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Die verlorene Freiheit

Pessach. Judentum ist Existenzialismus. Judentum ist gelebtes Gesetz, gelebte Kultur, gelebte Geschichte und in jeder Generation neu und anders zu verstehen…

Von Yves Kugelmann
Editorial Tachles, Nr. 12 v. 26.03.2010

Judentum ist Deutung, Interpretation, Judentum ist nicht buchstabengetreue Auslegung. Daher wandelt und erfindet sich die jüdische Gemeinschaft stets neu, während die Konstanten bleiben. Die Pessachgeschichte war immer auch Orientierungspunkt in der Gegenwart und durchaus relevant. Denn die Kernpunkte Erziehung, Erfahrung, Armut, Leid und Hoffnung bis hin zur Befreiung sind aktueller denn je.

Knechtschaft. «Die absolute Herrschaft des Gesetzes ist nicht die Freiheit, aber die absolute Willkür ebensowenig. Auch das Chaos ist eine Knechtschaft. Ohne Gesetz keine Freiheit. Wenn das Geschick nicht orientiert ist, wenn der Zufall König ist, dann befindet man sich auf dem Wege in die Dunkelheit, die furchtbare Freiheit des Blinden.» Was Albert Camus in «Der Mensch in der Revolte» formuliert, könnte eine prägnante Pointierung der Pessachgeschichte und zugleich Essenz der jüdischen Erfahrung der letzten Jahrhunderte sein.

Befreiung. Der Auszug aus Ägypten, die Begründung einer Gemeinschaft, die Etablierung von Rechtsnormen und sittlicher Ordnung gipfelt in den zehn Geboten. Diese vollenden eine Mythengeschichte, die letztlich auch Grundlage der Aufklärung, der religions- und kulturübergreifenden Ordnung ist. Die Aufklärung wiederum bildet die Grundlage dafür, dass Jüdinnen und Juden in Freiheit und Sicherheit leben können. Sie bildet jene Basis, die allen Bürgerinnen und Bürgern in Rechtsstaaten zuteil wird. Daher muss das Primat gelten, dass Rechtsstaatlichkeit, demokratische Strukturen, Verfassungen und internationales Recht gestärkt werden müssen, ganzheitlich und nicht punktuell vom jeweiligen Standpunkt aus. Dies bewirkt die Freiheit, welche nicht Willkür, Anarchie oder Chaos, sondern die geschützte Freiheit meint, die die Freiheit nicht verhindert oder eine Hierachie der Freiheiten formuliert. Eine Freiheit, mit der Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften erst lernen müssen, umzugehen. Deutlich wird dies etwa an Debatten über Minarette und Religionsfreiheit, über Migration in Europa, über den Islam oder eben auch über die Frage der Gleichberechtigung in Israel und den Umgang mit besetzten Gebieten.

Freiheit. Die jüdische Geschichte oder eher die Geschichte der Juden ist eine Geschichte der Suche nach Freiheit. Freiheit im Wirken und Denken, Freiheit innerhalb der Gesellschaft, Freiheit oft auch von göttlichen Vorgaben. Judentum ist Existenzialismus, Judentum ist mehr diesseits als jenseits, mehr menschbezogen als transzendenzverloren. Judentum und die jüdische Dialektik wurzeln im Diesseits, oft mit trans­zendalem Objekt. Die Hoffnung auf die Zukunft, auf das Jenseits oder den Messias war vor allem eine solche in schlechten Zeiten. Die Erlösung war nie Programm, sondern Möglichkeit. Und deshalb ist die Freiheit im Hier und Jetzt jüdische Lebenserfüllung wider jede von aussen aufgezwungene oder selbstverschuldete Knechtschaft.

Unfreiheit. Pessach erzählt die Geschichte von der Suche nach Freiheit, von den Israeliten, die sich aufmachten auf der Suche nach Freiheit. Die erreichte Freiheit allerdings ist getränkt in Blut und gezeichnet von Leid und Ausgrenzung, und sie droht durch die selbstverschuldete Unfreiheit nach Erlangen der Freiheit verloren zu gehen.

Existenzialismus. Der Sinn ist der Mensch selbst und seine Geschichte. Der Glaube ist Möglichkeit. Ganz so, wie Moses sich wider Gott hat von den Menschen und den Problemen der Menschen leiten lassen. Das Land Kanaan hat er nie erreicht, aber die Menschen und ihre Freiheit. Das ist jüdischer Existenzialismus.