Ernst Federn – Versuch einer Psychologie des Terrors

Ernst Federn schloss bereits 14 Monate nach seiner Befreiung aus Buchenwald – im Juni 1946 – seine beeindruckende Studie „Versuch einer Psychologie des Terrors“ ab. Sie ist aus seinem eigenen Leiden, aus dem siebenjährigen, tagtäglichen Erleben des Terrors, erwachsen – und doch zugleich von einer außergewöhnlichen intellektuellen Distanz geprägt. Ernst Federns wissenschaftliche Analyse gilt heute, neben den Studien zur Extremsituation seines Freunde und ehemaligen Mithäftlings Bruno Bettelheims, als ein psychoanalytisches Grundlagenwerk. Über 50 Jahre lang blieb sie nahezu unbekannt…

Von Roland Kaufhold

Erst 1998 wurde sie in dem Band „Ernst Federn – Versuch einer Psychologie des Terrors“ erstmals auf deutsch zugänglich. Wir dokumentieren Ernst Federns im Juni 1946 in Brüssel abgeschlossenes, in seiner Zurückhaltung und Behutsamkeit tief berührendes Vorwort zu seinem großen Werk; in diesem bemerkt Ernst Federn 1946 einführend: „… Doch bin ich überzeugt, dass letzten Endes Verstand und wahrhaftige Gesinnung sich durchsetzen und meine Erfahrungen, die ich hier niedergeschrieben habe, von Nutzen sein können. Ist doch die menschliche Natur ein dauernder Kampf mit unseren ursprünglichen Trieben, und, wie Freud gezeigt hat, muss man ihn wissenschaftlich zu verstehen suchen.“

Ernst Federn:
Vorwort zu „Versuch einer Psychologie des Terrors“ (1946)

Die den Frieden erzielen wollen, sollen nicht von der Liebe sprechen, bevor sie den Hass nicht erkannt haben. Mit den Hassregungen wie mit allen unverwüstlichen und notwendigen Kraftquellen muss kühl gerechnet werden.
Dr. Istvan Hollos (1928)[01]

Die Idee zur vorliegenden Arbeit entstand anlässlich einer Begebenheit, die sicherlich nicht besonders geeignet ist, wissenschaftliche Gedanken zu konzipieren. Es war im Jahre 1940 als, wieder einmal, eine Kompanie jüdischer Häftlinge im Lager Buchenwald, ein sogenannter „Judenblock”, zur Strafe exerzieren musste. Diese Übungen bestanden aus allerlei „Sportarten, wie Laufen, Hüpfen, Kriechen, Rollen, etc., die für junge Rekruten auf einem Sportplatz geeignet sein mögen, aber für unterernährte übermüdete Menschen und ältere Jahrgänge – nach einem schweren Arbeitstag, meistens mit schlechtem Schuhwerk versehen und von Schlägen ständig bedroht – eine unvorstellbare Tortur bedeuten, an der viele zugrunde gingen.

Ein solches Strafexerzieren also brachte mich, während ich lief, hüpfte und andere Übungen ausführte, auf die Idee, eine „Psychologie des Terrors” zu schreiben; und das kam so: Die Befehlsgewalt hatte an diesem Tag ein vielleicht 18-jähriger SS-Mann mit einem sympathischen Jungengesicht. Anfangs gab er seine Befehle auch nur zögernd, offenbar zum ersten Mal, und man sah ihm an, wie unsicher er sich fühlte. In der ersten Viertelstunde wunderte er sich anscheinend selbst darüber, dass er, ein so junger Bursche, durch ein einziges Wort zweihundert erwachsene Menschen zum Laufen oder Springen antreiben konnte. Ich beobachtete den jungen Peiniger und bemerkte, wie sehr seine Züge denen eines kleinen Jungen ähnlich wurden, der, voller Erstaunen, zum ersten Mal mit Lebendigem spielt. Wie ein kleiner Junge bekam auch unser Peiniger bald mehr Mut. Die Befehle wurden immer schneller und freier gegeben, und jedesmal gefiel es ihm besser, die Gefangenen auf seine Befehle hin vor sich „herumtanzen” zu sehen. Jeder Soldat weiß, wie unangenehm ein solches Exerzieren ist, denn auch für Rekruten ist es eine der unangenehmsten Strafarten. Unser SS-Mann wusste also sehr gut, was er uns antat, und man konnte geradezu von einem Moment zum anderen beobachten, wie er in den Sadismus hineinglitt, in dem er sich allerdings sehr wohl zu fühlen schien.

Diese Beobachtung erweckte in mir den Gedanken, auch Bestialität und Terror unabhängig von ihrer moralischen Verurteilung sachlich zu betrachten, und ich konzipierte im Kopf während der noch folgenden fünf Lagerjahre die wesentlichen Punkte der vorliegenden Schrift.

Als ich endlich nach siebenjähriger Haft das Lager verließ, mit Erfahrungen einziger Art bereichert und bestärkt in der Überzeugung, dass erst die Psychoanalyse Freuds ein Verständnis für die Abgründe der menschlichen Seele möglich gemacht hat, wollte ich sogleich meine Arbeit niederschreiben. Aber meine seelische Widerstandskraft war doch zu sehr verbraucht, als dass ich über all die Schrecken hätte sachlich schreiben können, die ich erlebt hatte. Es bedurfte eines Jahres in der Freiheit, um die Arbeit zu Ende zu führen.

Doch in den Jahren, die auf den Sturz der Nazibarbarei folgten, hatte die politische Entwicklung neues Unheil in den Seelen der Menschen angerichtet, und meine Arbeit verlor das aktuelle Interesse, das vielleicht unmittelbar nach dem Sturz Hitlers dafür vorhanden gewesen wäre. Wenn ich diese unerfreuliche Lektüre der Öffentlichkeit trotzdem vorlege und so der zahlreichen Literatur über dieses Thema eine weitere Arbeit hinzufüge, habe ich dafür mehrere Gründe.

Statt dem deutschen Volk zu helfen, die schreckliche Geistesverwirrung zu überwinden, in die es die politische Entwicklung gestürzt hatte, begnügte sich die Mehrzahl der Journalisten und Politiker mit der bequemen Erklärung, an dem Hitlergreuel sei es allein schuld und nur die Deutschen wären einer solchen Entwicklung fähig gewesen. Autoren, die diese These von der Gesamtschuld des deutschen Volkes vertraten, wurden gedruckt und gerne gelesen, da einfache und billige Erklärungen leichter Erfolg finden als komplizierte.

Doch bin ich überzeugt, dass letzten Endes Verstand und wahrhaftige Gesinnung sich durchsetzen und meine Erfahrungen, die ich hier niedergeschrieben habe, von Nutzen sein können. Ist doch die menschliche Natur ein dauernder Kampf mit unseren ursprünglichen Trieben, und, wie Freud gezeigt hat, muss man ihn wissenschaftlich zu verstehen suchen. Er hatte damit nur von neuem bestätigt, was große Religionsstifter und Philosophen vor ihm schon gesagt haben. Eben weil der Mensch eine besonders bösartige Spezies ist, ist es so wichtig zu erkennen, dass er aber auch die Fähigkeiten besitzt, seine „Bestialität” zu überwinden und die ursprünglichen Triebe zu kulturvollem Tun umzugestalten.

Diese Aufgabe wird dem Individuum wesentlich leichter, das von seinen atavistischen Trieben und ihrer Gewalt Kenntnis hat. Daher meine ich, dass es von großem Wert ist, in schrecklichen Geschehnissen nicht bloß blindes Wüten unbekannter Mächte zu sehen, sondern notwendige Folgen von psychischen und sozialen Bedingungen. Wenn das dieser vorliegenden Arbeit gelungen ist, dann hat sie an dem Werk mitgeholfen, das heute das vordringlichste ist: zu verhindern, dass unsere Kultur neuerlich in „Barbarei” versinkt.

Brüssel im Juni 1946   Ernst Federn

————————-

Diese Studie Ernst Federns ist dem Buch: Roland Kaufhold (Hg.) (1998): Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des Terrors. Material zum Leben und Werk von Ernst Federn. Gießen., S. 98-104 entnommen. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Psychosozial-Verlages und seines Inhabers Prof. Dr. Hans-Jürgen Wirth.

——————- 

Roland Kaufhold (Hg.) (1998): Ernst Federn – Versuche zur Psychologie des Terrors. Material zum Leben und Werk von Ernst Federn. Gießen (Psychosozial-Verlag)

Inhaltsverzeichnis:

Inhalt

Vorwort (Ernst Federn)

Teil 1: Versuche zur Psychologie des Terrors

Ernst Federn: Versuch einer Psychologie des Terrors (1946/1989)
Ernst Federn: Einige klinische Bemerkungen zur Psychopathologie des Völkermords (1960/1969)
Ernst Federn: Mechanismen des Terrors (1996)

Teil 2: Ernst Federns Erinnerungen an Mithäftlinge

Ernst Federn: Fritz Grünbaums 60. Geburtstag im Konzentrationslager (1945)
Ernst Federn: Gemeinsam mit Robert Danneberg im KZ (1973)
Ernst Federn: Bruno Bettelheim und das Überleben im Konzentrationslager (1994)

Teil 3: Studien über Ernst Federns Versuche zur Psychologie des Terrors
Bernhard Kuschey: Das Leben Ernst Federns im absoluten Terror des nationalsozialistischen Lagersystems
Wilhelm Rösing/Maritha Barthel-Rösing: Überleben im Terror – Ernst Federns Geschichte.
Zur Entstehung des Filmes mit Ernst Federn und Hilde Federn
Roland Kaufhold: Material zur Geschichte der Psychoanalyse und der Psychoanalytischen Pädagogik: Zum Briefwechsel zwischen Bruno Bettelheim und Ernst Federn

Anhang
Ernst Federn: Der Terror als System: Das Konzentrationslager (1945) (Mit einer Einführung von W. Rösing)
Dokumentation des Briefwechsels Bruno Bettelheim – Ernst Federn

Literatur:

Kaufhold, R. (2001): Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung. Mit einem Vorwort von Ernst Federn. Gießen (Psychosozial-Verlag).
Kaufhold, R. (2004) : Psychologie des Terrors. Ernst Federn, Pionier einer kollektiv orientierten Psychoanalyse, feiert seinen 90. Geburtstag, Wochenzeitung (WoZ) Nr. 35/2004, S. 15.
Kaufhold, R. (2006): Erinnerung an Hilde Federn (26.10.1910 – 19.1.2005). In: Kuschey, B. (Hg.) (2006): Die Psychoanalyse kritisch nützen und sozial anwenden. Ernst Federn zum 90. Geburtstag, Wien (Verlag Theodor Kramer Gesellschaft), S. 140-145.
Kaufhold, R. (2007): Traumatisierung überleben und verarbeiten – Leben und Werk des Pioniers der Psychoanalyse Ernst Federn. In: Krisor, M & K. Wunderlich (Hrsg.) (2007): Gerade in schwierigen Zeiten: Gemeindepsychiatrie verankern – Internationale Beiträge – , Lengerich, Berlin (Pabst Science Publishers), S. 182-199.
Kaufhold, R. (2008): Documents Pertinent to the History of Psychoanalysis and Psychoanalytic Pedagogy: The Correspondence Between Bruno Bettelheim and Ernst Federn. In: The Psychoanalytic Review , (New York), Vol. 95, No. 6/2008, S. 887-928.
Kaufhold, R. (2009): Abschied von Ernst Federn, Pionier der Psychoanalytischen Pädagogik, in: Datler/Steinhardt/Gstach/Ahrbeck (Hg., 2009): Der pädagogische Fall und das Unbewusste, Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 17. Gießen (Psychosozial Verlag), S. 138-144.
haGalil Themen-Schwerpunkt Bruno Bettelheim

Marianne Kröger über Ernst Federn Buch: Systeme des Terrors

  1. Hollos, I. (1928): Hinter der gelben Mauer. Von der Befreiung der Irren. Stuttgart [Hippokrates] []

3 Kommentare zu “Ernst Federn – Versuch einer Psychologie des Terrors

  1. zu Mishehu: „Muss man Vorkenntnisse in Psychologie haben, um es zu verstehen?“
    Das Buch Ernst Federns enthält zahlreiche, leicht lesbare biografisch-historische Studien, Erinnerungen an Freunde, die gemeinsam mit Ernst Federn im Konzentrationslager gefangen gehalten wurden – und von denen einige später ermordet wurden (u.a. Grünbaum, Danneberg). Federns Erinnerungen, z.T. unmittelbar nach seiner Befreiung verfasst, stellen eine bleibende, gut verständliche Erinnerung dar. Als sehr lesenswert erscheint der vollständig dokumentierte und einfühlsam kommentierte Briefwechsel zwischen Bettelheim und Federn; eine stark gekürzte Version ist ja in diesem umfangreichen, kenntnisreichen haGalil-Themenschwerpunkt publiziert worden.
    Die psychologischen Studien Federns, ebenfalls z. T. bereits wenige Monate nach seiner Befreiung, nach siebenjähriger KZ-Haft verfasst (!), bestechen durch ihre Klarheit, ihr Bemühen um Distanz zu den fürchterlichen Verbrechen. Sie sind allgemein verständlich formuliert, gut lesbar und greifen doch zugleich auf psychoanalytische Interpretationen zurück. Bei der Lektüre ist man erschüttert, dass solche Studien erst 55 Jahre nach der Shoah erstmals in einem Buch publiziert worden sind.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.