Impulse zur psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung

Ernst Federn war mit seinen ebenfalls aus Wien in die USA emigrierten Kollegen Bruno Bettelheim und Rudolf Ekstein befreundet. Sie verband ihr gemeinsames Schicksal als verfolgte Juden und Widerstandskämpfer, ihre Wiener Jugend wie auch ihr psychoanalytisch-pädagogisches Engagement im amerikanischen Exil. Im Oktober 2000 verfasste der seinerzeit 86-jährige Ernst Federn ein Geleitwort zu der biographisch-werktheoretischen Studie „Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung“ von Roland Kaufhold. Der Autor hatte drei Jahre zuvor Ernst Federns wegweisende Studien zur Psychologie des Terrors als Buch publiziert…

In diesem Geleitwort zeichnet Ernst Federn als Zeitzeuge das Schicksal der progressiven psychoanalytisch-pädagogischen Wiener Bewegung nach, die durch den Nationalsozialismus zerstört wurde – und erst 30, 40 Jahre später vor allem durch die Schriften Wiener Emigranten wieder in den deutschsprachigen Raum zurück gebracht wurde.

Ernst Federn:
Geleitwort zu: Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse zur psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung
 

Dieses Buch widmet sich, wie schon frühere Arbeiten Roland Kaufholds (1993, 1994, 1999), der Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik, insbesondere einiger ihrer Pioniere.

Historisch war die Psychoanalytische Pädagogik das erste Anwendungsgebiet der Psychoanalyse. 1908 hielt Sandor Ferenczi darüber einen Vortrag auf dem ersten Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Salzburg. Die Anwendung Freudscher Entdeckungen auf die Behandlung und Erziehung von Kindern wurde im Laufe der Zeit ausgedehnt auf die Heimerziehung, zuerst durch Siegfried Bernfeld und Willi Hoffer, 1925 auch auf die Betreuung und Behandlung von verwahrlosten Jugendlichen durch August Aichhorn. 1926 brachten Heinrich Meng und Ernst Schneider, ein Arzt und ein Pädagoge, die ersten Nummern der »Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik« heraus. In seinem Geleitwort zu August Aichhorns »Verwahrloste Jugend« (1926) betont Sigmund Freud die Notwendigkeit, in der psychoanalytisch orientierten Erziehung andere Methoden zu verwenden als bei der Behandlung von Neurosen in der Analyse, besonders wenn es um ausagierende Jugendliche geht. Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus der ersten Anwendung der Psychoanalyse, zwischen den beiden Weltkriegen, die weitere Fruchtbarmachung psychoanalytischer Erkenntnisse für die Analyse der Probleme der Gesellschaft.

In Kaufholds Buch wird Bernfelds Bedeutung vor allem aus historischer Perspektive betrachtet. Der Autor arbeitet sehr sorgfältig und verständnistief Bernfelds Einfluss auf Rudolf Eksteins sowie auf mein eigenes Denken heraus.

Im zweiten Kapitel werden Geschichte und Praxis der psychoanalytischen Pädagogik analysiert, von den Anfängen zu Beginn diesen Jahrhunderts bis hin zur Gegenwart. Es folgt eine Darstellung der Biographie und des Werkes von Ernst Federn, die vor allem auf dem Inhalt seiner letzten vier publizierten Studien beruht.

Biographie und Analyse des Werkes von Rudolf Ekstein gehen auf die Beiträge dieses Psychoanalytikers zur Behandlung schwerst gestörter Jugendlicher ein und seiner Versuche, die Ideen der psychoanalytischen Pädagogik in den Vereinigten Staaten wirksam werden zu lassen. Ein Versuch, der bisher nur wenig Erfolg hatte. Ekstein beruft sich, wie der Autor herausarbeitet, auf die Arbeiten Siegfried Bernfelds sowie Paul Federns, dessen »Psychologie der Revolution« (1919) er ins Englische übersetzt und in den USA publiziert hat.[01]

Die Aufarbeitung von Eksteins umfangreichem Gesamtwerk führt direkt zu dem Werk von Bruno Bettelheim, einem Pionier der Milieutherapie als einzig möglicher Behandlungsform geisteskranker Kinder und Jugendlicher. Die Milieutherapie, so wie sie Bettelheim bereits ab den 1940er Jahren in der Sonia Shankman Orthogenic School in Chicago schrittweise entwickelte, ist eine direkte Anwendung der Psychoanalyse auf gesellschaftliche Verhältnisse. Ihre grundlegende Bedeutung zum Verständnis von gesellschaftlichen Entwicklungen und Schwierigkeiten hat Freud stets betont und die Modifikation ihrer Methode für neurotische Patienten immer verlangt. Die vollständige Abwendung eines Kindes von seiner Umwelt bzw. von der Gesellschaft, die man Autismus nennt, ist im Grunde auch ein gesellschaftliches Problem. Die Ermöglichung einer Beschulung dieser seelisch gestörten Kinder – so wie sie Bettelheim und Ekstein in den USA in je eigener Weise ermöglicht haben – ist ein wichtiger Weg zu ihrer partiellen Sozialisation. Auch wenn diese Krankheit möglicherweise genetische Anteile haben mag, die man nicht heilen kann, so kann man doch helfen, mit ihr zu leben.

Roland Kaufhold schreibt einen Stil, den jeder gerne liest. Der Anwendung der Psychoanalyse auf die Gesellschaft, wie der Autor sie im Blick hat, kommt am Ende dieses Jahrhunderts eine immer größere Bedeutung zu. Die neue Produktionsweise, in der die elektronische Techniken eine entscheidende Rolle spielen, verändert die sozialen Verhältnisse der Menschen. Wenn auch Europa und die Vereinigten Staaten vorerst an der Spitze dieser Entwicklung stehen, wird sie doch unaufhaltsam die ganze Welt erfassen. Die neuen Arbeits- und Lebensstrukturen überfordern bei weitem die Fähigkeit des durchschnittlichen Bürgers. Eine neue Spaltung der Gesellschaft in die Intellektuellen und Erfolgreichen auf der einen Seite und die durchschnittlich Begabten, die nicht mehr mitkommen und arbeitslos werden, auf der anderen Seite, in Gewinner und Verlierer, bedroht unser soziales System.

Psychoanalytisch gesehen versetzt die Vergesellschaftung des sozialen Lebens in dem Sinne, dass aller Erfolg in Geld ausgedrückt wird, die Menschheit auf die Stufe des zweijährigen Kindes; das aber ist zugleich die Stufe der Aggression. Glücklicherweise entwickeln Menschen immer wieder Gegenkräfte gegen Mechanismen der Herrschaft und ihrer Vertreter. Im Dienst dieser Gegenkräfte können Psychoanalyse sowie Psychoanalytische Pädagogik eine wesentliche Rolle spielen. Die vorliegende Studie von Roland Kaufhold wird eine bedeutende Hilfe sein, sich in diesem Sinne zu orientieren, zu engagieren.

Ernst Federn, Wien im Oktober 2000

Dieser Beitrag Ernst Federn wurde zuvor als Geleitwort publiziert in: Roland Kaufhold (2001): Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung, Gießen (Psychosozial-Verlag), S. 9-10. Wir danken dem Psychosozial Verlag und seinem Inhaber Prof. Hans-Jürgen Wirth für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.

Literatur

Federn, E. (1985): Weitere Bemerkungen zum Problemkreis »Psycho­analyse und Politik«. In: Psyche 4/1985, S. 367–374.
Federn, E. (1988): Die Emigration von Sigmund und Anna Freud. Eine Fallstudie. In: Stadler, F. (Hg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil Österreichischer Wissenschaft 1930–40. Wien-München, S. 247–250.
Federn, E. (1993): Zur Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik. In: Kaufhold (Hg.) (1993), S. 70–78.
Federn, E. (1994): Bruno Bettelheim und das Überleben im Konzentrationslager. In: Kaufhold (Hg.) (1994), S. 125–127 (nur noch beim Autor für 12 Euro erhältlich: roland.kaufhold (at) netcologne.de).
Federn, E. (1999): Ein Leben mit der Psychoanalyse. Von Wien über Buchenwald und die USA zurück nach Wien. Gießen (Psychosozial-Verlag).
Federn, E. (1999a): Versuch einer Psychologie des Terrors. In: Kaufhold (Hg.) (1998), S. 35-75.
Kaufhold, R. (Hg.) (1993): Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik: Bruno Bettelheim, Rudolf Ekstein, Ernst Federn und Siegfried Bernfeld. psychosozial Heft 53 (I/1993), 16. Jg.
Kaufhold, R. (Hg.) (1994): Annäherung an Bruno Bettelheim. Mainz (nur noch beim Autor für 12 Euro erhältlich: roland.kaufhold (at) netcologne.de).
Kaufhold, R. (Hg.) (1999): Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des Terrors. Material zum Leben und Werk von Ernst Federn. Gießen.
Kaufhold, R. (1999a): Material zur Geschichte der Psychoanalyse und der Psychoanalytischen Pädagogik: Zum Brie­fwechsel zwischen Bruno Bettelheim und Ernst Federn. In: Kaufhold (Hg.) (1999), S. 145–172.

  1. R. Ekstein (1971a): »Reflections on and translation of Paul Federn’s The Fatherless Society‹«, Reiss-Davis Clinic Bulletin, 8 (1), S. 2–33; s. auch: R. Ekstein (1972): »Introduction to the English Edition of Society Without the Father‹« by A. Mitscherlich. New York, Jason Aronson, S. XIII–XXIX. []