- haGalil - http://www.hagalil.com -

Ein Blutmärchen am Purim

Der vorliegende Text von J. Klinow erschien 1929 in der Zeitschrift Menorah. Klinow, 1890 in der Ukraine geboren, arbeitete seit 1917 für verschiedene russische und jiddische Zeitungen. 1929 war er in Berlin als Korrespondent für verschiedene amerikanische und europäische Zeitungen tätig…

Von I. Klinow
Erschienen in: Menorah, Heft 3-4, März 1929

Die Blutbeschuldigung gegen die Juden steht für gewöhnlich mit einem bestimmten Feste, dem Pessachfeste, in Verbindung und das Blutmärchen hat stets dieselbe Melodie: „Die Juden brauchen Christenblut für ihren Pessach“. Daß die Blutbeschuldigung ursächlich mit dem Purimfeste verknüpft worden wäre, ist nirgends zu finden, und daß es jemals sogar einen Prozeß wegen einer Ritualmordbeschuldigung gegeben hätte, die sich auf das Purimfest bezieht, war bisher unbekannt. Die ersten historischen Tatsachen über eine Blutbeschuldigung am Purim bringt das jüdisch-historische Sammelbuch, welches die ukrainische Akademie der Wissenschaften in Kiew jetzt herausgegeben hat. Diese Feststellung gründet sich auf Dokumente, Untersuchungsprotokolle und Zeugenaussagen, die in verstaubten Archiven verborgen lagen.

Diese merkwürdige Ritualmordaffäre hat in dem erwähnten Sammelbuch David Brodski veröffentlicht und bemerkt dazu, daß die Dokumente, welche auf diesen Prozeß Bezug haben, erst jüngst in den Akten des Magistrats von Kamenetz-Podolsk gefunden wurden. Sie haben folgenden Inhalt:

Bei dem Arendar von Michalpilsko Moschko Beniawitsch (Beniaschewitsch) war ein gewisser Adamko als Kutscher bedienstet. Dieser Adamko starb im März 1764. Es entstand das Gerücht, der Jude Moschko Beniawitsch hätte den Adamko ermordet, um sein Blut zu rituellen Zwecken zu verwenden, und noch im selben Jahre stand Beniawitsch vor dem Kreisgericht von Kamenetz-Podolsk unter Anklage.

Im Magistratsarchiv sind bloß vier Protokolle der Gerichtsverhandlungen erhalten geblieben. Zehn Bogenseiten in polnisch-lateinischer Schrift (Kamenetz-Podolsk gehörte damals zu Polen) enthalten die Aussagen der von der Anklage und von der Verteidigung geführten Zeugen. Die vier Protokolle bilden nur einen Teil der interessanten Gerichtsverhandlung. Schon ihnen ist zu entnehmen, daß Adamko an einer Infektionskrankheit gestorben und Beniawitsch grundlos beschuldigt worden war. Die Belastungszeugen aber — vor allem der Kronzeuge Franciszek Olschewski gaben durch ihre Aussagen dem Prozeß eine Wendung, durch die glaubhaft gemacht werden sollte, der Jude Beniawitsch habe Adamko ermordet, als einen Haman fürs Purimfest, denn es sei Brauch bei den Juden, am Purimfest einen Christen zu rituellen Zwecken zu ermorden.

Was war nun über den toten Kutscher festgestellt worden? Adamko pflegte bei seinen Verwandten im Dorfe, zwei älteren Frauen zu übernachten. Drei Tage vor dem Purimfeste waren die beiden Frauen gestorben. Am Samstag, einen Tag vor Purim, hatte Adamko bei den beiden Leichen Wache gehalten und an ihrer Einsegnung in der Kirche teilgenommen. Am Sonntag, dem Purimtag, hieß der Arendar Moschko den Adamko einspannen und beide fuhren in ein benachbartes Dorf. Von dort kehrten sie nachts heim. Plötzlich begann Adamko über Schmerzen in den Seiten zu klagen. Auf die Frage, was ihm fehle, antwortete er, er wisse es nicht: nach der Aussage Olschewskis soll er auch erzählt haben, er habe am Purim zusammen mit seinem jüdischen Herrn ordentlich gebechert, sie hätten reichlich guten süßen Schnaps getrunken. Diesem Teil seiner Aussage bemüht sich Olschewski einen besonderen Charakter aufzuprägen: „Man erzählt, daß die Juden vorher dem Adamko einen Zauber angetan haben.“

Adamko lag bis Mittwoch im Hause Beniawitsch krank; er erhielt eine Medizin, bestehend aus gekochtem Branntwein, Pfeffer und Honig, doch sie hatte keine Wirkung. Am Mittwoch brachte Beniawitsch den Adamko zu seiner Schwester, die im Dorfe wohnte, und dort starb der Kutscher am Abend des Freitag. Als Olschewski das erfuhr, ging er zur Schwester des Adamko, um den Leichnam zu besichtigen; in seiner Begleitung befanden sich drei Bauern, die auch sämtlich als Belastungszeugen auftraten. Sie gaben übereinstimmend an, auf der Brust des Toten blaue Striemen bemerkt zu haben, die von Schlägen herrührten; es habe den Eindruck gemacht, Adamko sei mit Eisenstangen geschlagen worden. Olschewski teilte diese „Wahrnehmung“ sofort dem Dorfältesten mit und beide verhinderten die Bestattung des „Opfers“, das als „jüdischer Haman“ gedient habe.

Die Belastungszeugen brachten gegen den Juden Beniawitsch folgendes vor: Als Beniawitsch verhaftet wurde, riß er die silbernen Knöpfe seines Mantels ab und bat, sie seinen Kindern zu übergeben; denn er wußte, er werde „aus Kamenetz nicht mehr zurückkehren“. Überdies wurde als belastend vorgebracht, daß sofort nach der Verhaftung des Beniawitsch seine Familie verschwunden sei. Schließlich wurde von den Zeugen folgendes erzählt:

Die Juden von Michalpilsko waren zu Olschewski gekommen, um für Beniawitsch Fürbitte einzulegen. Während sie auf den Schlachziz warteten, besprachen sie — so erzählten die Zeugen — den Fall miteinander; einige der Juden sollen gesagt haben, Beniawitsch sei schuldig, seine Familie sei schuldig. „Es war ein Fehler“ — fügten die Juden angeblich hinzu — „daß Haman im Dorfe gefeiert wurde und nicht in der nächsten Stadt. Jetzt wird nichts mehr nützen. In der Stadt hätte sich der Kahal der Sache angenommen; so aber weiß keiner, was da noch werden wird.“

Auf die Frage, in welcher Sprache die Juden miteinander gesprochen hätten, erklärte der Zeuge Kasimir Stankewitsch, die Juden hätten russisch und jiddisch gesprochen. Er, Zeuge, verstehe Jiddisch, auch Deutsch. Der Hauptzeuge Olschewski bestätigte dem Zeugen Stankewitsch seine Bildung.

Solcher Belastungszeugen traten zwölf auf. Dann wurden die von der Verteidigung geführten Zeugen vernommen. Die Protokolle enthalten sechs entlastende Aussagen. Verteidiger des Beniawitsch war der Advokat Aksanutowski; er war dazu von einem anderen polnischen Schlachziz namens Obremski beauftragt worden, der den aufrichtigen Willen bewies, das Lügennetz zu entwirren und die Haltlosigkeit der Anklage zu erweisen.

Aus den Aussagen der sechs Entlastungszeugen wird sofort klar, daß die ganze Beschuldigung Olschewskis Werk war. Es ergab sich auch, daß einige von Olschewski geführte Zeugen gar nicht wußten, um was es sich handelte, daß sie keine Spuren von Gewaltanwendung, keine blauen Flecke und keine von Schlägen herrührenden Striemen auf Adamkos Körper gesehen hätten. Einige gaben auch mit naiver Offenherzigkeit zu, von Olschewski die Instruktionen erhalten zu haben: „Ihr müsset dem Richter sagen, daß Adamko als Haman ermordet wurde.“

Hier brechen die gefundenen Dokumente ab. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß noch mehr Entlastungszeugen geführt wurden. Es fehlt auch das Urteil (allerdings ist die Annahme naheliegend, daß Beniawitsch freigesprochen wurde). Im Archiv von Kamenetz-Podolsk sind keine weiteren Materialien über den Prozeß erhalten geblieben. Die vorhandenen genügen aber, um uns ein Bild von den Menschen und von den Umständen zu geben, unter denen die Beschuldigung eines Ritualmordes am Purim entstehen konnte.

Die Geschichte kennt keinen zweiten derartigen Fall; aber in der Literatur gibt es eine Legende solcher Art. David Brodski, der den Prozeß von Kamenetz veröffentlicht hat, erinnert daran, daß der englische Ethnologe Frazer in seiner „Geschichte der Religionen“ die Legende von einem einstigen jüdischen Brauch am Purim gestreift hat.

Frazer ist nicht der Ansicht, daß die Juden Christenblut zu rituellen Zwecken benützen, stellt jedoch nicht kategorisch in Abrede, daß Ritualmorde möglich gewesen wären; er bemerkt bloß, solche Morde seien, wenn sie überhaupt jemals vorgekommen seien, sicher von den niedrigsten Elementen unter den Juden begangen worden. Und in bezug auf das Purimfest, sagt Frazer, es sei nicht bei den Juden Brauch gewesen, am Purim einen „wirklichen“ Menschen als Symbol für Haman zu nehmen, ihn anzuzünden, aufzuhängen und zu kreuzigen. Frazer macht dazu die Bemerkung, die Juden hätten diesen Brauch aus Babylon übernommen. Für seine Behauptung beruft er sich auf Sokrates*), der erzählt, im Jahre 416 hätten die Juden in der syrischen Stadt Imnestari bei der Feier eines ihrer Festtage, ein christliches Kind ans Kreuz geschlagen und so lange gemartert, bis es gestorben sei. Frazer gibt dazu den Kommentar, der Mord sei am Purim geschehen und das zu Tode gemarterte Kind habe Haman symbolisiert. Brodski widerlegt ausführlich alle Kombinationen Frazers, beweist, daß die Erzählung Sokrales eine Erfindung ist und zeigt,  daß Sokrates selbst mit keinem Worte erwähnt, der Fall habe etwas mit dem Purimfeste oder überhaupt mit einem Ritual zu tun. Überdies – welche Beziehung haben die Ghrislen zu Haman? Frazers Theorie ist hinfällig, aber sie schafft eine neue Blutlüge gegen die Juden. Sie zeigt aber, bemerkt Brodski — wie leichtfertig selbst ernsthafte Gelehrte des 20. Jahrhunderts Theorien gegen die Juden aufstellen, die nicht die mindeste Grundlage haben.

Dem ist noch etwas hinzuzufügen: irgendwo muß anscheinend doch auch eine solche Legende gelebt haben. Es gibt keine direkten Verbindungsfäden zwischen dem Gedanken des polnischen Schlachziz Olschewski und des englischen Gelehrten Frazer: aber der jetzt ausgegrabene Fall, der sich im Jahre 1764 in einem entlegenen polnischen Dorf in der Nähe von Kamenetz-Podolsk abgespielt hat, ist ein Beweis dafür, daß irgendwo in den Tiefen der Masse eine düstere Verleumdung gegen die Juden ihre Fäden wob, die das Purimfest, Haman und christliche Opfer miteinander verbanden.

*) Gemeint ist der Kirchenhistoriker Sokrates (etwa 390—440 n. d. gew. Ztr.), der die Kirchengeschichte des Eusebius fortsetzte. — Anm. des Übersetzers.