- haGalil - http://www.hagalil.com -

Martin Luther und die Juden – aus jüdischer Perspektive

In Ergänzung eines früheren Beitrags, in dem ich die Berücksichtigung des Verhältnisses des Reformators Martin Luther zu den Juden in deutschen Nachschlagewerken untersucht habe, soll heute der jüdische Historiker Heinrich Graetz (1817-1891) zu Wort kommen…

Von Robert Schlickewitz

Der angesehene Geschichtsschreiber hat zuletzt in seiner „Volkstümliche(n) Geschichte der Juden“ (1888-1891) zu Luther Stellung genommen und darin ein Bild des Konfessionsstifters gezeichnet, das man auch unter Anlegung heutiger Maßstäbe als gerecht bezeichnen muss.

So geht Graetz auf den besonderen Charakter Luthers („eine kräftige, derbe, eigensinnige und leidenschaftlich erregte Natur, die mit Zähigkeit an ihren Überzeugungen und Irrtümern festhielt…“) ebenso ein, wie auf die Zeitumstände („Es ist noch immer die mittelalterliche Logik…“). Ferner räumt er gleichwie entschuldigend ein, dass der Reformator eben nicht in einer Weltstadt residierte, dementsprechend sich nicht auf höchstem Niveau informieren und austauschen konnte, sondern die ‚tiefste deutsche Provinz‘ zu seinem Umfeld gewählt hatte – mit all den daraus resultierenden Konsequenzen („Luther dagegen, der in einer Krähwinkelstadt lebte und in ein enges Gehäuse eingesponnen war, lieh jedem Klatsch gegen die Juden sein volles Ohr…“).

Graetz beschreibt zunächst, sich mehrfach auf Zitate des Reformators stützend und bekannte Fakten aufzählend, die frühe, judenfreundliche Periode Luthers. Er erwähnt dabei dessen Hebräischkenntnisse, er hebt die Nützlichkeit der Lutherschen Übersetzung der Bibel hervor und er bringt die Wirksamkeit der Reformation auch jenseits der deutschen Grenzen zur Sprache. Die judenfeindliche spätere Phase im Leben des Reformators begründet Graetz mit ganz ähnlichen Argumenten wie die moderne Geschichtswissenschaft. Dass hier auch sehr offene Kritik zum Ausdruck kommt, darf man diesem Gelehrten des 19. Jahrhunderts nicht übel nehmen – belegt er doch anhand anschaulicher und einleuchtender Beispiele aus der Haltung oder den Worten Luthers den Juden gegenüber seine Aussagen.

Bei der Nennung von Luthers Antijudenschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gibt Graetz die Jahreszahl 1542 an. Heute geht man davon aus, dass der Reformator sie erst ein Jahr später verfasste.

Graetzens abschließendes Urteil über Luther muss, Art und Fülle der aufgezählten Argumente lassen keine andere Wahl, vernichtend ausfallen; er stellt den Reformator in eine Reihe mit den prominenten anderen Antijudaisten seiner Zeit, mit den Dominikanern, mit Johannes Eck und mit Jakob von Hochstraten, Angehörigen der alten Kirche also. In manchen seiner Feststellungen hält er Luther sogar für gefährlicher als diese.

Von allergrößtem Interesse sind die Aussagen des jüdischen Historikers zum verhängnisvollen (posthumen) Nach- und Weiterwirken des Lutherschen Antijudaismus, aber auch der erneute Vergleich zwischen katholischem und protestantischem Judenhass. Die hierbei sich ergebenden Nuancen zeugen von der hohen Aufmerksamkeit, die Graetz diesem speziellen Thema beimaß.

In den unten wiedergegebenen Passagen der „Volkstümliche(n) Geschichte der Juden“ fallen die Namen einer Reihe von Vorläufern, Gefährten, Gegenspielern und bedeutenden Zeitgenossen Luthers, wobei der Historiker die Kenntnis um deren Eigenschaft bzw. Funktion ganz offensichtlich voraussetzt. Um dem modernen Leser, der nicht die vollständige Lutherbiografie im Kopf hat, die Lektüre zu vereinfachen, stelle ich den reproduzierten Textpassagen Graetzens nähere Informationen zu diesem Personenkreis voran. Informationen, die aus der modernen christlichen und jüdischen Literatur stammen.

Der deutsche Humanist Johannes Reuchlin (1455-1522) war zunächst als Advokat tätig, ehe er 1502 zum Richter gewählt wurde; Reuchlin, der die hebräische Sprache erlernt hatte und in der Kabbala unterwiesen worden war, veröffentlichte 1506 das einführende Sprachwerk „Vorschule des Hebräischen“. In die Polemik um die Verurteilung und Verfolgung des Talmuds und anderer jüdischer Schriften hineingezogen, weigerte er sich im Sinne der Feinde der Juden mitzuwirken und verteidigte seinen Standpunkt entschlossen. Dafür der Ketzerei beschuldigt und angeklagt, sprach ihn ein bischöfliches Gericht frei. Als Jurist setzte sich Reuchlin daraufhin weiter für jüdische Belange ein, während er gleichzeitig an den Universitäten Ingolstadt und Tübingen Hebräisch lehrte.1520 schließlich, als die Wirren der Reformation einen ihrer Höhepunkte erreichten, ließ Papst Leo X. Reuchlin und dessen Schriften doch noch verurteilen. 

Als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und zugleich König von Spanien legte Karl V. (1500-1558) Juden gegenüber keine einheitliche Haltung an den Tag. Einerseits hielt er an der Verbannung der Juden aus Spanien und der Aufrechterhaltung der Inquisition dort fest, andererseits gewährte er Juden in den Territorien des Heiligen Römischen Reiches Schutz, bestätigte er den Angehörigen der Minderheit 1530 die ihnen anlässlich seiner Krönung gewährten Privilegien und fand unter ihm der erste öffentliche christlich-jüdische Disput statt, bei dem Religionsfragen erörtert wurden. Ferner räumte Karl den Juden 1544 beim Reichstag zu Speyer relativ liberale Vorrechte ein – wenn auch gegen Zahlung von 3000 Rheinischen (Gold-) Gulden. Wegen seiner unerschütterlichen Haltung, auch in Zusammenhang mit den antijudaistischen Anwürfen Luthers und seitens von dessen Gefolgsleuten, bezeichnete der prominente jüdische Zeitgenosse Josel von Rosheim Karl V. als einen „Verteidigungsengel“ der Juden.

Der angesehene Sprecher der deutschen Juden Josel von Rosheim (1478-1554) war zunächst im Elsaß zum „Vorsteher und Leiter“ gewählt worden, ehe er allmählich in die Rolle des Interessensvertreters aller Juden im Reich hineinwuchs. Sowohl Herrscher als auch Obrigkeiten brachten ihm bald Anerkennung und Respekt gegenüber, da sie seine Eigenschaft als verlässlichen und bei der Minderheit über beträchtlichen Einfluss verfügenden Verhandlungspartner schätzen gelernt hatten. Nachdem Kaiser Karl V. Josel 1520 ein Privileg für ganz Deutschland verliehen hatte, gelang es dem Sprecher der Minderheit darüber hinaus eine, ebenfalls für das gesamte deutsche Territorium Gültigkeit besitzende, Judenordnung durchzusetzen. 1539 verteidigte Josel von Rosheim die deutschen Juden gegen die hasserfüllten Anwürfe Martin Luthers sowie Martin Bucers. Seinem segensreichen Wirken ist ferner die Abschaffung der diskriminierenden Leibzölle für Juden (1541) ebenso wie die Aufhebung des Zwangs zum Tragen der Judenabzeichen und die Abwehr der kurz bevorstehenden Vertreibung der Juden aus Böhmen zu verdanken.

Herzog Johann Friedrich (der „Großmütige“; 1503-1554) von Sachsen stand den Evangelischen schon sehr früh nahe und hilfreich zur Seite; der als phlegmatisch und als leidenschaftlicher Jäger sowie Trinker beschriebene Angehörige des deutschen Hochadels nahm Kaiser Karl V. gegenüber eine  wenig kooperative Stellung ein und wurde daher von diesem als Rebell geächtet, auf dem Schlachtfeld geschlagen und schließlich gefangen genommen. Die deutschen Protestanten erklärten Johann Friedrich später zu ihrem Helden und Märtyrer. 

Der humanistische Reformer, Prediger, Theologieprofessor, Mystiker und Herausgeber der frühesten Luthersammelausgabe (1518), Wolfgang Fabricius Capito (eigentl. Koepfel; 1478-1541) hatte bei Johann Eck studiert, gehörte dem Kreis um Erasmus an und zählte zu den frühen Anhängern Luthers. Er war der Ansicht, dass Christen mit Juden freundschaftlicher umgehen sollten und lebte diese angestrebte Verständigung über Religionsgrenzen hinweg persönlich vor. Nicht nur verband ihn eine als eng zu bezeichnende Freundschaft mit Josel von Rosheim, er setzte sich darüber hinaus noch mehrfach für die Belange der Minderheit ein. Capitos schriftliche Arbeiten umfassen u.a. Kommentare zu Hoseas und Habakuk sowie eine Einführung zu Sebastian Muensters „Hebräischen Psalmen“ und zwei hebräische Grammatiken. 

Der in Bayern lehrende Professor Johannes Eck (eigentl. Johannes Maier aus Egg im Allgäu;1484-1543) darf mit Fug und Recht als einer der Pioniere und Protagonisten des christlichen (katholischen) deutschen Antijudaismaus der frühen Neuzeit bezeichnet werden. Sein schädlicher Einfluss färbte nicht nur auf Luther und dessen Gefährten ab, sondern er wirkt noch bis in die Gegenwart nach. Die Bedeutung dieses minderheitenfeindlichen (auch gegen Sinti richtete er seine Tiraden) Theologen und eifernden Parteigängers der römischen Kirche für weltweiten Judenhass wurde erst in letzter Zeit in ihrem vollen Umfang erkannt. Der erklärte Gegenspieler Luthers trat bereits zwei Jahre bevor der Reformator seine judenfeindliche Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ veröffentlichte, mit einem ganz ähnlichen Pamphlet hervor. „Ains Judenbüechleins verlegung darin ain Christ ganzer Christenheit zu schmach will es geschehe den juden unrecht in bezichtigung der Christen kinder mordt. Hierin findst auch vil histori was übels und büeberey die Juden in allen teutschen land und andern Künigreichen gestift haben“ lautet der überlange Titel dieses Machwerks des Jahres 1541, in dem Eck Ritualmord, Hostienschändung und Brunnenvergiftung durch Juden wissenschaftlich zu untermauern versucht. Er gilt damit als einer der „Ahnherren“ der Losung von der „Weltverschwörung des Judentums“. U.a. bediente sich noch 1934 das NS-Antijudenmagazin „Der Stürmer“ seiner Behauptungen und Argumente.

Angesehene, christliche, deutsche Nachschlagewerke, selbst noch solche des 21. Jahrhunderts, sind nicht willens, ehrlich über Eck zu informieren. Eine unkritisch idealisierende, allein auf christliche Gesichtspunkte ausgerichtete, rein positive Einschätzung ist vielmehr hier die Regel.

Johannes Joseph Pfefferkorn hieß ein jüdischer Metzger und Kleinkrimineller, der aus Mähren an den Rhein gekommen war, wo er mit seiner Familie zum Christentum übertrat. Erfüllt vom Hass gegenüber seinen früheren Glaubensgenossen unterstellte er sich dem Kölner Dominikanerorden, der ihn in seinem Kampf gegen das Judentum instrumentalisierte. Höchstwahrscheinlich unter tatkräftiger (intellektueller) Mitwirkung seiner klösterlichen Gönner verfasste Pfefferkorn ab 1507 eine Reihe antijüdischer Schriften („Judenbeichte“, „Judenfeind“, etc.), in denen er die Konfiszierung des Talmud, einen allgemeinen Zwang für Juden Bekehrungspredigten beizuwohnen und Ähnliches verlangte. Als Unterstützerin des wüst polemisierenden Konvertiten trat bald noch die als fanatische Judenhasserin bekannte Herzogin Kunigunde von Bayern in Erscheinung. Gemeinsam mit den Dominikanern erreichte sie, dass Pfefferkorn beim Kaiser vorgelassen wurde und somit an höchster Stelle seine Forderungen vorbringen, erfolgreich vorbringen, konnte. Als daraufhin prominente Christen für die Juden eintraten, veranlasste der verunsicherte Kaiser die Bildung einer Untersuchungskommission. Dieser gehörten Kurfürst Uriel von Mainz, Jakob Hochstraten, Johannes Reuchlin sowie weitere Kapazitäten an. Die sich nun entfaltende Kontroverse wurde vor allem von Pfefferkorn und Reuchlin bestritten und gehört zu den bedeutendsten ihrer Art, da hier reaktionäre und liberale Kräfte innerhalb der Kirche mündlich wie schriftlich Argumente auf relativ hohem Niveau austauschten. Das Interesse an diesem Streit blieb nicht auf die Kirche beschränkt – so wurde er u. a. auch von Erasmus von Rotterdam verfolgt und kommentiert. 1513 beendete der Kaiser zwar die zum Selbstläufer gewordene Debatte offiziell – sie setzte sich jedoch am päpstlichen Hof weiter fort und Papst Leo X. verfügte noch im gleichen Jahr die Abhaltung eines Kirchentribunals in Speyer. Das hierbei verkündete Urteil begünstigte Reuchlin, vermochte aber nicht den Streit zu beenden. 1520 entschied schließlich der Papst endgültig gegen Reuchlin. In der Geschichtswissenschaft wird heute die Ansicht vertreten, dass die ganze Angelegenheit dem Ansehen der Kirche beträchtlichen Schaden zufügte und dass es wohl kein Zufall war, dass Martin Luther gerade zu jener Zeit, als die Auseinandersetzung zwischen Pfefferkorn und Reuchlin ihren Höhepunkt erreicht hatte, seine Thesen verkündete (1517).

Die Dominikaner sind ein Orden, der 1215 unter Papst Innozenz III. gegründet wurde und sich der Missionierung besonders der Ketzer verschrieb. Vor allem in Deutschland fand jener geistlich-kirchliche Drang zur religiösen Gleichmacherei besonderen Anklang – in kürzester Zeit war der bürgerlich-städtische Konvent deutschlandweit vertreten. Papst Gregor IX. übertrug den Dominikanern, die für ihre Zuverlässigkeit, ihre Gründlichkeit und ihre Gnadenlosigkeit bekannt waren, 1232 die Inquisition. Der Orden wurde damit zum Hauptverkünder und -vollstrecker von Inquisitionsurteilen (i.d.R. Tod durch Verbrennen), ferner zum Ausrichter von „Religionsgesprächen“ (christliche Polemiken gegen Juden mit für Juden häufig tödlichen Folgen), von Zwangstaufen und Talmudverbrennungen. Dominikanerpater verfassten übrigens auch den  berüchtigten „Hexenhammer“, der für das Leid von Hunderttausenden Unschuldiger verantwortlich war. Beim sog. Reuchlinstreit vertraten die Kölner Dominikaner gemeinsam mit dem Konvertiten Pfefferkorn die päpstliche Linie auf wenig rühmliche Weise.

In späteren Zeiten sollten sich zwischen Juden und Dominikanern auch freundlichere Episoden einstellen, wenngleich keine allzu bedeutenden. An Judenfeindlichkeit wurde (und wird) der Orden, der ab dem 16. und 17. Jahrhundert Einfluss an die Jesuiten abgeben musste, durch diese noch übertroffen.

Erfreulicherweise hat der Dominikanerorden inzwischen, zumindest offiziell, seine Missionstätigkeit gegenüber Juden eingestellt und bemüht sich um eine freundlichere Haltung gegenüber dem Staat Israel. Hintergrund hierfür dürfte u.a. der nicht unbedeutende Gebäude- und Grundstücksbesitz (Bestlagen) des Ordens in Jerusalem sein.

Bedauerlicherweise ist auch im Falle der Dominikaner die christliche deutsche Historiografie nicht in der Lage über ihren Schatten zu springen: Die judenfeindliche Vergangenheit des Ordens wird, selbst in den allerneuesten der herangezogenen Nachschlagewerke, feige unterschlagen.

Der als „Genosse“ Luthers bezeichnete Andreas Rudolf Karlstadt (1480-1541) war Theologe, Archediakon in Wittenberg, Professor und Doktorvater Luthers. Unter dessen Einfluss stehend veröffentlichte er 1517 seine 151 Thesen zur Theologie des Augustinus. Bei der Leipziger Disputation von 1519 trat er als Opponent Johannes Ecks in Erscheinung. Mit einer seiner späteren Schriften löste Karlstadt den Bildersturm aus, in den Luther, inzwischen zu seinem Gegner geworden, eingriff. Nach der Verbannung aus Sachsen, sowie erneutem Schlagabtausch mit Luther, verlor er an Einfluss, auch weil er als zu radikal empfunden wurde.

Ebenfalls als zeitweiliger Weggefährte Luthers galt Thomas Mün(t)zer. Dieser Theologe und Revolutionär (1486 oder 1489 oder 1499-1525) wirkte zunächst als Lehrer und Geistlicher, ehe er sich dem Reformator anschloss. Da er jedoch den taboristischen Schwärmern zuneigte, kennzeichnete sein Verhältnis gegenüber Luther zunehmend Entfremdung. Nach Angriffen auf die Obrigkeit (1521) verlor er sein kirchliches Amt und wurde ausgewiesen. Ein ähnliches Schicksal war ihm wenig später auch bei den Böhmischen Brüdern in Prag beschieden, was ihn veranlasste, sich Karlstadt in Wittenberg anzuschließen. Jedoch machte er sich dieses Umfeld bald ebenfalls zum Feind und sah sich gezwungen erneut zu flüchten. Als Anführer im Bauernkrieg in Thüringen wurde er gefangen genommen, gefoltert und mit dem Schwert hingerichtet. Sowohl die Propaganda des Nationalsozialismus als auch die sozialistische Geschichtschreibung der DDR feierten Mün(t)zer als Integrationsfigur.

Der Theologe Jakob von Hochstraten (eigentl. Hoogstraeten; 1460-1527) wurde 1510 Prior des Kölner Dominikanerklosters, während er zugleich als akademischer Lehrer an der Kölner Universität wirkte. Die „heilige“ Inquisition empfand er als eine Notwendigkeit und dementsprechend fanatisch verfocht er sie mit unnachsichtiger Härte. Schon früh trat er als theologischer Gegner Luthers in Erscheinung – ebenso wie als der Reuchlins – im nach diesem benannten Streit. Hochstraten beschuldigte Reuchlin der Häresie und strengte in Rom einen Prozess gegen ihn an (1516). Selbst noch als er diese juristische Auseinandersetzung schmachvoll verlor (und für deren Kosten aufkommen musste), setzte er seinen persönlichen Feldzug gegen Juden und deren Verteidiger fort. Als Verfasser der Schrift „Vernichtung der Kabbala“ (1519) erschrieb sich der Dominikanermönch einen ganz besonderen ‚Ehrenplatz‘ in den Annalen des christlichen Antijudaismus. Hochstraten wurde u.a. vom Kreis um den Humanisten Ulrich von Hutten auch schriftlich („Dunkelmännerbriefe“) angegriffen und gehörig verspottet.

Über den „Kirchenvater“, Theologen und Klostergründer Hieronymus (um 397-419 oder 420) liest man in christlichen Nachschlagewerken und Abhandlungen ausschließlich Vorteilhaftes. – Unberechtigterweise. Denn, trotz seiner zahlreichen Kontakte zu jüdischen Gelehrten, trotz seines Wissens um rabbinische Überlieferungen, trotz seiner Hebräischkenntnisse, beschrieb er das Judentum zumeist negativ und abwertend. Hieronymus verweigerte ferner Juden mit der Begründung, sie seien nicht belehrbar, die schiere Existenz und er bekämpfte Judenchristen sowie judaisierende Tendenzen im Christentum. Mehr noch, der Schmähbegriff von des „Satans Synagoge“, der noch im 20. Jahrhundert von übelsten Antisemiten im Munde geführt, zu Massenmord und Deportation führte, geht auf niemand anderen als auf ihn zurück.

Von den um das unbefleckte Ansehen ihrer Religion so besorgten Christen wird er bis in die Gegenwart kritiklos als vorbildlicher und tadelfreier „Kirchenvater“ verehrt und gefeiert, wird sein folgenreiches, judenfeindliches Wirken selbst in der modernsten einschlägigen Fachliteratur weitgehend totgeschwiegen.

Heinrich Graetz, Volkstümliche Geschichte der Juden in drei Bänden, Leipzig 1889, Band 3:

 „… Als das Interesse an dem Reuchlin’schen Streit lauer zu werden anfing, tauchte eine andere Bewegung in Deutschland auf, welche das fortsetzte, was jener angebahnt hatte, die festen Säulen des Papsttums und der katholischen Kirche bis auf den Grund zu erschüttern und eine Neugestaltung Europa’s vorzubereiten. Die so weittragende Reformation hatte erst durch den ursprünglich sich um den Talmud drehenden Streit einen günstigen Luftzug vorgefunden, ohne welchen sie weder hätte entstehen, noch wachsen können. Aber die reformatorische Bewegung, welche in kurzer Zeit eine weltgeschichtlich wirkende Macht wurde, aus winzigen Anfängen entstanden, bedurfte eines kräftigen Rückhaltes, wenn sie nicht im Keim erstickt werden sollte. Martin Luther, eine kräftige, derbe, eigensinnige und leidenschaftlich erregte Natur, die mit Zähigkeit an ihren Überzeugungen und Irrtümern festhielt, gab ihr diesen Rückhalt. Der willensstarke Luther wurde durch den Widerspruch allmählich zu der Überzeugung geführt, daß der jedesmalige Papst, und dann noch weiter, daß das Papsttum überhaupt nicht unfehlbar sei, und daß der Glaubensgrund nicht der päpstliche Wille, sondern das Schriftwerk sei.“ (S.212)

„Schon lagen die Verhältnisse derart, daß jeder Luftzug den Brand nur noch mehr begünstigte. Luther hatte auf dem Reichstage zu Worms Standhaftigkeit und Mut erlangt und durch ein Festigkeit verratendes Wort den Bruch mit dem Papsttum vollendet. Obwohl der Kaiser Karl, durch eigenen stockkirchlichen Sinn und von Finsterlingen belagert und ermahnt, geneigt war, den Reformator als Ketzer dem Scheiterhaufen zu überliefern, so ließ er ihn doch aus politischer Berechnung, den Papst dadurch in Händen zu haben, ungefährdet abziehen und erklärte ihn erst später in die Reichsacht. Indessen war Luther bereits auf seinem Patmos, der Wartburg, verborgen und geborgen. Während er hier in der Stille an einer deutschen Übersetzung der Bibel arbeitete, wurde im Wittenbergischen von den reformatorischen Heißspornen alle kirchliche Ordnung umgestoßen, der Gottesdienst in den Kirchen verändert, Messe und Priesterornamente abgeschafft, die Mönchsgelübde aufgehoben und Priesterehen eingeführt – d. h., die Priester erklärten ihre bisherigen heimlichen Konkubinen öffentlich als ihre Gattinnen. Die Gemüter waren für die Reformation vorbereitet. Sie faßte daher in Norddeutschland, Dänemark, und Schweden feste Wurzel, drang in Preußen, Polen und andererseits in Frankreich und sogar in Spanien ein, in das Land düsterer, dumpfer Kirchlichkeit und blutdürstiger Verfolgungssucht.“ (S. 214)

„Für die Juden hatte Luther’s Reformation anfangs nur eine geringe Wirkung. Indem sich Katholiken und Neuerer namentlich in Deutschland in jeder Stadt in den Haaren lagen, hatten sie keine Muße zu Judenverfolgungen, es trat daher hier eine kleine Pause ein. Luther selbst, dessen Stimme bereits mächtiger als die der Fürsten klang, nahm sich ihrer anfangs an und strafte die vielfachen Beschuldigungen gegen sie Lügen. In seiner derben und innigen Weise äußerte er sich gleich anfangs darüber: ‚Diese Wut (gegen Juden) verteidigen noch einige sehr abgeschmackte Theologen und reden ihr das Wort, indem sie aus großem Hochmut daher plaudern: die Juden wären den Christen Knechte und dem Kaiser unterworfen. Ich bitte Euch darum, sagt mir: wer wird zu unserer Religion übertreten, wenn es auch der allersanftmütigste und geduldigste Mensch wäre, wenn er sieht, daß sie so grausam und feindselig und nicht allein nicht christlich, sondern mehr als viehisch von uns traktiert werden?‘

In einer eigenen Schrift, deren Titel schon die verbissenen Judenfeinde stutzig zu machen geeignet war: ‚Daß Jesus ein geborener Jude gewesen‘ (1523), sprach sich Luther noch derber gegen den unvertilgbaren Judenhaß aus: ‚Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophisten und Mönche, haben bisher also mit den Juden verfahren, daß wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögen  ein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre, und hätte solche Tölpel und Knebel den Christenglauben regieren und lehren gesehen, so wäre ich eher eine Sau geworden als ein Christ. Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen, haben nichts mehr thun können, als sie schelten. Sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn; darum, wenn man sich des Blutes und Fleisches rühmen soll, so gehören die Juden Christo mehr an, denn wir. Ich bitte daher meine lieben Papisten, wenn sie müde geworden, mich Ketzer zu schimpfen, daß sie nun anfangen, mich einen Juden zu schelten.‘ ‚Darum wäre mein Rat‘, so fährt Luther fort, ‚daß man säuberlich mit ihnen (den Juden) umgehe; aber nun wir mit Gewalt sie treiben und gehen mit Lügenteiding um und geben ihnen schuld, sie müßten Christenblut haben, daß sie nicht stinken und weiß nicht, was des Narrenkrams mehr ist, – auch daß man ihnen verbietet, unter uns zu arbeiten, hantieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu wuchern treibt, wie sollen sie zu uns kommen? Will man ihnen helfen, so muß man nicht des Papstes, sondern der christlichen Liebe Gesetz an ihnen üben und sie freundlich annehmen, mit lassen werben und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein.‘ Das war ein Wort, wie es die Juden seit einem Jahrtausend nicht gehört hatten. Man kann darin Reuchlin’s milde Verwendung für sie nicht verkennen.

Manche heißblütige Juden sahen in der Auflehnung der Lutheraner gegen das Papsttum den Untergang der Jesuslehre überhaupt und den Triumph des Judentums. Drei gelehrte Juden kamen zu Luther, um ihn für das Judentum zu gewinnen. Schwärmerische Gemüter unter den Juden knüpften gar an diesen unerwarteten Umschwung und namentlich an die Erschütterungen, welche das Papsttum und der abgöttische Reliquien- und Bilderdienst erfahren, die kühnsten Hoffnungen von dem baldigen Untergange Roms und dem Herannahen der messianischen Zeit der Erlösung. – Mehr als der jüdische Stamm gewann die jüdische Lehre durch die Reformation. Bis dahin wenig beachtet, kam sie in der ersten Zeit der Reformation gewissermaßen in Mode.“ (S. 214-216)

„Wenige Jahre vorher galt den Vertretern der Kirche die Kenntnis des Hebräischen als Luxus oder gar als ein verderbliches Übel, an Ketzerei auftreifend; durch die Reformation dagegen wurde es in die notwendigen Fächer der Gottesgelehrtheit eingereiht. Luther selbst lernte hebräisch, um gründlicher in den Sinn der Bibel eindringen zu können.“ (S. 217)

„Durch die Reuchlinische und Lutherische Bewegung kam auch die so lange vernachlässigte Bibelkenntnis einigermaßen in Schwung.“ (S. 219) 

„Selbst Geistliche fanden sich nicht heimisch darin, weil sie sie nur  aus der lateinischen Sprache der Vulgata kannten, und diese den Grundgedanken der biblischen Wahrheit durch Unverstand und Verkehrtheit verwischt hatte. Es war daher eine wichtige That, als Luther in seiner Einsamkeit auf der Wartburg die Bibel, das alte und neue Testament, in die deutsche Sprache übersetzte. Luther mußte dazu, wie schon angegeben, etwas Hebräisch lernen und Juden um Auskunft fragen. Es war den damals Lebenden, als wenn das Gottesbuch erst neu geoffenbart worden wäre; diese reine Stimme hatten sie noch nicht vernommen. Ein frischer Hauch strömte den Menschen daraus entgegen, als die Wälle entfernt waren, welche diese Lebenslust des Geistes so lange abgesperrt hatten.“ (S. 219)

„Die reformatorische Bewegung in Deutschland hatte auch in Spanien einen Wiederhall gefunden. Luther’s und Calvin’s Lehre von der Verwerflichkeit des Papsttums, der Priesterschaft und des Ceremoniendienstes war durch die Verbindung Spaniens mit Deutschland infolge der Personal-Union des Kaisers Karl auch über die Pyrenäen gedrungen. Der Kaiser, dem die Reformation in Deutschland so viel zu schaffen machte, gab dem heiligen Offizium die Weisung, streng gegen die lutherisch Gesinnten in Spanien zu verfahren. Dem blutdürstigen Ungetüme war die ihm zugewiesene Beute willkommen, und fortan ließ es eine Art Gleichheit gegen Juden, Mohammedaner und lutherische Christen eintreten. Jedes Auto da Fé verkohlte in gleicher Weise die Märtyrer der drei verschiedenen Religionsbekenntnisse.“ (S. 227)

„Die Reformation hatte, wie jede weitwirkende Neugestaltung in der Geschichte, großes Elend in ihrem Gefolge, und von diesem hatten die Juden am empfindlichsten zu leiden. Man kann aus dieser Zeit ein Jahrbuch der Judenverfolgung anlegen und für fast jedes Jahr Ausweisung, Quälereien und Pein eintragen. Joselin von Roßheim, welcher bei jeder einer Gemeinde zugefügten Unbill zur Abhilfe angerufen wurde, hat den Leidensstand der selben Jahr für Jahr aufgezeichnet, und zwar aus den deutschen Landen, dessen er Zeuge war. Dieses martyrologische Verzeichnis ließe sich von Vorgängen  in außerdeutschen Landen vermehren.  Indessen hatte sich die Zeit für die Juden doch in so fern gebessert, daß nicht mehr, wie bisher, Morde in Masse vorkamen, sondern nur einfach und gemüthlich Ausweisungen, Hinausjagen ins Elend. Nur Anklagen wegen Kindermords hat die neue Zeit von der alten herübergenommen.“ (S. 272)

„Luther selbst, der sich bei seinem ersten Auftreten so warm der Juden angenommen hatte, wurde allmählich ihr bitterer Feind. Er hatte sich der Täuschung hingegeben, daß  in Folge des von ihm gelehrten  reinen Glaubens die Juden in großen Massen sich dazu bekennen würden. Da er sie aber verstockt fand, d.h. treu der Lehre ihrer Väter, so erwachte in ihm sein mönchischer Fanatismus gegen sie. Als der Herzog Johann der Weise von Sachsen wegen Vergehungen einiger jüdischer Wichte die Juden aus seinem Lande verjagen und es für alle Zeit ihnen verschließen wollte (1537), war der unermüdliche Joselin voll Eifers, diesen Schlag von seinen Glaubensgenossen abzuwenden. Er ließ sich Empfehlungsschreiben geben von den zur Reformation bekehrten Geistlichen Wolf Capito an Luther und von dem Magistrat von Straßburg an den Herzog. Capito hatte Luther warm an´s Herz gelegt, mit der evangelischen Milde und Feindesliebe sich der Juden anzunehmen. Aber dieser ließ nicht einmal Joselin vor sich kommen, sondern fertigte ihn mit einer lieblosen Antwort ab: Obzwar er sich für die Juden bei Fürsten und Herrn verwendet  hat, haben diese sich undankbar gezeigt, sich nicht einmal zum Christentum bekehren zu wollen. Darum sollten sie durch seine Wohlthat nicht noch mehr in ihrem Irrtum bestärkt werden.“ (S. 273)

„Die fanatischen katholischen Geistlichen und namentlich der Bischof von Eichstätt sahen diese Wendung mit Unwillen, daß die Juden, statt verabscheut und verfolgt zu werden, in dieser Schrift verherrlicht worden sind, und sie beeilten sich, den Eindruck zu verwischen. Doktor Johann Eck, berüchtigen Andenkens aus der Reformationsgeschichte, ein Schützling des Bischofs von Eichstätt, erhielt den Auftrag, eine Gegenschrift zu verfassen, die Blutbeschuldigung zu beweisen und die Juden zu verlästern. Dieser juristische Theologe  mit der Breitschultrigkeit eines Metzgerknechtes, der Stimme eines Aufrührers und der Disputiersucht eines Sophisten, der durch seine Eitelkeit und Trinksucht die katholische Kirche, die er gegen die Lutheraner verteidigen wollte, erst recht in Mißachtung gebracht hatte, dieser gewissenlose Streithahn übernahm gern den Auftrag, den Juden Fußtritte zu versetzen. Er verfaßte (1541) eine judenfeindliche Gegenschrift gegen das Judenbüchlein, worin er sich anheischig machte, zu beweisen, ‚was Übles einer Büberei die Juden in allen deutschen Landen und anderen Königreichen gestiftet haben.‘ Alle von getauften Juden gegen sie vorgebrachten Beschuldigungen wärmte er wieder auf; Alles was gefolterte Juden bekannt haben, namentlich  die  erlogenen Geschichten von Trient und Regensburg, stoppelte er zusammen.

Es überschreitet aber das Maß aller Nachsicht mit der Eigenart einer ausgeprägten Persönlichkeit, wenn Luther sich ebenfalls in Lieblosigkeit gegen die Juden erging, wie man sie nur von ‚Judenbrennzern‘ gewöhnt war. ‚Was klagen die Juden über harte Gefangenschaft bei uns‘, heißt es bei ihm, ‚wir Christen sind beinah 300 Jahre lang von ihnen gemartert und verfolgt, daß wir wohl klagen möchten, sie hätten uns Christen gefangen und getötet. Dazu wissen wir noch heutigen Tages nicht, welcher Teufel sie in unser Land gebracht hat‘ (als wenn nicht Juden vor den Germanen in einigen jetzt zu Deutschland zählenden Landstrichen gewohnt hätten). ‚Wir haben sie zu Jerusalem nicht geholt; zudem hält sie auch Niemand. Land und Straßen stehen ihnen jetzt offen, mögen sie ziehen in ihr Land, wir wollen gern Geschenke dazu geben, wenn wir  sie los werden; denn sie sind uns eine schwere Last, wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück.‘  Wie Pfefferkorn und Eck teilte Luther mit Schadenfreude mit, wie die Juden öfter mit Gewalt vertrieben worden, ‚aus Frankreich und neulich vom lieben Kaiser Karl aus Spanien (verworrene Geschichtskenntnis) dieses Jahr aus der ganzen böhmischen Krone, da sie doch zu Prag der besten Nester eins hatten, auch aus Regensburg, Magdeburg und mehreren Orten bei meinen Lebzeiten.‘

Ohne Blick für die Duldergröße der Juden in der allerfeindseligsten Umgebung und unbelehrt von der Geschichte, wiederholte Luther nur die lügenhaften Anschuldigungen des rachsüchtigen Pfefferkorn, dessen Lügenhaftigkeit und Verworfenheit der Humanistenkreis so handgreiflich bewiesen hatte. Diesem Erzjudenfeind schrieb er nach: daß der Talmud und die Rabbiner lehrten: Gojim d. h. Christen töten, ihnen den Eid brechen, sie bestehlen und berauben sei nicht Sünde und daß die Juden an nichts anderes dächten, als die christliche Religion zu schwächen. Es ist ganz unbegreiflich von Luther, der in seinem ersten reformatorischen Aufflammen sich so kräftig der Juden angenommen hatte, daß er all die lügenhaften Märchen gegen sie von Brunnenvergiftung, Christenkindermord und Benutzung von Menschenblut wiederholen konnte. Übereinstimmend mit seinem Antipoden Eck behauptete auch er die Juden hätten es zu gut in Deutschland und daher stamme ihr Übermut.

‚Was soll nun diesem verworfenen, verdammten Volke, das gar nicht mehr zu dulden sei, geschehen?‘ fragte Luther, und erteilte auch eine Antwort darauf, die von ebensoviel Unklugheit, wie Lieblosigkeit zeugt. Fürs erste, riet der Reformator von Wittenberg, sollte man die Synagogen der Juden einäschern und ‚solches soll man thun unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren.‘

Dann sollten die Christen deren Häuser zerrstören und sie etwa unter ein Dach oder in einen Stall wie die Zigeuner treiben. Alle Gebetbücher und Talmudexemplare, ja selbst die heilige Schrift alten Testamentes sollte man ihnen mit Gewalt nehmen (gerade wie es Luther´s Gegner, die Dominikaner geraten hatten),  und selbst das Beten und Aussprechen  des göttlichen Namens sein ihnen bei Verlust des Leibes und Lebens verboten. Ihren Rabbinen sollte das Lehren untersagt werden. Die Obrigkeit sollte den Juden überhaupt das Reisen verbieten und die Straßen verlegen; sie müßten zu Hause bleiben. Luther riet, den Juden ihre Barschaft abzunehmen, damit einen Schatz anzulegen und davon diejenigen Juden zu unterstützen, die sich zum Christentum bekehren würden. Die starken Juden und Jüdinnen sollte die Obrigkeit zum Frondienste zwingen, sie streng anhalten, Flegel, Axt, Spaten, Rocken und Spindel zu handhaben, damit sie ihr Brot im Schweiß des Angesichts verdienen und nicht in Faulenzerei, in Festen und Pomp verzehren. Eck war unverschämt genug, aus dem alten Testamente selbst den blutdürstigen Charakter der Juden  zu beweisen. Mit seiner Zungendrescherei und seiner falschen Gelehrsamkeit behauptete er steif und fest: das die Juden Christenkinder verstümmelten und deren Blut gebrauchten, damit ihre Priester zu weihen, die Geburt ihrer Weiber zu fördern,  Krankheiten zu heilen, und daß sie Hostien schändeten. Mit Entrüstung rief er aus: ‚es sei ein großer  Mangel bei uns Christen, daß wir die Juden zu frei halten, ihnen viel Schutz und Sicherheit gewähren‘.

Er meinte damit die von Kaiser Karl erneuerten Schutzbriefe – wahrscheinlich durch Joselins Vermittlung – in denen er sie  von Schuld des Christenblutgebrauches freigesprochen hat.

Erstaunlich ist es aber, daß Luther, der Stifter eines neuen Bekenntnisses, der Kämpfer gegen veraltete Vorurteile, mit seinem Totfeinde, dem Doktor Eck, welcher ähnliche Verlogenheit mit derselben Unverschämtheit gegen ihn vorgebracht hatte, in betreff der Juden vollständig übereinstimmte. Die beiden leidenschaftlichen Gegner waren im Judenhasse ein Herz und eine Seele. Luther war im zunehmenden Alter sehr verbittert worden. Durch seinen Eigensinn und seine Rechthaberei hatte er im eigenen Kreise vieles verdorben, die Eintracht mit den Gesinnungsgenossen gestört und eine dauernde Spaltung im eigenen Lager geschaffen. Seine derbe Natur hatte immer mehr das Übergewicht  über seine sanfte Religiosität und Demut erlangt. Seine mönchische Beschränktheit konnte das Judentum mit seinen nicht den Glauben, sondern die Versittlichung und Veredelung der Menschen erzielenden Gesetzen gar nicht begreifen, und er geriet in förmliche Wut, wenn sich seine Genossen (Karlstadt, Münzer) darauf beriefen, z.B. auf das Jubeljahr zur Befreiung der Sklaven und Leibeigenen. Nun war ihm gar eine Schrift zugekommen, worin das Judentum gegen das Christentum in einem Dialoge gehoben wurde, wahrscheinlich von einem christlichen Verfasser. Das war zu viel für ihn. Das Judentum sollte sich erdreisten, sich mit dem Christentum messen zu wollen! Flugs ging Luther daran, eine so leidenschaftliche giftige Schrift: ‚Von den Juden und ihren Lügen‘ (1542) zu verfassen, welche Pfefferkorn´s und Doktor Eck´s Gehässigkeiten noch übertraf.

Luther bemerkte im Eingange: er habe sich zwar vorgenommen, nichts mehr, weder von den Juden, noch wider sie zu schreiben, aber weil er erfahren, daß  ‚die elenden heillosen Leute‘ sich unterfingen, Christen an sich zu locken, wollte er diese warnen, sich nicht von ihnen narren zu lassen. Seine Beweisführung für die Wahrheit des Christentums gegen die Leugnung von Jesu Messianität  seitens der Juden ist ganz im mönchischen Geschmack gehalten. Weil die Christen ihnen über ein Jahrtausend alle Menschenrechte geraubt, sie getreten, zerfleischt und niedergemetzelt haben, mit einem Worte, weil sie durch die Lieblosigkeit der Christen im Elende sind, darum müßten sie verworfen und der Heiland der Welt muß erschienen sein. Es ist noch immer die mittelalterliche Logik. Die Christen sollten keine schwache Barmherzigkeit für die Juden haben. Dem Kaiser und den Fürsten redete Luther zu Herzen, sie mögen die Juden ohne weiteres aus dem Lande jagen, sie in ihr Vaterland zurücktreiben. In der Voraussetzung aber, daß die Fürsten nicht eine solche Thorheit begehen würden, ermahnte er die Pfarrer und Volkslehrer, ihre Gemeinden mit giftigem Hasse gegen die Juden zu erfüllen. Wenn er Gewalt über die Juden hätte, bemerkte er, würde er ihre Gelehrten und Besten versammeln und ihnen mit der Androhung, ‚ihre Zungen hinten am Halse herauszuschneiden, den Beweis auflegen, daß das Christentum nicht einen einzigen Gott, sondern drei Götter lehre.‘

Luther hetzte geradezu die Raubritter gegen die Juden. Er habe gehört, daß ein reicher Jude mit zwölf Pferden durch Deutschland reise. Wenn nun die Fürsten ihm und seinen Glaubensgenossen nicht die Straße verlegen wollten, so möge sich Reiterei wider sie sammeln, da die Christen aus seinem Büchlein erfahren konnten, wie verworfen das jüdische Volk sei.

Noch kurz vor seinem Ende ermahnte er seine Zuhörer in einer Predigt, die Juden zu vertreiben. ‚Über das andere habt ihr auch die Juden im Lande, die großen Schaden thun. Wenn sie uns könnten alle töten, so thäten sie es gerne und thun es auch oft, sonderlich die sich vor Ärzte  ausgeben – so können sie auch die Arznei, die man in Deutschland kann, da man  einem Gift beibringt, davon er in einer Stunde, – ja in zehn oder zwanzig Jahren sterben muß, die Kunst können sie. – Das habe ich als ein Landkind euch nur wollen sagen zur Letzten. Wollen sich die Juden nicht bekehren, so sollen wir sie auch bei uns nicht dulden, noch leiden.‘

So hatten denn die Juden an dem Reformator und Regenerator Deutschlands einen fast noch schlimmeren Feind als an den Dominikanern, an den Hochstratens und Ecks, jedenfalls einen schlimmeren als an den Päpsten bis zur Mitte des Jahrhunderts. Auf die Worte jener Wichte, die als sophistisch und verlogen bekannt waren,  hörten wenige, während Luthers lieblose Aussprüche gegen sie von den Christen neuen Bekenntnisses wie Orakel angesehen und später nur allzu genau befolgt wurden. Wie der Kirchenvater Hieronymus die katholische Welt mit seinem unverhüllt ausgesprochenen Judenhasse angesteckt hat, so vergiftete Luther mit seinem judenfeindlichen Testamente die protestantische Welt auf lange Zeit hinaus. Ja, die protestantischen Kreise wurden fast noch gehässiger  gegen die Juden, als  die katholischen. Die Stimmführer des Katholicismus verlangten von ihnen lediglich Unterwerfung unter die kanonischen Gesetze, gestatteten ihnen aber unter dieser Bedingung den Aufenthalt in den katholischen Ländern. Luther aber verlangte ihre vollständige Ausweisung. Die Päpste ermahnten öfter, die Synagogen zu schonen; der Stifter der Reformation dagegen drang auf deren Entweihung und Zerstörung.  Ihm war es vorbehalten, die Juden auf eine Linie mit den Zigeunern zu stellen. Das kam daher, daß die Päpste auf der Höhe des Lebens standen und in der Weltstadt Rom residierten, wo die Fäden von den Vorgängen der vier Erdteile zusammenliefen.  Daher hatten sie kein Auge für kleinliche Verhältnisse und ließen die Juden meistens wegen ihrer Winzigkeit unbeachtet.  Luther dagegen, der in einer Krähwinkelstadt lebte und in ein enges Gehäuse eingesponnen war, lieh jedem Klatsch gegen die Juden sein volles Ohr, beurteilte sie  mit dem Maßstabe des Pfahlbürgertums und rechnete ihnen jeden Heller nach, den sie verdienten. Er trug also die Schuld daran, daß die protestantischen Fürsten sie bald aus ihren Gebieten verwiesen. In den römisch-katholischen Staaten waren lediglich die Dominikaner ihre Todfeinde.“ (S. 276-281)

Hervorhebungen (Sperrdruck): Heinrich Graetz

Literatur:

F. Battenberg, Das Europäische Zeitalter der Juden, Darmstadt 1990, Bd. 1, S. 170, 180-184
W. Benz, Die Protokolle der Weisen von Zion, München 2007, S. 51f
„Capito (Koepfel), Wolfgang Fabricius“, in: Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971
„Capito, Wolfgang“, in: Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, 2. Aufl., München 1973 und Augsburg 1995
„Charles V.“, in: Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971
G. Czermak, Christen gegen Juden, Frankfurt am Main 1991, S. 31
Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit, Band 1, Tradition und Aufklärung, (Hg.) Michael A. Meyer u. Michael Brenner, München 1996, S. 66, 74f
„Dominicans“, in: Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971
„Dominikaner“, in: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006
„Dominikaner“, in: Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, (Hg.) G. Taddey, Stuttgart 1998
„Dominikaner“, in: Neues Lexikon des Judentums“, (Hg.) Julius H. Schoeps, Gütersloh/München 1998
A. Dülmen, Deutsche Geschichte in Daten, Band 1, Von den Anfängen bis 1770, München 1979, S. 151
 „Eck, Johannes“, in: U. Sautter, Biographisches Lexikon zur deutschen Geschichte, München 2002
„Eck, Johannes“, in: Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, 2. Aufl., München 1973 und Augsburg 1995
„Eck, Johannes“, in: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006
„Eck, Johannes“, in: Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, (Hg.) G. Taddey, Stuttgart 1998
„Gemmingen v., Uriel“, in: Neue Deutsche Biographie, Berlin 1964
„Hieronymus“, in: Neues Lexikon des Judentums“, (Hg.) Julius H. Schoeps, Gütersloh/München 1998
„Hieronymus, Eusebius Sophronius“, in: Encyclopaedia Judaica, Berlin 1931
„Hieronymus, Eusebius Sophronius“, in: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006
„Hoogstraeten, Jakob von/van“, in: Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, (Hg.) G. Taddey, Stuttgart 1998
„Hoogstraten, Jacob“, in: Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971
„Hoogstraten, Jacob van“, in: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006
„Hoogstraten, Jacob van“, in: Jüdisches Lexikon, Berlin 1927
„Hoogstraten, Jakob“, in: Encyclopaedia Judaica, Berlin 1931
„Johann Friedrich der Großmütige“, in: Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, 2. Aufl., München 1973 und Augsburg 1995
„Josel von Rosheim“, in: Neues Lexikon des Judentums“, (Hg.) Julius H. Schoeps, Gütersloh/München 1998
„Karlstadt, Andreas Rudolf“, in: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006
„Karlstadt, Andreas Rudolf“, in: Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, (Hg.) G. Taddey, Stuttgart 1998
Th. Kaufmann, Martin Luther, München 2006, S. 22, 51f.
„Kirchenväter“, in: Jüdisches Lexikon, Berlin 1927
„Mün(t)zer, Thomas“, in: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006
„Mün(t)zer, Thomas“, in: Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, (Hg.) G. Taddey, Stuttgart 1998
„Pfefferkorn, Johannes“, in: Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971
„Pfefferkorn, Johann Joseph“, in: Jüdisches Lexikon, Berlin 1927
„Pfefferkorn, Johannes“, in: Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, (Hg.) G. Taddey, Stuttgart 1998
„Reuchlin, Johannes“, in: Neues Lexikon des Judentums“, (Hg.) Julius H. Schoeps, Gütersloh/München 1998
F. Seibt, Karl V., Berlin 1990