„Nackt unter Wölfen“ oder „Wolf unter Wölfen“?

Das folgende Gespräch entstand am Rande einer Tagung anlässlich Federns 80. Geburtstags im Oktober 1994 in Berlin. Meine Absicht war, daraus einen interessanten Beitrag für „Ich- die Psychozeitung“ (1990 von mir und anderen gegründet, um Ex-DDR-Bürgern die Psychoanalyse nahe zu bringen) zu machen. Das gelang. Darüber hatte dieses Interview eine heilsame Schockwirkung für mich persönlich. Bis 1990 sehr mit meinem Staat DDR identifiziert, hatte ich inzwischen, wie ich dachte, mühsam das Wichtigste zur Kenntnis genommen, was ich zuvor zur DDR-Geschichte nicht gewusst oder verdrängt hatte. Aber mitnichten: Die kommunistischen „Helden von Buchenwald“ hatte ich noch immer durch ein Tabu vor ihrer Entzauberung bewahrt bzw. ein realitätsgerechteres Verständnis ihrer Situation und Rolle vermieden. Ernst Federn half mir, nun auch hier genauer hinzuschauen – wofür ich ihm noch immer dankbar bin… 

Interview: Andreas Peglau 

A. P.: Ich weiß nicht, ob Sie das Buch von Bruno Apitz kennen „Nackt unter Wölfen“. Das war für mich ein sehr beeindruckendes Buch. Die meisten DDR-Bürger haben das im Literatur-Unterricht in der Schule gelesen, es wurde auch verfilmt, und es dürfte für viele von uns das Bild davon geprägt haben, was im Konzentrationslager Buchenwald vor sich gegangen ist: Trotz allen Terrors durch die SS gab es so etwas wie eine tiefe Solidarität zwischen den meisten Häftlingen. Viele ließen sich ihre Menschlichkeit nicht nehmen, setzten sich für einander ein und damit auch ihr Leben aufs Spiel – in diesem Buch konkret dafür, dass ein Kind vor den Nazis versteckt wurde und so überleben konnte. Über diese emotionale Verbundenheit hinaus existierte ein bewußter Widerstand, der in erster Linie durch Mitglieder der KPD organisiert wurde und der letztlich eine Art von Selbstbefreiung im April 1945 ermöglichte.

Federn: Ich weiß von dem Buch und habe, als es 1958 veröffentlicht wurde, gegen dieses Buch einen Brief an den Herausgeber des „Manchester Guardian“ geschrieben, der dann in dieser Zeitung auch abgedruckt wurde. Schauen Sie, so wie das in diesem Buch beschrieben wird, das war das offizielle Märchen. Die Wirklichkeit war vollkommen anders. Der dreijährige Junge kam – ich glaube, das war `43 – im Rucksack des Vaters, eines Häftlings, nach Buchenwald. Und nachdem der Junge aus dem Rucksack geholt worden war, hat die SS – die SS! – gesagt: Der Junge bleibt hier, haben ihn sofort in der Kammer gemeldet, damit er nicht auf den Appellplatz mußte, und dann wurde er durch das Lager gebracht mit Hilfe der SS – nichts von wegen „die Gefangenen solidarisch und so weiter“.

Ja, die Gefangenen waren natürlich närrisch in den Buben und der Bub wurde unglaublich verwöhnt von den Leuten. Aber gehalten hat ihn die SS[01]). Der Vater hätte nach Auschwitz transportiert werden sollen und die SS hat gesagt, wegen dem Kind: Das Kind bleibt bei uns und der Vater auch. Aber das war bereits 1944  und in der Zeit haben bereits die kommunistischen Gefangenen und die SS miteinander gearbeitet. Denn die SS war der Meinung, dass die sowjetische Armee das Lager befreien wird und haben schon versucht, bei den Kommunisten anzubandeln: Wenn ich in Rußland ins Lager komme, schau, dass ich dann Lagerführer werde – und solche Sachen.

Also was den Bub betrifft, der hat überlebt, ist über 50 Jahre alt und lebt jetzt in Wien. Also ihn gibt’s wirklich, das stimmt. Was nicht stimmt, ist die Gegnerschaft der Häftlinge gegen die SS. Das ist natürlich ein lächerlicher Schwindel, denn das gibt es nicht. In jedem Gefängnis gibt es eine ganz klare Beziehung, eine Zusammenarbeit, zwischen den Häftlingen und der Leitung des Gefängnisses. Natürlich nicht in einem Todeslager wie Auschwitz, das ist etwas anderes. Dort haben ja selbst die Häftlinge, die die Verwaltung geführt haben, gewußt, nach einer gewissen Zeit werden wir auch umgebracht. Aber in Buchenwald, das ja kein direktes Vernichtungslager war, obwohl dort über 55.000 Menschen umgekommen sind, gab es eine ganz klare Verbindung zwischen den Kommunisten  und der SS. Und das ging sehr weit.

Und die Geschichte vom Aufstand, die der Apitz erzählt, ist auch ein Märchen. In Wirklichkeit sind die Amerikaner mit ihren Tanks gekommen, und dann wurden ein paar Waffen, die von den Häftlingen versteckt worden waren, verteilt. Aber befreit worden ist das Lager von den Amerikanern mit Unterstützung der SS[02]. Der letzte Lagerkommandant, der Pister[03], hat bereits ein Jahr vorher zu uns gesagt: „Ich übergebe das Lager der amerikanischen Armee als Kriegsgefangenenlager. Und Sie brauchen keine Angst zu haben, es wird nichts gegen Sie geschehen.“ Im Gegensatz dazu hat allerdings der Kaltenbrunner[04] das Lager vernichten wollen und hat auch Flammenwerfer dazu aufstellen lassen. Aber Pister hat in Einvernehmen mit Himmler, der sich ja auch mit den Amerikanern verbünden wollte[05], das Lager übergeben.

A. P.: Wieso haben unter den Häftlingen gerade die Kommunisten die entscheidende Rolle gespielt?

Federn: Es war so, dass die Kommunisten nach Buchenwald geschickt wurden und die Sozialdemokraten nach Dachau. Dort war der Schumacher[06]. Der hat ja auch ein solches Regime geführt, aber eben zu Gunsten der Sozialdemokraten. Und in Buchenwald war es eben so: Zuerst kamen die Kommunisten, dann kamen nochmal die Kommunisten und dann kamen die anderen.

Das ist eigentlich am 31. Januar 39 geschehen, dass die politischen Häftlinge das übernommen haben. Ein paar Sozialdemokraten waren auch dabei und ein paar Bürgerliche, aber im Grunde genommen haben die Kommunisten das Lager geführt. Sie hatten auch Radioverbindung mit Moskau und haben gemacht, was Moskau gesagt hat[07]. Und `39, als der Hitler-Stalin-Pakt abgeschlossen wurde, waren die ja plötzlich Verbündete: Die Kommunisten waren sowieso Verbündete der Russen und die Deutschen waren jetzt auch Verbündete der Russen. Das war natürlich eine Katastrophe für die Kommunisten.

A. P.: Aber das muß doch wenigstens 1941, beim Überfall Deutschlands auf die SU, aufgehört haben?

Federn: Ja, das hat `41 aufgehört. Aber nicht im Lager. Das hat politisch aufgehört, und da waren die Kommunisten auch froh darüber. Aber schauen Sie, man mußte, wenn man das Lager verwaltet, mit der SS zusammenarbeiten. Die SS hat ja selbst überhaupt nicht gearbeitet. Die haben ja zum Teil nicht mal lesen und schreiben können. Vom Friseur über den Chirurgen, den Apotheker und den Sekretär des Kommandanten und die ganze Verwaltung, das waren alles Häftlinge. Die SS hat nur geschossen und angeordnet. Ich meine, das ist natürlich in jedem Gefängnis auch so: Der Wärter macht ja nichts, das machen alles die Gefangenen.

Und je mehr dann die SS gewusst hat, dass der Krieg verlorengeht – und nach Stalingrad war das schon ziemlich sicher – desto  mehr haben sie sich an die Kommunisten angeschlossen, weil sie ja der Meinung waren, die Kommunisten werden das übernehmen.

Und nach dem 24. August `44, als Buchenwald von den Alliierten bombardiert worden war, war die SS völlig erledigt. Sie haben überhaupt nichts mehr gegen die Häftlinge gemacht[08].

A. P.: Aber die Transporte in die Vernichtungslager gingen doch noch weiter.

Federn: Ja, die wurden ja von Berlin aus angeordnet. Aber im August `44 war eigentlich eine Herrschaft der SS im Lager zu Ende.

A. P.: Zwischenfrage: Wenn Sie „Kommunisten“ sagen, dann meinen Sie linientreue Stalinisten, ja? Weil Kommunismus ja ein sehr weiter Begriff ist und Sie sich selbst damals ja vielleicht auch als Kommunist …

Federn: Nein, nein! Ich war nie Kommunist! Ich war immer ein Sozialist, aber ich war ein Trotzki-Anhänger. Und ich hab immer dafür gearbeitet, dass innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Trotzkische Politik – die ja damals auf die Einheit der Arbeiterschaft gerichtet war – gemacht wurde. Trotzki war ja eigentlich bis zum Jahre 1917 auch ein Sozialdemokrat, bis er sich in der Revolution Lenin angeschlossen hat. Und im Lager gab es so etwa 25, die auch meiner Meinung waren – unter Tausenden. Das war also eine ganz kleine Gruppe. Und unter den deutschsprachigen Trotzkisten bin ich der einzige, der überlebt hat. Die anderen wurden – bis auf Walter Witwer, den Bomben getötet haben – auf Betreiben der Kommunisten verschickt. Verschicken war praktisch immer ein Todesurteil. Und sie sind alle umgekommen. Der Melcher, der Weuchen.

Der politische Gegner war eben ein Feind, den man vernichten mußte.

A. P.: Auch im Lager?

Federn: Ja, auch im Lager. Draußen und im Lager. Im spanischen Bürgerkrieg haben die Stalinisten auch die Trotzkisten umgebracht[09]. Und Stalin hat doch in Rußland auch jeden Trotzkisten einsperren und umbringen lassen, den er erwischt hat. Trotzki selbst doch auch.

A. P.: Ich muß mal sagen, dass ist für einen ehemaligen DDR-Bürger wie mich eine ziemlich traurige Geschichte. Denn eine von den Sachen, auf die ich und viele andere auch sich meinten berufen zu können, war die Tradition der wenigen, die Widerstand gegen die Nazis geleistet haben. Und die erschienen mir nicht nur heldenhaft – was ja vielleicht trotz allem stimmt – sondern auch viel „reiner“, fehlerloser, als sie offensichtlich waren.

Federn: Schauen Sie, das war vor allem bei den Deutschsprachigen so. Die Franzosen zum Beispiel haben sich geweigert, als die kommunistische Lagerleitung verlangt hat, dass der Marcel Beaufre – das war auch ein Trotzkist – verschickt werden soll.

Das war auch unterschiedlich. Die alten Kommunisten aus der Zeit mit Rosa Luxemburg haben da nicht so mitgemacht. Auch die Bucharinisten, die Anhänger Nikolai Bucharins, haben geschwankt. Am ärgsten waren die österreichischen  Kommunisten in ihrer persönlichen Feindschaft gegen uns Trotzkisten.

Und was die Lagerverwaltung betrifft, war ich der Meinung, dass die Stalinisten eine korrekte Arbeit gemacht haben. Aber eben nach stalinistischer Auffassung. Da ist zum Beispiel ein neueingelieferter Häftling in die Kammer eingeteilt worden, was die privilegierten Positionen waren, da man dort nie mit rausrücken mußte zum Appell. Aber nachdem er erzählt hat, dass er den Busse gekannt hat, weil er in der Rechtsopposition gewesen war, also auch ein politischer Gegner der Kommunisten war, war er sofort diesen Posten los. Ernst Busse war Kommunist und Kapo im Revier, also eine ganz wichtige Stellung im Lager. Nach dem Krieg hat ihn dann die DDR nach Rußland geschickt, wo er umgekommen ist[10].  

Die Kommunisten waren auch sehr stolz darauf, dass innerhalb des Lagers nicht mehr geschlagen wurde und dass man sich nicht mehr gegenseitig das Geld wegnahm, nachdem die Lagerverwaltung in ihre Hände übergegangen war. Das stimmt. Es gab eine eiserne Disziplin. Und wer nicht diszipliniert war, wurde einfach aus dem Lager entfernt. Oder wer eben ein politischer Gegner war.

Das haben sie ja mehrmals auch mit mir versucht, sogar noch kurz vor Schluß. Aber es ist ihnen nicht gelungen, weil ich Maurer war und Maurer nur mit Einwilligung von Berlin verschickt werden durften. Das hat der Speer angeordnet, weil er uns brauchte, damit wir seine Rüstungsfabriken bauen.

A. P.: In Ihrem Film[11] haben Sie gesagt, dass die Gewalt der kommunistischen Lagerleitung noch viel weiter ging, dass sie sogar Gegner im Krankenrevier – das ja auch in ihrer Hand war – durch Spritzen haben umbringen lassen[12] und in mindestens einem Fall ein Trotzkist von ihnen bei der SS denunziert wurde.

Federn: Ja. Der Werner Scholem, ein ehemaliger Reichstagsabgeordneter der KPD. Der ist dann von der SS umgebracht worden.

A. P.: Das klingt so, als wären für die Kommunisten die Trotzkisten größere Feinde gewesen als die SS?

Federn: Ja. Die Trotzkisten waren noch größere Feinde.

A. P.: Also es war nicht so, dass es im Prinzip unter allen Häftlingen ein Zusammengehörigkeitsgefühl gab, eine Solidarität gegenüber der SS? Die SS war nicht der „Gegner Nummer 1“ für alle Häftlinge?

Federn: Ja schon, in einem gewissen Sinn. Allgemein galt, man durfte vom Lager der SS nichts erzählen. Natürlich gab’s das trotzdem. Aber wenn man draufgekommen ist, hat man die Leute umgebracht. Aber dann, nach Stalingrad, ist die SS sogar ins Handwerkslager gegangen, wo die Häftlinge ihr Radio hatten, um ausländische Sender zu hören.

Aber mit den Juden hat’s natürlich sowieso keine solche Zusammenarbeit gegeben, wie zwischen Kommunisten und SS. Für die SS war sowieso klar, dass kein Jude den Krieg überleben wird. Und ein führender Kommunist wie der Emil Carlebach[13] hat ganz offen gesagt: „Ein Jude ist weniger wert als eine Zwiebel!“

Die „Arier“ haben ja überall mit der SS zusammengearbeitet. Auch in Auschwitz. Auch in Mauthausen.

Sehen Sie, es gab ja in Buchenwald sogar ein Bordell …

A. P.: Für die SS.

Federn: Nein, für die „Arier“. Die SS hat sich dann auch die Prostituierten von dort geholt, aber das Bordell war 1942 auf Anordnung von Himmler für die „arischen“ Häftlinge aufgebaut worden.[14]

A. P.: Muß man also sagen, dass im Lager vieles – vielleicht sogar zugespitzt – im Prinzip so weiter ging wie draußen? 

Federn: Ja. Politisch ging es genauso weiter.

A. P.: Als Sie das erste Mal ganz unmittelbar mit dem Terror der Nazis konfrontiert wurden – im Zug, in dem Sie und Ihre Mitgefangenen wie Schlachtvieh nach Dachau transportiert wurden, getreten und geschlagen wurden – hatten Sie da bereits die Vorstellung, dass alles so kommen würde? Oder hatten Sie nicht eher die Hoffnung, dass alle Inhaftierten und Gequälten sich – unabhängig von irgendwelche Parteizugehörigkeiten und weltanschaulichen Streitigkeiten – gegen ihre Unterdrücker zusammenschließen würden?

Federn: Schauen Sie, man hat schon gewußt aus den Zeitungen, wie die Stalinisten mit den Trotzkisten umgehen. Aber man hat es sich sicherlich nicht so konkret vorgestellt. Es ist auch nicht gleich so losgegangen 1938.

A. P.: Man sucht ja sicherlich nach Erklärungen, wenn man so etwas erlebt. Freud, mit dem Ihr Vater zusammengearbeitet hat, bietet dafür ja mit seiner Hypothese vom Todestrieb eine Erklärung an, die Sie zum Zeitpunkt Ihrer Inhaftierung gekannt haben. Haben Sie sich also gesagt, da ist eben der Todestrieb am Wirken?

Federn: Ja, man hat sich schon gesagt: Der Freud hat Recht. Also, so gesehen, war ich nicht überrascht.

Aber es ist auch so, dass unter dem Terror der Unterdrückte sich durch Angleichung an den Unterdrücker zu retten versucht: Die Identifikation mit dem Angreifer. Das ist einer der Mechanismen von Terror. Und der deutsche Nationalsozialismus hat diesen Terror auf das ganze Leben ausgedehnt.

Gewaltherrschaften hat es ja schon immer gegeben, aber die Gewalt hat sich auf das Politische beschränkt, sonst hat man machen können, was man wollte. Daher ist ja in Österreich – das ja eine schwere absolute Monarchie war – die Musik so groß geworden. Die Leute sind zu den Konzerten und zum Tanz geströmt, weil politisch alles tot war.

Und die Nazis haben den Terror ausgedehnt auf das Privatleben, auf die Erziehung, die Kultur. Schon für einen Witz ist man eingesperrt worden. Man durfte nicht einmal dagegen denken.

Darauf ist die Reaktion des Durchschnittsmenschen, sich mit diesem übermächtigen Feind zu identifizieren. Und daher sage ich immer: Die Deutschen waren das erste Opfer des Nationalsozialismus.

A. P.: Also gibt’s Ihrer Meinung nach Situationen, die so schlimm sind, dass jeder mehr oder weniger zum Menschenverachter, Denunzianten oder gar Mörder werden muß?

Federn: Ja.

A. P.: Eine Geschichte, die Sie in Ihrem Film „Überleben im Terror“ erzählt haben, kommt mir dabei wie ein Symbol vor: Als Sie fast auch schon auf einem Transport in ein Vernichtungslager gelandet sind, rettet Sie ein Mitgefangener, indem er Ihnen schnell eine weiße Armbinde gibt. Später bekommen Sie eine solche Armbinde auf Dauer. Damit gelten Sie als Angehöriger des Lagerschutzes und zählen somit zu dem Personenkreis, dem die SS zugesichert hat, als letzte abtransportiert zu werden. Aber diese Zusicherung war ja nicht umsonst erfolgt. Sie hatte Ihren Preis, nämlich dafür zu sorgen, dass der Abtransport der anderen Lagerinsassen ohne Störungen verlief, woran Sie dann ja wohl – soweit ich dem Film entnehmen konnte – auch beteiligt waren. Also konnte man nur überleben, wenn man sich so sehr angepaßt hat, dass man selbst schuldig wurde?

Federn: Ja. Selbstverständlich. Das war Buchenwald. Das war der Nationalsozialismus – und ich bin der Meinung, in einem gewissen Sinne, abgeschwächt, funktionierte so auch die DDR.

A. P.: Bei uns ging es selten ums physische Überleben. Aber ich frage das auch, weil es mit mir zu tun hat. Und weil ich immer noch nicht richtig weiß, wieviel von der Unterdrückung, die mich umgeben hat und die ich auch selbst mit ausgeübt habe, ich hätte durchschauen können. Oder durchschauen müssen. Unter anderem deswegen frage ich das auch. Weil ich nicht nur 33 Jahre lang DDR-Bürger war, sondern auch 12 Jahre in der SED und 6 Jahre beim „Staatlichen Rundfunk der DDR“. Ich war jedenfalls bestimmt kein Widerstandskämpfer.

Federn: Gegen Terror kann man sich nicht wehren. Ich habe auch keine Schuldgefühle. Man muß durchkommen. Äußerlich muß man sich anpassen. Man kann sich nur innerlich wehren, indem man das bleibt, was man ist. Aber das ist eine Frage der psychischen Stärke.

Ich habe auch keine Vorurteile gegen die ehemaligen DDR-Bürger. Als ich noch zu DDR-Zeiten von Gerda Jun, der Psychotherapeutin, gefragt worden bin, ob ich hier einen Vortrag halten würde, habe ich ja gesagt und es hat sich dann so ergeben, das ich am allerletzten Tag der DDR hier war. Am nächsten Tag gab es sie nicht mehr.

A. P.: Offenbar hassen Sie die Deutschen auch insgesamt nicht.

Federn: Nein. Überhaupt nicht.

A. P.: Auch nicht die deutschen Faschisten von damals? Oder die Kommunisten?

Federn: Sehen Sie, der Haß ist immer das Umgekehrte von der Liebe. Da dreht sich die Liebe in ihr Gegenteil um. Und für mich waren die Nazis und die Stalinisten politische Gegner, die ich bekämpft habe und mit denen man keinen Kompromiß machen kann. Aber hassen kann ich den Gegner nicht. Er ist kein Gegenstand des Hasses, weil er kein Gegenstand der Liebe ist.

Erschienen in: „ICH – die Psychozeitung“ 1/ 95 

Peglau, Andreas, Dipl.-Psych., psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker in eigener Praxis in Berlin. 198790 Lebenshilfesendungen im DDR-Rundfunk, 1990 Gründung der Gemeinschaft zur Förderung der Psychoanalyse e.V., 199098 verantw. Redakteur von ICH – die Psychozeitung, 2000 Herausgabe von Weltall, Erde … ICH – Anregungen für ein selbstbewussteres Leben (weltall-erde-ich.de). Interessiert sich insbesondere für Ausrichtungen der Psychoanalyse, die deren individualitäs- und gesellschaftsveränderendes Potential berücksichtigen sowie für bestimmte Aspekte der Psychoanalysegeschichte.

  1. In Emil Carlebach u.a. „Buchenwald – ein Konzentrationslager“, Berlin (Ost) 1988,  ist über das ,,Buchenwaldkind“ zu lesen: ,,Stefan Zweig, genannt ‚Juschu‘, wurde am 18. Januar 1941 in Krakau geboren (und kam nach eigener Aussage am 5. August 1944 nach Buchenwald – A. .P.) … Von der SS im Lager nur als lästiges Übel, als unnützer Esser angesehen, wäre Stefan ohne die Solidarität der Häftlinge mit dem nächsten Todestransport nach Bergen-Belsen oder Auschwitz geschickt worden … Später brachten ihn die Kameraden der illegalen Widerstandsorganisation im Zeltlager unter … Der Kinderblock hatte zum Schluss über 400 Kinder. Insgesamt 904 Kinder und Jugendliche erlebten die Selbstbefreiung des Lagers.“ (S. 88 f []
  2. Im Gegensatz dazu heißt es in ,,Buchenwald – ein Konzentrationslager“, S. 186: „11. April 1945: Auf Weisung des illegalen Lagerkomitees erteilt um 14.30 Uhr der Leiter der illegalen Militärorganisation den Befehl zum Aufstand. Die bewaffneten Kampfgruppen der Häftlinge erstürmen das Haupttor, reißen den Stacheldrahtzaun nieder, besetzen die Bewachungstürme und erobern Waffen. Der Widerstand der SS im gesamten Lager-, Kommandantur- und Truppenbereich ist um 16 Uhr gebrochen. Zu dieser Zeit hat noch kein US-Soldat das Lager betreten. 220 SS-Angehörige werden als Gefangene im Block 17 inhaftiert.“ []
  3. SS-Standartenführer Hermann Pister, seit Dezember 1941 Lagerkommandant, davor Polizeipräsident von Stuttgart. []
  4. Ernst Kaltenbrunner, seit 1943 Chef der Sicherheitspolizei. []
  5. Der ,,Reichsführer SS“ Heinrich Himmler hatte mit näher rückendem Ende des ,,Dritten Reichs“ seine Hoffnungen darauf verlegt, mit den Westmächten Frieden zu schließen und anschließend zusammen mit diesen gegen die Sowjetunion zu Felde zu ziehen. Entsprechende diplomatische Vorstöße waren jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Seinem Evakuierungsbefehl vom 6. 4.1945 (,,Lagerstärke durch Abtransport weitgehend zu vermindern in Richtung KZ Flossenburg“) ließ Himmler allerdings am 14.5.1945 – drei Tage nach der Befreiung des Lagers – einen direkten Vernichtungsbefehl für Buchenwald folgen: „Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes kommen.“ []
  6. Kurt Schumacher, 1895-1952, 1930-33 Reichstagsabgeordneter der SPD, nach 1945 deren Vorsitzender in Westdeutschland. Dem u.a. durch zwei seiner ehemaligen Mithäftlinge im Presseorgan der sowjetischen Besatzungsmacht, der ,,Täglichen Rundschau“, 1947, gegen ihn erhobenen Vorwurf, er habe in der Schreibstube der Lagerleitung Häftlinge auf Vernichtungslager aufgeteilt, hat er widersprochen (vgl. Günther Scholz: ,,Kurt Schumacher“, Moewig Verlag 1988, S. 98). []
  7. In Lutz Niethammer (Hrsg.): „Der ‘gesäuberte‘ Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald“, Berlin 1994, ist dagegen nachzulesen, wie abgeschnitten die Buchenwalder Genossen von den aktuellen politischen Richtlinien Stalins waren, so dass selbst eine so gravierende Trendwende wie die vom ,,Sozialfaschismus“ zur Volksfrontpolitik ihnen über Jahre verborgen blieb. []
  8. Demgegenüber belegen die oben genannten Quellen, dass noch 1945 insgesamt 13.056 Häftlinge im Lager durch Arbeit, Krankheit und direkten Terror umkamen, die letzten 24 von ihnen sogar noch in der Nacht vom 9. zum 10. April ermordet wurden. []
  9. Nachzulesen u.a. in Reinhard Tosstorff ,,Ein Moskauer Prozeß in Barcelona“, in ,,Kommunisten verfolgen Kommunisten“, Berlin 1993. []
  10. Siehe Lutz Niethammer (Hrsg.) „Der ‘gesäuberte‘ Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald“, Berlin 1994. []
  11. „Überleben im Terror. Die Geschichte Ernst Federns“, Dokumentarfilm von Wilhelm Rösing, 1992. []
  12. Nach mehreren Aussagen in der Literatur (z.B. Niethammer, Kogon, Plänkers) keine selten angewandte Methode, Spitzel, Verräter und sonstige ,,Schädlinge“ zu beseitigen. []
  13. Emil Carlebach, KPD-Funktionär in den 30er Jahren und nach dem Krieg in Westdeutschland, 1938-45 in Buchenwald inhaftiert, sollte noch in letzter Minute durch die SS hingerichtet werden, 1945/47 Mitbegründer und Chefredakteur der ,,Frankfurter Rundschau“, Präsidiums-Mitglied des VVN/ Bund der Antifaschisten, Vizepräsident des Internationalen Buchenwald-Komitees. Die Aussagen Ernst Federns über ihn ,,werden von ihm nicht geteilt“, schreibt Tomas Plänkers (s.u. S.163, Fußnote). In einem Telefonat mit mir (Sommer 1995) bezeichnete er Ernst Federn als „pathologischen Lügner“.
    Was das Verhältnis zwischen Kommunisten und Juden angeht, ist zumindest anzumerken, dass im führenden sozialistischen Land, der Sowjetunion (nach einschneidenden Maßnahmen zur Gleichstellung jüdischer Bürger unter Lenin) seit Mitte der dreißiger Jahre die stalinistische Bürokratie im Kampf um die Behauptung ihrer Macht ,,die eingefleischtesten Vorurteile und die dunkelsten Instinkte“ ausnutzte und ,,den Unmut der arbeitenden Massen von sich selbst weg auf die Juden“ lenkte. So urteilte 1937 der Jude Leo Trotzki. (Mario Kessler ,,Leo Trotzki – seine Positionen zur jüdischen Frage, zum Antisemitismus und Zionismus“ in ,,Neues Deutschland“, 8./ 9.Februar 1992)
    Andererseits bescheinigt die Erklärung der KPD ,,Gegen die Schmach der Judenpogrome“ , (,,Die Rote Fahne“, November 1938) die Bemühungen der Kommunisten um Solidarität mit den deutschen Juden.(„Kennzeichen J“‚ Frankfurt a. M. 1979, S.105)
    Außerdem waren wichtige Funktionäre der deutschen kommunistischen Arbeiterbewegung jüdischer Herkunft, wie z. B. Leo Jogiches oder auch der Buchenwalder Blockälteste Rudi Arndt. []
  14. Zu den KZ-Bordellen vgl. auch ,,Geheimsache Häftlingsbordelle in deutschen KZ’s“ in EMMA 3/ 92 und Christa Schulz: ,,Weibliche Häftlinge aus Ravensbrück in Bordellen der Männerkonzentrationslager“, in C. Füllberg-Stollberg ,,Frauen in Konzentrationslagern“, Bremen 1994. []

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