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NaziHools in Frankreich

Nazis und Hooligans beim Pariser PSG machen wieder von sich reden und beweinen erneut einen „Märtyrer“ in ihren eigenen Reihen…

Von Bernard Schmid, Paris

„De mortuis nihil nisi bene „, „Von den Toten nur Gutes“:  Diesen Wahlspruch der alten Römer beherzigte im vergangenen Monat in Frankreich auch die hauptstädtische Boulevardzeitung ‚Le Parisien’. Im März dieses Jahres kam sie in ihrer Sport-Rubrik auf den Tod des 37jährigen Fubballfans Yann Lorence zu sprechen. Der Tote liebte das gute Essen und die Zuschauertribünen des Vereins Paris-Saint Germain (PSG), erfuhr man dort.

Ansonsten enthielt der Artikel wenig Aufschlussreiches, außer dass „Yann L., 37, unter den Schlägen gestorben“ sei. Doch in Wirklichkeit verhalten sich die Dinge etwas komplizierter. Und auch wenn der schwergewichtige Mittdreißiger mit dem kahlen Haupt tatsächlich zu Tode geprügelt wurde und in dieser Hinsicht als Opfer einer strafwürdigen Handlung zu betrachten ist, so kann er doch – unter einer Würdigung der sonstigen Umstände – kaum insgesamt als reines bedauernswertes Opfer hingestellt werden. Seit seinem Tod sind in den letzten Wochen Hektoliter von Tinte über die Situation im französischen Fußball, vor allem im Hinblick auf die Gewaltproblematik, geflossen. Ein Grund mehr, genauer hinzusehen.

„Yann L.“, Sohn einer deutschen Mutter und eines französischen Vaters, wurde in der Nacht vom 18. zum 19. März 2010 für klinisch tot erklärt. Doch zu dem Zeitpunkt lag der arbeitslose Koch schon seit zwanzig Tagen im Koma. In der Vorwoche war in Medienberichten darüber spekuliert worden, ob die Apparate, die ihn künstlich am Leben erhielten, abgeschaltet werden sollten – nachdem Anfang März vorübergehend eine Besserung seines Zustands vermeldet worden war. Am Ende erwiesen sich seine Kopfverletzungen als zu schwer.

Tod eines Hooligans

Am 28. Februar dieses Jahres war Yann Lorence von mehreren Personen, mutmablich um die dreißig, mit Schlägen und Tritten traktiert worden. Zu diesem Zeitpunkt lag er bereits am Boden. Doch die Darstellung seiner Fußballkumpane, wonach er beim Bierholen „in der Nähe eines Getränkeverkaufs“ niedergeschlagen worden sei, erwies sich schnell als unhaltbar: Der nächste Getränkekiosk befand sich zu dem Zeitpunkt, als der 37jährige zu Boden ging, über 400 Meter entfernt. In unmittelbarer Nähe des Orts, wo er niedergeschlagen wurde, befinden sich jedoch die „gegnerischen“ Zuschauerränge – jene der Tribune Auteuil genannten Nordkurve im Parc des Princes, dem am südwestlichen Stadtausgang von Paris erbauten Stadion des PSG. Die Reihen dieser Nordkurve waren zu dem Zeitpunkt, als sich das fragliche Geschehen ereignete, von einer „gegnerischen“ Gruppe, einer Mischung aus Neonazis und Fußballhooligans, zu der auch Yann Lorence gehörte, attackiert worden. Und ihre Insassen hatten sich zur Wehr gesetzt. Dass ein einzelner Angreifer, der bereits zu Boden gegangen war, die geballte Wut der Übermacht von mehreren Dutzend der Verteidiger – von denen vier inzwischen festgenommen worden sind – zu spüren bekam, ist durch nichts zu rechtfertigen. Aber fraglich ist auch, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

Der Begriff „gegnerisch“ sollte theoretisch fehl am Platze sein, denn beide Zuschauerkurven, die da auf harte Weise miteinander kämpften, gehören zum selben Fußballclub. Am Abend jenes 28. Februar empfing der Pariser PSG den führenden Verein der zweitgrößten französischen Stadt, l’Olympique de Marseille, zu einem Spiel der französischen Nationalliga – am 26. Spieltag der ‚Ligue 1’ (ungefähr vergleichbar mit der Bundesliga). PSG und OM sind für ihre Rivalitäten und für die verbalen Kraftsprüche ihre Anhänger, „Anti-Pariser“ versus „Marseillehasser“, bekannt. Doch die Spannung, die sich an jenem Abend schon vor Spielbeginn in offener Gewalt entlud, hatte sich nicht zwischen Paris- und Marseillefans aufgebaut. Vielmehr waren es die Fans aus der ,Tribune Boulogne’ genannten Südkurve des PSG,  die jene in der Nordkurve des „eigenen Vereins“ angriffen. Das Gewaltklima zwischen beiden war schon in den Monaten zuvor notorisch gewesen; und manche Anhänger äußern im Nachhinein die Auffassung, dass „irgendwann etwas Gravierenderes passieren musste“, was sich im Grundsatz bereits vorher angekündigt habe.

Beide Kurven lassen sich relativ prägnant charakterisieren, um sie voneinander zu unterscheiden. Sie liegen nicht nur topographisch links (Auteuil) respektive rechts (Boulogne) von den Fernsehkameras, wenn diese auf das Tor gerichtet sind. Die Fangemeinde aus der Südkurve des Stadions – das 1897 als Fahrrad-Rennbahn eingeweiht, und ab 1972 in seiner heutigen Form für Fußball- und Rugbyspiele genutzt wurde -, die Tribune Boulogne, benannt nach der westlich angrenzenden Vorstadt, ist älteren Datums. Sie zog schon früh auch als gewaltbereit geltende Fans aus den sozialen Unterklassen an. Die Nordkurve für die Auteuil-Anhänger, benannt nach einem Stadtteil im östlich angrenzenden 16. Pariser Bezirk, hingegen wurde ab 1991 als eigene Fangemeinde aufgebaut. Damals stieg der Privatfernsehsender Canal + mit massiven Kapitalinvestitionen in den PSG ein. Er brachte Geld mit, um neue Fanclubs mit eigenen Utensilien, Fähnchen und anderen Fanartikeln aufzubauen. Die neue Nordkurve mit ihren nunmehr eigenständigen Clubs unterschied sich darin von ihrer Rivalin, dass ihre Zusammensetzung von Anfang an „bunter“ und gemischter war: Leute aus Einwandererfamilien und Vorstadtbewohner fühlten sich hier wesentlich leichter zu Hause.

Rechtsextreme Einflüsse

Gegenüber der Tribune Auteuil, die ihren Aufschwung nahm und Fans anzog, riefen Angehörige von Clubs der Südkurve den „Widerstand“ aus. Ein Teil von ihnen radikalisierte sich politisch nach rechts, durch Kontakt mit (parteiförmigen oder auberparlamentarischen) rechtsextremen Gruppierungen, um den Erhalt einer „weiß“ dominierten Kurve zu reklamieren. Diese sollte vor dem drohenden Aufgehen in einer „Rassenmischung“ im Stadion gerettet werden. Gleichzeitig fanden gezielte politische Manipulationen statt. Schon in den 1980er und 1990er Jahren hatte der rechtsextreme Front National (FN) – auch über Vorstandsmitglieder des Vereins (PSG), die ihm angehörten – politischen Einfluss auf einen Teil von dessen Fans auszuüben versucht.

Nach dem 21. April 2002, also jenem Sonntag, an dem Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl einer französischen Präsidentschaftswahl einziehen konnte – nachdem der FN seit dem Winter 1998/99  eine ernste Krise (infolge der Spaltung Le Pen/Mégret) durchlaufen hatte, die eine erhebliche Schwächung seines Mitgliederstamms nach sich zog – kam es erneut zu einem Aufschwung dieses politischen Einflusses. Die extreme Rechte versuchte zeitweilig erneut, offen Fuß im Stadion zu fassen. – Diese kaum verhüllte Präsenz des FN war zwar nur vorübergehend zu beobachten. Dennoch bleibt ein Teil der „rechts“ beeinflussten Hooliganszene ihm verbunden. Beispielsweise nahm eine Abordnung rechtsextremer PSG-„Ultras“ am 22. April 2007 am Wahlabend (zum ersten Durchgang der französischen Präsidentschaftswahl) des FN und seines Kandidaten Jean-Marie Le Pen teil – wo die Hooligans den ebenfalls anwesenden schwarzen Antisemiten Dieudonné M’bala M’bala, den sie als „Neger“ verachteten, beinahe vermöbelt hätten. So berichtete es jedenfalls ein kurz darauf erschienener Artikel in der rechtsextremen Wochenzeitung ,Minute’.

Am 24. Januar 2010, als im Pariser Saal La Mutualité eine Gedenkveranstaltung der französischen radikalen Linken für ihren verstorbenen politischen Denker und Philosophen Daniel Bensaïd stattfand, sammelten sich draußen vor den Türen circa 30 Fußballhooligan und Rechtsradikale. Diese waren zwar klar in der Unterzahl, was Hooligans aus diesem Spektrum allerdings oft nicht hindert, ebenso kackfrech wie brutal Angriffe gegen zahlenmäßig überlegene (gegnerische) Menschenmengen durchzuführen – ähnlich wie mitunter in den oder rund um die Stadien auch. In diesem Falle hätten sie gegen den gut organisierten Ordnerdienst der Linken keine Chance gehabt, Chaos zu stiften. Doch die Hooligans und Neofaschisten waren auch eher zufällig dort anwesend: Eine kleinere Zahl von ihnen hatte sich in einer gegenüberliegenden Kneipe befunden und hatte, angelockt von Neugier über das im Mutualité-Saal stattfindende Ereignis, wohl per Telefon Verstärkung herbeigerufen. Die drei Dutzend Mann befanden sich in Begleitung von Alexandre Simmonot, einem Kommunalparlamentarier des FN in der nördlichen Pariser Banlieue. Simonot zählt bei der rechtsextremen Partei zu den potenziell aufstrebenden Jungpolitikern. Er gilt (jedenfalls auberhalb der Reihen des FN) jedoch auch als ziemlich „durchgeknallt“. Ein Gericht in der Pariser Nachbarstadt Pontoise hat ihn 2008 zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er am Welt-AIDS-Tag (im Dezember 2006) einen Ausstellungsgegenstand – ein Riesenpräservativ von sechs Metern Höhe – durchstochen und wegen „Moralwidrigkeit“ öffentlich zerstört hatte.

In den letzten Jahren wurden aber auch die Kontakte von Teilen dieser Fanszene zu eher außerparlamentarischen, militanten rechtsradikalen Gruppen (etwa dem Bloc identitaire und seinem Umfeld) enger. Anhänger der Tribune Boulogne wurden etwa am 9. Mai 2009 bei einer alljährlich an diesem Datum stattfindenden Gedenkdemonstration von Neonazis im Süden von Paris beobachtet. Ihr Gegenstand ist das Andenken an Sébastien Deyzieu, d.h. ein Mitglied der für die militante Szene zeitweise offenen Jugendorganisation des Front National – FNJ -, das sich im Mai 1994 einer Festnahme durch Polizeibeamte mittels Flucht aus einem Fenster entziehen wollte. Die Sache endete in einem tödlichen Sturz aus dem fünften Stock. Bei der letztjährigen Demonstration, zu der vor allem Neonazis und Nationalrevolutionäre kamen, griffen Boulogne-Fußballfans u.a. Passanten mit schwarzer Hautfarbe an. Ihr Demoblock wurde aber wiederum von Auteil-Fans militant attackiert. Auf deren Nordkurve findet man inzwischen des öfteren auch Mitglieder und Sympathisanten aktivistisch orientierter Antifagruppen, etwa der autonomen Antifa SCALP.

Der zweite „Märtyrer“ innerhalb von gut drei Jahren

Yann Lorence gehörte zu diesem Milieu der Südkurve, auch wenn es in seinem Fall keinen Hinweis auf politische Betätigung im engeren Sinne gibt. Höchstwahrscheinlich war er ein „einfacher“ Hooligan, der eher Gefallen an Bier und Prügelei denn an ideologischen Ausführungen fand. Seiner Darstellung als einfacher, friedliebender Mensch widersprechen jedoch Kenner der Szene und Fußballfans, die sich jetzt in den einschlägigen Foren zu Wort melden, entschieden. Im Internet findet sich noch ein älteres Video von einem Auswärtsspiel des PSG im burgundischen Auxerre im Jahr 2003, auf dem man ihn als einen der Angreifer in der ersten Reihe Prügel austeilen sieht. In den letzten Jahren soll der Boulogne-Anhänger, jedenfalls laut Angaben von befreundeten Fans, sich jedoch leicht zurückgezogen haben – was anscheinend so viel bedeutete, dass er mit prügelte, aber nicht mit in der ersten Reihe stand.

Es handelt sich bereits um den zweiten Toten beim PSG innerhalb von gut drei Jahren. Am 23. November 2006 war der 25jährige Boulogne-Fan Julien Quemener durch einen Schuss aus der Waffe des Polizisten Antoine Granomort getötet worden. Voraus ging ein angespanntes Gewaltklima während eines Spiels des PSG gegen den Gastclub Hapoël Tel Aviv, das sich am Ausgang in einem Lynchversuch gegen einen jungen französisch-jüdischen Fan entladen hatte. Antoine Granomort hatte sich zusammen mit dem bedrohten Yanniv Hazout in ein Schnellrestaurant geflüchtet. In einer Notwehrsituation, wie es scheint, zog er am Schluss die Waffe, die er bei sich trug. Auch wenn die von dem Polizeibeamten angegeben Version inzwischen Risse erhielt, da ein ballistisches Gutachten 2009 ergab, er habe den tödlichen Schuss nicht – wie er selbst dargestellt hatte – von unten auf dem Boden liegend abgegeben, sondern horizontal auf Herzhöhe, so bleibt doch an der damals bestehenden Bedrohungssituation insgesamt nicht zu zweifeln. In der Folgezeit hatten die Hooliganszene, aber auch die etablierte extreme Rechte den getöteten Julien Quemener zum Opfer & Märtyrer aufzubauen versucht. Derzeit ist ein vergleichbares Phänomen übrigens in der etablierten rechtsextremen Presse nicht zu beobachten. Möglicherweise ein Indiz für die Nähe respektive Nicht-Nähe der jeweiligen „Opfer“ zu den harten Kernen rechtsextremer Strukturen? Oder nur eine Konjunkturfrage?

Erneut steht nun der PSG vor der Aufgabe, mit der Gewalt aus dem eigenen Anhängerlager umzugehen. Die Mutter des 2006 getöteten Fans, François Quemener, warf jüngst in der Presse den Vereinsverantwortlichen vor, nichts Wirksames gegen die Gewalt in den Stadien unternommen zu haben; auf den einschlägig bekannten Rängen gebe es weniger Kontrollen als zuvor. Der Tod ihres Sohnes sei „umsonst gewesen“. Gleichzeitig wollte sie deutlich zwischen einer „kleinen rassistischen Minderheit“ und dem überwiegenden Rest unterschieden wissen. In den Debattenforen zum Thema wird dies unterdessen zum Teil anders diskutiert, wo darauf hingewiesen wird, „dass alle immer sagen: wir werden nur durch eine verschwindend kleine Minderheit schlecht gemacht“, während das Verhalten vieler Fans in den Gruppen mit Hooligan-Anteil sich in Wirklichkeit gleiche.

Reaktionen

Die Vereinsspitze beschloss nach den ernsten Zwischenfällen vom 28. Februar 10, für die laufende Spielsaison keine Karten für Auswärtsspiele mehr an ihre Fans zu verkaufen. In Nizza, in der vorletzten Märzwoche, und in Auxerre am letzten Dienstag im März musste der Pariser PSG so vor leeren Zuschauerbänken auf der eigenen Seite spielen. In Auxerre hatte der Präfekt – auf Weisung von Innenminister Brice Hortefeux hin – ohnehin angeordnet, das Spiel müsse ohne Publikum stattfinden. Kurz vor dem Gastspiel in Nizza (bei dem der PSG dann doch siegreich war, fubballerisch betrachtet) verkündete der dortige Hooliganclubs der „Ultras“ von Nizza seinerseits seine Selbstauflösung.

Der französische Innenminister Hortefeux seinerseits setzt auf noch stärkere Polizeipräsenz in den und um die Stadien – die aber in den letzten Jahren massiv ausgebaut worden ist. Am 28. Februar bspw. waren rund 1.300 Beamte zugegen, was das Geschehen nicht verhindern konnte. (Dies liegt zum Teil auch daran, dass manifeste politisch begründete und motivierte Komplizenschaften zwischen einem Teil der Polizei, den „rechts“ beeinflussten Hooligans und mutmablich auch einem Teil der Vereinsstrukturen beim PSG bestehen.)

Ferner plädiert er für das Verbot und die Auflösung „risikobehafteter“ Fanclubs. Letztere Maßnahme ist jedoch im Hinblick auf ihre Wirksamkeit umstritten. Im April 2008 hatte der bis dahin größte Fanclub der Südkurve, die ‚Boulogne Boys’, seine Auflösung per Verbotsakt einstecken müssen; parallel zu ihm wurde auch ein rassistischer Fanclub in Metz aufgelöst. (Vgl. hier das Regierungsdekret zum Verbot) Schon kurz zuvor hatten drei Fanclubs beim PSG, die unter erheblichen äußeren Druck geraten waren – ,Boulogne Boys’, ,Gavroches’ und ,Rangers’ -, ihre „wahrscheinliche“ Selbstauflösung bekannt gegeben. Voraus ging u.a. die Affäre um das unrühmliche Transparent bei einem Spiel des PSG gegen Lens am Abend des 29. März 2008 (das 2:1 ausging): Auf ihm waren die Einwohner der – sozial schwachen – Region Nord-Pas de Calais pauschal als „Arbeitslose, Kinderschänder und Inzestkinder“ bezeichnet worden. (Vgl. das Foto dazu, wobei der Pädophilie-Vorwurf eine Anspielung auf die so genannte „Outreau-Affäre“ in den späten neunziger Jahren darstellte – doch die damaligen Angeklagten stellten sich sämtlich als unschuldig heraus.) Das Clublokal wurde geschlossen, und die früheren Mitglieder des Fanclubs konnten nur noch einzeln Zutritt zum Stadion finden, aber keinen organisierten Eintrittskartenvertrieb unter sich mehr betreiben. Jedoch wurde infolge der Auflösung der Clubstruktur festgestellt, dass das Risiko- und Gewaltpotenzial nur noch größer geworden sei, weil sich nunmehr kleine hochmobile Gruppen mit ausgeprägter Gewaltbereitschaft gebildet hätten.

Die für Sport zuständige Staatssekretärin – die senegalesischstämmige Französin und Diplomatentochter Rama Yade – fordert unterdessen alternativ dazu, namentlich ausgestellte Eintrittskarten einzuführen, die an ihren Träger gebunden sind. Auf diese Weise wäre es möglich, wirksame Stadionverbote für durch Gewalt auffällig gewordene Individuen zu verhängen. Derzeit kann ein administratives Stadionverbot für sechs bis zwölf Monate verhängt werden. Kritiker unter den Diskussionsteilnehmern in den Fanforen weisen allerdings darauf hin, dass „England, als es mit seinem Hooliganproblem fertig geworden ist, bis zu lebenslange Stadionverbote“ ermöglicht habe. Der frühere PSG-Vereinspräsident in den Jahren 2003 bis 05, Francis Graille, weist unterdessen darauf hin, er habe in seiner Amtszeit „bereits namensgebundene Eintrittskarten gefordert, aber deswegen bin ich damals noch als ‚Faschist‘ gescholten worden“. Deshalb sei „viel Zeit verloren worden“.

Die heutige Vereinsspitze will sich, nach einer Spielsaison ohne Kartenverkauf für Auswärtsspiele, bis Herbst 2010 nun Zeit für weitere Beschlüsse lassen. Bis dahin hat der Verein seine geschäftlichen Beziehungen zu mehreren Fanclubs „eingefroren“. PSG-Präsident Robin Leproux spricht gleichzeitig davon, auf die Dauer wolle er „auf keinen Fall die Stadien leeren, sondern im Gegenteil vollere Stadien haben“. Der Sport-Staatssekretärin Rama Yade warf er vor, durch ihre Warnung, „die Zukunft des Vereins“ stehe „auf dem Spiel“, auf unzulässige Weise dramatisiert zu haben. Und Anfang April wurde ferner bekannt, dass Leproux nun auch die – eher bunt zusammengesetzte und z.T. antifaschistisch geprägte – Zuschauerbühne ,Tribune Auteuil’ (die keineswegs ausschließlich aus Einwandererkindern besteht!) massiv angriff: Er forderte diese dazu auf, sie müsse „auch ganz weiße Leute hereinlassen“; und solange sie diese (angeblich) nicht aufnehme, sei sie Bestandteil des Problems. Es wird vermutet, dass künftige repressive Maßnahmen denn auch, und vielleicht sogar vorrangig, die ,tribune Auteuil’ treffen dürften. Tatsächlich zählten jene, die Yann L. totschlugen, zu deren Anhängern. Doch würde eine Repression hauptsächlich gegen diese Seite den massiven Rassismus nicht berücksichtigen und, natürlich, das „Faschoproblem“ nicht im Entferntesten lösen helfen.

Die rechtsextrem beeinflusste Hooliganszene selbst überlegt derzeit allem Anschein nach noch, wie ihre Reaktion aussehen könnte. Manche auf ihrer Seite angesiedelte Fanclubs rufen zwar zur Besonnenheit auf (und glauben wohl, dadurch profitieren und „Sympathiepunkte“ sammeln zu können, dass das „Opfer“ auf der „richtigen“ Seite fiel). Aber gleichzeitig werden derzeit monatlich zwei bis drei Schläger- und „Rache“aktionen auberhalb der Stadien, etwa am Wohnort namentlich bekannter und identifizierter „gegnerischer“ PSG-Anhänger, verzeichnet. Dem Vernehmen nach wird in einschlägigen Kneipen über eine „richtig große, spektakuläre Rachemabnahme“ diskutiert. Und denselben Quellen zufolge ziehen sich selbst hartgesottene, einschlägig vorgeprägte Individuen aus dieser (Schläger-)Szene oder den entsprechenden Bars derzeit zurück: Weil sie zu der Auffassung gelangt sind, dass „die Messlatte für eine zu unternehmende Aktion jetzt sehr hoch gehängt“ ist – „unter mindestens einem Toten könnte es nicht als erfolgreich gewertet werden“. Ein Risiko, dass zumindest manche von ihnen denn doch nicht eingehen oder mittragen möchten. Aber wie viele werden sich finden, die letztendlich doch verrückt oder „hart“ genug sind?

Letzte Minute

Am Sonnabend, den 10. April 10 hielt Innenminister Brice Hortefeux sich anlässlich der Begegnung PSG – FC Bordeux im ,Parc des Princes’, dem Stadion des Pariser Vereins, auf. Beide „rivalisierenden“ Zuschauertribünen, die Nordkurve-tribune Auteuil und die Südkurve-tribune Boulogne, erhoben sich aus demselben Anlass  zu einer Hommage für den getöteten Yann Lorence. Es handelte sich um das erste Spiel des Pariser Vereins vor Zuschauern, das seit dem Ableben Yann L.s stattfand, nachdem zwei Auswärtsspiele ohne Zuschauer hatten auskommen müssen. Während des Spiels (das der PSG 3 :1 gewann) hielt man auf der Boulogne-Tribüne ein schwarzes Trauertransparent und das Portrait Yann L.s hoch. Innenminister Hortefeux erklärte im Anschluss vor der Presse, man müsse zwischen « Fans » einerseits und « Verrückten » sowie « Unerträglichen » andererseits unterscheiden ; für Letztere seien gesetzliche « Ausgangssperren » während der Spiele ihres Vereins anvisierbar. Dies würde konkret das im Gesetz festgeschriebene Verbot, das Stadion – oder das Innere einer Zone in Stadionnähe – zu betreten, und/oder einen Zwangsaufenthalt auf der nächst gelegenen Polizeiwache während der Spieldauer beinhalten. Bei Zuwiderhandeln gegen das Verbot drohe dann « mindestens eine empfindliche Geldbube », fügte Hortefeux hinzu.

Ihm zufolge wurden derzeit 792 individuelle (administrative) Aufenthaltsverbote im Stadion verhängt, gegenüber 311 im Februar vor dem tödlichen Zwischenfall.