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Ein Lebenskünstler – Ernst Federn, Pionier der kollektiv orientierten Psychoanalyse

Ernst Federns Leben trägt die Signatur des 20. Jahrhunderts: Es führte von Wien über Dachau und Buchenwald nach Brüssel, dann in die USA und schließlich wieder nach Wien. Ernst Federn, der vor 65 Jahren, am 11. April 1945, von amerikanischen Truppen aus Buchenwald befreit wurde, gilt als einer der führenden Historiker der Psychoanalyse sowie als Pionier der Psychoanalytischen Pädagogik und psychoanalytischen Sozialarbeit und einer Psychologie des Terrors. Der vor knapp drei Jahren in Wien verstorbene Ernst Federn versuchte, seine traumatischen Erfahrungen im Konzentrationslager auf psychoanalytischer Basis zu analysieren und zu verstehen…

„Die Tatsache (ist unbestreitbar), dass eine demokratische Tradition menschliche Grausamkeit und Zerstörungslust weitgehend zu zügeln vermag.“
Ernst Federn, 1969 (in: Kaufhold, 2001, S. 51)

„Die Autobiographie von Rudolf Höß ist so erstaunlich, weil seine frühkindliche Persönlichkeitsentwicklung in keiner Weise anders verlief als die manches Durchschnittsmenschen aus dem Mittelstand, den man ebenso gut in einem Vorort von New York wie in irgendeiner europäischen Stadt antreffen könnte.“
Ernst Federn, 1969 (in: Federn, 1999b, S. 77

Von Roland Kaufhold

Ernst Federn, der am 26. August 1914 in Wien geboren wurde, lernte die Psychoanalyse quasi am Mittagstisch kennen: Sein Großvater war einer der bekanntesten Ärzte Wiens, sein Vater Paul Federn, Arzt und Psychoanalytiker der ersten Stunde, war von 1924 bis 1938 als enger Mitarbeiter Sigmund Freuds an der Entwicklung der jungen Wissenschaft Psychoanalyse beteiligt und setzte sich maßgeblich für deren soziale und pädagogische Öffnung ein. Wie andere Interessierte, die sich um Freud geschart hatten, verstand er die Psychoanalyse nicht primär als eine Behandlungsmethode, sondern als eine kollektive Bewegung. Insbesondere junge, vom Reformgeist gespeiste linke Analytiker verkehrten regelmäßig im Hause der Federns, das der ungarische Psychoanalytiker Ivan Hollos einmal treffend als «Pension zur aufgelassenen Ich-Grenze» bezeichnet hat.

Foto: © Psychosozial Verlag & Roland Kaufhold

Die Federns waren in Wien eine angesehene, jüdisch-assimilierte Familie. Ernst Federns Großvater war der 1831 in Prag geborene Arztes Salomon Federn. Er hatte mehrere Kinder, die alle bekannte Persönlichkeit wurden: Paul Federn war als Stellvertreter Freuds ein bekannter sozialistischer Psychoanalytiker und Arzt; Else Federn war von 1902 bis 1938 Leiterin des Vereines Settlement, Walther heiratete eine führende Zionistin und bekannte Malerin, Blanka Lipschütz. Karl und Robert Federn siedelten nach Berlin über und wurden Schriftsteller und Buchhändler. Etta Federn war eine bekannte Übersetzerin und Schriftstellerin, die in Berlin in libertär–anarchistischen Kreisen engagiert war. Sie floh 1932 vor den Nationalsozialisten nach Spanien, wo sie ihr politisches Engagement fortsetzte (Kröger, 1997). 

Dabei hatte sich der junge Ernst Federn die Psychoanalyse nicht als Beruf vorgenommen. Er studierte in Wien Jura und Sozialwissenschaften mit dem Wunsch, sozialistischer Politiker zu werden. Schon bald engagierte er sich bei den ab 1934 verbotenen «Revolutionären Sozialisten», was mehrfache Inhaftierungen durch die politische Polizei und seinen Ausschluss von der Universität zur Folge hatte. Aus dieser Not heraus arbeitete er als Sekretär seines Vaters und beteiligte sich an der Bearbeitung des von diesem ab 1926 herausgegebenen «Psychoanalytischen Volksbuchs» (Federn & Meng, 1926). Dieses Werk stellt einen ersten, interdisziplinären Versuch dar, psychoanalytische Erkenntnisse auch breiteren Bevölkerungskreisen zur Verfügung zu stellen.

Unmittelbar nach ihrer Machtübernahme 1934 verschleppten die österreichischen Nationalsozialisten Ernst Federn wegen seines antifaschistischen Kampfes sowie des ihm zugeschriebenen Judentums nach Dachau, dann nach Buchenwald. Dort freundete er sich mit dem 1990 verstorbenen Bruno Bettelheim an. Sie versuchten zu überleben, indem sie die terroristische Realität zu begreifen versuchten. In nächtlichen Gesprächen entwarfen sie die Grundlagen einer Psychologie des Terrors. Bettelheim, mit dem Federn eine lebenslange Freundschaft verband, hatte mehr Glück als Federn: Nach elf Monaten wurde er mit der Auflage freigelassen, unverzüglich zu emigrieren. Bettelheim ging nach New York, wohin auch Federns Eltern geflohen waren, und wurde ein Pionier der Milieutherapie. Federn hingegen wurde sieben Jahre lang in Buchenwald festgehalten – und resignierte doch nicht. Seine psychoanalytisch gewonnenen Erkenntnisse zeigten ihm, dass er sich dem Terror zwar weitgehend anpassen, aber innerlich Reste von Autonomie erhalten musste. Er wurde auch von Vertretern der so genannten Häftlingsselbstverwaltung drangsaliert. Die Stalinisten duldeten abweichende Standpunkte, wie sie Federn vertrat, nicht. «Als Begründer der österreichischen Sektion der Vierten Internationale wurde ich im Lager von den Stalinisten isoliert», schreibt Federn Jahrzehnte später über diese Zeit. «Mit einem Trotzkisten zu reden, war verboten. Es gab allerdings einen berühmten kommunistischen Gefangenen, der im Lager unerhörte Dinge durchgestanden hatte. Mit dem habe ich sehr viel über Psychoanalyse gesprochen. Er ließ es sich nicht verbieten, mit mir zu sprechen. Da er großen Einfluss auf die anderen hatte, bekam ich den Ruf des Psychoanalytikers im Lager. Man konnte nun doch mit mir sprechen, die Leute konnten mit mir über sich und ihre Probleme reden» (Plänkers & Federn, 1994). Sein Optimismus war für viele Mitgefangene eine große Ermutigung: «Du warst verrückt im Lager, mit deinem Optimismus! Aber es war gut, dir zuzuhören», berichtete ihm ein Freund später.

Am 11. April 1945 wurde Federn durch US-amerikanische Truppen befreit. Eine Rückkehr nach Österreich, das von den Russen besetzt war, erschien dem Trotzkisten als zu gefährlich – eine realistische Einschätzung: Sein Freund Karl Fischer beispielsweise wurde vom sowjetischen Geheimdienst entführt und nach Sibirien verschleppt. Federn war innerlich ungebrochen geblieben. Noch im Lager, am 20. April 1945, veröffentlichte er mit drei anderen Häftlingen die «Erklärung der internationalistischen Kommunisten Buchenwalds» (Keller, 1980), in der sie sich gegen den Stalinismus wandten und für eine österreichische Räterepublik eintraten. Federn ging nach Brüssel, wo er sein politisches Engagement fortsetzte. Er arbeitete unter anderem mit dem marxistischen Ökonomen Ernest Mandel sowie mit Heinz Kühn zusammen. Zugleich gelang es ihm endlich, wieder in Kontakt mit seiner Verlobten Hilde Paar zu kommen, die in Wien sieben Jahre lang auf ihn gewartet und ihn durch regelmäßige, lebensrettende Geldsendungen unterstützt hatte.


Hochzeitsfoto von Ernst und Hilde Federn vom 2. Februar 1947 mit den Trauzeugen Lazaire Liebmann (l), Ernest Mandel (m) und Maria Hoffmann (r.). L. Liebmann, dessen Sohn in Auschwitz ermordet worden war, hatte Ernst Federn direkt nach dessen Ankunft in Brüssel in sein Haus aufgenommen; der marxistische Wirtschaftswissenschaftler Ernest Mandel war ein enger Freund Ernst Federns in Brüssel; Maria Hoffmann war die Ehefrau eines von den Nationalsozialisten ermordeten Psychoanalytikers.
© Roland Kaufhold / Psychosozial-Verlag

Ernst Federn hatte große Pläne: Er plante ein Buch zum Verhältnis von Psychoanalyse und Marxismus (vgl. Federn, 1976). Vor allem jedoch arbeitete er, auf der Grundlage der Freudschen Erkenntnisse über das menschliche Seelenleben, an einer «Psychologie des Terrors». Bereits 1946 veröffentlichte er seine wohl bedeutsamste Studie, den «Versuch einer Psychologie des Terrors» (Federn, 1999a), in der er seine fürchterlichen Erfahrungen wissenschaftlich verarbeitete. Er zeigte auf, wie im Konzentrationslager der individuelle menschliche Sadismus durch ein perfides System gezielt zum Zweck der grausamen, kollektiven Zerstörung instrumentalisiert worden war. Die Etablierung eines kriminellen Über-Ichs förderte die sadistischen Triebe der Einzelnen: «Mit der SS-Uniform wurde der Verbrecher zum Ehrenmann, wurden seine Schandtaten zum Dienst am Volk. Außerdem wurden alle Opfer des SS-Terrors als verworfene Banditen bezeichnet und so die Maßnahmen gegen sie gerechtfertigt.» Federn beschönigt in der Studie nichts, klagt nicht an, sondern analysiert die erlebte Vergangenheit frei von moralisierendem Unterton.

Die Zeitumstände waren nicht günstig für solche Analysen. Federn, der noch vor Hannah Arendt die «Banalität des Bösen» beschrieben hatte, vermochte seine Studie nur in einer kleinen belgischen Zeitschrift zu veröffentlichen. Anfang 1948 emigrierte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Hilde nach New York. In der antikommunistischen McCarthy-Ära bestand keinerlei Interesse an seinen Terrorstudien. Sie wurden vergessen. Erst 1999 erschienen sie unter dem Titel «Ernst Federn – Versuche zur Psychologie des Terrors» (Kaufhold, 1999).

Die Freude des Wiedersehens mit den Eltern in New York währte nicht lange: Federns Mutter verstarb 1949, sein Vater 1950. Er vermachte seinem Sohn, der sich zum psychoanalytischen Sozialtherapeuten ausbilden ließ, jedoch ein wichtiges Erbe: die umfangreichen Protokolle von Freuds «Psychoanalytischer Mittwoch-Gesellschaft». Gemeinsam mit dem ebenfalls aus Wien in die USA emigrierten Psychoanalytiker Hermann Nunberg edierte er diese Protokolle in den sechziger und siebziger Jahren. Sie wurden zu einem Grundlagenwerk für die Geschichte der Psychoanalyse.

Der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky, der mit Federn seit dessen Engagement in den dreißiger Jahren im Wiener Untergrund befreundet war, holte ihn 1972 aus den USA nach Wien zurück. Seitdem arbeitete Ernst Federn als Psychotherapeut und Supervisor an einer Reform des österreichischen Strafvollzugs. Waren noch Anfang der siebziger Jahre persönliche Gespräche zwischen Gefangenen und dem Gefängnispersonal untersagt, so bilden nun therapeutisch orientierte Gespräche mit den Häftlingen einen selbstverständlichen Teil der Resozialisierungsbemühungen. Die Verarbeitung seiner eigenen Terrorerfahrungen war Federn eine Hilfe, sich in die Motive gewaltsamen Verhaltens einzufühlen.

Zu den Beiträgen des haGalil – Themenschwerpunkt zu Ernst Federn

Am Anfang dieses Themenschwerpunktes zum Leben und Werk Federns stehen einige Beiträge Ernst Federn, die seine zentralen Interessen und Forschungen widerspiegeln.

In der einführenden, 1994 anlässlich Ernst Federns 90. Geburtstages vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) vorgetragenen Laudatio Biographische Kontinuität, Emigration und psychoanalytisch-pädagogisches Engagement. Laudatio auf Ernst Federn zu seinem 90. Geburtstag stellt Roland Kaufhold wesentliche biographische Stationen und Motive Ernst Federns vor.

Es folgen zwei Studien Ernst Federns: Sein historisierender Beitrag Zur Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik und sein sozialpsychologischer Text Der therapeutische Umgang mit Gewalt. Auch dieses soziale und therapeutische Engagement Ernst Federns war von seinen biographischen Erfahrungen als Verfolgter geprägt.

Ernst Federn war immer voll von Geschichten, die er gerne an Jüngere weiterreichte. Er schöpfte aus seiner höchst außergewöhnlichen Biographie als Kind einer renommierten, assimilierten jüdischen Wiener Familie. Als Sohn des Freud-Stellvertreters Paul Federn gehörte er wie selbstverständlich zum unmittelbaren Lebensumfeld Sigmund Freuds. Der 1994 vom Frankfurter Psychoanalytiker Tomas Plänkers herausgegebene Band mit Interviews Federns zur Geschichte wichtiger Pioniere der Psychoanalyse (Plänkers & Federn, 1994) – der weiter unten vorgestellt wird – ist ein lebendiges Dokument hierfür, wie auch der von Wilhelm Rösing und Marita Barthel-Rösing 1995 erstellte Dokumentarfilm „Überleben im Terror – Ernst Federns Geschichte“.

Roland Kaufhold hat Ernst Federn und seinen österreichisch-amerikanischen Kollegen Rudolf Ekstein – der wie Federn mit Bruno Bettelheim eng befreundet war – 1992 interviewt: „Zur Geschichte und Aktualität der Psychoanalytischen Pädagogik – Fragen an Rudolf Ekstein und Ernst Federnist sein Interview überschrieben.

Der Düsseldorfer Psychoanalytiker Bernd Nitzschke führte ein Interview mit Ernst Federn: Um Buchenwald sieben Jahre zu überstehen, musste man vor allem Glück haben ist sein Gespräch aus dem Jahr 1995 betitelt.

Der Berliner Psychotherapeut und Psychoanalyse-Historiker Andreas Peglau befragte, vor dem Hintergrund seiner Sozialisation in der DDR, Ernst Federn: Nackt unter Wölfen“ oder „Wolf unter Wölfen“? ist sein ihn selbst und wohl auch den Leser aufrührendes Gespräch überschrieben.

Ernst Federns außergewöhnliche Lebendigkeit und Nüchternheit ist auch in dem von den Münchner Psychoanalytikern Peter Bründl und Manfred Endres erstellten Videofilm mit Gesprächen und Vorträgen Ernst Federns unmittelbar erlebbar – ein zeithistorisches Dokument, welches die Autoren für haGalil zur Verfügung gestellt haben.

Es folgen mehrere kurze Beiträge Ernst Federns zu dem zentralen Thema seines Lebens: Zu seinen aus seiner siebenjährigen KZ-Haft erwachsenen Studien zum Terror: Es wird Ernst Federns im Januar 1998 verfasstes Vorwort zu der Sammlung seiner Terrorstudien – überschrieben mit „Ernst Federn – Versuche zur Psychologie des Terrors“ – dokumentiert, wie auch sein im Juni 1946 verfasstes Vorwort zu seiner titelgebenden, großen Studie „Versuch einer Psychologie des Terrors“. Es  folgen persönlich gehaltene Erinnerungen Federns an zwei Freunde, mit denen er gemeinsam in Buchenwald inhaftiert war: An  den österreichischen sozialistischen Politiker Robert Danneberg sowie eine sehr anrührende Erinnerung an den großen österreichischen Kabarettisten Fritz Grünbaum, betitelt mit: Erinnerungen an Fritz Grünbaums 60. Geburtstag im Konzentrationslager; beide wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Ernst Federn setzt diesen außergewöhnlichen Persönlichkeiten mit seinen Erinnerungen ein historisches Denkmal.

Federns langjährige Freundschaft mit Bruno Bettelheim – mit dem er einige Monate gemeinsam in Buchenwald inhaftiert war – ist in seinen persönlich gehaltenen Studien über Bettelheim dokumentiert, wie auch in seinem 40 Jahre überdauernden Briefwechsel mit Bettelheim. haGalil publiziert drei Beiträge Ernst Federns: Seinen 1987 in Paris vorgetragenen Beitrag Gespräche zwischen Bruno Bettelheim, Dr. Brief und Ernst Federn (publiziert in Federn, 1999) – in welchem er erstmals öffentlich über seine furchtbaren sieben Jahre in Dachau und Buchenwald sprach – , seine 1994 verfasste Studie Bruno Bettelheim und das Überleben im Konzentrationslager (Federn, 1994) sowie seinen 2003 geschriebenen Beitrag Die Bedeutung Bruno Bettelheims – seine wohl letzte wissenschaftliche Studie.  

„Bruno Bettelheim und das Überleben im Konzentrationslager“ beendet Federn mit der illusionslosen Feststellung: „Ich glaube, dass die breite Öffentlichkeit niemals die seelischen Zustände der Opfer des Nationalsozialismus nachvollziehen kann und sie daher auch niemals wirklich verstehen wird. Der Holocaust war ein Ereignis von historischer Außergewöhnlichkeit, weil er in einem hochzivilisierten Land geschah. Der Rückfall einer Gesellschaft wie der deutschen auf die Einstellung des Altertums, in dem Völker ohne Bedenken ausgerottet wurden, ist einfach unmöglich. Bettelheim versuchte es noch in einer Weise zu erklären, die verständlich war, daher sein großer Erfolg.“ Abgeschlossen wird dieser thematische Schwerpunkt durch die Dokumentation des Briefwechsels Federn – Bettelheim durch Roland Kaufhold.

Die Wiener Tradition der Psychoanalytischen Pädagogik ist – wie Ernst Federn im obigen Interview mit Kaufhold unzweideutig festgehalten hat – durch den Nationalsozialismus vollständig zerstört worden. 20, 30 Jahre später wurden kleine Residuen dieser aufklärerischen Freudschen Tradition im amerikanischen Exil, von jüdischen Wiener Emigranten, wieder aufgegriffen und konkret im pädagogisch-therapeutischen Raum umgesetzt. Jahre später brachten eben diese jüdischen Emigranten – exemplarisch seien Ernst Federn, Rudolf Ekstein, Bruno Bettelheim, Fritz Redl und Anna Freud genannt – diese kulturelle Tradition wieder zurück nach Deutschland und Österreich. Ernst Federn gehört zu den produktivsten Pionieren dieser Bemühungen, das zerstörte Erbe wieder in den deutschsprachigen Raum zurück zu bringen. Er hat zahlreiche Studien zur Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik (s.o.) und der psychoanalytischen Sozialarbeit vorgelegt und äußerst tatkräftig insbesondere den Verein für psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg/Tübingen e. V. in seiner nun schon 30-jährigen Arbeit unterstützt.

In seinem Geleitwort zum Buch „Bettelheim, Ekstein, Federn“ (Kaufhold, 2001) zeichnet Ernst Federn die Geschichte dieser Tradition nach. Es folgt Bernd Nitzschkes Analyse des gleichen Werkes.

Psychoanalytiker unterscheiden sich nicht sonderlich vom Rest der Gesellschaft, was ihre Fähigkeit zur Verdrängung, Verleugnung, „De-Realisierung“ (Dahmer) betrifft. Jahrzehnte lang machten sie nahezu ausnahmslos das gleiche wie der allergrößte Teil der Deutschen: Sie schwiegen über ihre Vergangenheit, die deutschen, die nationalsozialistischen Verbrechen. 1986 hat Ernst Federn in einer Rezension zu Lohmanns (1984) Sammelband „Psychoanalyse und Nationalsozialismus“ bzgl. der seelischen Motive für das große Schweigen, welches er immer wieder erlebt hat, ausgeführt: „Was mich angeht, so hätte ich sehr gern von meinen (Konzentrationslager-, RK) Erlebnissen erzählen wollen, aber es waren die Analytiker, die ausnahmslos einem Gespräch über meine Lagererlebnisse aus dem Wege gegangen sind. Es scheint, dass die Opfer zwar das Gespräch vermeiden, nicht aber das Schreiben. (…) Warum konnte man darüber schreiben und so schwer darüber reden? Ich glaube, dass die Welt des Konzentrationslagers (…) in Gesprächen Menschen, die das nicht selbst erlebt haben, kaum vermittelt werden kann. Wer davon erzählt, muss fürchten, dass die Zuhörer ihm nicht glauben, oder dass ihnen das Gehörte so peinlich ist, dass man mit dem Erzählen lieber aufhört. Auch Psychoanalytiker bilden da keine Ausnahme. (…) Unter dem Vorwand, meine Gefühle schonen zu wollen, verbarg sich die Angst vor eigenen Konflikten, die durch die Berichte über die Schrecken des Lagerlebens ausgelöst werden konnten“ (Federn, 1986, S. 465f.).

Im Anschluss hieran wird Federn sehr kontroverser Beitrag Weitere Bemerkungen zum Problemkreis `Psychoanalyse und Politik´aus dem Jahr 1985 als zeitgeschichtliches Dokument publiziert.

In dem nachfolgenden Themenschwerpunkt setzen sich einige namhaften Autoren, die Schüler bzw. Enkel von Hilde und Ernst Federn hätten sein können, mit den wichtigsten Lebensthemen Federns wissenschaftlich auseinander: Der Kölner Pädagogik – Hochschullehrer Kersten Reich analysiert Federns und Bettelheims Terror-Studien: Zur Psychologie extremer Situationen bei Bettelheim und Federn ist sein Beitrag betitelt. Helmut Dahmer, Soziologe und langjähriger Psyche-Redakteur, schreibt über Ernst Federn und die Erosion der Psychoanalyse, Achim Perner, langjähriger Mitarbeiter des oben genannten Rottenburger Vereins für psychoanalytische Sozialarbeit, betrachtet die Tradition: Über die zukünftigen Chancen psychoanalytischen Sozialarbeit. Sein Tübinger Kollege Michael Maas schreibt in gleichermaßen liebevoller wie kenntnisreicher Weise über Der Prophet im eigenen Lande… Ernst Federns langer Weg für die Psychoanalytische Sozialarbeit. Die Münchner Psychoanalytikerin und langjährige Begleiterin der Federns, Sieglinde Eva Tömmel, analysiert Zur Psychologie des Terrors im totalitären System der DDR. Abgeschlossen wird dieser haGalil-Themenschwerpunkt  mit mehreren Buchbesprechungen über Ernst Federns Bücher sowie über Studien zum Leben und Wirken Ernst Federns.

Ernst Federn verstarb am 24. Juni 2007 im Alter von 92 Jahren in Wien. Zwei Jahre zuvor, am 19.1.2005, war seine lebenslange Begleiterin Hilde Federn – deren treue Unterstützung während seiner KZ-Haft er sein Überleben verdankte –  im Alter von 94 Jahren verstorben (Kaufhold, 2005). Ihr gemeinsames Leben und Wirken würdigt dieser haGalil-Themenschwerpunkt.

Literatur:

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Bettelheim, B. (1980): Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Extremsituation. München.
Bettelheim, B. (1990): Themen meines Lebens. Essays über Psychoanalyse, Kindererziehung und das Schicksal der Juden. Stuttgart.
Dahmer, H. (2005) Ernst Federn und die Erosion der Psychoanalyse, Werkblatt, 22. Jg., Nr. 54, Heft 1/2005 (in diesem haGalil-Themenschwerpunkt veröffentlicht).
Ekstein, R., & Motto, E. L. (1963): Psychoanalyse und Erziehung – Vergangenheit und Zukunft. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 12 (6), S. 213–233.
Federn, E. (1951): The Contribution of Psychoanalysis to Criminology as reflected in recent professional Literature. Unveröffentl. Diplomarbeit an der New York School of Social Work, Columbia University, New York. (Eine gekürzte Übersetzung ist erschienen in der Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, Heft 4/2004).
Federn, E. (1976): Marxismus und Psychoanalyse. In: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd. II: Freud und die Folgen (1). Hg. Dieter Eicke. Zürich, S. 1037–1058.
Federn, E. (Hg.) (1984): Freud im Gespräch mit seinen Mitarbei­tern. Aus den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Frankfurt/M.
Federn, E. (1985): Weitere Bemerkungen zum Problemkreis »Psycho­analyse und Politik«. In: Psyche 4/1985, S. 367–374.
Federn, E. (1986): Besprechung von H. M. Lohmann (1984): Psychoanalyse und Nationalsozialismus. Beiträge zur Bearbeitung eines unbewältigten Traumas. In: Psyche H. 5/1986 (40. Jg.), S. 463-466.
Federn, E. (1988): Die Emigration von Sigmund und Anna Freud. Eine Fallstudie. In: Stadler, F. (Hg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil Österreichischer Wissenschaft 1930–40. Wien-München, S. 247–250.
Federn, E., & Wittenberger, G. (Hg.) (1992): Aus dem Kreis um Sigmund Freud. Frankfurt/M.
Federn, E. (1993): Zur Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik. In: Kaufhold (Hg.) (1993): S. 70–78 (in diesem haGalil-Themenschwerpunkt veröffentlicht).
Federn, E. (1994): Bruno Bettelheim und das Überleben im Konzentrationslager. In: Kaufhold (Hg.) (1994): S. 125–127, sowie in Kaufhold (Hg.) (1999): S. 105–108 (nur noch beim Autor vor 12 Euro plus Porto erhältlich: roland.Kaufhold at netcologne.de).
Federn, E. (1999): Ein Leben mit der Psychoanalyse. Von Wien über Buchenwald und die USA zurück nach Wien. Gießen (Psychosozial-Verlag).
Federn, E. (1999a): Versuch einer Psychologie des Terrors. In: Kaufhold (Hg.) (1998), S. 35–75.
Federn, E. (1999b): Einige klinische Bemerkungen zur Psychopathologie des Völkermords. In: Kaufhold (Hg.) (1998): S. 76–88.
Federn, E. (1999c): Fritz Grünbaums 60. Geburtstag im Konzentrationslager. In: Kaufhold (Hg.) (1998): S. 95–97.
Federn, E. (1999d): Der Terror als System: Das Konzentrationslager (Juli 1945). In: Kaufhold (Hg.) (1998), S. 179–218.
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Kaufhold (Hg.) (1994): Annäherung an Bruno Bettelheim. Mainz (nur noch beim Autor vor 12 Euro plus Porto erhältlich: roland.kaufhold at netcologne.de)
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Richter, H. – E. (2003): Psychoanalyse und Politik. Gießen (Psychosozial-Verlag).
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