solches Engagement recht bald die entsprechenden Steuerleichterungen einheimsen.

Eine Lawine des ethischen Wettbewerbs käme ins Rollen. Da ja rein zahlenmäßig sich nicht alle Schulen der 80 Millionen Menschen zählenden Bundesrepublik mit denen des gerade mal an die 10 Millionen Einwohner zählenden Israel und Palästina kurzschließen könnten, würden die restlichen Schulen Deutschlands, wo man das Pflichtfach Vergangenheitsbewältigung nur theoretisch unterrichtete, jedoch keine praktische Kooperation mit der Levante bestände, danach drängen, sich anderer bedürftiger Weltregionen anzunehmen.

Statt allgemeiner Wehrpflicht würde das, sich auf totale Humanität besinnende politische Klima jugendliche Erwachsene per Gesetz dazu anhalten, sich nach Schulabschluß drei Jahren einem, vor allem in Entwicklungsländern zu verrichtenden Zivildienst herzugeben. Ein, dem Marshall-Plan ähnelndes Konzept, wie es uns damals auf die Beine half, würde nunmehr, am Beispiel von Jeffrey Sachs „Millenium“-Projekt, in ausgewählte Ortschaften der an Armut darbenden Gebiete unseres Erdballs investieren. Dies würde, schon bald unterstützt vom Sponsorengeld deutscher Unternehmen, zu „dem“ national-internationalen Projekt Deutschlands werden. Den Menschen vieler Problemzonen Subsahara-Afrikas und Südost-Asiens würde geholfen werden, durch a) das deutsche – nennen wir es mal: „schools-for-schools-project“ und b) die effizienteste Friedensarmee aller Zeiten, die da ausschwärmte, um Leiden und Elend zu beenden.

Mittel- bis langfristig hätte das Friedensprojekt des von Westerwelle initiierten deutsch-israelisch-palästinensische Pflicht-Schulfachs „Vergangenheitsbewältigung“ das Ventil geöffnet, den Geist aus der Flasche gelassen, ein aus unserer Jugend heraus entspringendes Übermaß an Volksenergie freigesetzt, wie sie dereinst in Zeiten des Nazi-Horrors in den deutschen Welteroberangsdrang hineinfloss, diesmal aber ausschließlich in das Vollbringen durch und durch guter Taten. Amen.

Hast Du es geschafft all das zu lesen, verehrter Vizekanzler? Hat es bei Dir die gleiche seelisch-ethisch-moralische Erektion bewirkt wie bei mir? Wenn Du zum Vater, mein lieber Westerwelle, ja, zum Vater dieses, von mir erträumten Projekts werden möchtest, dann wirst Du Dich über Deine neoliberale Kleinkrämerei hinweg zu historischer Größe erheben und in einem Atemzug genannt werden mit Albert Schweitzer, Ghandi und anderen Heiligen.

Mit solcher Vision, die so utopisch gar nicht sein müsste, beende ich denn also meinen, zugegebenermaßen etwas langwierig geratenen Versuch, den bislang leider etwas kleingeistig agierenden Guido mit meinem kreativen Input zu befruchten – in diesen nachösterlichen Tagen des Frühlingsanfangs im Jahre des Herrn 2010.

*Video-Clip: „Mein Name ist Joe Fleisch