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Bruno Bettelheim, Rudolf Ekstein, Ernst Federn: Pioniere der psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung

Ernst Federn, Rudolf Ekstein, Bruno Bettelheim, diese drei Pioniere der psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung, alle Anfang des 20. Jahrhunderts geboren, sind die Protagonisten einer Geschichte, die Roland Kaufhold mit Sachverstand und Einfühlungsvermögen nacherzählt hat. Alle drei trugen zur Weiterentwicklung der Pädagogischen Psychoanalyse bei – und jeder von ihnen setzte sich mit dem politischen Terror der Nationalsozialisten auseinander, dem er zeitweise ausgeliefert war…

Von Bernd Nitzschke

Ernst Federn, Rudolf Ekstein, Bruno Bettelheim, diese drei Pioniere der psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung, alle Anfang des 20. Jahrhunderts geboren, sind die Protagonisten einer Geschichte, die Roland Kaufhold mit Sachverstand und Einfühlungsvermögen nacherzählt hat. Alle drei trugen zur Weiterentwicklung der Pädagogischen Psychoanalyse bei – und jeder von ihnen setzte sich mit dem politischen Terror der Nationalsozialisten auseinander, dem er zeitweise ausgeliefert war. Alle drei überlebten – äußerlich; und jeder setzte sich mit den leidvollen Konsequenzen von Verfolgung, Haft und Exil innerlich auseinander.

Ernst Federn, im Herzen Trotzkist, war in jungen Jahren der Sozialistischen Partei Österreichs beigetreten. 1938, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, wurde er verhaftet. Seine Personalakten lagen ja bereits bei der Polizei, da er sich schon vorher im Kampf gegen den Austrofaschismus illegal betätigt hatte. Federn überlebte acht Jahre in Dachau und Buchenwald. Nach der Niederlage des »Dritten Reiches« emigrierte er in die USA. 1948 erschien seine wegweisende Arbeit über das System des Terrors der Konzentrationslager. Er absolvierte eine Ausbildung als social worker und widmete sich im Anschluß daran sozialtherapeutischer Arbeit mit Jugendlichen. Gemeinsam mit Herman Nunberg editierte er die »Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung«. Nach seiner Re-Emigration arbeitete er im österreichischen Strafvollzug als Konsulent.

Bruno Bettelheim, der 1938 ebenfalls verhaftet worden war, hatte Federn als Mithäftling in Buchenwald kennen gelernt. Nach zehnmonatiger Haft wurde Bettelheim entlassen. Kaufhold merkt an, dass »die näheren Umstände dieser Freilassung (…) letztlich nie exakt eruiert werden« könnten (S. 143). Bettelheim emigrierte in die USA. Dort arbeitete er mit schwer gestörten Kindern und Jugendlichen. Er avancierte zu einem viel gelesenen und populären psychoanalytischen Schriftsteller (Stichwort: »Kinder brauchen Märchen«). Er beschrieb aber auch immer wieder die Erlebnisse der Lagerhaft und setzte sich mit den (Un-)Möglichkeiten auseinander, sie psychisch zu bewältigen. Im Alter resignierte Bettelheim zusehends. In einem Gespräch mit Daniel Karlin, der einen Film über die Orthogenic School gedreht hatte, in der – unter Leitung von Bettelheim – psychotische Kinder betreut wurden, merkte er (in Kaufholds Worten ausgedrückt) an, er werde »zunehmend stärker (…) von den zerstörerischen Erinnerungen an das Leiden und an die Ermordeten überschwemmt« (S. 244). Es waren quälende Erinnerungen, die – neben der Angst vor Siechtum infolge zweier Schlaganfälle und dem tragisch gescheiterten Versuch, nach dem Tod der Ehefrau mit der Tochter in einer Wohnung zusammenzuleben – zu Bettelheims Selbstmord führten. Die Art dieses Selbstmords – er hatte sich eine Plastiktüte über den Kopf gezogen – symbolisierte einen Zustand, aus dem Bettelheim andere Menschen (psychotische Kinder) zu befreien versucht hatte: Isolation, Einsamkeit. In einer seiner Schriften heißt es: »Stellen wir uns vor, der gestörte Mensch sei ein gefangener im Verließ, überzeugt, dass die Fühllosigkeit der Welt ihn für immer hoffnungslos macht. Es hilft nichts, ihm die Tür ins Freie zu öffnen. Eine Einladung ins Freie ist völlig falsch, denn der Gefangene ist ja überzeugt, dass draußen nur Feinde sind. Wir müssen bereit sein, mit ihm im Kerker zu leben« (zit. n. Kaufhold, S. 171). Am Ende fand sich offenbar niemand bereit, Bettelheims – inneres und erinnertes – Schicksal zu teilen.

Rudolf Ekstein, der dritte der von Kaufhold portraitierten Pioniere der psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung, war mit Bettelheim eng befreundet. Er kannte dessen Persönlichkeit aus der Nähe – und konnte auch deren Wirkung auf Fernerstehende gut beurteilen. »Bettelheim is indeed a charismatic man, but his charisma can go both ways: positively or negatively. (…) He has strong opinions, and he often invites strong reactions (…)« (Ekstein – zit n. Kaufhold, S. 189). Anders gesagt: Bettelheim vertrat seine Meinungen stets mit großem Selbstbewusstsein – auch und gerade dann, wenn sie nicht nach dem Geschmack seiner (politisch links engagierten) Freunde waren. So bezeichnete er etwa 1969 in der »Chicago Tribune« die Anti-Vietnamkriegsbewegung in den USA als »Faschismus von Links« (womit er sich in bester – oder eben in schlechtester – Gesellschaft befand, denn in Deutschland hatte Jürgen Habermas rebellierenden Studenten schon 1967 »Linksfaschismus« vorgeworfen). Ekstein, der sich – wie Ernst Federn – in früher Jugend politisch engagierte und der SDAP (Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs) beitrat, hat diese Perspektive gewiss nicht geteilt. Er hatte sich 1934, enttäuscht von der halbherzigen Politik der Sozialdemokraten gegenüber dem drohenden Faschismus, dem kommunistischen Jugendverband angeschlossen. Mehrfach – zuletzt im Juli 1938 – verhaftet, konnte er noch rechtzeitig über Belgien und England in die USA emigrieren. Nach einer Ausbildung als social worker wurde er Mitarbeiter der Menninger Foundation. Ende der 1957 übersiedelte er nach Los Angeles, wo er mit psychotischen Kindern weiterarbeitete. Das dort »von ihm aufgebaute Psychoseprojekt« (Reiss-Davis Chilf Study Cente) sowie das zugehörige »Forschungsbulletin« (Reiss-Davis Clinic Bulletin) wurden Mitte der 1970er Jahre »aus finanziellen Gründen eingestellt« (S. 113).

Alle drei von Kaufhold portraitierten und anhand ihrer wissenschaftlichen Werke vorgestellten Pioniere verkörpern einen Teil der Geschichte der psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung, deren Institutionalisierung im Roten Wien der 1920er Jahre begann. In den 1930er Jahren fand diese Geschichte (scheinbar) ein jähes Ende: Es folgten Verbot und Exil und ein langes Vergessen. Kaufhold hat die biographischen, wissenschaftlichen und politischen Details dieser Geschichte rekonstruiert und aufgezeigt, in welch breiter Verzweigung sich deren Einflüsse etwa in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie bemerkbar gemacht haben. Kaufholds Sympathien liegen erkennbar bei den Protagonisten dieser Geschichte, aber auch bei denen, die sie als erste hierzulande wieder erinnert haben: »Die Psychoanalytische Pädagogik ist im deutschsprachigen Raum in Folge der 68er-Bewegung wiederentdeckt worden« (S. 49).

Die Wiederaneignung der Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik sollte nun aber nicht nur abstraktem Wissen dienen; sie sollte auch den Mut zu konkretem Handeln in scheinbar aussichtslosen Situationen befördern. Denn auch dafür stehen die Lebensgeschichten der Portraitierten: »Sowohl ihre theoretischen Studien als auch ihr praktisches Handeln mit psychotischen beziehungsweise psychisch sehr traumatisierten Kindern und Jugendlichen sind durchgängig durch ein leidenschaftliches Engagement, das Gefühl einer inneren Verpflichtung, motiviert. (…) Sie verfügen über innere Kraftquellen, mächtige biographische Motive, die vielen anderen Pädagogen nicht zur Verfügung stehen. (…) Ihre traumatischen Lebenserfahrungen als politisch bzw. rassistisch Verfolgte inspirierten ihr pädagogisch-therapeutisches Handeln, und dieses professionelle Engagement stellte zugleich einen – bewussten oder unbewussten – Reparationsversuch gegenüber den entwurzelnden Erfahrungen der Vertreibung dar« (S. 15). Widerstand und Widerstehen erinnert und diese Erinnerung an die nächste (Leser-)Generation weitergegeben zu haben, das ist Kaufholds bleibendes Verdienst.

Roland Kaufhold (2001): Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung. Mit einem Vorwort von Ernst Federn, Psychosozial-Verlag, Gießen. Bestellen?

Dr. phil. Bernd Nitzschke ist Lehranalytiker, Supervisor und Dozent und niedergelassen in eigener Praxis in Düsseldorf. Er ist Wissenschaftspublizist u.a. für DIE ZEIT und Redaktionsbeirat des Periodikums Werkblatt – Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Publikationen zur Geschichte der Psychoanalyse, insbesondere zum Leben und Werk von Wilhelm Reich.

Weiterführende Links:

http://web.psychosozial-verlag.de/psychosozial/details-rezension.php?isbn=3-89806-069-1&id=1043&p_id=1069
http://www.text-galerie.de/kaufhold-1.htm