Hommage an Bruno Bettelheim (1903-1990)

Ich lernte Bruno Bettelheim in jenen Jahren kennen, als sich sein Leben dem Ende zuneigte. Vieles trennte und Vieles verband uns. Wenn ich auch nicht seine Muttersprache mit ihm teilte und teilen konnte, ebenso wie seine klassische Erziehung an der Universität in Wien, sein Alter, seine einzigartige geschichtlichen Erfahrungen, den Holocaust, seine Emigration in die USA und seine einzigartige Arbeit mit schwer gestörten Kindern, so teilte ich mit ihm einen tiefempfundenen Antifaschismus, das Bekenntnis zur Laienanalyse, die Begeisterung für psychoanalytische Hermeneutik, die Anteilnahme an zeitgenössischer Geschichte und das Interesse, bohrende Fragen zu stellen…

Von David James Fisher

[English version]

Ihn umgab eine Stimmung von Ernsthaftigkeit, eine intellektuelle Seriosität und emotionale Tiefe, die größtenteils von der Kraft seiner Persönlichkeit herrührte, aber auch von dem tragischen Gewicht seiner lebensgeschichtlichen Erfahrung – vor allem von seiner Erinnerung an den deutschen Faschismus und die Konzentrationslager. Ich fand ihn immer höflich, formell im europäischen Sinne, ein bisschen unnahbar, doch umgab ihn immer eine bezwingende Ausstrahlung, eine persönliche Würde, ein Funkeln in seinen Augen, ein ironischer Sinn für Humor, eine Intoleranz gegenüber der Verrücktheit und Dummheit der Menschen, die Fähigkeit, ausgesprochen selbstkritisch zu sein. Seine Härte war legendär; er wandte sie auch auf sich selbst an, wie seine bemerkenswerte Arbeitsdisziplin und die fruchtbare Qualität und Quantität seiner Veröffentlichungen bezeugen.

Einmal gestand mir Bettelheim wehmütig, er wünschte, ich hätte ihn zehn Jahre früher kennenlernen können. Doch bis zum Ende seines Lebens erhielt er sich seine intellektuelle Lebendigkeit, indem er den gewaltigen Fundus seines Wissens auf aktuelle Themen konzentrierte, die für seine Leser und Zuhörer von Interesse waren. In unseren Gesprächen berührte er oft während er sprach seinen Kopf, massierte ihn fast; dies war ein Mensch mit einer deutlichen narzisstischen Besetzung des Geistes, und wenn er nicht länger neue und originelle Gedanken hervorbringen konnte, wollte er nicht länger leben.

In den Jahren, in denen ich ihn kannte, war er oft deprimiert bis hin zu Selbstmordgedanken. Er sprach offen, fast klinisch über seine Selbstmordabsichten. Mir war klar, dass er sie erforscht, durchdacht und sich selbst überzeugt hatte, dass dies der einzige couragierte Ausweg war, der einzige würdige Weg für ihn in dieser Phase seines Lebens. Er wusste, dass er sein schöpferisches und wissenschaftliches Werk vollendet hatte. Nach der Krankheit und dem Tod seiner Frau 1984, die ihm über 43 Jahre eine treue Gefährtin war, wurde er immer niedergeschlagener. Er war furchtbar verbittert und resigniert über den Bruch mit seiner Tochter, seine Hoffnungen zerschlugen sich, nachdem er mit ihr in Santa Monica zusammen gelebt hatte. Ein leichter Schlaganfall hatte seine Möglichkeiten so weit eingeschränkt, dass Schreiben und Tippen zu seinen Hauptbeschäftigungen wurden; es war traurig zuzusehen, wie er sich über den handgeschriebenen Manuskripten seiner Bücher abmühte, als ich ihn bat, vor meinen Studenten an der University of California, Los Angeles, einen Vortrag über die kulturtheoretischen Schriften Freuds zu halten. Als ich ihn das letzte Mal im Januar 1990 sah, bemerkte ich, welchen großen, mühevollen Aufwand sein kurz zuvor veröffentlichtes Buch „Freud`s Vienna and Other Essays“ (1990) (dt.: Themen meines Lebens, 1990) erfordert hatte.

Bettelheim war ein Philosoph der Psychoanalyse, der eine flüssige, allgemeinverständliche Sprache sprach, ohne dabei seinem Publikum gegenüber herablassend zu wirken. Diese Sprache fand ihren Widerhall in einem großen, einflussreichen, internationalen Publikum, weil sie die Menschen in ihrem Innersten ansprach; er verfasste seine Schriften so, dass sie das Herz und den Verstand gleichzeitig ansprachen. Wie ein hochgebildeter europäischer Intellektueller wusste er diffizile Fragen über Geschichte, Ethik, Psychoanalyse, Kinder und Elternschaft aufzuwerfen, er wusste, wie man forscht, wie man Texte liest, wie man psychologische und emotionale Nuancen erfassen und verdeutlichen kann, oft erfasste er die Botschaft zwischen den Zeile. Er war entschlossen, nicht in hochtechnischen oder übermäßig spezialisierten Fragen zu versinken und nicht im Fachjargon zu schreiben. Er entwickelte einen klaren, unverwechselbaren Stil, welcher eine echte Verständigung mit anderen Menschen von Seele zu Seele erlaubte und der größtenteils in seiner empathischen Empfindsamkeit gründete. Er schuf einen Fundus von hervorragenden und breitgefächerten Schriften, die eine radikale Unterscheidung fordern zwischen authentischem Gefühl und billiger Sentimentalität, zwischen strenger Analyse und dem Zitieren etablierter Frömmigkeiten, zwischen realistischen Konfrontationen mit schwierigen Wahlmöglichkeiten und dem Einspruch gegen Positionen, die in Verleugnungen, Vermeidungen und Reaktionsbildungen gründeten. Die meisten seiner Texte sind reich an aufrichtiger Menschlichkeit, Mitgefühl und Fürsorglichkeit, speziell jene, die dem Verständnis des Innenlebens schwer gestörter Kinder gewidmet sind; doch seine Werke dienten auch der Entromantisierung und Entmystifizierung. Kurz, sein Humanismus war nicht einfältig, lau, überzogen optimistisch, noch von realistischen Überlegungen abgehoben.

Für den psychoanalytische Theorie und Praxis lehrenden, übertragenden und modifizierenden Bettelheim gründete das Privileg des Psychoanalytikers in einem tief verwurzelten Respekt vor dem Menschen, vor seiner oder ihrer Privatheit, individuellen Einmaligkeit, seinen Kämpfen, seiner Suche nach Wahrheit, seiner Hoffnung auf persönliche Formen von Befreiung, Kreativität und Lebendigkeit. Diese Werte mögen seine Identifikation mit Freud und dem klassischen Liberalismus des Wiener jüdischen Bürgertums der Zwischenkriegsjahre widerspiegeln. Er war eine der letzten wirklich unabhängigen Stimmen der Psychoanalyse, einer jener respektlosen Bilderstürmer, die sich voll Verachtung für regionale, nationale, internationale Streits über psychoanalytische Doktrinen, niemals um Institutionen des Establishments oder psychoanalytischer Institute kümmerte. Er erachtete diese Streits als abwegig.

Als eine selbstsichere, kritische Stimme sagte er seine Meinung – oft in einer kämpferischen, beißenden, intoleranten Weise, immer aber wohlüberlegt, kurz, knapp und bestimmt. Ich lernte schnell, dass es sinnlos war, mit ihm über bestimmte Themen zu diskutieren; mehr als einmal empfand ich ihn als rechthaberisch, autoritär und ziemlich barsch in seinen Urteilen – beispielsweise über die Politik der Anti-Kriegsbewegung in den 1960er Jahren, der Kritik an der amerikanischen Außenpolitik, den theoretischen Versuchen Marxismus und Psychoanalyse zu verbinden. Doch auch im vorgerückten Alter war ein Dialog mit ihm möglich; bei Problemen, von denen er wusste, dass sie existentiell oder psychologisch drängten, konnte er erstaunlich entwaffnend und einfühlsam sein.

Bettelheim war ein Mann voll von Geschichten. Wenn man ihn in der richtigen Stimmung antraf, war er bereit aus dem Nähkästchen zu plaudern. Für ihn war Psychoanalyse kein unmöglicher Beruf, sie war ein sonderbarer Beruf, ausgeübt von einer Galerie von Gaunern, Genies, Schamanen, Priestern, falschen Propheten, Narzissten, Exhibitionisten, Funktionären und gelegentlich komischen Käutzen. Letztlich blieb er aber stolz auf die Psychoanalyse, er fand sie faszinierend, unmöglich festzunageln und unendlich inspirierend. Bettelheim selbst konnte manchmal sonderbar sein.

Er sprach freundlich und außerordentlich positiv über Wilhelm Reich, den er in Wien als jungen Mann gekannt hatte, er hielt ihn für den zukunftsträchtigen psychoanalytischen Denker und Kliniker des Jahrhunderts. Wann immer er von ihm sprach, erwähnte er Reichs enorme Vitalität und seinen unlöschbaren Durst nach Erkenntnis. Ich hatte das Gefühl, dass sich Bettelheim mit Reich identifizierte, weil auch er sich durch die offizielle Psychoanalyse an den Rand gedrängt und geächtet fühlte, zumindest in Amerika. Für Bettelheim repräsentierte Reichs Charakteranalyse (1933) die Geburt der modernen psychoanalytischen Theorie und Praxis. Er kannte bezeichnende, manchmal bissige Anekdoten über andere Koryphäen der psychoanalytischen Bewegung darunter Margret Mahler, Anna Freud, Heinz Hartmann, Kurt Eissler, D.W. Winnicott, Melanie Klein, Franz Alexander und Heinz Kohut.

Bei meinem letzten Besuch Bettelheims bat ich ihn um einen klinischen Rat über anhaltende Probleme, die ich mit verschiedenen Patienten hatte, die alle Kinder von Überlebenden des Holocaust waren. Bettelheim drängte mich, geduldig, freundlich, empfindsam, gelassen und der Herr meiner eigenen Ängste zu bleiben, zu lernen, die ausgedehnte Phase des „Nicht-genau-Wissens“ besser zu ertragen, nicht vorschnell in Interpretationen zu stürzen, die Erinnerungen an oder Phantasien über den Holocaust wachrufen, die oft heftige negative Übertragung auszuhalten (was er als die am schwierigsten zu lernende und in die psychoanalytische Technik zu integrierende Aufgabe ansah), und die Gegenübertragung zu berücksichtigen und über sie als authentischen Weg zum Geist und der Seele des Patienten nachzudenken. Dann machte er eine Pause und sagte mit dem Schock einer schmerzhaften Erkenntnis: `Sie wissen, meine Kinder sind Kinder eines Überlebenden des Holocaust.´

Das ist der Bettelheim, an den ich mich erinnere: hilfsbereit, scharfsinnig, fürsorglich, doch immer persönlich, den emotionalen und lebensgeschichtlichen Anteilen zwischenmenschlicher Begegnungen gefühlvoll zugewandt.

Mein Lieblingsbild von Bruno Bettelheim bleibt dasjenige, wo er im Flur der Orthogenic School seinen Arm um die Schulter eines Mädchens legt; es ist ein kraftvolles Bild, mit dem Rücken zur Kamera zeigt es einen Mann, der selbstsicher, beschützend, beruhigend, sensibel war, der Selbstvertrauen ausstrahlte, der fähig war, seine eigenen Zweifel auszuhalten sowie die schreckliche Last seiner eigenen lebensgeschichtlichen Erfahrung mit Würde und Mut zu tragen.

Foto: © Psychosozial-Verlag & Roland Kaufhold

Literatur

Bettelheim, B. (1971): Die Kinder der Zukunft. Gemeinschaftserziehung als Weg einer neuen Pädagogik. München.
Bettelheim, B. (1977): Kinder brauchen Märchen. Stuttgart.
Bettelheim, B. (1977a): Die Geburt des Selbst. The Empty Fortress. Frankfurt/M.
Bettelheim, B. (1980): Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Ex¬trem-situation. München.
Bettelheim, B. (1990): Themen meines Lebens. Essays über Psychoanalyse, Kindererziehung und das Schicksal der Juden. Stuttgart.
Bettelheim, B. & Ekstein, R. (1994): Grenzgänge zwischen den Kulturen. Das letzte Gespräch zwischen Bruno Bettelheim und Rudolf Ekstein. In: Kaufhold, R. (Hg.) (1994), S. 49–60.
Ekstein, R. (1994): Mein Freund Bruno (1903–1990). Wie ich mich an ihn erinnere. In: Kaufhold, R. (Hg.) (1994): S. 87–94.
Fisher, D. J. (2003): Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen. Essays über Bruno Bettelheim unter Mitarbeit von Roland Kaufhold et. al., Gießen (Psychosozial-Verlag). http://www.psychosozial-verlag.de/psychosozial/details.php?p_id=281
Fisher, D. J. (2003a): Ein letztes Gespräch mit Bruno Bettelheim. In: Fisher (2003), S. 133-158.
Fisher, D. J. (2003b): Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele. In: Fisher (2003), S. 73-98.
Fisher, D. J. (2003c): Zum psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus. In: Fisher (2003), S. 99-122.
Fisher, D. J. (2003d): Ermutigung zum Spiel. In: Fisher (2003), 123-132.
Ignatieff, M. (1994): Die Einsamkeit der Überlebenden. In: Kaufhold (Hg.) (1994), S. 112–115.
Karlin, D. (1994): Bruno Bettelheim über seine Arbeit, die Krise der Psychoanalyse, Alter und Selbstmord. Gespräch zwischen Daniel Karlin und Bruno Bettelheim. In: Kaufhold (Hg.) (1994), S. 67–70.
Kaufhold, R. (Hg.) (1993): Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik: Bruno Bettelheim, Rudolf Ekstein, Ernst Federn und Siegfried Bernfeld, psychosozial Nr. 53 (1/1993).
Kaufhold, R. (Hg.) (1994): Annäherung an Bruno Bettelheim. Mainz (nur noch beim Autor für 12 Euro erhältlich: roland.kaufhold (at) netcologne.de)
Kaufhold, R. (1999): Material zur Geschichte der Psychoanalyse und der Psychoanalytischen Pädagogik. Zum Briefwechsel zwischen Bruno Bettelheim und Ernst Federn. In: (Hg.) (1999): Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des Terrors. Material zum Leben und Werk von Ernst Federn. Gießen, S. 145-172.
Kaufhold, R. (2001): Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung. Mit einem Vorwort von Ernst Federn, Gießen (Psychosozial Verlag) http://www.text-galerie.de/kaufhold-1.htm
Kaufhold, R. et. al. (Hg., 2003a): Bruno Bettelheim (1903 – 2003): “So können sie nicht leben”. Zeitschrift für Politische Psychologie 3/2003.
Kaufhold, R. et. al. (2003b) : Einleitung. In : Fisher, D. J. (2003), S. 24-69.
Kaufhold, R. (2008): Documents Pertinent to the History of Psychoanalysis and Psychoanalytic Pedagogy: The Correspondence Between Bruno Bettelheim and Ernst Federn. In: The Psychoanalytic Review , (New York), Vol. 95, No. 6/2008, S. 887-928.

David James Fisher ist Kulturhistoriker und praktizierender Psychoanalytiker in Los Angeles. Er ist Professor für klinische Psychiatrie an der UCLA School of Medicine, Senior Faculty Member des Psychoanalytischen Instituts in Los Angeles sowie Trainer und Supervisor am Institute of Contemporary Psychoanalysis.

Diese Studie wurde David James Fisher (2003) Buch „Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen. Essays über Bruno Bettelheim“ unter Mitarbeit von Roland Kaufhold et. al., Gießen (Psychosozial-Verlag),, S. 173-177 entnommen.

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