„Christen“ und Christen in Ungarn

Ein Vortrag über das Erstarken der national-sozialistischen Jobbik-Partei bringt mich dazu, auch ihr Wochenmagazin „Barikad“ zu lesen…

Von Karl Pfeifer

Jubilierend berichteten sie Abend, dass der Fastenvortrag von Rabbiner Rivon Krygier in der Pariser Kathedrale Notre-Dame – wie die katholische Tageszeitung La Croix berichtet – von einer Gruppe von „Traditionalisten“ gestört wurde. Die vom Holocaust leugnenden Bischof Richard Williamson angeführte Piusbruderschaft lobte „den Glauben und den Mut“ der Störer, denn die Kathedrale von Paris sei „weder eine Synagoge noch ein Freimaurertempel“.

Doch der Vortrag fand statt und viele Katholiken entschuldigten sich für diese Störung, wie La Croix berichtet.

In Ungarn weht leider ein anderer Wind, dort konnte „Barikad“ mit einem Titelblatt erscheinen, das die Statue des katholischen Heiligen St. Gellert am Gellertberg in Budapest zeigt. Doch anstatt das Kreuz hebt dieser eine Menora hoch. Die Erklärung prangt auch am Titelblatt: “Budapest, erwache! Ist es das, was ihr wollt?”. Mit einer derartigen Fotomontage will Jobbik die Budapester aufhetzen und ein drohende jüdische Herrschaft an die Wand malen.

Die ungarische katholische Kirche schweigt dazu, wie sie auch zu anderen Hasspredigten solcher „Christen“ schweigt. Wenn es darum geht Wahlempfehlungen abzugeben, sind ihre Würdenträger nicht so schweigsam.

Das ist natürlich nicht die einzige antisemitische Publikation von Jobbik. In der nördlich von Budapest gelegenen Kleinstadt Szentendre befindet sich im Schaukasten* von Jobbik krude antisemitische Hetze, da wird sogar Viktor Orbán, der Vorsitzende der völkischen Fideszpartei angegriffen, weil er einen Rabbiner getroffen hat.

Ein Einwohner von Szentendre hat den dafür verantwortlichen Parlamentskandidaten von Jobbik Dr. András Filó bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Diese muss auf die Anzeige binnen drei Tage antworten. Man kann gespannt sein, ob ein Verfahren wegen dieser Hetze gegen Dr. Filó eröffnet wird.

* Aus dem Schaukasten:
Das berühmte Plakat mit Schimon Perez im Davidstern und dem Slogan (frei übersetzt): “Okkupier doch deine Mutter, aber nicht unser Vaterland!” (Foglalod a kurvaanyádat, de nem a mi hazánkat!, mehr dazu hier)
Ein Titelblatt der rechtsextremen Zeitung “Magyar Jelen” mit Schlagzeile: “Heimlicher Ausverkauf der ungarischen Erde an die Juden” (Titokban árusítják ki a magyar földet a zsidóknak)
Ein Zeitungsausschnitt (?) mit Schlagzeile: “Die Antwort von Fidesz auf den Bevölkerungsschwund: Orthodoxe Juden ins Land holen!” (Fidesz-válasz a népességfogyásra: Hozzunk be ortodox zsidókat!)
Und zwei antisemitische Propagandaflugblätter á la Stürmer aus den 1930ern: Auf dem einen steht in rosa Schrift: “Leute, wollt Ihr etwa solche im Parlament haben???” (Emberek ezeket akarjátok a parlamentbe???) Und auf dem anderen sitzt ein fetter Bankier auf einem Globus, und dabei steht: “Die Waffe des Juden ist das Geld! Gib dem Juden keine Waffe in die Hand!” (A zsidó fegyvere a pénz! Ne adj fegyvert a zsidók kezébe)
Dann sieht man noch Fidesz-Vorsitzenden Viktor Orbán mit Kippa, wie er orthodoxen Juden die Hand schüttelt, und den sozialistischen Ex-Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány, ebenfalls mit Kippa (als Illustration für die “Judenfreundlichkeit” ihrer Parteien.)

66 Kommentare zu “„Christen“ und Christen in Ungarn

  1. Vor allem aber ist es eine ungeheure Schande, dass bayerische Piusbrüder Williamson einluden, ferner dass der verblendete Brite seine menschenfeindlichen Ansichten in Bayern, dem Herzland des NS, der Brutstätte und Wiege jener Ideologie, die den schlimmsten Zivilisationsbruch aller Zeiten auslöste, dass er diese Ansichten in Bayern äußern durfte.

    Wie ist es möglich, dass die bayerische Regierung (CSU), wenn ihr wirklich an einer Aussöhnung und einem guten Verhältnis mit Juden gelegen ist, wie sie sonst so lautstark verkündet, dass sie diesen katholischen Verein unbelehrbarer Ultras und mittelalterlich denkender Judenhasser nicht längst dicht gemacht hat?

    Wie ist es möglich, dass die Anständigen unter den Bayern auf diese Unterlassung ihrer CSU-Regierung hin nicht laut protestierten oder Eingaben für ein Verbot der Piusbrüder formulierten oder sonst irgendeine Regung von sich gaben, die darauf hinwiese, es (be)kümmerte jemanden in Bayern, was sich wieder in Bayern abspiele.

    Sind die Bayern immer noch so abgestumpft und gleichgültig wie unter Hitler? Oder freuen sie sich gar, dass ‚endlich einer sich getraut hat, die Wahrheit zu sagen‘? Hegt Bayern demnach auch weiterhin den Wunsch als die Wiege des Bösen dazustehen?

    Schande über Bayern!

  2. Nach diesem Beitrag kann und muss man nunmehr feststellen, dass es sich bei der Piusbruderschaft um eine rechtsextreme, antisemitisch bis offen nationalsozialistisch verherrlichende Vereinigung handelt. Im Grunde sind sie reif vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden.
    Es ist eine Schande, dass der Vatikan immer noch weiter mit denen verhandelt.

  3. @Brutus“ und andere Leser

    Piusbruderschaft engagiert Rechtsextremisten als Referenten / „Report
    Mainz“, heute, 19. April 2010, 21.45 Uhr im Ersten

    Mainz (ots) – Die deutsche Piusbruderschaft hat einen einschlägig bekannten Rechtsextremisten als Referenten engagiert. Das zeigen Recherchen des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“. Unter dem Titel „Überfremdung und Islamisierung Europas“ sind für diese Woche
    mindestens zwei Vorträge des österreichischen Publizisten Dr. Walter Marinovic geplant, unter anderem am Sitz der Deutschlandzentrale der Piusbruderschaft in Stuttgart. Dr. Marinovic gilt als einflussreicher Autor und Redner der rechtsextremen Szene in Österreich und Deutschland mit Verbindungen zu DVU und NPD. Professor Eberhard
    Schockenhoff von der Universität Freiburg, einer der führenden Moraltheologen in Deutschland, sagte gegenüber „Report Mainz“: „Diese Aktivitäten der Piusbruderschaft im deutschen Sprachraum belegen eindeutig ein weltanschauliches Amalgam von faschistischen, ehemals
    nationalsozialistischen Aussagen. Diese Aussagen führen unter dem Deckmantel der Piusbruderschaft noch ein weiteres Leben und finden öffentliche Verbreitung. Im Grunde ist das ein Fall für den
    Verfassungsschutz.“

    Die erzkonservative Piusbruderschaft, die in Deutschland bis zu 100 Priester ausgebildet haben soll und auch Schulen betreibt, wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Der langjährige Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands in Wien, Dr.
    Wolfgang Neugebauer, bezeichnet Dr. Marinovic als Publizisten, der „alle Kategorien des Rechtsextremismus“ erfülle. Marinovic ist unter anderem Erstunterzeichner des so genannten „Appell zu Württemberg“ aus dem Jahr 2004. Darin wurde die Einführung der so genannten
    „Volksgemeinschaft“ gefordert, weil „das materielle, geistige und biologisch-genetische Erbe des deutschen Volkes in noch nie da gewesener Form tödlich bedroht“ sei. Zu den geplanten Vorträgen Marinovics bei den Piusbrüdern sagte der Bonner Politikwissenschaftler Prof. Gerd Langguth: „Die Tatsache, dass im Rahmen der Piusbrüder Rechtsextreme auftreten können, halte ich schon
    per se für einen Skandal. Insbesondere wenn sie Positionen vertreten, die ja an völkisches Gedankengut erinnern.“

    Unterdessen wurden neue umstrittene Äußerungen des
    Holocaust-Leugners Bischof Williamson bekannt. So stellte er im Januar in einem Interview im Internet die Existenz Israels in Frage. Er sagte: „Viele Leute glauben, dass der Staat Israel legitim ist. Das heißt nicht, dass er es notwendigerweise ist.“ Williamson hält sich derzeit in London auf. Auf dessen Äußerungen angesprochen, verweigerte die Londoner Piusbruderschaft gegenüber „Report Mainz“
    jeglichen Kommentar. Besucher eines Gottesdienstes der dortigen Piusbruderschaft zeigten sich als glühende Verehrer des Holocaust-Leugners: „Williamson ist ein Held“ hieß es. Ein anderer Anhänger sagte „Report Mainz“: „Williamson hat recht mit der Holocaust-Leugnung. Es gibt das Recht auf freie Meinungsäußerung.“

    Nach der Aufhebung der Exkommunikation Williamsons und drei weiterer Bischöfe im vergangenen Jahr führt der Vatikan derzeit geheime Gespräche mit der Piusbruderschaft über eine Wiedereingliederung in die katholische Kirche. Diese müssten jetzt für „gescheitert“ erklärt werden, fordert der Moraltheologe Prof. Schockenhoff in „Report Mainz“: „Es ist um der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche willen zu fordern, diese Phase der Ungewissheit
    baldmöglichst zu beenden und auch von römischer Seite einen klaren Schlussstrich zu ziehen.“

    Zitate gegen Quellenangabe frei.

    Originaltext: SWR – Das Erste

  4. @Brutus@ Lüge bleibt Lüge. Bischof Williamson hat zwar seit einem Jahr nichts zu vermelden und ist Hausmeister in England, jedoch so wichtig für die Piusbruderschaft, dass sie ihn nicht nach Deutschland lassen, bleibt er doch ein deklarierter unbelehrbarer Holocaustleugner. Dabei hat er lediglich in Schweden den Holocaust leugnen wollen, in Deutschland wo das verboten ist, da hätte er es nicht getan.
    Die FAZ – dieses ultralinke Blatt – schreibt in ihrer gestrigen Ausgabe über den emeritierten Kurienkardinal Dario Castrillon Hoyos, der 1988 der Pius-Bruderschaft bei den Verhandlungen über die Wiederaufnahme zu sehr entgegenkam. Hoyos schrieb dem französischen Bischof von Bayeux, Pierre Pican, der drei Tage zuvor wegen Nichtanzeige einer Straftat zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden war: „Ich beglückwünsche Sie dazu, einen Priester nicht bei der zivilen Verwaltung denunziert zu haben.“ Der Kolumianer Hoyos schrieb diesen Brief in seiner Funktion als Präfekt der Kleruskongregation. Pican, der verurteilt worden war, hatte Fälle von Kindesmisshandlung durch einen Priester seiner Diözese nicht der französischen Polizei gemeldet. Soweit die FAZ vom 17.4.2010
    So schließt sich also der Kreis, der Kardinal, Präfekt der Kleruskongregation, setzte alles daran schismatische reaktionäre Mitbrüder in das Schoss der Kirche zurückzuholen und er gratulierte einem Straftäter, der einen Priester nicht der Justiz auslieferte.
    Und da gibt es einen Apologeten dieser Bruderschaft, der so unmoralisch ist und einen geweihten Bischof als Hausmeister oder Messdiener erscheinen läßt.
    Eine sonderbare Moral @Brutus@ andere Menschen der „Lüge“ zu bezichtigen, die es wagen über einen prominenten nicht reuigen katholischen Holocaustleugner kritisch zu schreiben.

  5. @Brutus@ Bischof Richard Williamsons Anwalt legte Einspruch gegen das Urteil ein; „das Fernsehinterview sei zur Verbreitung in Schweden vorgesehen gewesen, wo die Leugnung des Holocausts nicht strafbar sei.“ FAZ 17.4.2010

  6. Lieber Robert Schlickewitz,
    ich denke, wir sollten nicht über die Vergangenheit diskutieren, sondern über die traurige Gegenwart. Meiner Meinung nach versagen – nicht zum erstenmal – die „historischen Kirchen“ in Ungarn.
    Ihre Vertreter haben für die Juden diskriminierende Gesetze in Ungarn gestimmt, einige wenige Christen haben sich auch nach der deutschen Besatzung als solche erwiesen, die meisten aber schauten zu oder beteiligten sich selbst an der Deportation von mehr als 500.OOO ungarischer Staatsbürger.
    Also lohnt zum Beispiel über den Bischof Ottokár Prohászka (+ 1927) Kult der von der katholischen Kirche in Ungarn und von der völkischen Fidesz betrieben wird zu schreiben. Darüber, dass dieser Ideologe des Antisemitismus bereits 1920 in einem deutschvölkischen Verlag für den Rassenantisemitismus eintrat. Lesen Sie meine diesbezüglichen Texte, z.B. bei Jungle World.

  7. „Trotz seiner lebenslangen Verehrung für Martin Luther bleibt Adolf Hitler ‚von der Wiege bis zur Bahre‘ römisch-katholisch…“

    Genau das geht auch aus seinen „Tischgesprächen“ hervor, in denen man für 1942 u.a. liest:

    „Zu bedauern sei, daß in der Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche die evangelische Kirche nicht als Gegner von Format gewertet werden könne. Schon Äußerlichkeiten beim alljährlichen Diplomatenempfang hätten ihm das gezeigt: Der Nuntius und der ihn begleitende Bischof seien so prächtig gekleidet gewesen, daß sie die katholische Kirche wahrhaft würdevoll repräsentiert hätten. Die Vertreter der evangelischen Kirche hätten unsaubere Kragen und dreckige Gehröcke angehabt und in diesem Aufzug das ganze Bild so gestört, daß er ihnen habe mitteilen lassen, er sei bereit, ihnen zum nächsten Diplomatenempfang auf Staatskosten eine anständige Bekleidung zur Verfügung zu stellen.“

  8. @Brutus@ ich habe überhaupt keine Lust über Stefan Moritz oder die katholische Kirchengeschichte zu diskutieren. Wenn Sie aber zum heutigen Ungarn und dem Verhalten der „historischen“ christlichen Kirchen was zu bemerken haben, wenn sie die implizite Wahlempfehlung der katholischen Kirche für eine völkische Partei befürworten oder die Gleichgültigkeit dieser Kirchen zum offenen gegen Christen gerichteten Rassismus (Antiziganismus) rechtfertigen wollen, bzw, ihre Gleichgültigkeit zum aggressiven Antisemitismus, dann könnten wir diskutieren. Doch nehme ich an, dass Sie das nicht tun wollen.
    Wir könnten uns auch über den calvinistischen Pfarrer Lóránt Hegedüs jun unterhalten, der explizite antisemitische Hetze betreibt. Vielleicht können Sie als guter Christ den Weltkirchenrat auf diesen Pfarrer aufmerksam machen.
    Die Haltung von Pius XII und die Haltung der Katholiken in Österreich, die sich noch heute rühmen ihren getauften nichtarischen Brüdern und Schwestern [meines Wissens nach sprach Jesus nicht von Ariern und Nichtariern] Pakete mit auf dem Weg nach Auschwitz-Birkenau gegeben zu haben können wir nicht ändern. Aber das was heute geschieht, daran könnten wir etwas ändern. Lesen Sie Matthäus 25 und ergreifen sie
    dann Partei für diejenigen, die unsere Solidarität verdienen. Zu Diskussionen über die Haltung der „historischen“ Kirchen in Ungarn bin ich bereit. Alles andere ist Zeit- und Energieverschwendung

  9. Jetzt nehmen Sie sich bitte ein bißchen Zeit…
    „Lesen wir etwas in den österreichischen Zeitungen, so ist es entweder katholisch oder nationalsozialistisch, das ist dann, müssen wir sagen, das Österreichische […].“[1] Mit überspitzten literarischen Polemiken wie dieser, die ein unmittelbares Nahverhältnis von Katholizismus und Nationalsozialismus suggerierten, brachte der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard Mitte der Achtziger Jahre die österreichische Öffentlichkeit gegen sich auf, „eine Erregung“, die im tumultösen Skandal um die Uraufführung des Stückes „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater 1988 kulminierte.

    Was bei Bernhard Bestandteil seiner „Dramaturgie der Übertreibungskunst“ [2], also legitimes künstlerisches Ausdrucksmittel war, hält mit Stefan Moritz Monografie über die Katholische Kirche im nationalsozialistischen Österreich Einzug in den historischen Diskurs. Zentrale These des Buchs „Grüß Gott und Heil Hitler“ ist die behauptete „Übereinstimmung von Katholizismus und Nationalsozialismus in wesentlichen ideologischen Fragen“ (S. 12), die darin gipfelte, dass die katholische Kirche nach dem Zerbrechen des christlichen Ständestaates im Nationalsozialismus einen „neuen Bündnispartner“ gefunden habe (S. 59) und deshalb auch „einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Umsetzung des organisierten Massenmords“ (S. 198) geleistet habe – so Moritz. Diese These erscheint noch überraschender durch den Umstand, dass Moritz katholischer Theologe ist. Wie darf dies verstanden werden?

    Moritz Buch ist im Wesentlichen chronologisch aufgebaut und sehr kleinzellig gegliedert, wobei die Einzelfallschilderungen meist lose, ohne durch einen methodischen Faden verbunden zu sein, aneinandergereiht sind. Nach dem Abschnitt „Annäherungen“ über den so genannten Anschluss und einem Rückblick auf die politischen Entwicklungen in Österreich vor 1938, widmet sich Moritz im „Abgrenzung der Gebiete“ genannten Kapitel vor allem den (gescheiterten) Bemühungen der Kirche um einen dem Konkordat vergleichbaren Vertrag für die ehemals österreichischen Gebieten des Deutschen Reichs (S. 61-78). Im Kapitel „Alltag mit dem Hakenkreuz“ stellt Moritz seine Sicht auf das Verhältnis der Kirche und ihrer Bischöfe und Priester zum NS-Staat dar, das er als beständiges Bemühen seitens der Kirche und ihrer Glieder um „Einigung“ und „wahre Volksgemeinschaft“ charakterisiert (S. 79-110). Übereinstimmungen sieht er im folgenden Kapitel (S. 111-133) dabei nicht nur in einer formalen Identität der gemeinsamen Feindbilder Juden und Bolschewisten, sondern auch in der Form der Begründung dieses Feindbildes. Für Moritz stimmt der „katholische Antisemitismus“ mit dem nationalsozialistischen im Wesentlichen überein; den Begriff Antijudaismus lehnt er ab. (S. 116) Identisches sieht Moritz auch in der Kriegsideologie, was vor allem anhand der Felder, Propaganda, „Kriegstheologie“ (worunter er vor allem die verschiedenen Formen der praktisch-seelsorglichen Entwicklungen angesichts der Herauforderungen des Krieges versteht), kirchlicher Diplomatie im Krieg und Militärseelsorge exemplifiziert werden soll.(S. 135-185) Den Höhepunkt seines dramaturgischen Konzepts erreicht Moritz beim Thema Massenmord und Judenvernichtung, wobei er Goldhagen noch zu übertreffen sucht: Im Sinne seines Konzepts der ideologischen Parallelität habe die Kirche nicht bewusst weggesehen, vielmehr herrschte „stillschweigende Zustimmung“ (S. 187) vor, als Juden, Kommunisten, Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und andere physisch vernichtet wurden.

    Fast wie ein harmloser Nachklang, gewissermaßen das Satyrspiel, erschiene da fast der Umgang des katholischen Theologen Moritz mit der Thematik Kirche im Nachkriegsösterreich (S. 211ff.), wobei hier die bekannten Stereotypen wiederholt werden, ohne dass etwa nach Motivlagen gefragt wird. Doch damit nicht genug: Fast en passant wird auch ein Mann wie Kardinal Franz König, der wie kein anderer bis heute das „System Kirche“ (in der Terminologie Moritz´ also das nationalsozialistische System) verkörpere (S. 252ff., 261f.) zum NS-Sympathisanten gemacht. Besteht das „Nationalsozialistische“ in der Kirche also nach 1945 fort? Wer als unbedarfter Geist Moritz Buch liest, dem wird dieser Schluss nahegelegt.

    Moritz stützt sich in seinen Argumentationen weitgehend auf die Präsentation zeitgenössischer Periodika wie Amts- und Pfarrblätter und die katholische Publizistik sowie auf überwiegend ungedruckte Quellen aus staatlichen und kirchlichen Archiven. Mangelnden Fleiß im Aufspüren von Archivalien wird man ihm kaum vorwerfen können. Die Fülle der präsentierten Originalquellen suggeriert Authenzität. Die Qualität historischer Arbeit misst sich aber bekanntlich nicht nur an der Frage, welche Quellen herangezogen werden, sondern vor allem daran, wie mit dem zur Verfügung stehenden Material umgegangen wird. Eine Fülle von Moritz Argumentationen entbehren einer wissenschaftlichen Grundlage, Reflexionen auf eine methodische Grundlage und das Hinterfragen der eigenen Thesen und Fragestellungen sucht man ohnehin vergebens.

    So wird etwa behauptet, „die Kirche hätte mit den Pfarrblättern ein Mittel zur Verfügung gehabt, die Katholiken über die Ziele und Absichten der Nationalsozialisten zu informieren“, was sie nicht getan hätte. (S. 107) Muss da erwähnt werden, dass bereits der Versuch der Veröffentlichung einer abweichenden Meinung die sofortige Verhaftung der Redakteure und die Beschlagnahmung von Pfarrblatt und Druckmaschinen zur Folge gehabt hätte? Hingegen räumt Moritz überraschenderweise sogar ein, dass vor 1938 viele Pfarrer in ihren Pfarrblättern kritische Artikel zum Nationalsozialismus veröffentlichten, doch wird anschließend im Kapitel über die „Annäherung“ bemerkt: „Diese Kritik verstummte im Jahr 1938 [nach dem 12. März!, A.d.V.] fast gänzlich.“ (S. 92) Warum? Natürlich weil die Pfarrer nun begeisterte Nationalsozialisten wurden – so Moritz! Dass die Verursacher systemkritischer Äußerungen – darunter viele katholische Priester – zu Tausenden in die Konzentrationslager verschleppt wurden, bleibt unerwähnt.

    Weiter im Text: Die Behauptung, die Kirche habe sich durch das Ausstellen von Abstammungsnachweisen nicht nur „bereitwillig“ als „Buchhalter der Vernichtung“ (S. 199) – eine für St. Moritz typische, effekthascherische verbale Zuspitzung ohne inhaltlichen Hintergrund – betätigt, sondern sich dadurch auch noch bereichert (da für die Inanspruchnahme von Matrikelbüchern Gebühren fällig werden) ist nicht nur schlichtweg vollkommen unverständlich, sie ist faktisch falsch und nur dem oberflächlichen Effekt geschuldet. Zudem sei ergänzt: Das Nichtvorliegen eines Abstammungsnachweises war im Dritten Reich zu keiner Zeit beweiskräftiges Faktum für eine jüdische Abstammung, da er vielfach aufgrund der Quellenlage einfach nicht zu erbringen war. Man behalf sich dann etwa mit physignomischen Gutachten, die anhand von Fotografien der Vorfahren vom Reichssippenamt durchgeführt wurden, oder ähnlichen „wissenschaftlichen“ Phantastereien.

    Anderes wird von Moritz – bewusst oder unbewusst – unterschlagen, ins Gegenteil verkehrt oder zeugt von fundamentaler Unkenntnis der Fakten. So seien die gegen den Bolschewismus gerichteten lehramtlichen Dokumente eine indirekte Unterstützung der Nationalsozialisten gewesen (S. 182ff.). Dass viele dieser Hirtenbriefe den Nationalsozialisten aber kaum gefielen wird von Moritz unterschlagen – etwa das „Hirtenwort über die Abwehr des Bolschewismus“, das wegen der dort auch enthaltenen Kritik am Nationalsozialismus in Presse und Rundfunk nicht veröffentlicht werden durfte [3] – oder die Enzyklika „Divini redemptoris“ (bei Moritz als quasi pronationalsozialistisches Dokument angeprangert und in einem Atemzug mit den Deportationszügen genannt!), in der noch vor der Menschenrechtserklärung der UN kirchlicherseits ein allgemeiner Menschenrechtskatalog formuliert wurde (der eben nicht nur für Katholiken gilt) und die deshalb in der Soziallehre der Kirche bis heute als Meilenstein gilt, über den man keineswegs schamhaft hinwegzublicken braucht. Kurz gesagt, es gibt bei Moritz nur eine leitende Fragestellung: Wie schaffe ich Belege für die These vom Nationalkatholisozialismus.

    Doch sind Überlegungen wie diese, ebenso wie die Feststellung, dass es sich bei Moritz´ Buch um eine Ansammlung von bewussten oder unbewussten Irrtümern, Verallgemeinerungen, Fehl- und Falscheinschätzungen, Gemeinplätzen und Übertreibungen handelt, wenig geeignet, dem Autor gerecht zu werden. Moritz ist kein Historiker – seine Argumentation verläuft im Wesentlichen ahistorisch – er ist auch kein literarischer Übertreibungskünstler wie der eingangs genannte Thomas Bernhard, sondern Theologe. Obwohl nie ausgesprochen, wird im gesamten Buch Moritz´ Idealbild der Kirche im Nationalsozialismus deutlich. Diese theoretische Konstruktion von Kirche bildet den Maßstab, an dem die „reale Kirche“ – die nun aber auch wiederum eine Konstruktion, diesmal aber ein von einem historischen Laien aus dem historischen Material gebasteltes Gegenbild ist – sich messen lassen muss. Die Moritz´sche Konstruktion von Kirche kreist um den Gedanken des Martyriums, die Selbstpreisgabe, das Selbstopfer. Männer wie Pater Franz Reinisch (S. 155), die ihre radikal kompromisslose Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus mit dem Tod bezahlten, geben die Idealfolie ab, sie sind das Gegenbild zur Vorstellung des obrigkeitsorientierten „Systems Kirche“ (S. 157ff.), an dem Moritz sich abarbeitet.

    Folglich müssen sich alle Handlungen der geschichtlichen Institution Kirche an diesem nie offen gelegten Idealkonstrukt der Märtyrerkirche messen lassen. Den Widerspruch, der durch diese wohl auch theologisch kaum haltbare Forderung des Martyriums zur Hauptaufgabe der Kirche gemäß ihrem eigenen Selbstverständnis erzeugt wird, nämlich jedem Katholiken die maximal mögliche seelsorgliche Fürsorge angedeihen zu lassen und die regelmäßige Versorgung mit den Sakramenten, vor allem der Eucharistie, sicherzustellen – was Moritz bezeichnenderweise als Degradierung des Einzelnen zum seelsorglichen Objekt versteht -, bleibt freilich unauflösbar.

    Inwieweit ein solcher Ansatz theologisch fruchtbar sein mag, kann der Rezensent nicht entscheiden, es ist auch nicht seine Aufgabe. Moritz nahm für sich nicht in Anspruch, einen theologischen Traktat zu Fragen des Martyriums in der Moderne zu verfassen – sonst würde das Buch hier kaum besprochen werden – sondern eine zeitgeschichtliche Abhandlung. Diesen Anspruch aber kann man, da Moritz den grundlegenden Maßstäben historischen Arbeitens nicht zu genügen vermag, wohl nur als gescheitert betrachten.

    Anmerkungen:
    [1] Bernhard, Thomas, Auslöschung. Ein Zerfall, Frankfurt am Main 1986, S. 292.
    [2] Vgl. Korte, Hermann, Dramaturgie der Übertreibungskunst – Thomas Bernhards Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“, in: Text und Kritik 43 (1991), S. 88-103.
    [3] Vgl. hierzu: Hecker, Hans-Joachim, Hirtenwort gegen den Bolschewismus entspricht nicht Hitlers Vorstellungen, in: Kardinal Michael von Faulhaber. 1869 bis 1952 (Ausstellungskatalog), München 2002, S. 305ff.

  10. Adolf Hitler war Mitglied der römisch-katholischen Kirche und zahlte bis an sein Lebensende seinen „Kirchenbeitrag“, d. h. Kirchensteuer. Als junger Mann stand Hitler unter dem Einfluss der von der katholischen Kirche unterstützten Christlichsozialen Partei Österreichs. Obwohl er zeitlebens von Martin Luther fasziniert war (Wir berichteten in Nr. 4 und Nr. 5), hält er der römischen „Mutterkirche“ als Mitglied die Treue. Die Judenverfolgung versteht er später als eine Fortsetzung des „Werkes der Kirche“.

    In Mein Kampf missbilligt er die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Evangelischen und ruft dazu auf: „Darum sei jeder tätig, und zwar jeder, gefälligst, in seiner Konfession.“ So hält er es auch selbst. Trotz seiner lebenslangen Verehrung für Martin Luther bleibt Adolf Hitler „von der Wiege bis zur Bahre“ römisch-katholisch und preist den Nationalsozialismus als ökumenische Bewegung. Hitler wörtlich: „Es konnte in den Reihen unserer Bewegung der gläubige Protestant neben dem gläubigen Katholiken sitzen, ohne je in den geringsten Gewissenskonflikt mit seiner religiösen Überzeugung geraten zu müssen.“ Katholiken und Evangelische sollen nach dem Willen Hitlers einander achten und schätzen und gemeinsam gegen den jüdischen Feind kämpfen (70. Auflage, München 1933, S. 628 ff.).

    http://www.das-weisse-pferd.com/de/main/dwp/99_07/9907kirche_hitler.html

    Das klingt nicht so, als wäre Hitler nur aus taktischen Gründen nicht aus der Kirche ausgetreten.

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