Zur Psychologie extremer Situationen bei Bettelheim und Federn

Bruno Bettelheim und Emst Federn waren beide in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald, Bettelheim etwa ein Jahr im Zeitraum 1938/39, Federn sieben Jahre von 1938 bis 1945 (vgl. Kaufhold 1993 und Elrod 1987). Beide haben aus psychoanalytischer Sicht ihre Erfahrungen nach dem Wiedergewinnen der Freiheit reflektiert und darüber publiziert (vgl. Bettelheim 1989; 1990 a; b; Federn 1969; 1989; Reich 1993 a)…

Von Kersten Reich

Beide Sichtweisen ergänzen sich, obwohl sie sich in der Herleitung und Interpretation teilweise widersprechen. Sie gehören zu den Standards psychoanalytischer Betrachtung über das Thema einer Psychologie extremer Situationen, weil sie wesentliche Grundmerkmale einer solchen Theorie beschreiben (vgl. Heimannsberg, Schmidt 1988; Stoffels 1991; Herzkau. a. 1989; Bar-On 1989; Amati 1977; Keller 1991; Genefkeu. a. 1990). In meiner Darstellung gehen allerdings viele Detailbeschreibungen der Autoren verloren, die für den Leser interessant sind. Ein Nachlesen der persönlichen Erfahrungen – für die der hier abgedruckte Artikel eine Systematisierungshilfe geben könnte – ist empfehlenswert, um die Lage in den Konzentrationslagern eindringlicher nachempfinden zu können.

Was ist eine extreme Situation?

Bettelheim spricht von einer Extremsituation, um deutlich zu machen, daß hier ein Mensch durch Umweltbedingungen, durch äußeren Zwang an seine menschlichen Grenzen geführt wird. Es ist eine Situation, in der man entweder meint, Selbstmord begehen zu müssen oder so krank zu werden, daß man ohnehin nicht weiterleben kann. Qual, Folter, Terror und Schickane sind traumatisierende Effekte, die durch Unterernährung, Arbeitsüberlastung, Sexualnot und fehlende Intimräume, mangelhafte Hygiene und ärztliche Versorgung begleitet werden. Extremsituation ist ein ebenso künstlicher, geradezu technischer Begriff wie Konzentrationslager, der die Ängste und Traumata, die Unsicherheit und Hilflosigkeit bereits intellektuell distanziert, da die emotionale Realität unerträglich ist und kaum für jemanden wiedergegeben werden kann, der sie nicht erlebte. Federn nennt solche Bedingungen Terror. Er beschreibt einen jungen SS-Mann, der zum ersten Mal die Gefangenen schickanierte, anfangs vorsichtig, unsicher, dann immer gezielter, weil er wie ein kleiner Junge spürte, daß er auf einmal Macht besaß, nicht mehr über Spielzeug, sondern über erwachsene Menschen. In ihm, der vielleicht aus ganz normalem Elternhaus kam, wurde der Terrorist geweckt. Extremsituationen oder Terrorismus, dies sind nur Zuschreibungen für ein Phänomen, das in den Konzentrationslagern massenhaft auftrat und massenhaften Tod produzierte, aber weit über die Konzentrationslager hinausreicht.

Die Erfahrungen, die Bettelheim und Federn aus ihren Lagererlebnissen zogen, stehen symptomatisch für Bedingungen des Extremen, des Terrors, wie er nach 1945 immer wieder auftrat, sie stehen für das Eingeständnis der modernen Zivilisation, die Barbarei gegenseitiger Folter und Quälereien noch längst nicht überwunden zu haben.

Versachlichung der Extreme und des Terrors

Beide Autoren beschreiben sich in ihrer Beobachterposition, die ihnen ihre psychoanalytische Vorbildung ermöglichte. Bettelheim bezweifelte zwar, daß die Psychoanalyse ihm irgendwie direkt zum Überleben half, aber er benutzte sie, um sich der Beobachtung des Verhaltens der Mitgefangenen und der SS-Wachen sicherer zu werden, seine Selbstachtung durch kritische, rationalisierende Distanz zu bewahren. Federn wurde durch seinen Lageraufenthalt sehr bestärkt, daß die Psychoanalyse – neben einer gesellschaftskritischen Sicht[01] – hilft, die Abgründe der menschlichen Seele besser zu verstehen und sich selbst in der Beobachterposition zu reflektieren. Beide jedoch waren eben nicht nur Beobachter – wie die Rolle dem Leser erscheinen mag -, sondern auch Beteiligte, Betroffene, Gequälte. Das Niederschreiben hatte für sie den Effekt der Abarbeitung, der gedanklichen Wiederholung von Wunden und der Bearbeitung, damit einer reflektierten Auseinandersetzung. Daß beide in dieser Auseinandersetzung zunächst die Versachlichung der Rollen von Opfern und Tätern intendieren, steht für die hohe Qualität dieser Bearbeitung. So wie Abweichungen vom scheinbar Normalen in der Psychoanalyse nicht moralisiert werden, so besteht der Versuch einer versachlichten Beschreibung von Extremsituationen darin, die agierenden Personen und ihre Interaktion und Kommunikation so herauszuarbeiten, daß die einzelnen, unterschiedlichen Motive von Handlungen und die Bedeutung ihrer Wechselwirkung stärker hervortreten. Eine solche entmoralisierende Haltung ist allerdings nichtmoralfrei. Bettelheim leitet aus ihr die Notwendigkeit ab, gegen die Masse, gegen totalitäre Umgebungen und für mehr Ich-Autonomie zu streiten, damit nie wieder Auschwitz sei. Federn sieht, daß der Mensch eine besonders bösartige Spezies sein kann, daß man dabei aber auch erkennen muß, daß er „Fähigkeiten besitzt, seine ‚Bestialität‘ zu überwinden und die ursprünglichen Triebe zu kulturvollem Tun umzugestalten.“ (Federn 1989,S.54) Nur wenn der Mensch mehr von sich weiß, wird er nach Federn sich durch Kultur vor der Barbarei bewahren können.

Die Mittel des Terrors

In Extremsituationen kommen physische und psychische Mittel des Terrors vor. Zu den physischen zählt Federn (1989, S. 54 ff.) vorallem Gewaltanwendung, die dem Täter Lust bereiten kann, weil er hierdurch seinen Sadismus oder seine Eigenliebe bestätigt, um sich überlegen fühlen zu können. Ganz gleich ob diese Gewalt persönlich nach der Art des Faustrechts oder institutionell abgesichert abläuft, sie ist für das Opfer stets traumatisierend. Ihre einfachste Form ist körperlicher Schmerz. Die subtilsten Foltern müssen nicht mehr schmerzen als einfache Torturen, unerträglich werden sie meist im Zusammenwirken mit psychischen Qualen. Ein gefesselter und geknebelter Gefangnerer empfindet den Schmerz stärker, und wenn der Schmerz unerträglich wird, dann folgt ein dem Wahnsinn ähnlicher Anfall, wobei der Gefangene seine Selbstbeherrschung verliert (urinieren und einkoten sind oft die Folge). Werden Schmerzen immer wieder gleich zugefügt, so kann man abstumpfen, aber meist ist die Angst vor den Schmerzen, die bei jeder Tortur eingesetzt werden, schwerer zu ertragen als der Schmerz selbst. Die Schmerzabwehr wird zwar bei jedem Gequälten hervorgerufen, aber bei zu langen Qualen und nach einer gewissen individuell unterschiedlichen Dauer erlischt sie mehr und mehr. Wenn möglich, dann ruft dies sehr oft Selbstmord hervor.

Neben Schmerzen sind Durst und Hunger Foltermittel, die rasch zum Zerfall führen können. Durst schwächt sehr schnell alle Energien. Hunger erzeugt ähnlich wie Schmerz eine große Abwehrarbeit, die sich darin ausdrückt, daß in den Lagern dauernd vom Essen gesprochen und darüber fantasiert wurde. Sexualnot ist ein weiteres Terrormittel, wobei auffällig war, daß über sie viel weniger differenziert gehandelt wurde als über den Hunger. Unterernährung und Überanstrengung bei der Arbeit spielten ebenfalls eine große Rolle. Hunger demoralisierte, aber die Wirkungen der Folter waren in aller Regel stärker. Ungewohnte Arbeit, die mit Schmerzen und Überanstrengung verbunden war, konnte auch als Qual eingesetzt werden. Unerträglich war auch auferlegte Untätigkeit im Wechsel mit dem Terror ungewohnter, harter Arbeit, besonders wenn diese für sinnlose Tätigkeiten verausgabt wurde. Ein gesunder Körper, besonders Magen und Beine, waren die beste Überlebenschance, wenn der Wille nur stark genug war, gegen die Regression anzukämpfen, von der gleich noch ausführlich gesprochen werden soll. Die psychischen Qualen beginnen mit dem Freiheitsentzug, dem äußeren Druck, der in innere Zwänge verwandelt wird, wobei es dem Ich schwer fällt, nach und nach zuerkennen, wo sein eigenerWillensspielraum noch liegt.

Der Freiheitsentzug, der verschiedene Grade und Qualitäten kennt, wird ergänzt durch Demütigungen und Kränkungen, weil das Ich in eine Lage versetzt wird, in der es sich – auch wenn es körperlich dies vielleicht könnte oder sein Gefühl danach verlangt – nicht wehren darf, wenn es überleben will. Die Ungewißheit der Situation und Unvoraussagbarkeit der Zukunft erzeugen starke psychische Zweifel, die dem Ich die Kontinuität seiner Werte und vertrauten Muster berauben. Die Wiederholung als gewohnt und vertraut angesehener Gefühle wird genommen, was selbst jene Charaktere, die in der Freiheit das Abenteuer lieben, an sich verzweifeln läßt. Nur der Tod ist sicher, aber dieser droht in unterschiedlichen qualvollen Arten. Der Leidensdruck wird durch ständige Verstärkung von Angstzuständen aufrechterhalten. Besonders tragisch wirken geweckte Hoffnungen, die enttäuscht werden. Ein Freihheitsentzug auf bestimmte Zeit mag leichter als Bestrafung empfunden werden. Ein Freiheitsentzug auf unbestimmte Zeit, verbunden mit Unsicherheit und Unvoraussagbarkeit der Zukunft, erscheint nicht mehr als irgendeine Bestrafung, sondern als Willkür, als Terror, sie macht größte Angst und läßt allerlei Mutmaßungen und Gerüchte zu, die der Hoffnung meist einen irrationalen Ausdruck verleihen. Wird diese mehrfach enttäuscht, dann kann die stärkste Abwehr des Ichs zusammenbrechen. Dies wird regelmäßig dann erreicht, wenn es gelingt, ein Individuum moralisch zu zerbrechen, d.h. gegen seine inneren Werte handeln zu lassen. Die Zerstörung jener Instanz, die die Psychoanalyse Über-Ich nennt, vernichtet das, was einem Menschen „heilig“ ist, verliert er dies, dann wird er haltlos, mißachtet sein Selbst.

„Unser Über-Ich ist für unsere Seele wie ein Rückgrat; einmal gebrochen, ist ewiges Siechtum oder Tod die Folge. Jemandem das ,Rückgrat brechen‘ ist daher ein richtig gewählter Ausdruck und eines der vornehmlichsten Ziele eines terroristischen Regimes.“ (Federn 1989, S. 62)

Alle totalitären Gesellschaften kennen die Anwendung dieser Terrormittel, die mit Bespitzelung, Verfolgung, Verdächtigung, Umerziehung, Bedrohung und anderem mehr einhergehen. Je mehr Schmerzen zugefügt werden, desto mehr versucht der gequälte Mensch, den Zwang abzuwehren. Hierbei helfen ihm psychische Mechanismen. Für Federn ist es auffällig, daß die Schmerzabwehr große Energien hervorbringen kann – bedingt durch die Angst vor Qualen-, so daß das Individuum voll in Anspruch genommen werden kann und mehr erträgt, als es vons ich selbstdachte. Abwehr gegen Hunger erzeugt große Fantasien, Abwehr gegen die Demütigungen ein verschlagenes und falsches Selbstbild, das die Psyche vergiftet. Optimistische Abwehrhaltungen zu entwickeln, ist unter solchen Umständen schwierig, sie erscheinen als wirklichkeitsfern, obgleich solche Menschen, die im Schlimmsten noch das Positive sehen, den anderen viel Mut geben können – bis der Punkt erreicht ist, wo sie verzweifeln. Pessimisten stellen alles aus Abwehr schlecht dar, versuchen jedoch, möglichst jedes Unglück zu vermeiden, wobei ihre skeptische Sicht ihnen jedoch auch schaden kann. Aber dies sind alles nur Zuschreibungen, die verdeutlichen helfen sollen, wie wichtig die Angstab wehr im Kampf gegen jeglichen Terror ist. Bettelheim nennt dies die Bewahrung der Selbstachtung, einer Ich-Autonomie, die zugleich eine wichtige Voraussetzung im Kampf ums Überleben im Lager und nach dem Lager ist.

Eine systemische Sicht von Opfern und Tätern

Die hier beschriebenen Terrormittel variieren in Extremsituationen. Ein Grundmerkmal ihrer Variation ist immer die Begegnung von Opfern und Tätern, die wir daher in den Mittelpunkt der Überlegungen stellen wollen. Beide Autoren kommen bei ihrer versachlichten Darstellung der Psychologie der Extremsituation bzw. des Terrors zu Beschreibungen, die wir auch als Ausdruck einer systemischen Sicht begreifen können. Systemisch meint hier, daß weder Opfer noch Täter für sich betrachtet werden und daß immer deutlich bleibt, daß ein äußerer Beobachter spricht. Diese Position war aber im realen Lagerleben nicht immer so eindeutig abgrenzbar. Sie bedarf einer Beobachtertheorie, was für beide Autoren die Psychoanalyse war. Dabei dürfen die Ebenen der Betrachtung aber nicht verwechselt werden. Alle Opfer unterlagen einem brutalen Fremdzwang, der durch die Umgebung des Lagers, durch die Ideologie der Wachen, durch das gesellschaftliche System der Zeit gegeben war. Dieser äußere Druck hatte ihnen die Freiheit genommen. Er zwang sie zu inneren Entscheidungen, zur Verinnerlichung in einen Selbstzwang, den sie freiwillig nie eingegangen wären. Aber nun einmal in der extremen Situation gefangen, können wir sie in den Mustern dieses Zwanges betrachten. Umgekehrt wares zwar auch für den SS-Mann nicht einfach möglich, seine Position ohne Schaden aufzugeben, aber seine Möglichkeiten, eine andere Tätigkeit als die des Terrors auszuüben, waren nicht so eingeschränkt wie die der Häftlinge. Auch wenn er als Teil des politisch-totalitären Systems Gefangener war, so war er mehr Gefangener eigener Wahl als die Häftlinge. Auf der Basis einer Beobachtung im System der Extremsituation werden Opfer und Täter von Bettelheim und Federn in ihrer Wechselwirkung interpretiert. Dabei helfen psychoanalytische Kategorien zur Fundierung der Verhaltensebenen. Unter Aufnahme und Erweiterung der aus den „Studien über den autoritären Charakter“ bekannten Variablen (vgl. Adorno 1973) will ich, indem ich die von Bettelheim und Federn benutzten Beschreibungskategorien mitverwende, einen systematisierten Abriß wichtiger Analysepunkte vorstellen, der maßgeblich bei jeder Entwicklung einer Psychologie der Extremsituation oder des Terrors sein dürfte.

1. Regression.

Es ist das wesentliche Ziel jeder terroristischen Maßnahme, in einer Extremsituation die Opfer zu Regressionen zu zwingen. Sie sollen auf eine Stufe der Kindheit zurückfallen, um so besser beherrschbar zu sein, ihre Abhängigkeit selbst in elementarsten Lebensbedürfnissen zu zeigen und Gewalt und Willkür ohne Ausweg ertragen zu müssen. Die oben beschriebenen Terrormittel werden systematisch eingesetzt, solche Regression zu erreichen und zu sichern. Der Gefangene lebt, wie Bettelheim sich ausdrückt (1989, S. 186), nur in der unmittelbaren Gegenwart, er verliert sein Zeitgefühl und seine Planungen beschränken sich auf die Sicherung der elementarsten Lebensdinge: essen, schlafen, ausruhen. Regressionen führen zu einer Betonung anal-sadistischen Verhaltens, der erfahrene Terror schlägt um in Aggressionen gegen Mitgefangene, eine anal gefärbte Sprache dominiert („Arschloch“, „Stück Scheiße“ waren die gängigen Anredeformen im KZ), sie wenden sich gegen das Subjekt selbst. Die Wachen und Folterknechte erzwingen regressives Verhalten, das Ich muß sich daran anpassen, wenn es überleben will, was eine Abwehrleistung hervorbringt, die all jene Impulse unterdrückt, die Regression vermeiden wollen, so daß die Selbstachtung abnimmt. Schließlich kontrolliert eine regressive Gefangenengruppe sich gegenseitig, weil sie aus Angst vor kollektiver Bestrafung nur das zu leben erlaubt, was als Fremdzwang Gültigkeit zu haben scheint – was aber durch die aufgerichteten inneren Zwänge noch eine Verschärfung der Fremdzwänge bedingt.

Die SS-Männer oder Terroristen allgemein -denn Extremsituationen oder Terror lassen sich nach Bettelheim und Federn nicht auf die Nazizeit beschränken, sondern gelten für alle Diktaturen oder unterdrückende Systeme – unterliegen ihrerseits auch einer Regression. Federn beschreibt eine typische Karriere einer SS-Wache: eigentlich gutmütiger, anständiger Durchschnittsmensch, jahrelang arbeitslos, suchte verzweifelt Arbeit, trat in die SS ein, um seine Familie zu ernähren. Nun unterliegt er einem Zwang seiner Gruppe, die jedes Ausscheren beunruhigt, was sie zu Verfolgungen in den eigenen Reihen veranlaßt. Auch wenn er nicht mit allem einverstanden ist, was die SS tut, so kann er sich nur schwer aus seinem Zwang befreien. Dieser Zwang ist aber auch eine Ableitung eigener Ich-Schwäche auf eine Organisation, einen Führer. Bettelheim sagt hierzu: „Ein Über-Ich, das persönliche Verantwortung und Entscheidungsfreiheit für einen fordert, kann unangenehme, ja bedrohliche Züge annehmen, da man sich nie völlig sicher sein kann, ob man das Richtige tut. So aber entsteht der Wunsch, daß einem gesagt wird, was man tun soll. Befehlsgehorsam enthebt einen einer inneren Entscheidung, die zu Konflikten führen könnte und später entweder verinnerlichte Schuldgefühle oder aber – in einem totalitären Staat – die reale Gefahr der eigenen Vernichtung nach sich ziehen kann. Wenn wir dagegen lediglich Forderungen erfüllen, die uns von außen auferlegt werd en, können wir uns frei von Schuld und sicher fühlen“ (Bettelheim 1990 a,S.344f.).

Gehorsam als Haupttugend bedingt eine autoritäre Unterwürfigkeit, die sich bedingungslos allen Zielen stellt und diese akurat umsetzt. So war der SS-Mann – auch wenn er nicht von vornherein mit sadistischen Zügen und perversen Ansprüchen in seine Organisation eingetreten war – durch sein regressives Verhalten als Täter zugleich Opfereines totalitären Systems, das ihn ebenfalls seiner Freiheit beraubt hatte. Bettelheim beschreibt die fatale Regressionsleistung in ihrem systemischen Zusammenwirken: der gehorsame Diener Hitlers verkörpert durch die SS und der Häftling, der sich seinem Schicksal ergab und zur Gaskammer trottete, sie beide sind Symbole des totalitären Staates. „Der entlohnte Knecht und der ermordete Häftling – beide hatten ihren freien Willen eingebüßt“ (Bettelheim 1990 a, S. 276). Doch die Folgen waren für beide unterschiedlich.´

Federn gebraucht ein zweites Beispiel: ein junger Raufbold, Trinker, begeisterter Jäger schließt sich einem Rollkommando an, wo er als Soldat auf Befehl rauft, schießt, tötet. Als Mitglied der SS wird er KZ-Wächter. Aber die religiöse Erziehung seiner Kindheit läßt Schuldgefühle in ihm keimen, trotzdem muß er wie aus innerem Zwang weiter schießen und töten. Dann wurde das Schießen auf Menschen verboten, weil man sie vergaste und vergiftete. Er lenkte seine Wünsche um und schoß als Jäger wieder auf Tiere. Als auch das verboten wurde, handelte er das erste Mal gegen den Befehl, wurde ertappt und sollte bestraft werden. Dieser Bestrafung entzog er sich durch Selbstmord. Dieser Psychopath, so Federn, ist ebenso wie das erste Beispiel ein Extrem – zwischen diesen Extremen gibt es Übergänge, die im wesentlichen auf das Gleiche hinauslaufen: „Entweder wird das Verbrechen durch die staatliche Befehlsgewalt erzwungen oder innere, zum Verbrechen führende Instinkte werden durch den Befehl von oben gebilligt oder gedeckt.“ (Federn 1989, S. 68) Hier stellt sich die Frage, ob die Rede vom Befehlsempfänger nicht nur eine Ausrede ist. Sie muß nach Federn notwendig mit einer zweiten Frage ergänzt werden: Ist jeder Mensch tatsächlich imstande zum Gewalttäter zu werden, wenn die Umstände dazu günstig sind?

Bettelheim und Federn beantworten diese Frage unterschiedlich. Während Bettelheim stärker auf die Ich-Seite des Individuums eingeht, und hier hervorhebt, daß dieses eine Ich-Schwäche vorweist, die bewußt bekämpft werden kann, erörtert Federn die Sachlage eher von der klassischen Psychoanalyse her und stellt hier die Triebtheorie in den Mittelpunkt (vgl. Reich 1993a, 1993b). Der nach Freud neben dem Sexualtrieb, Eros, wirkende Todes- oder Aggressionstrieb, Thanatos, behauptet, daß atavistische Triebe einen Teil im Menschen repräsentieren, der für sein Leben notwendig ist, weil er die Gewalt im Inneren ausdrückt, die den Kampf ums Leben als aggressive, bemächtigende, aneignende oder – wenn man in anderer Terminologie spricht – egoistische Kraft bestimmt. Da es sich um einen Trieb handelt, sollte man keinesfalls eine Zuschreibung wie Gut oder Böse benutzen. In der Kultur sind beide Triebe gebremst, beherrscht, soweit dies ohne Schaden möglich ist, durch die Über-Ich-Instanz reguliert,die sich im Laufe der Kindheit herausgebildet hat und in der Pubertät, so Federn, ihre feste Form annimmt. Abweichungen von gellschaftlich oder kulturell anerkannten Normen sind hier möglich, weil jede individuelle Entwicklung anders verläuft. Perversionen, Sadismus und all der Einsatz von Terrormitteln sind ohne eine Erklärung aus Störungen im menschlichen Entwicklungsprozeß der Täter schwer begreiflich. Aber dieses Begreifen bedeutet keine Verurteilung im Schema von Gut und Böse, sondern das Erkennen von Abweichungen im Verhalten. Eine Gesellschaft verfolgt in der Regel solche Abweichungen, was den Druck auf das Über-Ich erhöht. Wenn nun aber der Staat, einen pathologischen Führer an der Macht, dieses duldet, dann werden regressive Anteile in einem Ausmaß freigesetzt, die alle möglichen Sadismen, Perversionen, Fantasien hervorbringen, von denen der triebbeherrschte Mensch nicht einmal zu träumen wagen würde, weil ihn schon seine Traumzensur solcherlei Regression zerstören müßte (vgl. Fischer 1992). Zwar ist Regression auf frühkindliches Verhalten bei Erwachsenen durchaus für kürzere Zeiten normal, aber das Zurückgehen auf das atavistische Verhalten einer kindlichen Phase, die Sadismus noch nicht im Blick auf kulturelle Grenzenbegreift, die damit, so Federn, sich durchaus begrenzt asozial und kriminell auszudrücken vermag, ist als immer wiederkehrende und dauerhaft auftretende Handlung des Erwachsenen als pathologisch anzusehen (vgl. dazu Federn 1969). Regression ist damit kein eigentliches Zurück in die Kindheit, sondern ein symbolisches Schema der Entlastung. Der sich zivilisiert gebende Mensch benötigt dies auch, wenn er in kleineren terroristischen Akten, wie sie beim Boxen, Ringen, aber auch anderen Sportarten wie Fußball auftreten, die „kulturerlaubte Seite des Sadismus“ (Federn 1989, S. 70) zur Schau stellt. Die Ursache solchen Sadismus ist die gleiche wie bei den nur größer freigesetzten Regressionen in wirklichen Terrorsituationen, der Unterschied besteht im Ausmaß der Extremsituation, in der erhöhten Brutalität des äußeren Zwanges, in der verbindlichen Erklärung solcher gesellschaftlicher Regression als Normalität, d.h. in der Umwandlung dessen, was wir als Zivilisation bezeichnen in die reine Barbarei. Solche Regression muß angeleitet werden und findet hier ihre Verbrecher.

„Eine der vielen Methoden, die SS-Leute zu den Gewalttaten zu erziehen, war etwa die folgende: Man läßt eine Kompanie sonntags statt des gewohnten Ausgangs zum Dienst antreten, um Häftlinge bei einer Strafarbeit zu beaufsichtigen. Da bei wird bei der Befehlsangabe gesagt, daß es sich um lauter kriminelle Juden handle, die arische Mädchen vergewaltigt und sich nun auch im Lager starfbar gemacht hätten. Ich meine, jede Kompanie junger Soldaten, empört über die vermeintlichen Verbrecher und noch mehr über den verpatzten Sonntag, hätten in gleicher Weise reagiert wie die SS-Kompanie es in solchen Fällen natürlich tat.“ Federn 1989, S. 70

Die SS-Leute ihrerseits unterlagen der Einsperrung durch Kasernierung, auch sie waren ihrer Freiheit eines Stückes beraubt, was regressive Tendenzen förderte. Dies entschuldigt kein Handeln, denn schon die Maxime der SS, alles zu verschweigen und jede Greueltat prinzipiell abzuleugnen, zeigt das indirekte Eingeständnis von etwas Furchtbaren, das dem Vergessen, Verdrängen, Verleugnen überantwortet wurde,
weil es irgendwo das Ich immer noch mahnte, unmenschlich zu sein.

Im systemischen Zusammenwirken beider Regressionsseiten wird Verständigung dadurch unmöglich gemacht, daß die wechselseitige Behauptung einer Ursachenzuschreibung (der andere ist schlecht etc.) den Blick dafür nimmt, sich selbst als Gefangenen im Banne regressiver Tendenzen zu sehen. In der Interaktion von Täter und Opfer verstärken sich dabei die regressiven Tendenzen: die Eskalation der Gewalt in den Lagern zwingt die Gefangenen in immer mehr regressives Verhalten, die SS in die Behauptung einer „Endlösung“, die sie auf Befehl in pedantischer Kleinlichkeit durchführt. Die Autobiographie des Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höss, und der Prozeß gegen Eichmann zeigen eindringlich dies regressive Verhalten (vgl. Bettelheim 1990 a, S. 266 ff.; Federn 1969).

2. Identifikation

Wenn Regression eine Fluchtmöglichkeit für den Gefangenen ist, sein Leid zu ertragen, dann beschreibt Federn eine zweite, die in der Anpassung liegt. Die hauptsächlichste Form solcher Anpassung ist „die Identifizierung mit demjenigen, der die Leiden verursacht.“ (Federn 1989, S. 71) Dies mag befremdlich erscheinen, ist aber eine in vielen Bereichen beobachtbare menschliche Handlung. So hatte z .B. Anna Freud darauf verwiesen, daß es eine Abwehrbewegung beim Kind gibt, das sich mit einem gefürchteten Wesen, etwa einem Hund, identifiziert, indem es ihn spielt, um seine Angst zu überwinden. Die Menschen muten sich sehr oft Horrorszenarien -etwa in Filmen – zu, um sich damit zugleich über solche Schrecken zu erheben, sie zu distanzieren.

Als Held erscheint nach Federn derjenige, der weder Regression noch Identifikation benötigt, um in seinem Leiden zu bestehen. In einer aktiven Rolle wird er zum Weltverbesserer, in einer passiven Rolle zu dem, der jegliches Leid erträgt.

Die Lagerleitung nutzte die Tendenz zur Anpassung vielfältig aus, indem sie Gefangene als Unteraufseher mißbrauchte und zynisch ausnutzte, ohne daß diese sich über die psychischen Mechanismen klar werden konnten. Federn nennt insbesondere Übertragungszusammenhänge , die hier wirkten. Das Interesse an der gemeinsamen Abwicklung von Aufgaben, etwa der Arbeit der Gefangenen oder der Organisation des Lagers, ließ nicht nur strafende und folternde SS-Männer auftreten, sondern auch solche, die unbewußte Bindungen an die Gefangenen herzustellen wußten, indem sie die gemeinsame Sache, das, was notwendig war nach den Regeln, die sie ja auch nicht gemacht hatten, betonten.

„Diese Identifizierung konnte Demütigungen, peinliche Arbeiten, unangenehme Terroreinwirkungen vermeiden. Der Gefangene ahmt dann seinen Herrn bald nach, macht sich dessen Aufgaben zu den eigenen und wird so zu einem richtigen Werkzeug seines Chefs.“ (Federn 1989, S. 63).

Daraus entsteht eine gegenseitige Beeinflussung, und Federn weiß von älteren Gefangenen zu berichten, die aus jungen SS-Vorgesetzten ernste Männer machten, umgekehrt aber auch von SS-Sadisten, mit denen sich Häftlinge identifizierten und die sie imitierten (ebd., S. 63 f.). Viele Gefangene identifizierten sich mit der Allmacht der SS, wobei die Häftlingshierarchie ihnen eine gewisse Teilhabe an der Macht auf Umwegen bescheren konnte. Wie in einer Art Psychose liehen sich diese Häftlinge Macht durch die Verinnerlichung der SS-Werte aus, was zugleich begrenzt ihre Eigenliebe in einer unsicheren und vorläufigen Form stärkte (vgl. Bettelheim 1989, S. 244). Bettelheim berichtete von Gefangenen, die die SS imitierten, indem sie sich ähnlich zu uniformieren versuchten und typische Verhaltensweisen annahmen. Selbst in ihrer sehr begrenzten Freizeit ahmten sie die SS nach. In Gesprächen mit vielen Gefangenen hatte er herausgefunden, daß nur sehr wenige 1938 überhaupt wollten, daß über die Lager in ausländischen Zeitungen berichtet werden sollte (vgl. ebd., S. 187 ff.). Beinahe alle nichtjüdischen Gefangenen glaubten auch im Lager an die Überlegenheit der deutschen Rasse. Schwächlinge oder für das Lager untaugliche Personen wurden von den Gefangenen meist abgelehnt, weil sie mit Bestrafungen von der SS rechneten, wenn jemand aus ihrer Gruppe auffiel.

Der äußere Zwang setzte sich in einen inneren um: Abweichler wurden im Lager oft genug von der eigenen Gruppe liquidiert. Ein besonders makaberer Scherz wurde mit Neuankömmlingen öfter inszeniert. Da die Sexualnot sehr groß war und viele Potenzängste herrschten, wehrten ältere Gefangene diese Angst dadurch ab, daß sie Neuankömmlingen mitteilten, sie seien kastriert worden. Nach den schrecklichen Erfahrungen der Mißhandlungen auf dem Transport verstärkte dies die Angst bei neuen Gefangenen. Aus der eigenen Angstabwehr heraus erfolgte damit eine Identifikation mit den Drohungen der SS, hier mit einer Kastrationsdrohung.

Oft erließen SS-Leute unsinnige Befehle, wie z.B. die Schuhe innen und außen mit Wasser und Seife zu waschen. Auch wenn die SS daran bald kein Interesse mehr zeigte, so gab es Gefangene, die zwanghaft solche Normen zu erfüllen bestrebt waren und andere beschimpften, wenn sie nicht ihrem Beispiel folgten. Die Lagerorganisation bestärkte solche Tendenzen, da z.B. der Tagesbeginn mit Bettenbau verbracht werden mußte, wobei mit größter Kleinlichkeit die Gefangenen schickaniert und bestraft werden konnten. Dies führte zu einem Kampf aller gegen alle, weil nur derjenige, der sein Bett richtig gemacht bekam, sich waschen konnte, den Morgenkaffee bekam und den Gang zur Latrine schaffte. Angesichts der engen Verhältnisse im Schlafraum war man aufeinander angewiesen, zugleich aber auch aggressiv gegeneinander, weil der innere Druck kaum Geduld entwickeln ließ. So führte der innere Zwang letztlich oft zu einem Verhalten, daß die SS von den Gefangenen erwartete. Die Menschen verhielten sich chaotisch, undiszipliniert und aggressiv. Die SS fühlte sich in ihrem Bewußtsein hierdurch bestärkt, ohne zu begreifen, daß die Organisation des Lagers und ihr Verhalten Ursache für das Verhalten der Gefangenen waren. Die einseitige Konstruktion von Wirklichkeit in den Köpfen der Wächter führte dazu, daß die unmenschlichen Prophezeiungen ihres Führers sich erfüllten. Nur sehr organisierten Abteilungen – vor allem den politischen Gefangenen – konnte es gelingen, den gnadenlosen Kampf aller gegen alle abzuschwächen.

Nach Federn gab es drei Großmächte in den Lagern: die Homosexualität, das Geld und das politische Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die Homosexualität teilte sich unter die auf, die ohnehin homosexuell waren und andere, für die die Homosexualität ein Ersatz für fehlende Heterosexualität war. Da diese Abweichung streng bestraft wurde, war sie gefährlich. Sie fand aber ihre Korrespondenz in der SS, die in Teilen auch homosexuell war. Federn beschreibt, daß es für hübsche Jungens meist leichter war, ihren Willen zu erreichen, aber auch gefährlich werden konnte, wenn sie an einen Sadisten gerieten. Meist kam es eher zum Flirt und zu erotischen Fantasien, als tatsächlich zu einer regelmäßigen Befriedigung. Die Identifikation mit jemandem, dem auch eine erotische Zuneigung entgegengebracht werden konnte, war ein großer Wunsch eines jeden Gefangenen. Diejenigen, die „nur“ onanierten waren durch dieVorstellung gepeinigt, ihre Potenz einzubüßen und
dann nie wieder erotische Nähe erfahren zu können.

Das Geld, oder das Tauschen im allgemeinen Sinne, bedingte in den Lagern Korruption, wie sie bei eigentlich jeder Gewaltherrschaft anzutreffen ist. Die Identifikationsleistungen wurden hier darauf gerichtet, daß für Dienste im Rahmen der Hierarchie Geschenke üblich waren, die als Freundschaftsdienste deklariert wurden, in Wahrheit jedoch Korruption darstellten.

Politische Grundsätze konnten helfen, Regressionen zu verhindern und Anpassungen kollektiv zu bewältigen. Federns eigenes Überleben hing hiervon ab. Bettelheim hingegen beklagte, daß solche Identifikationen teilweise Übererwartungen an die eigene Macht nach Überstehen des Lagers auslösen konnten, wie sie z.B. für Funktionäre in der späteren DDR zu beobachten waren. Solche Menschen meinten, alles besser als andere zu wissen, und die Erfahrung ihres Überlebens nährte den Zweifel an allen anderen Blickrichtungen. Die eigene KZ-Erfahrung wird dadurch wiederholt, daß sie anderen Menschen die Einsperrung zumuteten, die sie selbst erfahren hatten, indem sie nun behaupteten, daß es auf das richtige, d.h. ausschließlich ihr Weltbild ankomme. So ließ Bettelheims Besuch in Israel Assoziationen zu Einsperrung bei ihm aufkommen. Er setzte sich mit dem Kibbuz auseinander, aber nicht mit den Palästinenserlagern.

Die Identifikationen, die von den Häftlingen erwartet und durch sie selbst aufgrund innerer Zwänge entwickelt und differenziert wurden, waren nur die eine Seite, die keineswegs auf Vorgesetzte traf, die autonom und ichstark agieren konnten. Die Identifikationen, die in der SS verlangt wurden, waren durch starke autoritäre Unterwürfigkeit, durch Anpassung und Abwehr eigener Schwächen von autoritärer Aggression charakterisiert (vgl. Adorno 1973). Das totalitä¬re System bedingt eine strikte hierarchische Ordnung. Das Über-Ich-System, das jeder aus seinem Elternhaus kennt, wird durch politische Über-Ich-Surrogate des Systems ersetzt. Der Führer, Polizei, Lehrer bzw. hier die SS funktionieren dann als Über-Ich-Surrogat, wobei das ursprüngliche Anerkennungsmuster aus der Kindheit nun auf diese neuen Autoritäten übertragen wird. Bettelheim (1990 a, S. 344 f.) leitet hieraus ab, daß die Konformität, die von der SS in besonderem Maße wie von jedem Bürger oder auch den Häftlingen verlangt wurde, hierauf zurückgeht. Nur weil die Nazis die Gewaltmittel in den Händen hielten, konnten sie im Lager ihre Macht, die selbst in einer Unterwerfung unter Führertum und strikte Hierarchie bestand, ausleben. Die Abwehr gegen die eigene Ohnmacht bei gleichzeitiger Entlastung des Schuldgefühls führte ihrerseits zu Grausamkeiten, die systemisch eskalierten: im Wechselspiel von Täter und Opfer war auf der Fremdzwangseite immer die Ursache der Gewalt- und Machtanwendung zu erkennen, im Bild des inneren Zwanges aber entfaltete sie ihre eigene Dynamik, was sich auf die äußeren Zwangsmaßnahmen stabilisierend oder eskalierend auswirkte. Letztlich folgte die Identifikation mit dem Aggressor der gleichen Regression, die dieser in seinem Über-Ich aufrichten und verleugnen mußte.

3. Projektion

Opfer wie Täter übten sich ständig in Zuschreibungen, indem sie die andere Seite nach einem einfachen – stereotypen – Muster als dumm, unfähig, roh, ungehemmt, einer niederen Rasse zugehörig, sexuellen Perversionen ergeben, kriminell und dergleichen mehr bezeichneten. Diese Schwarz-Weiß-Malerei hielt der Wirklichkeit zwar nie stand, wenn man sich – wie Bettelheim und Federn – genauer hinzuschauen traute, aber sie diente als Feindbild dazu, die eigene Abwehr in der äußeren und inneren Zwangssituation aufrecht erhalten zu können, weil nur darauf sich eine sichere Prognose wagen ließ, wie die andere Seite reagieren müßte. Für die Häftlinge war dies sehr schwierig, weil jede Individualisierung der SS die Berechenbarkeit der Reaktionen erschwerte und imaginierte Pläne zunichte machen konnte. Aus der Abwehr heraus wurde die stereotype Zuschreibung damit zu einer Projektion eigener Wünsche: sich einen SS-Mann auszumalen, der auf der Basis der eigenen Denkweise doch anerkennen müßte, daß der Gefangene eigentlich auch Deutscher, Soldat, vaterlandsliebend und dergleichen mehr gewesen sei, vielleicht sogar selbst nationalsozialistisch eingestellt. Der SS-Mann jedoch benötigt – individuell unterschiedlich – eigene Abwehrmechanismen, um die Situation zu bewältigen. Seine stereotype Zuschreibung führt ihn dazu, insbesondere Juden als verschlagen, verlogen, faul usw. anzusehen, so daß alle Argumente a priori in einem anderen Licht erscheinen. Er fürchtet sich nicht vor dem einzelnen Juden, aber vor dem Stereotyp des Juden, in das eigene unerwünschte Neigungen projiziert und durch die Verfolgung zugleich abgewehrt werden (vgl. Bettelheim 1989, S. 244 ff.). Der Jude erwies sich hierzu als besonders geeignet, da er als Feind innerhalb der eigenen Gesellschaftsstruktur lebte, die Bedrohung also ständig spürbar projiziert werden konnte.

Wenn diese beiden Sichtweisen aufeinandertrafen, dann waren die SS-Leute aufgrund ihrer Macht und Gewalt fast immer die Sieger. Dies führte die Opfer dazu, ihnen zwar in der Regel eine moralische und intellektuelle Unterlegenheit zuzuschreiben, aber gleichwohl eine Überlegenheit zuzugestehen: Unmenschlichkeit und verschwörerische Allmacht. Bettelheim berührt einen der schwierigsten Punkte in der Analyse der Lager, wenn er aus dieser Situation ableitet, daß die Gefangenen hier auch eigene unerwünschte Motive und Eigenschaften auf ihre Gegner projizierten. Dies verhinderte, „den SS-Mann als eine wirkliche Person zu sehen. Sie zwang dazu, die SS nur als Alter ego des reinen Übels zu sehen.“ (Ebd., S. 243) Bettelheims Erfahrungen, die allerdings nicht die eines reinen Vernichtungslagers waren, zeigten hingegen, daß es zwar gefährliche und grausame SS-Leute gab, daß aber viele nur töteten oder grausam waren, wenn es ihnen befohlen wurde oder wenn sie glaubten, daß die Vorgesetzten dies von ihnen erwarteten.

Die Projektion der Häftlinge führte zu einem Vermeidungsverhalten, das viele das Leben gekostet hat. Entweder war ihre Angst so groß vor der SS, daß sie Aufgaben nicht richtig erfüllten oder sich nicht meldeten, wenn sie gerufen wurden, was regelmäßig drastische Strafen nach sich zog. Oder sie waren den Tod vor Augen nicht mehr in der Lage, einen letzten Widerstand zu zeigen, weil die Allmacht des Gegners in der eigenen Vorstellung dies verhinderte (vgl. ebd., S.243).

Federn, der sieben Jahre im KZ überlebte, bestätigt eine solche Sicht. Sie läßt sich im Blick auf dieProjektivität nach vielen Seiten hin differenzieren, einige wollen wir zur Verdeutlichung herausgreifen:

a) Sexualität: „Sexualattentate“, so sagt Federn, konnten ständig von der SS ausgehen, aber meistens waren die Drohungen stärker als die Taten. Im projektiven Bereich spielt die Sexualität deshalb eine so große Rolle, weil sie – als eigener Sexualtrieb gespürt – gleichzeitig der Bearbeitung des Über-Ichs unterliegt. Abweichungen, die als eigener Impuls (unbewußt) erlebt werden können, führen zu besonderer Strenge im Verurteilen des vermeintlich Perversen bzw. zu Zuschreibungen, die ein Verhalten wie z.B. das Onanieren als pervers erscheinen lassen. Wohin aber sollten die Gefangenen mit ihrer Sexualnot? Sie mußten unausweichlich in das Konstrukt der Perversion geraten, weil ihre eigenen Ängste vor Impotenz oder vor Aufgabe des Sexualtriebes, der als wichtiger verbleibender eigener Lebensbestandteil empfunden wurde, sie dahin trieb, sich immer wieder in ihrer verbliebenen Potenz zu testen.

b) Abwehr des Subjektiven, Fantasievollen, Spontanen: Regression und Identifikation waren darauf ausgelegt, die Individualität in ihren eigensten Spielarten, der Besonderheit des Subjektiven als Unterscheidungsmerkmal, des Fantasievollen als Hoffnungsträger und Wunschdifferenzierer und des Spontanen als Suche momentaner Erfüllung zu verhindern. Die Terrormittel dienten dazu, die Gedanken auf elementarste Bedürfnisse zu reduzieren und die Selbstachtung zu beschränken, wenn nicht zu zerstören. Projektionen konnten dies in der Form des Wachtraumes angreifen, aber dies fiel auch den geschulten Psychoanalytikern schwer. Bettelheim zog hieraus die ernüchternde Erkenntnis, daß die Psychoanalyse nicht taugte, ihm zum Überleben zu helfen. Federn ist vorsichtiger, weil er diese Hilfe so ausschließlich von der Theorie offenbar gar nicht erwartete. Sie ist ihm ein Beobachtungsinstrument, um besser und mehr zu verstehen, aber keine Erklärungstheorie für alles. Die SS-Wachen benutzten ihre Uniformierung, die Monotonie des Hitlergrußes, die Konstruktion bestimmter Tagesabläufe als Quasi-Gesetze, um Subjektivität, Fantasie und Spontanietät auszuschließen. Die Selbstachtung der SS konnte sich damit auf das vermeintlich höhere Ziel des Staates und seinerIdeologie projizieren, das Ich von Entscheidungen, die mit Schuldgefühlen verbunden waren, entlasten.

c) Destruktivität und Zynismus: Die „Endlösung“ war die größte projektive Fantasie der Nazis, der Einsatz der zu ermordenden Gefangenen bei ihrer eigenen Beseitigung der größte Zynismus. Die projektive Ableitung auf Sündenböcke versucht den Blick auf das eigene Ich zu verdrängen, umzulenken, die Energien in Destruktion abzuführen. Mittels der Identifikation wurden diese Mechanismen Teil etlicher Gefangener selbst, die in ihrer Rolle anderen Gefangenen gegenüber ebenfalls schlimmen Terror ausübten, um letztlich als Mitwisser, wie Bettelheim mehrfach beschreibt, dann mit als erste von der SS beseitigt zu werden. Auch hier bestätigt sich gerade für die SS der systemische Zirkel: sie erwarteten Verräter, sie bekamen Verräter, sie ließen Verräter als erste sterben. Aber sie wollten nicht sehen, daß ihr System solche menschlichen Abgründe zynisch produzierte und damit -wie Federn schlußfolgert – die aggressive Seite des eigenen Trieblebens nicht zum Überlebenskampf, sondern zur bloßen Destruktion nutzte.

d) Machtdenken und „Kraftmeierei“: Machtdenken war für die SS als Abwehrhaltung gegen jegliche Infragestellung dessen, was sie tun, unabweisbar. Kraftmeierei, die sich durch Anbrüllen, Rumschnauzen, körperliche Kraft- und Kampfbeweise usw. ausdrückte, war der meist laute Selbstüberzeugungs versuch, der bisweilen vielleicht gegen das eigene – übriggebliebene – schlechte Gewissen anschrie. Solche Abwehr wurde in der Identifikation von vielen Gefangenen übernommen. Dies ging sogar so weit, daß einige Gefangene, wie Bettelheim beschreibt, Kampfspiele der SS imitierten, obwohl sie körperlich viel zu geschwächt waren. Die Selbstbehauptung in einem Lager, das ständig zu Aggressionen reizte, dessen Tagesablauf Konflikte unvermeidbar werden ließ, forderte eine Abwehr nach dem Muster einer Projizierung männlicher Stärke und Kampfeskraft als letzten Ausdruck eigener Ichbewältigung geradezu heraus. Es konnte SS-Leute in immer übersteigertere Beweise ihrer Kraf t führen, was S adismus und Perversion eskalieren ließ, für die Gefangenen war meist eine Grenze durch körperliche Erschöpfung gegeben.

e) Aberglaube und Stereotypie: Gerüchte waren in den Lagern immer wieder vorhanden, um sich irgendwelche Verbesserungen zu imaginieren. Wo neue Häftlinge noch an Befreiung dachten, da freuten sich die älteren über Kleinigkeiten des Alltags und gaben hierauf mehr als auf alles andere. Eine Abwehr gegen die Unwirklichkeit des Lagers waren unwirkliche Wachträuume und ein abergläubisches Verhalten, von dem sich etliche Häftlinge Glück erhofften, weil die Planbarkeit des Glücks durch bloß vernünftiges Handeln nicht immer gewährleistet war. Neben dem Aberglauben diente die Stereotypie der Zuschreibung, wie wir sie oben schon erwähnten, vor allem dazu, eine gedachte Konstanz in die Handlungen des Gegners zu bringen: SS-Offiziere verhalten sich immer so, daß… oder Juden sind immer so, daß… – dies waren die Schlußfolgerungen auf beiden Seiten, die ein Handeln auf der Basis von Tatsachen meistens ausschlossen, weil sonst der gedachte Handlungszusammenhang fraglich werden würde und Handlungen immer planloser erscheinen müßten. Auf diese Art der Abwehr geht Bettelheim sehr ausführlich ein.

Der größte Aberglaube der SS war die Hoffnung auf den „Endsieg“, die sterotyp als Formel immer mehr beschworen wurde, je mehr das „Reich“ dem Ende zuging. Wie eine religiöse Heilslehre suchte die Führerideologie alle Projektionen auf unwirkliche Ziele zu konzentrieren, und die, die der grausamen Verwirklichung am nächsten waren, konnten am wenigsten von der Unwirklichkeit, der Undurchführbarkeit des Rassenwahns erkennen.

Die Notwendigkeit weiterer Forschung

Weder für Bettelheim noch für Federn sind Extremsituationnen oder Orte des Terrors Vergangenheit oder auf die Nazizeit beschränkt. Eine Psychologie des Extremen oder des Terrors berührt zwar nur die psychologische Seite – und gewiß zu wenig soziale, politische, ökonomische und weitere untersuchenswerte Aspekte -,aber gibt gerade hier schon genügend Erklärungsmaterial her, um besser zu verstehen, warum und wie und mit welchen psychischen Folgen solche Geschehnisse sich auf der individuellen Ebene ereignen. Bettelheim folgert hier aus, daß nur eine Erziehung zu mehr Ich-Autonomie die Individuen soweit stärken kann, daß Extremsituationen durch gemeinsamen Widerstand von vielen gar nicht erst stattfinden mögen. Federn legt den Akzent auf den Umstand, daß vor allem das Wissen um die eigenen atavistischen Triebe uns veranlassen müßte, unsere Kulturleistungen genauer zu erkennen, zu bemerken, daß hier nicht bloß dunkle Mächte wüten, sondern psychische und soziale Bedingungen immer notwendige Voraussetzungen solchen Geschehens sind.

Es wird die Aufgabe der ihnen nachfolgenden Generation sein müssen, solche Ereignisse weltweit auf der Basis ihrer Erkenntnisse, ihrer Blickwinkel und Beschreibungen, nachzuvollziehen, zu ergänzen und fortzuführen. Es ist eines der großen Versäumnisse in der Psychologie und angrenzender Nachbardisziplinen, daß dies bisher zu wenig geleistet wurde, daß immer noch von den Pionieren das erwartet wird, was jetzt die Aufgabe ihrer Schüler sein müßte. Darin markiert sich wohl bei dem heiklen Thema unsere Abwehr vor den Schrecken der Extremsituationen und des Terrors, die wir mittels Nachrichten als in der Ferne diagnostizieren, obwohl gegenwärtig Menschen betroffen sind und wir schneller betroffen sein könnten, als wir eben noch in der Abwehr dachten.

Dieser Beitrag wurde 1993 in dem von Roland Kaufhold herausgegebenen psychosozial – Themenschwerpunktheft: Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik: Bruno Bettelheim, Rudolf Ekstein, Ernst Federn und Siegfried Bernfeld publiziert: psychosozial Heft 53 (Nr. 1/1993); er wurde von R. Kaufhold für diese haGalil-Veröffentlichung durchgesehen. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Psychosozial-Verlages, Prof. Dr. Hans-Jürgen Wirth.

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  1. Federn zählte sich damals zu den Trotzkisten. Er gehört bis heute zu den Psychoanalytikern, die mögliche Verbindungen von Marx und Freud nicht in Abrede stellen. Demgegenüber ist Bettelheim viel stärker auf die Individualisierung von gesellschaftlichen Phänomenen fixiert, was sich insbesondere in seiner negativen Beurteilung der Anti-Vietnamkriegsdemonstration und seinem Unverständnis gegenüber der „Studentenbewegung“ der 60er Jahre ausdrückte. Die gesellschaftskritische Seite wird in diesem Artikel, der sich an die Publikationen von Bettelheim und Federn hält, nicht näher entfaltet, obwohl sie impliziert in den Verhältnissen eingeschlossen ist. Die psychoanalytische Betrachtung reduziert sich auf psycho-logische Gesichtspunkte, die nicht als ausschließlicher Betrachtungsmaßstab mißverstanden werden dürfen. []

Ein Kommentar zu “Zur Psychologie extremer Situationen bei Bettelheim und Federn

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