Buber-Rosenzweig Medaille an Daniel Libeskind: Maßstäbe vom Ich zum Du

Martin Buber ist der vielleicht berühmteste deutsch-jüdische Philosoph des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Franz Rosenzweig hat er die Torah, die Propheten, die Heilige Schrift“, neu übersetzt. “Das edelste Geschenk an die deutsche Sprache”, so nannte Bubers Zeitgenosse Hermann Hesse das Werk…

Martin Buber (8. Februar 1878 in Wien – 13. Juni 1965 in Jerusalem) war vor allem ein Philosoph der Verständigung, ein Mann, des ICH und DU. Er setzte unermüdlich auf die Kraft des Dialogs, um Feindschaft zu überwinden. Das machte ihn zum Brückenbauer zwischen Juden und Palästinensern und zwischen Juden und Deutschen. Selbst nach den bitteren Erfahrungen des Holocaust prägten nicht Rache und Hass seine Gefühle, sondern der Wunsch nach Begegnung – auch mit seinen einstigen Landsleuten, die ihn, den weisen Gelehrten, mit Schimpf und Schande verjagt hatten.

Geboren in Wien, aufgewachsen in Lemberg, kam Buber schließlich nach Deutschland. Doch aus dem Trubel der Großstadt Berlin zog es ihn 1916 ins beschauliche Heppenheim, einen kleinen Ort in Hessen. Die Familie Buber fühlte sich wohl in Deutschland, ihr Zuhause war Heppenheim – bis die Nazis kamen. 1938 floh sie nach Jerusalem. Martin Buber war sechzig 60 Jahre alt, als er in Palästina eintraf. Eine jahrzehntelange Hassliebe verband ihn mit Israels Staatschef David Ben Gurion.

Eisern hielt Buber an seiner Vision des Dialogs mit den arabischen Nachbarn und selbst mit den deutschen Feinden fest. Lange bevor Deutschland und Israel offizielle Beziehungen zueinander aufnahmen, traf Buber deutsche Politiker, Studenten und Intellektuelle. Denn das Gespräch, so glaubte Buber, ist der einzige Weg, zum gegenseitigen Verständnis und damit zum Frieden. Bei seiner Beerdigung 1965 wurde der Friedhof zu einem Ort der Begegnung zwischen israelischen Politikern und arabischen Studenten, zwischen Jungen und Alten.

Verehrt und geliebt über alle Grenzen hinweg, ist Martin Buber seiner Nachwelt dennoch bis heute ein Mann voller Rätsel und Widersprüche geblieben. Wer war er, dieser gläubige Jude, der nie in die Synagoge ging? Der jüdische Flüchtling, der den Kontakt zu den Deutschen suchte? Der Zionist, der die Politik seines Landes so scharf kritisierte wie kaum ein anderer? Und was hat er uns heute noch zu sagen?

Sehr persönlich erzählen in einem Film von Gabriela Hermer erstmals Martin Bubers Enkelkinder sowie seine letzte Sekretärin über diesen außergewöhnlichen Mann. Sie zeichnen das Bild eines Menschenfreundes, dessen Engagement für Frieden und Versöhnung nichts an Aktualität verloren hat. Der Hessische Rundfunk und RBB zeigten die Koproduktion “Martin Buber “ zum Auftakt der „Woche der Brüderlichkeit“, die alljährlich mit der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an das Vermächtnis des großen Philosophen erinnnert.

Das Motto der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit:
Verlorene Maßstäbe

Auf der zentralen Eröffnungsfeier zur Woche der Brüderlichkeit werden alljährlich Persönlichkeiten mit der “Buber-Rosenzweig-Medaille” für ihr Engagement im christlich-jüdischen Dialog ausgezeichnet. In diesem Jahr erhält die Medaille Daniel Libeskind, international renommierter Architekt und Stadtplaner.

Wie kaum ein anderer hat der in Polen Geborene und an vielen Universitäten der Welt Lehrende in Theorie und Praxis das Verständnis der Funktionen von Architektur neu geprägt. Dies bestätigt besonders das in Entwurf und Realisierung als revolutionär geltende jüdische Museum in Berlin, das 2001 eröffnet wurde. Immer gelingt es Libeskind, durch die inspirierende Räumlichkeit seiner Arbeiten einen Dialog zwischen Architektur und Geschichte der Juden herzustellen, dem man sich nicht entziehen kann.

Die jüdischen Philosophen Martin Buber (1878-1965) und Franz Rosenzweig (1886-1929), nach deren Namen der Preis benannt ist, haben dem dialogischen Denken bis heute starke Anregungen gegeben, die für modernes jüdisches aber auch christliches Denken richtungsweisend sind. Ebenso hat Daniel Libeskind mit seinen Rauminstallationen und seiner Architektursprache, die das gewohnte Sehen sprengen, neue Maßstäbe für die Wahrnehmung jüdischer Geschichte gesetzt und ihrem Verständnis starke Impulse verliehen.

Die Laudatio hielt Katrin Göring-Eckardt. Das ZDF brachte eine Zusammenfassung der Feier, die von Tina Mendelsohn moderiert wurde, aus dem Theater in Augsburg.

zdf-video und dokumentation.zdf.de / Video und Rubrik im Bayerischen Rundfunk

In den letzten Monaten hatte Libeskind Bayern, wegen seiner Unterstützung des Neubaus der liberalen Synagoge in München, schon einmal besucht. Vor gut zwei Jahren hatte Lauren Rid, die damalige Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde „Beth Shalom“ mit Libeskind in New York Kontakt aufgenommen und ihm von der Idee eines Neubaus, als Ersatz für die erste von den Nazis überhaupt in Deutschland zerstörte Synagoge, erzählt. Die frühere liberale Münchner Hauptsynagoge war schon im Juni 1938, als angebliches Verkehrshindernis, abgerissen worden. Ihre Zerstörung, noch vor den Pogromen im November, gilt heute als „Probelauf“ für die bereits geplanten Ausschreitungen.

Libeskind war von der Idee fasziniert. Die Stadt München sei eine historisch bedeutsame, inspirierende Stadt, sagte er in einem Interview mit der „Jüdischen Allgemeinen“ und betonte: „Münchens ehemalige Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße war liberal. Die Stadt ist zugleich auch ‚Hauptstadt der Bewegung‘, der Holocaust hat hier 1938 begonnen. Insofern ist es schon etwas Besonderes, hier eine liberale Synagoge zu errichten“.

Rabbiner Dr. Walter Jacob, geb. am 13.März 1930 in Augsburg, als Sohn des letzten Gemeinderabbiners, begleitet die Münchner Gemeinde seit vielen Jahren als rabbinisches Oberhaupt. Er erinnert sich: „Der Abriß begann am 9. Juni; nach einigen Tagen war die 1887 errichtete liberale Synagoge in der Herzog-Max-Straße verschwunden„.
Jacob, der in Amerika zu einem der prominentesten Vertreter des Liberalen Judentums, unter anderem, als Präsident des internationalen Solomon Freehof Instituts für Progressive Halakhah, das sich mit jüdischem Religionsrecht aus einer reformjüdischen Perspektive befasst. Er hat zahlreiche richtungsweisende Bücher und Texte veröffentlicht. Zu erwähnen sind die „Studies in Progressive Halakhah“, die er gemeinsam mit dem israelischen Rabbiner Moshe Zemer herausgibt. (s. video)

Die süddeutsche Zeitung berichtete 2008 von einer weiteren Verbindung Libeskinds zur Münchner Gemeinde: „Rabbiner Walter Rothschild, der bis vor zwei Jahren noch die Gemeinde Beth Shalom von Berlin aus mitbetreut hatte, bis die Liberalen in München mit Tom Kucera einen eigenen Rabbiner fest anstellten. Rothschild lernte den Reformjuden Libeskind in Berlin kennen, als der zum Bau des Museums dort wohnte. In der Synagoge an der Oranienburger Straße feierte Rothschild die Bat Mizwa, das Fest der religiösen Mündigkeit, für Libeskinds Tochter.
Der 62-jährige Daniel Libeskind zählt zu den namhaftesten Vertretern seiner Zunft. Seine wichtigsten Werke sind neben dem 1999 fertiggestellten Jüdischen Museum in Berlin, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück oder das Imperial War Museum in Manchester. 2003 hatte der Architekt die Ausschreibung für den Neubau des World Trade Centers in Manhattan gewonnen.

Der Architekt, der als Kind durch sein musikalisches Talent auffiel, zeigte sich in einem Interview in der „Jüdischen Allgemeinen“ selbst philosophisch. Darauf angesprochen, dass die damalige Liberale Gemeinde mehrere Tausend, die jetzige aber nur einige Hundert Personen umfasst, meinte er: „Letztlich sind alle Gemeinden klein. Alles andere ist nur Statistik. Was zählt, ist das Herz einer Gemeinde. Damit in Berührung zu kommen, ist wichtig. Ich habe hier Menschen getroffen, mit denen ich auf einer Wellenlänge liege. Nicht zu vergessen: das progressive Judentum stammt aus München und überdauerte an verschiedenen Orten, in verschiedenen Ausprägungen überall auf der Welt. Deshalb ist das eine spezielle Gemeinde.“

Die Tatsache, dass die liberale Gemeinde, im Vergleich zur orthodox dominierten „Einheitsgemeinde“, weniger Mitglieder hat, liegt natürlich auch daran, dass liberales Judentum bisher von öffentlicher Unterstützung ausgeschlossen wurde. Wenn nun der Münchner OB Christian Ude sich über diese „Kleinheit“, ausgerechnet auf einer von ihm unterstützten Veranstaltung der ultra-orthodoxen Lubawitsch-Gruppierung, mokiert, dreht sich die Argumentation unergiebig im Kreis.

Libeskind denkt für den Neubau an einen freieren Geist, der nicht soviel formale Strenge und Autorität, wie die orthodoxe Synagoge am Jakobsplatz, ausstrahlt: „Jüdisch sein ist mit viel Fröhlichkeit verbunden. Es könnte ein Ort sein, den auch Kinder toll finden. Wir leben in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft und das sollten Gebäude auch widerspiegeln“

Und ganz im Sinne Leo Baecks, des letzten großen Rabbiners in Deutschland vor dem Krieg, meinte er: „Schließlich gibt es nicht nur eine Art zu denken. Es wäre sehr gesund, wenn die Stadt mehr als nur eine einzige Vorstellung davon bekäme, was Jüdisch sein bedeutet.“

Hätte es einen passenderen Preisträger geben können, als Daniel Libeskind?


In seinem Buch “Entwürfe meines Lebens” legt Libeskind seine Pläne für den Wiederaufbau des World Trade Center in New York dar. „Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Bauwerke keineswegs leblose Objekte. Sie leben und atmen und besitzen genau wie wir Menschen ein Inneres und ein Äusseres, einen Körper und eine Seele.“… Mehr über die Architektur des Optimismus erfahren Sie hier

Er gilt als schillernder Star in der internationalen Architekturszene, nach seinen Entwürfen soll demnächst das „One World Trade Center“auf dem Gelände des „Ground Zero“ in New York entstehen. Daniel Libeskind war auch in München und begutachtete eine Grünfläche im Stadtteil Lehel. Warum?
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